# S3E5: Extremismus NEU DENKEN -- mit Matthias Quent **Staffel 3: Demokratie** | Folge 5 | 24.02.2026 **YouTube:** https://www.youtube.com/watch?v=ysX7UyTNiXY ## Zusammenfassung Maja Göpel spricht mit dem Soziologen und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent, der seit seiner Jugend in Thüringen mit dem Thema konfrontiert ist -- als 14-Jähriger wurde er von Neonazis verprügelt, weil er mit bunten Haaren eine "Stadtbildstörung" darstellte. Quent, der in Jena studierte und dort den NSU-Komplex aus nächster Nähe miterlebte, forscht seit über einem Jahrzehnt zu Rechtsextremismus, erst in Thüringen, nun in Mecklenburg-Vorpommern. Die Folge beginnt mit einer begrifflichen Klärung: Quent unterscheidet Populismus, Rechtsextremismus und Faschismus und zeigt, wie die Begriffe politisch abgenutzt, aber analytisch unverzichtbar sind. Besonders eindrucksvoll ist seine Darstellung des Faschismus-Begriffs nach Karl Loewenstein (1937): Faschismus sei keine politische Philosophie, sondern eine "Technik der politischen Emotionalisierung" -- Propaganda, Lügen und Beherrschung der modernsten Medien. Demokraten könnten dieser Emotionalisierung nicht begegnen, weil Demokratie der Vernunft verpflichtet sei. Diese asymmetrische Kommunikation mache Instrumente wie das Parteiverbot notwendig. Im Zentrum steht Quents Analyse der Ohnmacht als Schlüsselkategorie: Der Faschismus basiere auf der gleichzeitigen Verherrlichung und Negierung von Ohnmacht. Die Bevölkerung wird als betrogen und abgehängt inszeniert, der autoritäre Führer bietet "stellvertretende Selbstwirksamkeit" (Steffen Mau). Quent stützt sich auf Erich Fromm, der vier Reaktionsmuster auf Ohnmacht beschrieb: Rationalisierung ("Ich kann sowieso nichts ändern"), Zeitdenken/Wunschdenken ("Die Technologie wird uns erlösen"), selbstreferentielle Geschäftigkeit (Aktionismus ohne Wirkung) und autoritäre Unterwerfung. Quents eigene Forschung zeigt: Etwa 30 % der Bevölkerung fühlen sich umfassend ohnmächtig, weitere 30 % sind resigniert. Nur etwa 16 % gehören zur "kämpfenden" Gruppe, die sich engagiert -- und diese ist überdurchschnittlich privilegiert. Die entscheidende Erkenntnis: Hoffnung kommt vom Machen, nicht vom Analysieren. Wer sozial engagiert ist, hat die höchste Lebenszufriedenheit und die geringsten negativen Empfindungen. Die Folge schließt mit einer scharfen These: Faschismus ist die Antwort der extremen Rechten auf die Klimakrise. Nicht die Klimapolitik sei schuld an der Radikalisierung, sondern die Klimakrise als globale Ungleichheitskrise bedrohe die Privilegien derer, die von Ungleichheit profitiert haben -- und der Faschismus verspreche, diese Privilegien mit Gewalt zu verteidigen. Es handle sich nicht um einen "Backlash", sondern um einen "Forward Lash". ## Kernthesen - Faschismus ist keine politische Philosophie, sondern eine Technik der politischen Emotionalisierung (nach Karl Loewenstein). Demokratie kann dem nicht allein mit Vernunft begegnen -- es braucht institutionelle Instrumente wie das Parteiverbot. - Der Rechtsextremismus unterscheidet sich vom Populismus durch sein völkisch-abstammungsmäßiges Weltbild, das eine Ungleichwertigkeit von Menschengruppen behauptet -- das ist der verfassungsfeindliche Kern. - Ohnmacht ist die Schlüsselkategorie: Faschismus inszeniert die Bevölkerung als ohnmächtig und bietet durch autoritäre Führerfiguren "stellvertretende Selbstwirksamkeit" an. - Vier Reaktionsmuster auf Ohnmacht (nach Erich Fromm): Rationalisierung, Zeitdenken/Wunschdenken, selbstreferentielle Geschäftigkeit und autoritäre Unterwerfung. - Etwa 60 % der Bevölkerung fühlen sich politisch ohnmächtig oder resigniert; nur 16 % engagieren sich aktiv -- und diese Gruppe ist überdurchschnittlich privilegiert. - Hoffnung kommt vom Machen: Wer sozial engagiert ist, hat die höchste Lebenszufriedenheit und den geringsten Eindruck, fremdgesteuert zu sein. - Faschismus ist die Antwort der extremen Rechten auf die Klimakrise -- nicht ein "Backlash" auf übertriebene Klimapolitik, sondern ein "Forward Lash" zur Verteidigung von Privilegien. - Die Brandmauer ist ein politisches Instrument gegen demokratiefeindliche Machtübernahme, kein soziales Instrument zur Isolation von Menschen. ## Kraftvolle Zitate > "Faschismus ist keine politische Philosophie, es ist die Technik der politischen Emotionalisierung." -- Matthias Quent (nach Karl Loewenstein) > "Donald Trump sorgt für eine stellvertretende Selbstwirksamkeit. All seine radikalen Maßnahmen sagen: Wir sind nicht ausgeliefert irgendwelchen Weltkräften und Krisen." -- Matthias Quent (nach Steffen Mau) > "Die Hilflosigkeit des Individuums ist der Kern der autoritären Philosophie." -- Matthias Quent (nach Erich Fromm) > "Was wirkt, ist einfach zu handeln. Hoffnung kommt vom Machen." -- Matthias Quent > "Willkür als Machtinstrument -- das ist ganz wichtig für diese Demonstration von Macht als Gegenpol zu Ohnmacht." -- Matthias Quent > "Faschismus ist letztlich eine Antwort auf die Klimakrise." -- Matthias Quent > "Ohnmacht zu verstehen heißt zu verstehen, dass wir alle ohnmächtig sind -- und das ein Stück weit zu akzeptieren, anstatt in faschistische Allmachtsfantasien überzugehen." -- Matthias Quent > "Diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen in Form von CO2-Emissionen, tragen die stärksten Belastungen. Die Klimakrise ist soziologisch betrachtet eine gigantische Ungleichheitskrise." -- Matthias Quent > "Es geht dann nicht darum, dass es mir besser geht, sondern dass der an meiner Statt ihnen Schmerzen zufügt." -- Maja Göpel über die Identitätsprojektion auf autoritäre Führer ## Offene Fragen & Weiterdenken - Wenn Ohnmacht der zentrale Treiber von Radikalisierung ist und nur 16 % der Bevölkerung sich engagiert fühlen -- wie lässt sich Selbstwirksamkeit für die breite Mehrheit erfahrbar machen, ohne in wohlmeinenden Aktionismus zu verfallen? - Quent beschreibt Faschismus als Antwort auf die Klimakrise. Wenn das stimmt -- welche Konsequenzen hat das für die Kommunikation von Klimapolitik, die bisher vor allem rationale Argumente bemüht? - Wie kann die demokratische Mitte emotionale Mobilisierung leisten, ohne in die asymmetrische Kommunikation des Faschismus zu verfallen -- also ohne selbst zur "Technik der Emotionalisierung" zu greifen? --- *Transcript-Quelle: YouTube Auto-Generated Captions. Zitate können kleinere Transkriptionsfehler enthalten.*