1 00:00:01,860 --> 00:00:08,240 Was ist eigentlich gerecht? Auf diese Frage gibt es oft keine leichten Antworten. Doch klar ist: 2 00:00:08,540 --> 00:00:13,200 Ungerechtigkeit führt zu Gesellschaften, in denen Freiheiten sehr unterschiedlich verteilt sind. 3 00:00:14,200 --> 00:00:17,880 Nicht nur die individuellen Gestaltungsfreiräume unterscheiden sich dann irgendwann rasant, 4 00:00:18,560 --> 00:00:22,700 sondern auch die Möglichkeiten, an dieser Gesamtsituation überhaupt noch was zu verändern. 5 00:00:23,860 --> 00:00:28,020 Deshalb ist – so zumindest meine These – Chancengerechtigkeit etwas, wo die allermeisten 6 00:00:28,040 --> 00:00:33,040 meisten Menschen mitgehen würden. Aber wie genau stellen wir diese her, wenn wir doch mit so 7 00:00:33,340 --> 00:00:38,440 unterschiedlichen Voraussetzungen ins Leben starten? Und wie, noch eine Runde weiter gedacht, stellen wir 8 00:00:38,500 --> 00:00:43,960 sicher, dass finanzielle und politische Ungleichheit sich über die Zeit nicht so verstärkt, dass 9 00:00:44,840 --> 00:00:49,900 gerechtigkeitsorientierte Reformen kaum noch durchsetzbar sind. Über diese sehr grundlegenden 10 00:00:50,080 --> 00:00:55,879 Fragen von sozioökonomischer Ungleichheit hat Christoph Butterwege in seiner ganzen Professorenlaufbahn 11 00:00:55,920 --> 00:01:01,340 nachgedacht und teilt uns in dieser Podcast-Folge mit, warum wir bei Gerechtigkeitsfragen vor 12 00:01:01,520 --> 00:01:06,380 allem auch immer eine Vision einer für uns wünschenswerten Gesellschaft im Blick haben 13 00:01:06,580 --> 00:01:06,740 sollten. 14 00:01:07,520 --> 00:01:11,820 Mein Name ist Maria Göpel, ihr hört Neu Denken, den Podcast von Mission Wertvoll. 15 00:01:12,400 --> 00:01:16,380 Wir haben hier in kürzester Zeit eine tolle Community aufgebaut, die dieses Format möglich 16 00:01:16,580 --> 00:01:16,680 macht. 17 00:01:17,240 --> 00:01:21,620 Wenn auch du dazu beitragen möchtest, findest du Informationen dazu in den Shownotes. 18 00:01:30,539 --> 00:01:31,420 Herzlich willkommen! 19 00:01:32,340 --> 00:01:33,160 Hallo Maja! 20 00:01:33,899 --> 00:01:38,220 Christoph, wir wollen heute so ein bisschen über dein Lebensthema sprechen, 21 00:01:38,420 --> 00:01:41,579 wenn ich das vielleicht so zusammenfassen darf. Du hast ja als Politikwissenschaftler, 22 00:01:42,090 --> 00:01:45,580 aber auch mit philosophischen Anteilen, dich viel damit beschäftigt: 23 00:01:46,240 --> 00:01:50,800 Was macht eigentlich gerechte Gesellschaften aus und warum kippen sie immer auch wieder in 24 00:01:50,760 --> 00:01:53,000 in relativ ungerechte Verteilungsfragen. 25 00:01:53,720 --> 00:01:58,040 Wir schauen mal rein, was du zum Thema Armut, Gleichberechtigung, 26 00:01:58,200 --> 00:02:00,240 aber auch sozialstaatlichen Möglichkeiten, 27 00:02:00,500 --> 00:02:02,320 diese immer wieder etwas zu korrigieren, 28 00:02:02,400 --> 00:02:05,180 in deiner ganzen Laufbahn nach vorne getragen hast. 29 00:02:05,420 --> 00:02:08,420 Und vor allem interessiert uns auch immer, was hat dich dazu motiviert? 30 00:02:08,580 --> 00:02:10,580 Wie bist du bei diesem Thema gelandet? 31 00:02:12,340 --> 00:02:16,440 Dadurch, dass ich Ungerechtigkeit erfahren habe, 32 00:02:16,520 --> 00:02:20,460 schon in früher Kindheit, als Sohn einer alleinerziehenden Mutter, 33 00:02:20,720 --> 00:02:24,840 nicht ehrlich geboren, dann aber zum Gymnasium geschickt. 34 00:02:25,360 --> 00:02:30,760 Dort traf ich auf einen Klassenlehrer, der in der ersten Stunde das Klassenbuch aufschlug. 35 00:02:31,400 --> 00:02:37,540 Die Namen der Schüler, es waren alles Jungs, weil Mädchen wurden noch nicht zusammen mit Jungen unterrichtet, 36 00:02:38,640 --> 00:02:41,820 da schlug er das Klassenbuch auf und ging die Namen durch. 37 00:02:41,970 --> 00:02:46,180 Und wie man sich vorstellen kann, war ich wegen meines Nachnamens sehr früh dran. 38 00:02:47,280 --> 00:02:51,680 Und er fragte alle Jungen nach dem Beruf ihres Vaters. 39 00:02:52,300 --> 00:02:55,540 Ich wusste den Beruf meines Vaters gar nicht zu nennen. 40 00:02:56,380 --> 00:03:04,400 Lief rot an und in derselben Klasse war der Sohn des größten Teppichhändlers der Stadt, 41 00:03:05,320 --> 00:03:06,900 der ein riesiges Geschäft hatte. 42 00:03:07,760 --> 00:03:15,080 Und als der sich dort jetzt äußerte, der Junge, stand der Klassenlehrer förmlich stramm. 43 00:03:16,280 --> 00:03:21,000 Und drei Jahre später kann man sich vorstellen, was passierte. Das hatte sich in diesem Moment entschieden. 44 00:03:21,660 --> 00:03:24,660 Der eine war der Klassenprimus und ich blieb sitzen. 45 00:03:25,560 --> 00:03:31,660 Und diese Ungerechtigkeit, die ja bis heute eigentlich in unserer Gesellschaft feststellbar ist, 46 00:03:32,200 --> 00:03:35,980 dass die soziale Herkunft über die Zukunft eines Menschen entscheidet. 47 00:03:36,500 --> 00:03:41,920 Das habe ich also früh erfahren, diese Benachteiligung, diese Diskriminierung. 48 00:03:42,740 --> 00:03:47,640 Und das hat mein Gerechtigkeitsempfinden, glaube ich, stark beeinflusst bis heute, 49 00:03:48,320 --> 00:03:57,800 dass ich aufbegehrt habe, dann bei den Jungsozialisten, als ich 18 war und in die Partei dann auch die SPD eintrat, 50 00:03:58,300 --> 00:04:02,520 habe ich mich immer eingesetzt dafür, mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen. 51 00:04:03,020 --> 00:04:10,580 Und dann bin ich über natürlich einen Umweg, dass ich mich beschäftigt habe mit Rechtsextremismus, mit Rassismus, 52 00:04:10,920 --> 00:04:16,480 Mit solchen Formen auch von Diskriminierung habe ich mich gefragt, wo sind die Ursachen dafür? 53 00:04:17,299 --> 00:04:29,620 Und so bin ich zu dem Thema Armut und soziale Ungleichheit gekommen, weil ich glaube, dass auch beispielsweise der Aufstieg der AfD zu tun hat mit wachsender sozialer Ungleichheit in unserer Gesellschaft. 54 00:04:29,800 --> 00:04:39,500 Und bin zu dem Schluss gekommen, diese wachsende soziale oder wie ich lieber sage sozioökonomische Ungleichheit ist das Kardinalproblem unserer Gesellschaft, ja der Menschheit insgesamt. 55 00:04:39,860 --> 00:04:48,300 Weil daraus erwachsen ökonomische Krisen, ökologische Katastrophen, soziale Konflikte im globalen Maßstab, natürlich auch Kriege und Bürgerkriege. 56 00:04:48,740 --> 00:04:55,380 Und nur wenn man diese Ungleichheit bekämpft, nur dann kann man die Probleme lösen, die uns alle bedrängen. 57 00:04:55,980 --> 00:04:59,600 Dazu gehört dann natürlich auch die drohende Klimakatastrophe. 58 00:04:59,670 --> 00:05:03,760 Auch die ist ja sehr eng gebunden an die Ungleichheit in unserer Welt. 59 00:05:04,440 --> 00:05:09,760 Und das ist dann tatsächlich, wie du richtig gesagt hast, zu meinem Lebensthema geworden. 60 00:05:10,980 --> 00:05:31,800 Und das würde ich total gerne mit dir ein bisschen in Ruhe und so auseinanderpacken, welche Aspekte du da drin siehst und wie die Sachen zusammenhängen. Weil ich finde, dieses systemische Denken, was du an den Tag gelegt hast, immer weiter zu fragen, warum, warum, bis man so in eine Wurzel gelangt ist, die für einen selbst dann so eine wirklich starke Erklärung hat oder so eine Letztbegründung wird. 61 00:05:31,860 --> 00:05:36,140 Das ist ja eigentlich häufig, wo man so kleben bleibt und sagt, das möchte ich jetzt verstehen. 62 00:05:36,250 --> 00:05:40,100 Und ich möchte auch gerne eben anderen mitteilen, warum ich das für so relevant halte. 63 00:05:40,720 --> 00:05:43,640 Und in der Nachhaltigkeitsthematik geht es ja auch wirklich genau darum, 64 00:05:43,980 --> 00:05:48,839 nicht ökologisches und soziales Gegeneinander auszuspielen, sondern es zusammenzudenken. 65 00:05:49,480 --> 00:05:51,920 Aber im Diskurs wird das ganz häufig gemacht. 66 00:05:52,460 --> 00:05:57,260 Wir können uns eben soziale Gleichheit nur leisten, wenn wir noch mehr wachsen 67 00:05:57,310 --> 00:05:58,740 und damit noch mehr Umwelt kaputt machen. 68 00:05:58,790 --> 00:06:00,940 Das ist ja so eine ganz typische Ableitung. 69 00:06:01,220 --> 00:06:08,360 Ich halte es häufig eben für relativ unkreativ und natürlich liegt da ganz häufig diese Verteilungsfrage drunter. 70 00:06:09,320 --> 00:06:16,540 Ich habe aber gedacht, dass wir vielleicht noch mal in Ruhe sagen, was ist Armut und wie sieht das heute in Deutschland, 71 00:06:16,900 --> 00:06:23,640 einem reichen Land, was sich noch als Wohlstaats- oder Wohlfahrtsstaat empfindet, wie sieht das da inzwischen aus? 72 00:06:23,640 --> 00:06:29,699 Weil ich glaube, dass das gar nicht immer so klar ist und ich möchte das gerne mit dir einfach mit so ein paar Zahlen mal ganz nüchtern entpacken 73 00:06:30,180 --> 00:06:34,080 und auch sagen, was sind eigentlich wichtige Unterschiede in Armutsdefinitionen? 74 00:06:34,160 --> 00:06:36,620 Was machen die jeweils mit den Menschen? Welche findest du wichtig? 75 00:06:37,600 --> 00:06:41,680 Und wie sieht es da momentan aus? Vielleicht kannst du da mit uns ein paar Sachen teilen. 76 00:06:42,180 --> 00:06:48,000 In der Fachliteratur wird grundsätzlich, und darüber gibt es jetzt sicher auch kein Dissens, 77 00:06:48,599 --> 00:06:52,100 Unterschieden zwischen absoluter Armut und relativer Armut. 78 00:06:53,000 --> 00:06:58,820 Absolute oder man könnte auch sagen existenzielle oder extreme Armut ist gekennzeichnet dadurch, 79 00:06:59,800 --> 00:07:02,420 dass jemand seine Grundbedürfnisse nicht befriedigen kann. 80 00:07:02,680 --> 00:07:05,860 Also der hat nicht genug zu essen, kein sicheres Trinkwasser, 81 00:07:06,200 --> 00:07:09,640 keine den klimatischen Bedingungen angemessene Kleidung, kein Obdach, 82 00:07:10,240 --> 00:07:12,060 keine medizinische Grundversorgung. 83 00:07:12,060 --> 00:07:16,660 Da sind wir es gewohnt, dass wir in der Medienlandschaft beispielsweise, 84 00:07:17,300 --> 00:07:22,380 aber auch in der politischen Öffentlichkeit dieses Problem projizieren in den globalen Süden. 85 00:07:23,160 --> 00:07:28,200 Also das gibt es in den Entwicklungsländern, aber nicht bei uns. 86 00:07:28,900 --> 00:07:34,280 Das ist so ein Diskurs oder ein Subtext, den ich immer wieder festgestellt habe. 87 00:07:34,880 --> 00:07:41,680 Und ich habe begonnen, mich vor 30 Jahren mit diesem Thema zu beschäftigen, als ich an einer Hochschule in Potsdam tätig war. 88 00:07:42,200 --> 00:07:51,279 Und die Studierenden der sozialen Arbeit zu mir kamen und sagten, ich möge mich doch in Lehrveranstaltungen mit dem Thema Kinderarmut auseinandersetzen. 89 00:07:51,960 --> 00:07:56,440 Weil dieses Problem in den damals noch neuen ostdeutschen Bundesländern sich ausbreitete. 90 00:07:57,180 --> 00:08:11,400 Also ich würde es eher Familienarmut nennen. Und natürlich sieht die Kinderarmut und die Armut generell in Deutschland anders aus als in einem Entwicklungsland. Also in Kalkutta anders als in Köln, wo ich jetzt lebe. 91 00:08:12,300 --> 00:08:16,760 Nur diese absolute Armut gibt es eben auch durchaus bei uns. 92 00:08:17,200 --> 00:08:25,520 Also es gibt über eine Million Wohnungslose in Deutschland und 56.000 Obdachlose. 93 00:08:25,960 --> 00:08:29,420 Das sind die Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. 94 00:08:29,880 --> 00:08:33,020 Also obdachlos ist jemand, der auf der Straße lebt. 95 00:08:33,200 --> 00:08:41,780 Wohnungslos ist jemand, der lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft oder er schläft bei Freunden, Bekannten auf dem Sofa. 96 00:08:42,880 --> 00:08:47,800 und ich finde, diese Zahl zeigt schon deutlich, dass man nicht davon ausgehen kann, 97 00:08:48,240 --> 00:08:51,840 wir hätten es hier in Deutschland nur mit relativer Armut zu tun. 98 00:08:51,980 --> 00:08:57,980 Aber richtig ist natürlich, dass diese relative Armut bei uns sehr viel stärker ausgeprägt ist 99 00:08:58,040 --> 00:09:03,800 als die absolute Armut. Relativ arm ist jemand, der kann seine Grundbedürfnisse befriedigen, 100 00:09:04,040 --> 00:09:07,580 aber er kann sich vieles von dem nicht leisten, was in einer so wohlhabenden, 101 00:09:07,760 --> 00:09:10,800 wenn ich reichen Gesellschaft wie unserer, als normal gilt. 102 00:09:10,960 --> 00:09:13,040 Also mal ins Kino zu gehen, ins Theater, 103 00:09:13,300 --> 00:09:15,820 sich mit Freunden im Restaurant zu treffen oder für Kinder, 104 00:09:17,160 --> 00:09:21,060 in den Zirkus, in den Zoo oder auf die Kirmes zu gehen, 105 00:09:21,500 --> 00:09:23,360 das findet nie oder selten statt. 106 00:09:24,600 --> 00:09:27,080 Und das ist natürlich häufig auch, 107 00:09:27,600 --> 00:09:29,780 man spricht von mangelnder Teilhabe. 108 00:09:30,360 --> 00:09:33,740 Ich würde es lieber Beteiligung oder Partizipation nennen. 109 00:09:33,960 --> 00:09:37,100 Also natürlich ist diese relative Armut auch verbunden. 110 00:09:38,020 --> 00:09:40,900 mit Benachteiligung in allen Lebensbereichen. 111 00:09:41,010 --> 00:09:46,300 Also beim Wohnen, in der Gesundheit, in der Bildung, bei der Freizeitgestaltung. 112 00:09:46,940 --> 00:09:51,340 Also sehr deutlich ist mir das geworden und hoffentlich auch vielen anderen Menschen 113 00:09:51,530 --> 00:09:53,300 während der Corona-Pandemie. 114 00:09:53,960 --> 00:09:58,560 Weil das jetzt Kinder, die schon vorher eigentlich abgehängt waren, 115 00:10:00,060 --> 00:10:06,860 weil sie irgendwo im Hochhaus in einer kleinen Wohnung ohne eigenes Zimmer lebten, 116 00:10:07,060 --> 00:10:12,640 keine digitalen Endgeräte, kein WLAN hatten, völlig abgehängt wurden vom Schulunterricht. 117 00:10:13,230 --> 00:10:19,400 Das hatte natürlich zu tun mit dieser materiellen Ungleichheit und der Armut ihrer Familie. 118 00:10:19,670 --> 00:10:25,960 Also das Wohnen im Hochhaus passiert ja nicht bei den Armen deshalb, weil da die Aussicht so schön ist, 119 00:10:26,190 --> 00:10:30,800 sondern weil man sich die neu renovierte Altbauwohnung in der Innenstadt nicht leisten kann. 120 00:10:31,520 --> 00:10:43,800 Und so zeigt sich in der Pandemie, dass die Benachteiligung im Materiellen, dass die sich sofort niederschlägt in Wohnungleichheit und in diesem Fall in Wohnarmut. 121 00:10:44,460 --> 00:10:52,960 Und auch natürlich in Bildungsarmut. Gesundheitliche Benachteiligung ist ganz deutlich feststellbar zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten. 122 00:10:53,280 --> 00:11:03,900 Und so ist für mich klar, dass diese materielle Ungleichheit, dass die Wurzel vieler anderer Probleme in unserer Gesellschaft ist. 123 00:11:04,290 --> 00:11:17,680 Und die relative Armut, die fasst man meistens nach einer Definition der Europäischen Union, sodass man sagt, relativ arm oder armutsgefährdet, wie das dann schon wieder verharmlosend genannt wird, 124 00:11:18,620 --> 00:11:22,660 beispielsweise von der Bundesregierung oder auch von dem Statistischen Bundesamt. 125 00:11:23,260 --> 00:11:32,000 Armutsgefährdet ist derjenige, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, in dem Mitgliedsland der Europäischen Union, in dem er lebt. 126 00:11:32,000 --> 00:11:39,400 Das sind in Deutschland für das vergangene Jahr jetzt betrachtet für einen alleinstehenden 1.446 Euro. 127 00:11:39,900 --> 00:11:45,920 Wer darunter liegt unter dieser sogenannten Armutsrisikoschwelle, der gilt als armutsgefährdet. 128 00:11:46,060 --> 00:11:59,800 Wer aber jetzt in Potsdam, in Berlin oder in Köln lebt oder in einer anderen Groß- oder Universitätsstadt der Bundesrepublik und davon ja dann in aller Regel noch Miete zahlen muss, für den bleibt wenig zum Leben übrig. 129 00:11:59,800 --> 00:12:08,640 Und das betrifft inzwischen 13,3 Millionen Menschen in Deutschland, 16,1 Prozent der Bevölkerung nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes. 130 00:12:09,120 --> 00:12:16,680 Und das ist ja jetzt keine Kleingruppe oder keine Randgruppe der Gesellschaft, sondern da zeigt sich, das ist eine meiner zentralen Thesen, 131 00:12:17,280 --> 00:12:25,920 dass diese relative Einkommensarmut, um die es sich in Deutschland meistens handelt, dass die sich immer mehr in die Mitte der Gesellschaft hinein ausbreitet 132 00:12:26,400 --> 00:12:36,120 und damit natürlich dann auch zu vielen anderen Verwerfungen führt, bis hin zu Verelendungstendenzen. 133 00:12:36,160 --> 00:12:56,600 Wenn wir jetzt sehen, dass Krisen wie zum Beispiel die Covid-19-Pandemie, die Energiepreisexplosion, die Inflation, das führt natürlich Menschen an den Rand der Existenz, wenn sie so wenig zum Leben haben und wenn gleichzeitig die Preise im Supermarkt und anderswo steigen, die Mieten steigen, ja in drastischer Weise zum Teil. 134 00:12:56,880 --> 00:13:02,040 Und das macht etwas mit der Gesellschaft, wenn immer mehr Menschen an den Rand gedrängt werden. 135 00:13:02,100 --> 00:13:12,460 Und das insbesondere dann natürlich bei Kindern, die womöglich werden aus armen Kindern, arme Jugendliche und dann arme Erwachsene, die wieder arme Kinder bekommen. 136 00:13:12,840 --> 00:13:22,120 Das ist ein Teufelskreis, der für diese Betroffenen schrecklich ist, der aber auch Ausdruck einer größeren Ungleichheit in unserer Gesellschaft ist. 137 00:13:22,200 --> 00:13:29,560 Weil auf der anderen Seite konzentriert sich der Reichtum in immer weniger Händen und das heißt, die Gesellschaft fällt mehr und mehr auseinander. 138 00:13:30,340 --> 00:13:35,940 Ja, dieses Tradieren ist ja etwas, was sehr deutlich ist. 139 00:13:36,070 --> 00:13:41,880 Also natürlich einfach mit der Möglichkeit, auch Kinder zu unterstützen in der Schule bis hin zu in der Pandemie. 140 00:13:42,150 --> 00:13:47,200 Wer konnte digitale Endgeräte einfach bereitstellen, um zu sagen, jetzt wird Fernunterricht gemacht. 141 00:13:47,320 --> 00:13:54,540 ja okay, aber da brauche ich erst mal mehrere hundert Euro, die nicht einfach so da sind, um tatsächlich ein Tablet oder sowas zu kaufen. 142 00:13:55,960 --> 00:14:01,460 Ich würde gerne einfach, damit das nochmal so eingängig ist, ich habe mir diesen Armutsbericht auch nochmal angeguckt, 143 00:14:01,480 --> 00:14:08,840 auf den hattest du ja auch kommentiert in 2025, wie die Bundesregierung ja tatsächlich seit Gerhard Schröder den Auftrag hat, 144 00:14:09,660 --> 00:14:16,220 jedes Mal, egal in welcher Konstellation sie zusammen ist, an der Mitte ihrer Legislatur auch tatsächlich zu berichten, wie sieht es aus. 145 00:14:16,860 --> 00:14:36,760 Und da waren ja, finde ich, andere Zahlen auch total rasant. Also Thema Gesundheit hast du angesprochen. Mir war das nicht klar, dass inzwischen der Unterschied zwischen wohlhabenderen Männern insbesondere versus welchen, die eben ärmer im Leben oder durchs Leben gegangen sind, die Lebenserwartung um 7,2 Jahre unterschiedlich ist. 146 00:14:37,840 --> 00:14:47,320 Was sind da für dich Erklärungen? Und ich meine, spätestens da muss man sich ja wirklich fragen, also wenn es die Lebenszeit betrifft, warum leisten wir uns das? 147 00:14:48,180 --> 00:15:07,180 Die Armen sind natürlich eher in, sagen wir mal, Berufen tätig, die sehr körperlich anstrengend sind. Also wenn wir jetzt meinetwegen an Essenslieferanten, an Paketzusteller denken, an Fahrradkuriere, die haben einen sehr, sehr anstrengenden Job. 148 00:15:08,460 --> 00:15:22,540 Das Geld fehlt, um sich gesund zu ernähren, abwechslungsreich. Das ist schwer möglich, wenn man so wenig Geld zur Verfügung hat wie die Personen, die unter der Armutsrisikoschwelle leben. 149 00:15:23,260 --> 00:15:32,060 Und das zeigt dann, wie die Lebensbedingungen sehr, sehr unterschiedlich sind bis hin zur Lebenserwartung. 150 00:15:32,630 --> 00:15:45,000 Dass jemand eher stirbt im Vergleich zu jemandem, der wohlhabend oder reich oder wie ich es nenne, hyperreich ist, der kann sich eine wunderbare Mahlzeit leisten. 151 00:15:45,110 --> 00:15:51,720 Der muss nicht auf Tütensuppen oder andere Produkte zurückgreifen, die gerade besonders preiswert zu haben sind. 152 00:15:52,420 --> 00:15:56,440 der kann sich natürlich auch eine bessere Gesundheitsversorgung leisten. 153 00:15:56,960 --> 00:16:00,540 Und so fällt die Gesellschaft eben auch in dieser Beziehung auseinander. 154 00:16:01,060 --> 00:16:08,900 Das ist eine Folge von materieller Ungleichheit, die den Menschen aber häufig auch nicht klar ist, 155 00:16:09,360 --> 00:16:17,100 dass das Geld alleine natürlich nicht mit Armut darauf zu verkürzen ist. 156 00:16:17,480 --> 00:16:20,760 Also Armut ist mehr als wenig Geld im Portemonnaie zu haben. 157 00:16:20,940 --> 00:16:25,740 Armut bedeutet, in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen benachteiligt zu sein. 158 00:16:26,560 --> 00:16:28,900 Und die Lebenserwartung ist ein Beispiel dafür. 159 00:16:29,370 --> 00:16:33,380 Aber um nochmal zurückzukommen auf den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, 160 00:16:33,380 --> 00:16:39,900 der im Dezember 2025 jetzt zuletzt der siebte vorgestellt worden ist. 161 00:16:39,900 --> 00:16:45,240 Diese Armuts- und Reichtumsberichte, denen mache ich den Vorwurf, 162 00:16:45,240 --> 00:16:50,220 dass sie Armut im Grunde verharmlosen, nach dem Motto, das gibt es bei uns eigentlich gar nicht. 163 00:16:50,360 --> 00:16:55,300 Die wirkliche Armut, die existiert eben in den Entwicklungsländern, aber nicht bei uns. 164 00:16:55,840 --> 00:17:02,340 Und auf der anderen Seite wird der Reichtum verschleiert, weil Reichtum definiert die Bundesregierung so, 165 00:17:02,480 --> 00:17:09,959 dass sie sagt, Einkommensreich ist jemand, der das mehr als das Doppelte des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, 166 00:17:10,060 --> 00:17:16,360 also zwischen 4.500 und 5.000 Euro im Monat netto zur Verfügung hat. 167 00:17:17,560 --> 00:17:32,280 Ja, das finde ich deshalb verharmlosend, weil wenn man Reichtum da beginnen lässt, dann bedeutet das natürlich, dass der Oberstudienrat wegen seines Nettogehalts von 4.500 Euro als reich gilt für die Bundesregierung. 168 00:17:32,880 --> 00:17:48,400 Aber Dieter Schwarz, der reichste Mann der Bundesrepublik, Privatvermögen 45,6 Milliarden Euro, der würde sich todlachen, wenn er wüsste, dass die Bundesregierung einen Oberstudienrat wegen seines Nettogehalts für reich erklärt. 169 00:17:48,580 --> 00:17:57,660 Vermögensreich, sagt die Bundesregierung, ist jemand, der ein Nettovermögen von mehr als 500.000 Euro in den Preisen von 2017 besitzt. 170 00:17:58,100 --> 00:18:10,680 Also wer jetzt in Köln oder in Düsseldorf oder in München eine kleine Eigentumswohnung besitzt, die schuldenfrei ist, der wäre demnach vermögensreich. 171 00:18:10,760 --> 00:18:18,460 Und wenn man natürlich 10 Prozent der Bevölkerung für reich erklärt, dann bekommt man den eigentlichen Reichtum gar nicht mehr in den Blick. 172 00:18:18,760 --> 00:18:24,580 also zum Beispiel weder Dieter Schwarz noch die anderen wirklich reichen Familien in unserem Land, 173 00:18:25,000 --> 00:18:29,340 also das Manager-Magazin, für das ich jetzt eigentlich keine Werbung machen will, 174 00:18:29,820 --> 00:18:34,500 kommt ganz konservativ geschätzt auf 256 Milliardäre in Deutschland. 175 00:18:34,590 --> 00:18:41,620 Ich sage jetzt bewusst nicht Milliardärinnen, weil außer Susanne Klatten, der reichsten Frau der Bundesrepublik, 176 00:18:41,920 --> 00:18:46,380 gibt es ja jetzt nicht so sehr viele Frauen darunter, sondern es sind meistens Männer. 177 00:18:46,840 --> 00:19:07,340 Aber die tauchen alle nicht auf. Es tauchen natürlich auch die großen Konzerne in diesem Armuts- und Reichtumsbericht auf 600 Seiten nicht auf. Genauso wenig wie BlackRock, wo Friedrich Merz früher die Deutschlandfiliale als Aufsichtsratsvorsitzender mitbestimmt hat. 178 00:19:08,180 --> 00:19:12,780 Dieser größte Finanzkonzern der Welt, der taucht nicht auf, aber der Oberstudienrat. 179 00:19:13,840 --> 00:19:22,900 Und das zeigt mir, dass die Ungleichheit in Deutschland von den politisch Verantwortlichen eher verschleiert wird, gar nicht ernst genommen wird. 180 00:19:23,660 --> 00:19:28,180 Und wenn man die nicht zur Kenntnis nimmt, dann wird man erst recht nichts dagegen tun. 181 00:19:28,320 --> 00:19:33,840 Der Eindruck ist entstanden, auch in der Medienöffentlichkeit, den Armen geht es eigentlich zu gut. 182 00:19:33,880 --> 00:19:40,340 die liegen auf der faulen haut die geflüchteten kommen zu uns weil hier milch und honig fließen 183 00:19:40,520 --> 00:19:47,940 und ihnen praktisch das geld nur so zugesteckt wird und die bürgergeldbezieherinnen und bürgergeldbezieher 184 00:19:48,080 --> 00:19:52,980 denen geht es auch zu gut weil die sind zu faul zum arbeiten weil es ihnen so gut geht und den 185 00:19:53,140 --> 00:19:58,159 reichen den geht es viel zu schlecht deswegen müssen wir sie mit subventionen oder direkten 186 00:20:00,040 --> 00:20:05,540 mit Steuererleichterungen stärker unterstützen, also die Unternehmer, damit sie wieder investieren. 187 00:20:06,100 --> 00:20:09,980 Und wenn man eine solche Vorstellung von der Gesellschaft hat, 188 00:20:11,060 --> 00:20:16,100 dann wird man natürlich auch eine völlig verfehlte Steuer- und Sozialpolitik machen. 189 00:20:16,100 --> 00:20:19,240 Und genau das passiert gegenwärtig. 190 00:20:19,240 --> 00:20:22,120 Ich meine, das Bild, was du gerade gemalt hast, ist ja eigentlich das, 191 00:20:22,120 --> 00:20:24,480 was wir momentan auch in der Presse sehr hören. 192 00:20:24,480 --> 00:20:25,580 Und das hast du ja auch kritisiert. 193 00:20:26,020 --> 00:20:30,200 Wir sind ja nicht nur ein Wirtschaftsstandort, sondern wir sind eben eigentlich eine Gesellschaft. 194 00:20:30,420 --> 00:20:35,320 Und die Idee auch einer sozialen Marktwirtschaft nach Ludwig Erhard war ja immer zu sagen, 195 00:20:35,360 --> 00:20:38,020 die ökonomischen Regeln müssten sich dementsprechend anpassen, 196 00:20:38,140 --> 00:20:41,700 dass gesellschaftliche Ziele dadurch besser erreicht werden können. 197 00:20:41,800 --> 00:20:46,880 Und nicht einfach zu sagen, das Bruttoinlandsprodukt muss steigen und egal wie. 198 00:20:46,900 --> 00:20:50,120 Wobei Ludwig Erhard mit diesem Begriff soziale Marktwirtschaft, 199 00:20:51,220 --> 00:20:55,620 ich meine, das ist heute natürlich ein Kosename für den Finanzmarktkapitalismus. 200 00:20:56,120 --> 00:21:10,460 Also die Ungleichheit war damals natürlich schon riesig. Damals gab es schon auf der einen Seite diejenigen, die zum Teil natürlich durch den Nationalsozialismus auch gefördert riesige Vermögen besaßen, die Krupps und Thyssens und Siemens. 201 00:21:12,060 --> 00:21:19,020 Und Quanz, diese Familien, die hatten damals auch schon natürlich Milliardenvermögen. 202 00:21:19,070 --> 00:21:27,400 Und auf der anderen Seite gab es Millionen von Menschen, denen es auch in den 50er, 60er, 70er Jahren bei diesem Versprechen, 203 00:21:27,720 --> 00:21:30,980 trotz dieses Versprechens der sozialen Marktwirtschaft, sehr schlecht ging. 204 00:21:32,020 --> 00:21:38,180 Und ich glaube, diese Polarisierung, dieses Auseinanderfallen der Gesellschaft, das gab es immer. 205 00:21:38,900 --> 00:22:03,200 Aber es wird verstärkt natürlich durch bestimmte Prozesse, dass der Markt, der Wirtschaftsstandort Deutschland, dass der hochgehalten wird und dass nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt der Politik zu stehen hat, sondern die Märkte. Und wenn man ein solches Gesellschaftsbild hat, dann sieht man nicht, dass auf der einen Seite die Armut sich ausbreitet und auf der anderen Seite der Reichtum sich bei wenigen konzentriert. 206 00:22:04,840 --> 00:22:22,400 Ich würde noch einmal kurz die Zahlen auch noch mal zu Vermögensungleichheit daneben stellen, weil ich glaube, dass das zum Teil zumindest auch in der Berichterstattung, wenn es heißt, die Ungleichheit in Deutschland ist geschrumpft, wird sich dann eher auf Einkommen bezogen, während die Vermögensungleichheit ja noch was ganz anderes sagt. 207 00:22:22,880 --> 00:22:42,000 Und es kommt letztlich bei der Ungleichheit auf das Vermögen an. Also das hat man auch in der Pandemie gesehen. Die Einkommensquelle kann über Nacht versiegen. Also wer zum Beispiel ein Fitnessstudio besaß oder ein Geschäft, ein Laden, der wurde natürlich durch den Lockdown während der Pandemie stark getroffen. 208 00:22:42,620 --> 00:22:51,520 Und ich kenne das selbst in meinem Umfeld, dass die Eckkneipe geschlossen wurde während des Lockdowns und bis heute nicht wieder aufgemacht hat. 209 00:22:51,610 --> 00:23:03,300 Also jemand, der davon gut gelebt hat vorher, dass er so etwas besaß, also eine Eckkneipe, ein Laden, ein Fitnessstudio, der rief plötzlich nach dem Sozialstaat. 210 00:23:04,160 --> 00:23:26,060 Aber die wirklich reichen, also diejenigen, die ein Vermögen besaßen, die hatten natürlich genügend Rücklagen, um auch Krisensituationen zu überstehen. Also bei der Ungleichheit kommt es nicht auf das Einkommen an. Die wirkliche Ungleichheit, die spielt sich beim Vermögen ab. Und nur das Vermögen entscheidet letztlich darüber, ob zum Beispiel Thema Freiheit. 211 00:23:26,320 --> 00:23:39,180 Ein großes Vermögen, das schafft natürlich die Möglichkeit, leider auch Umwelt und Natur zu zerstören in einem viel größeren Maße, als das ein Normalbürger oder eine Normalbürgerin tut. 212 00:23:40,440 --> 00:23:54,680 Durch Privatjets und durch die eigene Luxusjacht wird man natürlich einen viel höheren CO2-Ausstoß haben, als das jemand hat, der ein geringes Einkommen und insbesondere auch wenig oder gar kein Vermögen besitzt. 213 00:23:54,980 --> 00:24:15,400 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben gar kein nennenswertes Vermögen. Und die Vermögen, um die geht es, wenn es zum Beispiel bei einer Umverteilung des Reichtums geht es nicht so sehr darum, geht sicher auch darum, riesige Managergehälter zu begrenzen und da Umverteilung zu leisten. 214 00:24:15,810 --> 00:24:23,500 Aber letztlich geht es um eine Vermögensumverteilung und die muss eben nicht wie bisher von unten nach oben, sondern von oben nach unten erfolgen. 215 00:24:25,160 --> 00:24:29,920 Also in dem Bericht sind tatsächlich ja, dass die untere Hälfte der Haushalte in Deutschland 216 00:24:30,180 --> 00:24:33,280 einfach bei drei Prozent des Vermögens geblieben sind. 217 00:24:33,640 --> 00:24:38,480 Es hat sich innerhalb der oberen Hälfte so ein bisschen verschoben, aber im Prinzip haben 218 00:24:38,540 --> 00:24:43,280 immer noch die reichsten zehn Prozent der Deutschen 54 Prozent des Vermögens in 23, 219 00:24:43,500 --> 00:24:44,600 da kommen die Zahlen her. 220 00:24:45,120 --> 00:24:48,120 Und wahrscheinlich hat es sich jetzt noch mal verschoben, weil man ja momentan besonders 221 00:24:48,380 --> 00:24:53,500 dann schnell reicher wird, wenn man Finanzkapital übrig hat und das eben entsprechend auch 222 00:24:54,180 --> 00:25:01,820 weil wir da ja auch nochmal in der Besteuerung ganz anders unterwegs sind, ob jetzt Erwerbseinkommen oder eben Finanzkapitalerträge. 223 00:25:04,320 --> 00:25:12,120 Also im Prinzip ist es ja angelegt, dass ich in dem Moment, wo ich einen bestimmten Puffer an Finanzkapital habe, 224 00:25:12,260 --> 00:25:17,420 zumindest auch wenn es mir egal ist, was ökologische und soziale Konsequenzen eines Geschäftsmodells sind, 225 00:25:17,580 --> 00:25:21,140 wird man ja besonders reich, zum Beispiel im Moment wieder, in dem man weiter in Öl investiert. 226 00:25:21,200 --> 00:25:51,080 Das ist ja auch ein Teil des Problems, dass einige, die sagen, ich habe relativ wenig Geld, dann muss ich wenigstens dahin gehen, wo die höchste Rendite ist. Also diese Idee, auch die Privatisierung der Altersvorsorge und so weiter, wenn wir da keine Nachhaltigkeitskriterien dran machen, wenigstens bei den staatlich unterstützten Modellen, das war ja eine Debatte, die die Grünen noch angestoßen hatten, dann kann es sein, dass wir im Grunde genommen sehr viel von dem, was wir Lebensbedingungen machen, kaputt machen auf der Suche nach der höchsten Rendite jetzt kurzfristig und dann haben wir vielleicht ein bisschen mehr Geld in Zukunft, aber nichts. 227 00:25:51,220 --> 00:25:56,100 was wir damit eigentlich kaufen können. Also die fünf reichsten Familien in Deutschland, 228 00:25:56,550 --> 00:26:02,500 ich habe so natürlich recherchiert für mein Buch Umverteilung des Reichtums, wie der Reichtum auch 229 00:26:02,600 --> 00:26:08,700 verteilt ist in Deutschland. Die fünf reichsten Familien in Deutschland besitzen zusammen ein 230 00:26:08,840 --> 00:26:15,220 Privatvermögen von 250 Milliarden Euro. Das ist mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung, 231 00:26:15,300 --> 00:26:18,340 also über 40 Millionen Menschen zur Verfügung haben. 232 00:26:19,120 --> 00:26:25,660 Und das zeigt eigentlich, wie stark dieses Auseinanderdriften in der Gesellschaft ist. 233 00:26:25,660 --> 00:26:31,360 Wenn auf der einen Seite, das geht ja selbst aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes 234 00:26:31,980 --> 00:26:37,020 und aus Angaben der Bundesregierung hervor, wenn auf der einen Seite die Armutsgefährdung zunimmt 235 00:26:37,020 --> 00:26:43,340 und die Armutsbetroffenheit und auf der anderen Seite der Reichtum sich immer stärker konzentriert, 236 00:26:43,360 --> 00:27:03,320 Dann haben wir eben eine riesige Polarisierung in der Gesellschaft. Und warum ist das so? Ich bin natürlich, was der Armuts- und Reichtumsbericht übrigens gar nicht tut, viel mehr interessiert als an solchen Zahlen an den Ursachen. Warum ist das so? Also warum zerfällt die Gesellschaft? 237 00:27:04,020 --> 00:27:19,740 Und da sind für mich folgende Gesichtspunkte wichtig. Erstens einer kleinen Minderheit von Menschen gehören die Unternehmen, die Banken und die Versicherungen. Und einer großen Mehrheit der Bevölkerung gehört im Wesentlichen nur ihre Arbeitskraft, die sie verkaufen muss. 238 00:27:19,920 --> 00:27:38,060 was schwierig ist, wenn man in einer Region lebt, wo der Arbeitsmarkt sehr schwierig ist, was auch schwierig ist, wenn man gesundheitliche oder psychische Probleme hat oder qualifikatorische Defizite aufweist, dann ist Ungleichheit angelegt in dieser Gesellschaft. 239 00:27:38,680 --> 00:27:54,320 Aber das erklärt natürlich nicht, warum die Konzentration des Reichtums auf der einen Seite und das Vordringen der Armut in Bereiche auch der Mittelschicht, warum das in jüngster Zeit verstärkt vor sich geht. 240 00:27:54,440 --> 00:28:10,420 Die Finanzmärkte sind sicher ein Grund, aber ich sehe auch politisches Versagen. Also ganz unterschiedliche Bundesregierungen haben im Wesentlichen durch drei Punkte dafür gesorgt, dass diese Spaltung der Gesellschaft voranschreitet. 241 00:28:10,580 --> 00:28:23,400 Erstens die Deregulierung des Arbeitsmarktes. Also besonders mit der Agenda 2010 von Gerhard Schröder, den Harz-Gesetzen, ist für einen breiten Niedriglohnsektor gesorgt worden. 242 00:28:23,500 --> 00:28:33,760 Also der Betrug zum Teil zwischen 20 und 25 Prozent aller Beschäftigten. Und in diesem Niedriglohnsektor breitet sich natürlich logischerweise die Armut aus. 243 00:28:34,980 --> 00:28:52,080 Das ist ein bisschen eingedämmt worden durch den Mindestlohn, durch dessen Einführung. Die geschah ja erst zehn Jahre nach der Einführung von Hartz IV, also im Jahr 2015. Und die Erhöhung des Mindestlohns haben dann so ein bisschen diesen Niedriglohnsektor eingedämmt. 244 00:28:52,720 --> 00:28:56,880 dann ist zweitens eine Demontage des Sozialstaates feststellbar. 245 00:28:57,280 --> 00:29:02,440 Also wenn jetzt über die Privatisierung der Altersvorsorge diskutiert wird, 246 00:29:02,820 --> 00:29:05,480 ist das ja nur ein Wiederanknöpfen an eine Entwicklung, 247 00:29:06,120 --> 00:29:11,020 die es um die Jahrtausendwende auf dem Höhepunkt des Neoliberalismus gab mit der Riester-Rente. 248 00:29:11,600 --> 00:29:17,560 Also da hat man auf der einen Seite den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aufgegeben, 249 00:29:17,640 --> 00:29:21,640 sie sollten einen Riester-Vertrag abschließen, du kennst sicher auch kein Taxifahrer, 250 00:29:22,100 --> 00:29:43,620 der einen Riester-Vertrag hat. Das haben also Leute in der Mittelschicht gemacht, ohne übrigens davon viel zu profitieren. Die Riester-Rente ist kläglich gescheitert im Grunde. Aber man hat gleichzeitig den Arbeitgebern damit natürlich ermöglicht, 4% des Bruttoeinkommens sollten in einen Riester-Vertrag fließen. 251 00:29:44,120 --> 00:29:58,760 Das hieß also, zwei Prozent sparten jetzt die Arbeitgeber, die Unternehmer, an ihren Rentenversicherungsbeiträgen, die sie vorher gezahlt hatten. Und das hat natürlich auch dafür gesorgt, dass sich die Gesellschaft weiter gespalten hat. 252 00:29:59,100 --> 00:30:23,240 Also wenn man auf der einen Seite mehr Menschen in die Armut treibt, auf der anderen Seite dafür sorgt, dass steuerliche Entlastungen bei vor allen Dingen Reichen und Hyperreichen passiert sind. Das ist nämlich der dritte Punkt. Eine Steuerpolitik, ich nenne sie eine nach dem Matthäusprinzip, ist gemacht worden. Also im Matthäus-Evangelium heißt es sinngemäß, wer hat, dem wird gegeben und wer wenig hat, dem wird auch das noch genommen. 253 00:30:23,780 --> 00:30:40,180 Alle Kapital- und Gewinnsteuern, die es in Deutschland gab, sind entweder abgeschafft worden, wie die Gewerbekapital- und die Börsenumsatzsteuer, oder sie werden nicht mehr erhoben, wie die Vermögensteuer seit 1997, oder die Steuersätze sind heruntergezogen worden. 254 00:30:40,320 --> 00:30:54,880 Also der Spitzensteuersatz in der Einkommensteuer unter Helmut Kohl, der ja kein Kommunist war, 53 Prozent, heute noch 42 Prozent für ganz wenige die reichen Steuer, die aber die ganz Reichen nicht zahlen müssen, weil sie nur auf Erwerbseinkommen erhoben wird. 255 00:30:54,980 --> 00:31:07,220 Also wer als ganz Reicher auf seiner Yacht in der Karibik kreuzt und lebt von Dividenden, von Zinsen, von Mieteinnahmen, der muss die reichen Steuer von 45 Prozent überhaupt nicht bezahlen. 256 00:31:08,000 --> 00:31:14,380 Und auf der anderen Seite habe ich gesagt, Matthäus Prinzip, wer wenig hat, dem wird auch das noch genommen. 257 00:31:14,730 --> 00:31:30,860 In der ersten Koalition von Angela Merkel, Finanzminister Peer Steinbrück, SPD, ist nicht nur die Körperschaftssteuer gesenkt worden und die Kapitalertragssteuer auf 25 Prozent als Abgeltungssteuer gestaltet worden, was natürlich auch wieder den Reichen zugute gekommen ist. 258 00:31:31,240 --> 00:31:48,000 Sondern gleichzeitig hat man die Mehrwertsteuer von damals 16 auf 19 Prozent erhöht und die Mehrwertsteuer ist die Steuer, die die Armen am stärksten trifft. Aus zwei Gründen. Erstens, weil sie genauso hoch ist für Arme wie für Reiche, nämlich meistens 19 Prozent. 259 00:31:48,660 --> 00:32:12,800 Wenn man in den Laden geht, müssen die Armen genauso viel zahlen an Mehrwertsteuer wie die Reichen. Und die Armen tragen ihr ganzes Einkommen, das sie erhalten, weil es so wenig ist, in die Läden. Und das führt dazu, dass die Mehrwertsteuer sie ganz besonders hart trifft. Und wenn man eine solche Steuerpolitik macht, dann driftet die Gesellschaft auseinander und genau das ist geschehen. 260 00:32:14,320 --> 00:32:34,580 Wow, jetzt überlege ich mal, dass wir in ein paar Sachen noch einmal reingucken. Ich würde dich einmal fragen, ich habe immer gesagt, ich finde Marktwirtschaft und Kapitalismus würde ich noch unterscheiden und vor allem den Finanzkapitalismus, der ja ein Ergebnis ist von Teil dieser Steuerentscheidungen etc. und das Begünstigen von Finanzkapital gegenüber allen anderen Formen, finde ich noch ein Extrem. 261 00:32:34,880 --> 00:32:52,860 So, weil wir dann ja auch jetzt tatsächlich wahrnehmen können, gerade wenn wir in die USA schauen, was dann passiert. Also ich fand jetzt dieses Friedensbord, was dann eröffnet wird, wo man ab vier Milliarden Euro mitmachen kann und dann im Gazastreifen die neue Riviera baut und sich dann als Friedensstifter nennen darf. 262 00:32:53,140 --> 00:32:57,320 und jetzt gibt es erste Gerüchte, dass die Weltgesundheitsorganisation ausgestiegen wurde. 263 00:32:57,800 --> 00:33:01,160 Da gründet man jetzt einfach was Neues, was dem eigenen Dogma entspricht 264 00:33:01,340 --> 00:33:03,780 und haut da eben zwei Trillionen rein. 265 00:33:04,420 --> 00:33:08,280 Also das sind ja Möglichkeiten von Gesellschaftsgestaltung, 266 00:33:08,490 --> 00:33:11,040 die noch weit über das rausgehen, was wir schon länger diskutieren. 267 00:33:11,240 --> 00:33:13,180 Wenn ich viel Geld habe, habe ich andere Anwälte, 268 00:33:13,300 --> 00:33:16,840 habe ich einen längeren Atem, wie lange ich Rechtsfälle durchstreiten kann. 269 00:33:17,000 --> 00:33:18,200 Ich habe natürlich auch Möglichkeiten. 270 00:33:18,850 --> 00:33:22,460 Die Frage war, warum werden die Tech-Konzerne jetzt nicht härter reguliert? 271 00:33:24,360 --> 00:33:26,740 Und besteuert, das wären sie ja auch nicht. 272 00:33:27,160 --> 00:33:36,240 Genau, und dann könnte man ja schon, wenn man reinhört, durchaus hören, naja, die sponsoren hier ja auch einiges, weil zum Beispiel Medienrecht ja Länderebene ist. 273 00:33:36,340 --> 00:33:43,220 Und dann fühlt man sich als Bundesland relativ klein gegenüber eines gigantischen transnationalen Konzerns, der dann eben auch das Geld abziehen könnte. 274 00:33:43,720 --> 00:34:08,500 Also dieses, das finde ich so zentral und ich finde das schade, dass das so wenig ganz in Ruhe diskutiert werden kann, dass wenn ich viel Geld unter meiner Kontrolle habe, ich natürlich sehr viel Gestaltungsmacht habe und die eben auch, haben wir mit Katharina Pistor in dem Podcast gemacht, durchaus auch dafür einsetzen kann, dass die Regeln sich weiter in Richtung Begünstigung des Finanzkapitals und ein Verschieben der Verantwortung für die Konsequenzen auf die Gesellschaft. 275 00:34:08,580 --> 00:34:16,860 Und das Privatisieren der Vorteile und das Sozialisieren der Kosten tatsächlich sich so wie so ein roter Faden auch durchzieht. 276 00:34:17,480 --> 00:34:21,260 Ja, wer sehr reich ist, ist auch politisch einflussreich. Das sieht man da. 277 00:34:21,300 --> 00:34:28,040 Aber ich würde trotzdem an dem Punkt, haben wir einen kleinen Dissens, von Marktwirtschaft würde ich heute überhaupt nicht mehr sprechen. 278 00:34:28,179 --> 00:34:47,840 Also nehmen wir mal den Lebensmittelbereich. Da gibt es vier oder fünf große Kettenkonzerne, die das Geschäft beherrschen und den kleinen Lebensmittelhändler an der Ecke, den es in meiner Kindheit, ich bin ja Jahrgang 51, noch gab, wo man übrigens auch die Milch noch lose bekam. 279 00:34:48,419 --> 00:35:11,000 Die wurde da abgefüllt in eine Flasche oder ein Behältnis, das man mitbrachte. Das gibt es alles nicht mehr. Und die Preise dieser großen Konzerne, darüber gibt es ja Untersuchungen, sind völlig gleich. Also die unterscheiden sich nicht, auch nicht bei den Eigenmarken, die für die Armen eher gestaltet werden, damit die sich auch bestimmte Produkte vielleicht kaufen. 280 00:35:12,100 --> 00:35:18,940 Also Marktwirtschaft und insbesondere natürlich soziale Marktwirtschaft ist für mich eine Ideologie. 281 00:35:19,210 --> 00:35:28,480 Also ist, um die Menschen davon zu überzeugen, dass sie nicht in einem brutalen Raubtierkapitalismus leben, wie Helmut Schmidt das mal genannt hat. 282 00:35:28,840 --> 00:35:38,940 Aber es ist natürlich ein Raubtierkapitalismus, gerade dieser Finanzmarktkapitalismus, wo die Entscheidungen, die Finanzmärkte im Grunde treffen, wie die sich verhalten. 283 00:35:38,980 --> 00:35:53,100 Das sieht man ja auch bei Donald Trump bei seiner Planung, Grönland zu annektieren. Als dann die Europäer zum Gegenschlag ausholten und die Finanzmärkte darauf reagiert haben, hat Donald Trump den Rückzug angetreten. 284 00:35:53,200 --> 00:36:07,520 Also die Finanzmärkte sind heute natürlich ein Bereich der Gesellschaft, der Macht konzentriert und der konzentriert macht, je nachdem wie groß das Kapital ist, das dahinter steckt. 285 00:36:07,880 --> 00:36:29,060 Also insofern ist dies natürlich ein besonderer Kapitalismus, der auch durch neoliberale Politiken begünstigt worden ist. Gerade steuerpolitisch wird alles getan, um diese Vermögen noch weiter zu vergrößern und deren Einfluss wird dazu natürlich auch immer größer. 286 00:36:29,100 --> 00:36:39,580 Also ich will so ein Beispiel nennen, das finde ich ganz jetzt nicht aus dem Finanzmarktbereich kommt, aber wer drei Wohnungen in Köln erbt, der zahlt Erbschaftssteuer. 287 00:36:39,580 --> 00:36:51,620 Wer 301 Wohnungen erbt, zahlt keine Erbschaftssteuer. Warum nicht? Weil ab 300 Wohnungen nimmt das Finanzamt an, es handelt sich um eine Immobilienholding und Holdings sind nicht erbschaftssteuerpflichtig. 288 00:36:51,960 --> 00:37:01,100 Ja, warum ist das so? Das ist natürlich eine Logik, die niemandem, der irgendwie an Gerechtigkeit orientiert ist, einleuchtet. 289 00:37:01,360 --> 00:37:14,720 Aber es ist so, weil diejenigen, die eben viele Wohnungen besitzen, zum Teil Tausende von Wohnungen, die haben die Gesetze, in diesem Fall das Steuergesetz, das entsprechende so zu gestalten versucht. 290 00:37:14,920 --> 00:37:25,960 Und es ist ihnen gelungen, dass das genauso wie die Erbschaftssteuer für Firmenerben so gestaltet ist, dass man einen ganzen Konzern erben kann, ohne einen einzigen Cent Erbschaftssteuer zahlen zu müssen. 291 00:37:26,410 --> 00:37:36,460 Wer aber von seinen Eltern eine Eigentumswohnung erbt, wenn die in guter Lage ist und teuer, dann wird er zur Erbschaftssteuer herangezogen. 292 00:37:36,740 --> 00:37:46,940 Also das ist, finde ich, alles ein Beweis dafür, dass ökonomische Macht auch natürlich sich in politischer Macht niederschlägt. 293 00:37:47,380 --> 00:37:50,420 Ja, das ist ja das Spannungsverhältnis Demokratie, Kapitalismus. 294 00:37:50,670 --> 00:37:59,520 One Dollar, One Vote im sogenannten Markt und One Person, One Vote ist eigentlich das Ideal der demokratischen Entscheidung darüber, wie Gesellschaft sich entwickelt. 295 00:38:00,220 --> 00:38:04,000 Aber gut, also dann wird vielleicht doch gar nicht aus, weil ich habe auch gedacht, Marktwirtschaft würde ich immer von, 296 00:38:04,300 --> 00:38:07,560 Es muss nicht die kapitalistische und vor allem nicht die finanzkapitalistische sein. 297 00:38:07,710 --> 00:38:11,680 Wir könnten ja auch andere Eigentumsstrukturen beispielsweise, Unternehmen senken und so weiter. 298 00:38:12,980 --> 00:38:18,120 Wobei heute natürlich auch Planung nicht mehr wie in der Sowjetunion passieren würde, 299 00:38:18,290 --> 00:38:22,140 sondern Planung findet in den großen Konzernen natürlich täglich statt. 300 00:38:22,330 --> 00:38:26,520 Also Siemens meinetwegen, so ein Konzern, der plant alles genau durch, 301 00:38:26,860 --> 00:38:32,760 weil heute natürlich auch mit den entsprechenden Möglichkeiten von IT, von KI, 302 00:38:33,660 --> 00:38:35,760 ist Planung natürlich ganz anders möglich, 303 00:38:35,860 --> 00:38:40,960 als das früher in real nicht mehr existierenden Sozialismen der Fall war. 304 00:38:41,420 --> 00:38:47,980 Wo es alles sehr bürokratisch zuging und die Menschen auch auf der Strecke blieben, 305 00:38:48,100 --> 00:38:50,440 so wie sie im Kapitalismus auf der Strecke bleiben, 306 00:38:50,500 --> 00:38:53,960 wenn sie nicht im Besitz von großem Kapital sind. 307 00:38:55,380 --> 00:39:12,600 Also die eine Sache ist natürlich jetzt zu überlegen, wie käme überhaupt den Märkten wieder ein Pendant von Rahmenbedingungen entgegenzustellen, die ähnlich mächtig sind. Das war die ganze Idee mit internationalen Institutionen. Kann man da überhaupt irgendwas schaffen? Aber die sind ja alle zahnlos, also von der UN angefangen und so weiter. 308 00:39:13,600 --> 00:39:17,840 Jetzt haben wir diese sogenannten Märkte. Es sind ja keine Märkte, bin ich bei dir. 309 00:39:18,250 --> 00:39:23,080 Also, dass wir immer noch von globalen Märkten sprechen anstatt von Oligopolstrukturen. 310 00:39:23,660 --> 00:39:29,340 Das ist Teil von einem Fortschreiten einer Geschichtserzählung, die längst nicht mehr in die Realität passt. 311 00:39:29,940 --> 00:39:34,700 Und dann sollen sich alle Staaten dafür rechtfertigen, warum sie die Märkte torpedieren wollen. 312 00:39:34,700 --> 00:39:41,360 Es geht ja erstmal darum, überhaupt wieder Wettbewerbsmöglichkeiten für kleinere, neue Anbieterinnen zu schaffen in vielen Bereichen. 313 00:39:41,580 --> 00:39:46,620 Weil natürlich diese Marktmacht auch benutzt wird, um Wettbewerb möglichst weitgehend zu reduzieren. 314 00:39:46,740 --> 00:39:51,500 Das sagen ja auch die Vertreter, gerade der Tech-Konzern, baue schnell Monopole. 315 00:39:51,860 --> 00:39:54,120 Weil in dem Moment hast du natürlich genau diese Kontrolle. 316 00:39:54,450 --> 00:39:58,700 Dann schreibt Libertär obendrauf und sagt, das ist ein freies Unternehmen. 317 00:39:59,740 --> 00:40:03,660 Wenn es eine Größenordnung im Markt hat, die ziemlich alle anderen dann rausschubsen kann, 318 00:40:03,800 --> 00:40:06,640 hat das natürlich nicht mehr viel mit Markt und auch nicht mit Unternehmertum zu tun. 319 00:40:06,800 --> 00:40:10,440 Sondern genau wie du sagst, dann ist die Planung einfach in private Hände gerutscht. 320 00:40:10,920 --> 00:40:12,760 wer unter welchen Bedingungen Zugang findet. 321 00:40:13,160 --> 00:40:24,040 Richtig. Und vor allem diese Konkurrenz, die da herrscht und die uns jetzt als das Alleinseligmachende immer mehr verordnet wird, 322 00:40:24,040 --> 00:40:33,260 auch von der jetzigen Bundesregierung, also egal, ob es jetzt ein Politiker der Union ist oder ein Spitzenpolitiker der SPD. 323 00:40:34,220 --> 00:40:47,600 Ich denke jetzt an Lars Klingbeil, der in jedem Interview als erstes sagt, die Wettbewerbsfähigkeit, die Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland muss wiederhergestellt oder verbessert werden. 324 00:40:48,620 --> 00:40:53,500 Zusätzlich natürlich zu der Wehrhaftigkeit durch eine stärkere Bundeswehr und durch Hochrüstung. 325 00:40:54,400 --> 00:40:57,659 Das sind sozusagen die beiden Schwerpunkte der Bundesregierung. 326 00:40:58,840 --> 00:41:03,280 Also die Wirtschaft stärken, die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes. 327 00:41:03,590 --> 00:41:09,000 Wenn man dieses neoliberale Denken so verinnerlicht hat, dann ist man nicht mehr in der Lage, 328 00:41:09,130 --> 00:41:13,360 was mein Ideal wäre, wäre nicht Konkurrenz, sondern Kooperation. 329 00:41:14,320 --> 00:41:19,200 Auch in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen, wo ich jetzt offengestanden viel weniger Fachmann bin, 330 00:41:19,740 --> 00:41:24,680 als du Expertin bist, weil ich, das ist vielleicht auch eine Schwäche von mir, 331 00:41:25,220 --> 00:41:30,820 sehr stark auf den Nationalstaat und auf den deutschen Sozialstaat orientiert bin 332 00:41:31,600 --> 00:41:37,880 und viel weniger, sagen wir mal so, internationale Beziehungen im Blick habe, 333 00:41:38,240 --> 00:41:41,680 weil ich schon Schwierigkeiten habe, alles in den Blick zu nehmen, 334 00:41:41,880 --> 00:41:45,700 was es meinetwegen an Literatur, deutschsprachiger Literatur, 335 00:41:45,900 --> 00:41:50,080 über die Sozial- und Steuer- und Wirtschaftspolitik der Bundesregierung gibt, 336 00:41:50,840 --> 00:41:55,860 bin ich sozusagen nicht so stark auf globale Trends orientiert. 337 00:41:55,930 --> 00:42:03,260 Aber auch da würde für mich Kooperation einen viel höheren Stellenwert haben als Konkurrenz. 338 00:42:03,260 --> 00:42:05,320 Weil Konkurrenz ist zerstörerisch. 339 00:42:05,500 --> 00:42:13,480 Und wenn diese Ellenbogengesellschaft, die wir haben, dass jeder nur noch versucht, sein eigenes Heil zu suchen, 340 00:42:13,710 --> 00:42:20,000 indem er andere verdrängt und indem er besser oder stärker oder erfolgreicher ist. 341 00:42:20,220 --> 00:42:29,780 Also bei uns ist ja zum Beispiel, wenn jetzt nach Gerechtigkeit gestrebt wird, dann wird ja die Leistungsgerechtigkeit in den Vordergrund gerückt. 342 00:42:30,380 --> 00:42:35,900 Und was ist denn Leistung? Leistung im neoliberalen Sinne ist wirtschaftlicher Erfolg. 343 00:42:36,430 --> 00:42:47,820 Also Aktien zum Beispiel, auf den Finanzmärkten aktiv zu sein, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Aktie zu kaufen und zum richtigen Zeitpunkt wieder zu verkaufen und das möglichst steuerbegünstig zu machen. 344 00:42:48,360 --> 00:42:53,680 Das ist sozusagen Leistung, die in diesem Finanzmarktkapitalismus zählt. 345 00:42:54,080 --> 00:43:03,140 Aber es ist nicht Bedarfsgerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit die Leitlinie, die mich von Kindheit an umgetrieben haben. 346 00:43:03,340 --> 00:43:14,060 Dass ich nicht eingesehen habe, warum derjenige, der Unterstützung braucht, die nicht bekommt und warum nicht mehr Gleichheit in der Gesellschaft hergestellt wird. 347 00:43:14,220 --> 00:43:19,840 Wobei ich gar nicht meine, dass alle das gleiche Einkommen und alle das gleiche Vermögen haben müssen. 348 00:43:19,930 --> 00:43:23,320 Es soll derjenige von mir aus auch, der viel leistet. 349 00:43:23,320 --> 00:43:26,280 Jetzt mein Leistungsbegriff wäre dann ein anderer. 350 00:43:26,810 --> 00:43:35,820 Also für mich wäre die Erzieherin, die Pflegekraft, die Lehrerin, die leisten viel für unsere Gesellschaft. 351 00:43:36,820 --> 00:43:47,540 Und die müssten dafür belohnt werden, aber nicht der Finanzinvestor, der auf den spekuliert, mit riesigen Geldsummen hantiert, der Investmentbanker. 352 00:43:47,900 --> 00:43:49,640 Der wird aber bei uns belohnt. 353 00:43:49,900 --> 00:43:56,160 Und das ist ein, wie ich finde, völlig falscher Zungenschlag, der so in den öffentlichen Diskurs gekommen ist. 354 00:43:56,420 --> 00:44:02,900 Durch den Einfluss des Neoliberalismus, der auch nicht, wie manche meinen, tot ist, sondern totgesagte Leben länger. 355 00:44:03,380 --> 00:44:07,960 Ich glaube, eher der Neoliberalismus hat sich normalisiert und ist in die Köpfe hineingewandert. 356 00:44:08,210 --> 00:44:13,960 Wir fragen uns selber immer, was ist betriebswirtschaftlich effizient, was lohnt sich, was rentiert sich. 357 00:44:14,280 --> 00:44:24,660 Und indem immer mehr Menschen das fragen, geht viel an humanem Denken, an Solidarität, an sozialem Verantwortungsbewusstsein in der Gesellschaft verloren. 358 00:44:24,840 --> 00:44:32,360 Insofern hätte ich einen ganz anderen Gerechtigkeitsbegriff als der, der gegenwärtig in unserer Gesellschaft hegemonial ist. 359 00:44:34,560 --> 00:44:40,700 hegemonie bedeutet ja diese kulturelle hoheit nur so eine deutungshoheit über wie beschreiben wir 360 00:44:40,700 --> 00:44:45,760 die dinge also welche wirklichkeits aneignung welche sprache und welche zahlen fassen für 361 00:44:45,810 --> 00:44:51,800 uns das wesentliche und da sehen wir natürlich eine komplette ökonomisierung und damit eben auch 362 00:44:51,860 --> 00:44:56,620 das zahlenhafte und was keinen preis finden kann haben wir die diskussion auch seit ewigkeiten wie 363 00:44:56,680 --> 00:45:01,680 können wir den wert der natur ausdrücken ohne dass in dem moment wo klar wird wie viel jetzt 364 00:45:01,580 --> 00:45:05,100 jetzt eigentlich Biodiversität wert ist, weil es nämlich eine Lebensgrundlage ist, 365 00:45:05,560 --> 00:45:09,960 dann der Anreiz geschaffen wird, oh, wenn alle davon abhängig sind und es eigentlich so viel Wert ist, 366 00:45:10,000 --> 00:45:10,980 dann kaufe ich mir das schnell. 367 00:45:11,340 --> 00:45:14,460 Thema wieder Eigentum schaffen, um es dann in Wert setzen zu können. 368 00:45:14,580 --> 00:45:19,640 Also sprich in die Verwertungslogik des wieder monetären Denkens einzupreisen. 369 00:45:19,700 --> 00:45:23,760 Auf der anderen Seite, also Diskussion haben wir ewig, wenn wir nicht den Wert der Natur ausdrücken, 370 00:45:23,940 --> 00:45:27,480 in den Kennzahlen, die nun mal dominant sind, dann fällt das so hinten rüber. 371 00:45:27,580 --> 00:45:29,100 Dann bist du so die Bäumeumahmerin. 372 00:45:29,400 --> 00:45:32,740 weil diejenigen, die eigentlich den Diskurs prägen, 373 00:45:33,040 --> 00:45:37,060 nämlich eben die Finanzakteure oder eben auch vielleicht noch Sicherheitsakteure, 374 00:45:37,840 --> 00:45:40,260 das als unter ferner Liefen zur Seite schieben. 375 00:45:40,800 --> 00:45:42,860 Kehrarbeit ist ja so eine andere Thematik. 376 00:45:42,920 --> 00:45:47,080 Also wer kümmert sich unentgeltlich eigentlich um den Zusammenhalt der Gesellschaft? 377 00:45:48,420 --> 00:45:51,220 Und dann muss ich darum ringen, dafür einen Preis zu bekommen. 378 00:45:52,560 --> 00:45:55,200 Ja, selbst die Klimapolitik wird ja so gemacht. 379 00:45:55,620 --> 00:46:00,440 Also die CO2-Bepreisung ist für mich auch so ein Beispiel dafür. 380 00:46:01,600 --> 00:46:07,940 Da versucht man mit marktwirtschaftlichen Mechanismen etwas zu erreichen, 381 00:46:08,260 --> 00:46:13,900 was aber dazu führt, dass wieder Reiche und ganz Reiche privilegierter sind, 382 00:46:14,140 --> 00:46:16,860 weil sie sich auch Umweltverschmutzung leisten können. 383 00:46:17,700 --> 00:46:18,740 Leisten können, ja klar. 384 00:46:18,760 --> 00:46:36,820 Genau. Was sich rechnet und was kostet, das ist ja für Reiche nicht das Problem. Und das heißt, sie können weiter Umwelt und Natur zerstören und das Klima beeinträchtigen in Richtung einer drohenden Klimakatastrophe. 385 00:46:37,660 --> 00:46:41,200 und glauben das auch, weil sie so finanzstark sind. 386 00:46:41,530 --> 00:46:49,000 Und dieses Denken, das glaube ich, zerstört unsere Umwelt und unsere Zukunft 387 00:46:49,560 --> 00:46:57,760 und muss insofern, du tust das ja auch, sehr viel breiter über die Art und Weise, wie wir leben 388 00:46:58,520 --> 00:47:04,660 und wie wir mit unseren Ressourcen umgehen und wie wir mit der Natur umgehen 389 00:47:04,680 --> 00:47:10,800 und wie wir auch mit den Menschen umgehen, das alles muss in den Blick gerückt werden. 390 00:47:10,920 --> 00:47:18,660 Und nur wenn man das hegemonial macht, also ein anderes Denken, das nicht in klingender Münze sich ausdrückt, der Wert, 391 00:47:19,799 --> 00:47:24,280 sondern dass es Werte gibt, die mit dem Geld gar nichts zu tun haben. 392 00:47:25,040 --> 00:47:31,020 Wenn das nicht stärker ins Bewusstsein gerückt wird, dann glaube ich auch, dass es eine düstere Zukunft gibt. 393 00:47:31,120 --> 00:47:47,060 Ich bin jetzt wahrscheinlich wegen meines Alters nicht mehr derjenige, der so sehr darunter leiden muss wie meine Kinder. Aber ich möchte natürlich für alle Menschen eine lebenswerte Natur und Umwelt erhalten. 394 00:47:48,380 --> 00:47:54,860 Und das in diesem Finanzmarktkapitalismus zu erreichen, scheint mir unmöglich zu sein. 395 00:47:55,280 --> 00:47:58,240 Insofern müssen auch die Wirtschaftsstrukturen angetastet werden. 396 00:47:58,320 --> 00:48:05,160 Also ich bin nicht, obwohl ich Umverteilung durch eine starke Besteuerung von Reichtum verlange, 397 00:48:05,580 --> 00:48:12,480 sehe ich durchaus, dass Steuern und Umsteuern alleine es nicht leisten können. 398 00:48:12,720 --> 00:48:16,380 Was wir erreichen müssen ist, wir müssen auch an die Wirtschaftsstrukturen, 399 00:48:16,580 --> 00:48:20,800 an die Eigentumsverhältnisse und an die Verteilungsmechanismen dieser Gesellschaft herangehen. 400 00:48:21,460 --> 00:48:25,760 Ich denke auch, das richtige Maß ist bei den Gerechtigkeitsfragen durchaus etwas, 401 00:48:25,830 --> 00:48:27,860 wo wir ganz in Ruhe mal hingucken können. 402 00:48:29,060 --> 00:48:33,480 Ich danke dir auf jeden Fall für diese Debatte zwischen Köln und Berlin. 403 00:48:33,580 --> 00:48:37,020 Ja, treibt die Diskussion und die Diskurse weiter voran. 404 00:48:37,200 --> 00:48:43,040 Ich bin sehr hoffnungsfroh, dass wir vielleicht doch noch viele, viele Menschen davon überzeugen. 405 00:48:44,780 --> 00:48:51,900 Auf jeden Fall nicht zurückschrecken, diese Fragen ganz normal und nur wo stellen zu können, ohne dass man sofort in irgendeine Ecke gedrückt wird. 406 00:48:52,330 --> 00:48:54,900 Deshalb vielen lieben Dank und alles Gute. 407 00:48:55,860 --> 00:48:56,380 Selbiges. 408 00:49:05,099 --> 00:49:08,120 So, vielen herzlichen Dank fürs Zuhören. 409 00:49:08,780 --> 00:49:10,820 Neu Denken ist ein Projekt von Mission Wertvoll. 410 00:49:11,260 --> 00:49:16,120 Ein Science Society Netzwerk, das sich den Chancen und Wegen in eine nachhaltige Zukunft verschrieben hat. 411 00:49:16,740 --> 00:49:23,060 Wie wir dahin kommen, das werden wir nur gemeinsam herausfinden und deshalb freuen wir uns über eure Aufmerksamkeit und euer Feedback. 412 00:49:23,640 --> 00:49:29,360 Besonders dankbar sind wir all denjenigen, die durch einen finanziellen Beitrag unsere Arbeit hier möglich machen. 413 00:49:30,040 --> 00:49:36,320 Wenn auch du Lust hast, neu denken zu fördern und aktiv mitzugestalten, dann schau gerne einmal in die Shownotes, wie das geht. 414 00:49:37,120 --> 00:49:38,820 Hoffentlich bis zum nächsten Mal. 415 00:50:07,980 --> 00:50:08,000 Untertitelung des ZDF, 2020