Brings Sachsen-Anhalt online as the second supported Bundesland after
NRW. Closes the gap that issue #2 left open: with the PortalaAdapter
already in place from c7242f8, this commit adds the reference data and
flips the activation switch.
Wahlprogramme (LTW Sachsen-Anhalt 06.06.2021)
- Six PDFs added under app/static/referenzen/{cdu,spd,gruene,fdp,afd,
linke}-lsa-2021.pdf, plus paged plain-text extractions under
app/kontext/*.txt for the keyword fallback search.
- Sources verified by hand:
- CDU "Unsere Heimat. Unsere Verantwortung." (cdulsa.de, 82 pages)
- SPD "Zusammenhalt und neue Chancen" (FES library, 77 pages)
- GRÜNE "Verlässlich für Sachsen-Anhalt" (gruene-lsa.de, 164 pages)
- FDP "Wahlprogramm zur Landtagswahl 2021" (Naumann-Stiftung, 76 pages)
- AfD "Alles für unsere Heimat!" (klimawahlen.de mirror, 64 pages)
- LINKE "Wahlprogramm zur Landtagswahl 2021" (dielinke-sachsen-anhalt.de,
88 pages)
- The CDU PDF was the trickiest: KAS blocks bot downloads via
Cloudflare; the cdulsa.de copy was located by an autonomous web
search and verified to be byte-identical with the official document.
Embeddings indexed (in production container, OpenAI-compatible
DashScope embeddings via the existing index_programm pipeline):
- CDU 134, SPD 145, GRÜNE 183, FDP 100, AfD 64, LINKE 143 chunks
- Total LSA: 769 new chunks alongside the existing 775 NRW chunks
and 335 federal Grundsatzprogramm chunks.
wahlprogramme.py
- WAHLPROGRAMME["LSA"] populated with all six parties (canonical fraction
codes, original titles, page counts).
embeddings.py
- PROGRAMME extended with the six new "<partei>-lsa-2021" entries that
the indexer pipeline expects.
bundeslaender.py
- LSA flipped to aktiv=True. The frontend dropdown will now offer
Sachsen-Anhalt as a selectable bundesland and analyzer.get_bundesland_
context() will produce a real LSA prompt block (CDU/SPD/FDP as
governing fractions, all six landtagsfraktionen).
End-to-end smoke test (live in production container before commit)
- Adapter: PortalaAdapter.search() returned current Anträge of März 2026
(LINKE + GRÜNE) with correct titles and PDF URLs.
- Semantic search for an LSA "ÖPNV in der Altmark" sample antrag
matched LINKE S.53, SPD S.68, FDP S.52 — all three with similarity
> 0.6 and topical hits (Regionalisierungsmittel, ÖPNV-Förderprogramm,
Wasserstoffnetz).
Resolves issue #2.
Co-Authored-By: Claude Sonnet 4.6 <noreply@anthropic.com>
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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WAHLPROGRAMM
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beschlossen am 24. April 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Inhaltsverzeichnis
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Präambel
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3
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Kapitel 1: Wir schützen die Umwelt und das Klima
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5
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I Klima
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5
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II Energie
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7
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III Umwelt- und Naturschutz
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16
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IV Landwirtschaft
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25
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Kapitel 2: Wir gestalten Zukunftsperspektiven für Sachsen-Anhalt
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34
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I Digitalisierung
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34
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II Mobilität
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47
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III Wirtschaft und Tourismus
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64
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IV Bauen und Wohnen
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74
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V Haushalt und Finanzen
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85
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Kapitel 3: Wir stärken den sozialen Zusammenhalt
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90
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I Öffentliche Sicherheit
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90
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II Justiz stärken
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94
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III Menschen- und Demokratiefeindlichkeit bekämpfen - Demokratie stärken
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96
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IV Medienvielfalt in Sachsen-Anhalt erhalten
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105
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V Migration und Integration
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106
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VI Bildung
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109
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VII Soziales
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130
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VIII Selbstbestimmung und Gleichstellung
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141
|
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IX Gesundheit
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148
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X Kultur
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156
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XI Sport
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162
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Präambel
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Verlässlich mutig.
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Jede und jeder von uns ist derzeit großen Herausforderungen ausgesetzt: Die Corona-
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Pandemie stellt gerade unser aller Realität auf den Kopf. Die Folgen der Klimakrise
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können wir alle bereits spüren – sie bedrohen die Art und Weise, wie wir leben. Und
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extreme Kräfte attackieren die Grundwerte der Demokratie. Doch wir sind uns sicher:
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Diese Herausforderungen lassen sich lösen, wenn wir gemeinsam mit klugen Ideen daran
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arbeiten. Und wenn wir sie mit Mut und Entschlossenheit umsetzen, für eine lebenswerte
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Zukunft in Sachsen-Anhalt!
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Verlässlich fürs Klima.
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Die Klimakrise ist eine globale Katastrophe, von deren Auswirkungen auch Sachsen-
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Anhalt nicht verschont bleibt: Im Harz leidet der Wald an den Folgen der globalen
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Erderhitzung. Dies ist der Moment zu handeln: Denn unser Verhalten hat großen Einfluss
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auf unsere Umwelt. Deshalb brauchen wir einen noch ambitionierteren Klima- und
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Naturschutz. Mit dem Klimaschutzgesetz und einem klaren Bekenntnis zum 1,5-Grad-Ziel
|
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von Paris machen wir Sachsen-Anhalt zum Klimaschutzland!
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||
Verlässlich für Umwelt- und Naturschutz.
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Artenschutz ist für uns ein zentrales Ziel unserer Politik. Wir wissen um den Wert
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artenreicher Lebensräume wie zum Beispiel die Streuobstwiese. Und setzen uns
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leidenschaftlich für den Schutz bedrohter Tierarten ein. Wildbienen, der Rotmilan oder
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der Feldhamster – sie alle sind Teil desselben Ökosystems, in dem auch wir Menschen
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nur dann leben können, wenn es intakt ist. Deshalb stärken wir die nachhaltige Land- und
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Forstwirtschaft: Wir wollen den Ökolandbau auf 25 Prozent mehr als verdoppeln und
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unsere Wälder zu klimastabilen Mischwäldern umgestalten. So bewahren wir die
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||
Artenvielfalt und schützen unsere Umwelt!
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Verlässlich für Zusammenhalt.
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Die großen Aufgaben unserer Zeit bewältigen wir, wenn wir sie gemeinsam anpacken.
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Der Zusammenhalt untereinander ist die wichtigste Stütze in Krisenzeiten wie diesen.
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Dafür erkennen wir an: Wir sind alle unterschiedlich, und das ist gut so. Jede und jeder
|
||
soll in Sachsen-Anhalt so leben können, wie er oder sie das will. Wir sind fest davon
|
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überzeugt: Eine vielfältige Gesellschaft ist eine starke Gesellschaft. Wir werden es nicht
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zulassen, dass Hetze, rechte Gewalt und antidemokratische Kräfte die Oberhand
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gewinnen. In Sachsen-Anhalt soll niemand Angst haben müssen, für seinen Glauben,
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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seine sexuelle Orientierung, Herkunft oder Hautfarbe diskriminiert zu werden. Dafür
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halten wir zusammen!
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Verlässlich auf allen Wegen.
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Mobilität gibt einem guten Leben Zug. Deshalb machen wir sie für alle möglich und
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bringen sie in Einklang mit unserer Umwelt. Dazu gehört, den öffentlichen Nahverkehr so
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auszubauen, dass alle in Sachsen-Anhalt auch ohne eigenes Auto zu den Großeltern aufs
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Land oder zur Arbeit in die Stadt kommen. Und wenn wir schon beim Thema Stadt sind:
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Wir wollen Städte, die für Menschen und nicht für Autos geplant werden. Wir brauchen
|
||
mehr Platz fürs Fahrrad, damit alle sicher unterwegs sein können. Dafür braucht es eine
|
||
zeitgemäße Verkehrspolitik. Wir fordern nicht nur mehr Elektromobilität, wir wollen sie
|
||
weiter fördern. Die Zukunft der Mobilität ist wie Busfahren: Um ans Ziel zu kommen,
|
||
müssen wir im richtigen Moment umsteigen. Dieser Moment ist jetzt!
|
||
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||
Verlässlich für alle überall.
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Auf dem Land zu leben ist schön. Dafür braucht es aber auch eine gute Versorgung. Die
|
||
Kinder sollen vor Ort zur Schule gehen können. Der nächste Laden soll auch ohne Auto
|
||
erreichbar sein. Und der Weg zur nächsten Arztpraxis darf nicht zu weit sein. Wir wollen
|
||
mehr
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mobile
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Gesundheitsversorgung,
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||
bessere
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Krankenhausstandorte
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||
und
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||
ein
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persönliches Angebot der Telemedizin. Wir wollen mehr Gemeinschaftsschulen – ein
|
||
dichteres Netz, durch das kein Kind hindurchfällt. Und wenn wir schon bei Netzen sind:
|
||
Mit uns gibt es eine landesweite Breitbandgarantie fürs Internet, damit niemand
|
||
abgehängt wird, egal wo er oder sie im Land wohnt. Zukunft geht nur, wenn auch alle
|
||
mitmachen können.
|
||
Sachsen-Anhalt ist unser Zuhause. Der Zusammenhalt unserer Gesellschaft und die
|
||
Zukunft unseres Klimas entscheiden sich hier vor Ort. Am 6. Juni ist Landtagswahl – mit
|
||
Ihrer Zweitstimme für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wählen Sie verlässlichen Klima- und
|
||
Naturschutz, gesellschaftlichen Zusammenhalt und gute neue Verbindungen mit Bus und
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Bahn!
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Verlässlich für Sachsen-Anhalt.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Kapitel 1: Wir schützen die Umwelt und das Klima
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||
I Klima
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Klimakrise und Artensterben sind die größten globalen Herausforderungen des 21.
|
||
Jahrhunderts.
|
||
Die sich tiefgreifend und rasch verändernden Lebensbedingungen auf der ganzen Erde
|
||
erfordern ein entschlossenes Handeln für einen zügigen Übergang zu einer sozialen,
|
||
ökologischen und nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise.
|
||
Dürre, Stürme und Starkregenereignisse in den vergangenen drei Jahren unterstreichen,
|
||
dass Sachsen-Anhalt Teil dieser globalen Veränderung ist.
|
||
Mit dem Abkommen von Paris im Jahr 2015 hat sich die internationale
|
||
Staatengemeinschaft verpflichtet, ihre gemeinsame Politik an dem Ziel auszurichten, die
|
||
globale mittlere Temperaturerhöhung auf unter 2 °C, besser 1,5 °C zu begrenzen.
|
||
Spätestens im Jahr 2035 muss dafür eine Treibhausgasneutralität erreicht sein. Die
|
||
Emissionen dürfen dann nicht mehr die Kapazität der Natur übersteigen, diese Gase zu
|
||
speichern. Zentrales Instrument hierfür ist die Reduzierung des CO2-Ausstoßes aus der
|
||
Verbrennung fossiler Brennstoffe.
|
||
Der Ausbau der Erneuerbaren Energien sowie die Steigerung der Energieeffizienz in
|
||
Industrie, Gewerbe und dem Wohnungsbau sind Bestandteil der erreichten CO2-
|
||
Minderungen in Deutschland und zugleich ein Faktor zur Stärkung des Lebens- und
|
||
Wirtschaftsstandortes Sachsen-Anhalt.
|
||
Diesen erfolgreichen Weg für gute, nachhaltige Lebensverhältnisse und moderne,
|
||
innovative und zukunftssichere Arbeitsplätze wollen wir mit Grüner Umwelt- und
|
||
Wirtschaftspolitik weiter gemeinsam mit den Bürger*innen entwickeln.
|
||
Klimaschutz als Leitlinie von politischen Entscheidungen
|
||
Wir stellen uns der immensen Herausforderung und treten dafür ein, dass alle politischen
|
||
Entscheidungen
|
||
unter
|
||
Klimaauswirkungsvorbehalt
|
||
stehen.
|
||
Die
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||
gravierenden
|
||
Auswirkungen der Klimaerwärmung sind schon jetzt weit fortgeschritten. Wir alle sind in
|
||
der Verantwortung auf das gemeinsame Ziel Klimaneutralität hinzuarbeiten, denn es geht
|
||
um die menschlichen Lebensgrundlagen und eine lebenswerte Zukunft. Die Klimakrise
|
||
betrifft zuerst die Schwächsten, vor allem Kinder, Jugendliche und Frauen und nicht
|
||
zuletzt auch die Menschen im globalen Süden. Ziel unserer Politik ist eine Welt, in der
|
||
sie, unsere Enkel*innen und auch alle nachfolgenden Generationen noch ein gutes Leben
|
||
führen können.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Klimaneutralität bis spätestens 2035 realisieren
|
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Mit der Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens haben sich die Europäische Union,
|
||
Deutschland und Sachsen-Anhalt dem 1,5-Grad-Ziel verpflichtet. Um dieses Ziel erreichen
|
||
zu können, müssen wir bis spätestens zum Jahr 2035 klimaneutral werden.
|
||
Wir unterstützen Maßnahmen und Strategien, die die Klimaneutralität bereits früher
|
||
erreichen wollen. Denn je schneller wir klimaneutral wirtschaften und leben, desto mehr
|
||
wird Sachsen-Anhalt seiner Verpflichtung zum 1,5-Grad-Ziel gerecht und zugleich ein
|
||
international attraktiver, nachhaltiger Wirtschaftsstandort.
|
||
Klimaschutzgesetz beschließen
|
||
Klimaschutz braucht Verbindlichkeit. Daher streiten wir für ein Klimaschutzgesetz. Mit
|
||
dem Gesetz kann der Landtag seiner Aufgabe als Kontrollorgan der Landesregierung
|
||
nachkommen und zielgerichtete Rahmenbedingungen schaffen, damit konkrete
|
||
Maßnahmen zum Erreichen von Klimaneutralität zügig und von allen Ministerien und
|
||
Behörden umgesetzt werden.
|
||
Das bereits auf den Weg gebrachte Klima- und Energiekonzept mit 72 konkreten
|
||
Klimaschutzmaßnahmen wollen wir fortschreiben und durch weitere Maßnahmen in
|
||
seiner Wirksamkeit stärken.
|
||
Die Einhaltung der ambitionierten Klimaschutzziele muss überwacht werden. Deshalb
|
||
soll dem Landtag Sachsen-Anhalt auf der Grundlage eines wissenschaftlich begleiteten
|
||
Monitorings zweimal in der Legislaturperiode ein Klimabericht über die Entwicklung der
|
||
Treibhausgasemissionen nach Sektoren und eine Evaluation der Maßnahmen des Klima-
|
||
und Energiekonzepts vorgelegt werden.
|
||
Das Land als Vorbild
|
||
Wir wollen, dass das Land Sachsen-Anhalt als Vorbild voran geht. Im Landeshaushalt
|
||
sollen alle klimaschädlichen Titel gestrichen werden. Versteckte Subventionen für fossile
|
||
Energien sind zu beenden. Wir setzen auf Investitionen in Erneuerbare Energien und die
|
||
Steigerung der Energieeffizienz. Für die Landesverwaltung fordern wir die Einführung
|
||
eines wirksamen CO2-Schattenpreises. Auch bei Ausschreibungen in Bezug auf
|
||
Landesliegenschaften müssen Klima- und Umweltkriterien verbindlich angelegt werden.
|
||
Wir wollen uns dafür einsetzen, Dienstreisen möglichst nicht mit dem Flugzeug
|
||
durchzuführen.
|
||
Der gesamte Landeshaushalt muss auf seine Klimaauswirkungen hin einfach zu
|
||
analysieren sein. Alle politischen Entscheidungen, Maßnahmen und Landesinvestitionen
|
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haben sich verbindlich an den Zielen des Klimaschutzes zu orientieren. Dafür wollen wir
|
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einen verbindlichen Klima- und Nachhaltigkeitscheck erarbeiten.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Für alle Liegenschaften des Landes fordern wir eine hundertprozentige erneuerbare
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Stromversorgung und wollen diese in den Ausschreibungen verbindlich durchsetzen. Bei
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||
Sanierung und Neubauvorhaben des Landes ist in der Planung und Umsetzung die
|
||
Nutzung erneuerbarer Energien im Rahmen des technisch Machbaren verpflichtend.
|
||
Um Heizenergie einzusparen, sollen die Heizungsregelungen in den landeseigenen
|
||
Gebäuden optimal eingestellt, ein klimafreundliches Verhalten im Umgang mit
|
||
Heizenergie durchgesetzt sowie gebäudebezogene Sanierungspläne für landeseigene
|
||
Immobilien aufgestellt werden. Die jährliche energetische Sanierungsquote von 0,8
|
||
Prozent muss auf mindestens 2,5 Prozent angehoben werden.
|
||
Neben allen Gebäuden der öffentlichen Hand, haben die öffentlichen Bildungs- und
|
||
Kultureinrichtungen eine Vorbildfunktion. Daher wollen wir diese fördern. Wir wollen ein
|
||
Klimaschutz-Sofort-Programm mit einer auskömmlichen jährlichen Finanzierung aus
|
||
dem Landeshaushalt. Damit können Schulen, Hochschulen und Bildungseinrichtungen
|
||
unkompliziert auch kleine Förderbeträge für Klimaprojekte beantragen, die schnell
|
||
wirksam werden.
|
||
Kommunen bei der Energiewende unterstützen
|
||
Wir wollen die kommunale Ebene dabei unterstützen, Klimaschutz voranzutreiben.
|
||
Klimaschutz kann und wird wirksam auf der kommunalen Ebene von Bürger*innen,
|
||
Gewerbe, Industrie und Verwaltungen umgesetzt. Landkreise und kreisfreie Städte
|
||
müssen deshalb analog zu den Flächen- und Bebauungsplänen verbindliche
|
||
Klimaschutzpläne erstellen, die mindestens ein kommunales Energiemanagementsystem
|
||
und eine kommunale Wärmeplanung enthält. Die Arbeit mit Klimaschutzmanager*innen
|
||
für die Entwicklung von Klimaschutzkonzepten sowie deren regelmäßige Fortschreibung
|
||
muss eine durch Land und Bund finanzierte Pflichtaufgabe werden. Die kommunale
|
||
Energiewende braucht die Menschen vor Ort mit einer Vielzahl individueller Lösungen.
|
||
Deshalb wollen wir nationale und europäische Netzwerke lokaler und kommunaler
|
||
Initiativen fördern.
|
||
|
||
II Energie
|
||
Die Zukunft der Energieversorgung sind die Erneuerbaren Energien. Um die
|
||
Auswirkungen der Klimakrise zu begrenzen und die Klimaschutzziele zu erreichen, ist die
|
||
Energiewende unabdingbar. Fossile Energien wie Braunkohle, Gas und Atomkraft haben
|
||
ausgedient. Wir unterstützen die Bepreisung von CO2-Emissionen, damit die Kosten der
|
||
fossilen Energienutzung mit ihren schädlichen Umweltauswirkungen im Wettbewerb mit
|
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den sauberen Erneuerbaren Energien fair berücksichtigt werden.
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Die mit Abstand effizienteste Klimaschutzmaßnahme ist die Vermeidung von unnötigem
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Energieverbrauch. Deshalb ist die Senkung des Energieverbrauchs eine wichtige Säule
|
||
der Energiewende. Der aktuelle Stand der Technik, alternative Materialien und neue
|
||
Formen der gesellschaftlichen Teilhabe lassen schon heute zu, dass bei weniger
|
||
Energieeinsatz gleiche Ergebnisse erzielt werden. Das erfolgreiche Förderprogramm des
|
||
Landes zur CO2-Einsparung in kleinen und mittleren Unternehmen wollen wir fortsetzen.
|
||
Das macht die Unternehmen fit für die Zukunft und ist gut für das Klima.
|
||
Mit dem weiteren Ausbau Erneuerbaren Energien bleibt Sachsen-Anhalt ein Land der
|
||
Energie.
|
||
Dezentrale Energieversorgung
|
||
Wesentlicher Bestandteil der Energiewende ist für uns die dezentrale Energieerzeugung.
|
||
Bürger*innen mit eigenen Energiegenossenschaften, Stadtwerke und Kommunen müssen
|
||
als Akteur*innen stärker eingebunden werden.
|
||
Auf Landesebene muss es den Kommunen ermöglicht werden, Energieanlagen mit
|
||
Erneuerbaren Energien zu betreiben. Hierfür wollen wir das Kommunalverfassungsgesetz
|
||
novellieren.
|
||
Unabhängige Beratungsstelle für Erneuerbare Energien schaffen
|
||
Die Energiewende braucht umfassende sowie neutrale Information und Beratung zu allen
|
||
Aspekten der Umsetzung von Projekten mit Erneuerbaren Energien und der Nutzung von
|
||
Potentialen aus der Sektorenkopplung. Für Kommunen und Bürger*innen bieten die
|
||
dezentralen Erneuerbaren Energien eine Vielzahl von Möglichkeiten der Umsetzung auf
|
||
lokaler Ebene. Damit Konzepte für die dezentrale Erneuerbare Energieversorgung in
|
||
gemeinsamen Quartieren, die Umsetzung von Fern- und Nahwärmenetzen mit
|
||
Erneuerbaren Energien, die Nutzung von Abwärme sowie die Nutzung flexibler Lasten
|
||
und Speicher umgesetzt werden können, müssen die lokalen Akteur*innen besser
|
||
unterstützt werden.
|
||
Wir
|
||
schaffen
|
||
dafür
|
||
eine
|
||
unabhängige
|
||
Beratungsstelle.
|
||
Diese
|
||
soll
|
||
bei
|
||
der
|
||
Landesenergieagentur Sachsen-Anhalt (LENA) angesiedelt werden. Die LENA soll dafür
|
||
personell besser ausgestattet werden, um eine aktive, professionelle Unterstützung von
|
||
Bürger*innen bei der Umsetzung von Vorhaben oder der Begleitung von
|
||
Genehmigungsverfahren mit dem Ziel der Steigerung der Akzeptanz zu leisten.
|
||
100 Prozent erneuerbare Energien bis spätestens 2035
|
||
Klimaneutral zu werden heißt, bis 2035 100 Prozent Erneuerbare Energien in allen
|
||
Bereichen der Energienutzung – von der Wärme über den Verkehr bis zur industriellen
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Produktion –zu erreichen. Für die Deckung des jetzigen Strombedarfs Deutschlands und
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dem Strombedarf für die angestrebte Elektromobilität und Wasserstoffwirtschaft ist im
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||
Vergleich zu heute die 3- bis 7-fache installierte Leistung an Windkraft und Photovoltaik
|
||
nötig. Um den Wärmebedarf zu decken, sind daneben der verstärkte Ausbau von
|
||
solarthermischen Großanlagen für Fernwärmenetze und Prozessenergie für die Industrie
|
||
nötig.
|
||
Die jährlichen Zubauraten an regenerativer Energie wie Windenergie, Photovoltaik,
|
||
Bioenergie und solarthermischen Großanlagen müssen deshalb deutlich größer werden.
|
||
Wir wollen dafür sorgen, dass das Land Sachsen-Anhalt einen konkreten Plan mit
|
||
Zwischenzielen 2025 und 2030 zum Ausbau der regenerativen Strom- und
|
||
Wärmeversorgung erstellt, mit dem bis 2035 Klimaneutralität erreicht wird. Dazu müssen
|
||
geeignete Flächen erfasst und vorrangig bereitgestellt werden.
|
||
Windenergie als wichtigen Wirtschaftssektor für Sachsen-Anhalt
|
||
sichern
|
||
Die Standorte der Fertigung von Windkraftanlagen sollen von Bund und Land mit Mitteln
|
||
aus dem europäischen Green Deal durch eine Förderung der Forschungs- und
|
||
Entwicklungskompetenzen gestärkt werden. Wir wollen die wissenschaftliche
|
||
Zusammenarbeit
|
||
zwischen
|
||
den
|
||
Standorten
|
||
und
|
||
den
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||
Hochschulen
|
||
sowie
|
||
Forschungsinstituten fördern.
|
||
Repowering vorantreiben
|
||
Wir setzen zudem auf Repowering, die Erneuerung der bestehenden Windkraftanlagen,
|
||
um mehr Windenergie mit neuer und effizienter Technik in Sachsen-Anhalt zu
|
||
produzieren.
|
||
Wir nehmen den Interessenkonflikt zwischen Naturschutz und Windenergieausbau ernst.
|
||
Daher gilt es, den Leitfaden „Artenschutz an Windenergieanlagen“ von Sachsen-Anhalt
|
||
anzuwenden und fortzuschreiben. Technologien zur Minimierung von Kollision mit
|
||
Vögeln und Fledermäusen durch automatische Abschalteinrichtungen sind entsprechend
|
||
der naturschutzfachlichen Notwendigkeit bei allen Neuplanungen und Repowering-
|
||
Maßnahmen konsequent einzusetzen. Die Forschung auf Bundes- und Landesebene zum
|
||
Abbau von Konflikten zwischen Naturschutz und Windkraftnutzung wollen wir
|
||
unterstützen. Die bereits umgesetzten Regelungen auf Landesebene fördern die
|
||
Installation neuer leistungsstarker Anlagen in den Windvorrang- und Eignungsgebieten
|
||
unter Achtung von Arten- und Naturschutz. Für die komplexen und umfassenden
|
||
Genehmigungsprozesse wollen wir eine bessere Personalausstattung in den
|
||
Genehmigungsbehörden.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Um mehr Windenergie zu gewinnen, braucht es mehr Flächen für Windkraft. Wir wollen
|
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im Landesentwicklungsgesetz als Ziel verankern, dass mindestens zwei Prozent der
|
||
Landesfläche
|
||
als
|
||
Windvorrangs-
|
||
oder
|
||
Eignungsgebiete
|
||
in
|
||
den
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regionalen
|
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Entwicklungsplänen ausgewiesen werden.
|
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Wir unterstützen Maßnahmen zur rechtssicheren Umsetzung von Repowering an
|
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Standorten mit hoher Akzeptanz.
|
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Potential sehen wir dabei insbesondere in der Nähe von Straßen, Bahn- und Stromtrassen.
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||
Naturschutzfachlich wertvolle Waldflächen mit Schutzstatus sind für uns tabu. Für Wälder
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ohne Schutzstatus sollte hingegen die Errichtung von Windenergieanlagen nicht von
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Vorneherein ausgeschlossen werden. Dies könnte insbesondere für artenarme und
|
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gleichförmige Nadelholzmonokulturen, wie Kiefern- und Fichtenwälder und durch den
|
||
Klimawandel geschädigte Wald – und Forststandorte gelten. Eine vom Landesamt für
|
||
Umweltschutz (LAU) erstellte Positivliste soll die Standorte angeben, damit es nicht zu
|
||
Konflikten mit Arten- und Naturschutz kommt.
|
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Kommunen an der Windenergienutzung finanziell beteiligen
|
||
Die Energiewende lebt von der Akzeptanz der Bevölkerung. Wir treten für eine
|
||
verpflichtende Außenbereichsabgabe auf Bundesebene ein. Die dazugehörige Initiative
|
||
des grün geführten Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft und Energie in dieser
|
||
Legislatur wollen wir weiter vorantreiben. Außerdem fordern wir die Bundesregierung
|
||
auf, die Möglichkeiten der EU-Erneuerbaren-Energien-Richtlinie zu nutzen und gesetzlich
|
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zu verankern, dass die Bürger*innenwindenergieanlagen ohne Ausschreibungsverfahren
|
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im EEG gefördert werden.
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Wir wollen eine Leitlinie zur Förderung der Bürgerbeteiligung an Wind- und
|
||
Freiflächensolaranlagen entwickeln, damit sich insbesondere die Bürger*innen aus der
|
||
Region beteiligen können.
|
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Wir wollen einen Rahmen schaffen, dass sich Gemeinden mit bestehenden
|
||
Flächenbesitzanteilen durch Verpachtung der Flächen direkt an Wind- und Solarprojekten
|
||
beteiligen können.
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||
Solarenergie ausbauen
|
||
Jedes Gebäude, jeder Verkehrsweg und jede alte Mülldeponie soll, soweit möglich, mit
|
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Photovoltaik-Modulen und solarthermischen Kollektoren ausgestattet werden. Die
|
||
Nutzung der Potentiale für die Solarenergie an Gebäuden und über versiegelten Flächen
|
||
wie Parkplätzen muss forciert werden. Wir fordern deshalb, dass die Nutzung von
|
||
Solaranergie (Photovoltaik und Solarthermie) bei jedem Neubau und bei jeder
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Dachsanierung gesetzlich verpflichtend ist. Mit Photovoltaik und Solarthermie kann
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Strom und Wärme vor Ort, wo sie gebraucht werden, produziert werden.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Wir wollen Pilotprojekte in Sachsen-Anhalt zur Nutzung von Solarmodulen an
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Lärmschutzwänden und anderen Infrastruktureinrichtungen nutzen.
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Photovoltaik auf landwirtschaftlichen Flächen
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Wir wollen die Landwirt*innen durch zusätzliche Einnahmen aus der Energiewende
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wirtschaftlich stärken. Agri-Photovoltaik ermöglicht gleichzeitig die landwirtschaftliche
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Nutzung
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und
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Solarstromerzeugung
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auf
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ein
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und
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derselben
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Fläche.
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Die
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landwirtschaftlichen Flächen bieten ein enormes Potential, gerade auf den Anbauflächen
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schattentoleranter Kulturen wie zum Beispiel Kartoffeln. Wir begrüßen die Aufnahme der
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Agri-Photovoltaik im Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) auf Bundesebene. Wir fordern
|
||
vom Bund die weiteren gesetzlichen Rahmenbedingungen im Baugesetzbuch und der
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||
Agrarförderung zu schaffen, um die einfache Umsetzung von Projekten zu ermöglichen.
|
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Wir streben an, Pilotprojekte zu initiieren, um Erfahrungen mit Agri-Photovoltaik zu
|
||
sammeln.
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Wir wollen die Möglichkeit von Freiflächen-Photovoltaikanlagen in benachteiligten
|
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landwirtschaftlichen Gebieten sowie deren Vergütung nach dem EEG durch
|
||
Landesverordnung ermöglichen und dabei auch den Landesentwicklungsplan, der das
|
||
bisher ablehnt, ändern. Die Umsetzung von PV - Projekten im EEG entlang von
|
||
Bundesstraßen, Autobahnen und Bahntrassen wollen wir forcieren. Vergleichend zur
|
||
Außenbereichsabgabe für Windkraftanlagen fordern wir akzeptanzfördernde Maßnahmen
|
||
für alle Freiflächenanlagen, z.B. durch eine Pflichtabgabe an die betroffenen Gemeinden.
|
||
Mit dem Ziel der ökologischen Aufwertung und zur Integration in das Landschaftsbild
|
||
sollen Freiflächenanlagen zum Beispiel großzügig mit Hecken umsäumt werden.
|
||
Ökologisches Monitoring soll hierbei negative Auswirkungen minimieren.
|
||
Mieter*innenstrom und Eigenstromnutzung fördern.
|
||
Bei Eigenstromnutzung wird Solarenergie genutzt, wo diese gebraucht wird. Wir fordern
|
||
die Hemmnisse auf Bundes- und Landesebene zur Eigenstromnutzung endlich
|
||
konsequent abzubauen. Wir wollen eine unbürokratische und wirtschaftliche Nutzung
|
||
sowohl von Kleinstsolaranlagen wie Balkonsolaranlagen als auch für große Anlagen in
|
||
Gewerbebetrieben
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oder
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||
für
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Mieterstromkonzepte.
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Wir
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wollen,
|
||
dass
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die
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Landesenergieagentur als zentrale und neutrale Beratungsstelle für Mieterstrommodelle
|
||
in Partnerschaft mit der Wohnungswirtschaft tätig werden kann. Durch die Maßnahmen
|
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können die Vorteile einer dezentralen Energiewende auch Mieter*innen und Menschen
|
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mit geringem Einkommen erreichen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Bioenergie noch ökologischer machen
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Wir wollen die Bioenergie im Land in ihrem Bestand stärken und noch ökologischer
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machen. Sie ist nach der Windkraft die zweitgrößte Energiequelle für erneuerbaren Strom
|
||
in Sachsen-Anhalt. Die Nutzung von Bioenergie muss sich künftig den neuen
|
||
Herausforderungen einer 100-prozentig Erneuerbaren Energieversorgung stellen. Die
|
||
wirtschaftliche Nutzung von Biomasse zur Stromerzeugung muss ohne Monokulturen
|
||
erfolgen. Sie muss im Einklang mit den Zielen des Arten- und Naturschutzes ihre
|
||
Potentiale als speicherbare Energie und flexible Stromerzeugung voll entfalten. Wir
|
||
fordern vom Bund Rahmenregelungen, die sich an den technologischen Bedingungen der
|
||
Biomasseanlagen und dem Ziel 100 Prozent Erneuerbarer Energien in der
|
||
Stromerzeugung orientieren.
|
||
Wir fordern eine 100% Nutzung der erzeugten Energie. Überschüssige Abwärme aus der
|
||
Stromerzeugung ist z.B. durch Nachwärmekonzepte bei bestehenden und neuen Anlagen
|
||
zu nutzen. Wir fordern vom Bund die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im
|
||
Erneuerbare-Energien-Gesetz weiter zu verbessern.
|
||
Die Nutzung von Klärgasen und Bioabfällen zur Biogaserzeugung in geschlossenen
|
||
Anlagen ist ein Baustein hin zu einer treibhausgasneutralen Kreislaufwirtschaft. Durch
|
||
die Vergärung des Bioabfalles werden CO2- und Methanemissionen vermieden, zugleich
|
||
wird Strom und Wärme erzeugt und der feste und flüssige Gärrest kann als Dünger
|
||
genutzt werden. Gartenabfälle sollen den Bioabfällen zugeführt werden, ihr Verbrennen
|
||
wollen wir verbieten.
|
||
Energiewendedörfer und -quartiere fördern
|
||
Energiewendedörfer ergreifen die Chancen, die Energiewende und Klimaschutz bieten.
|
||
Davon profitiert die Gemeinde wirtschaftlich, der regionale Zusammenhalt wird gestärkt
|
||
und gemeinsame Initiativen werden auf dem Weg gebracht. Kommunen wie Saerbeck im
|
||
nördlichen Münsterland oder der Rhein-Hunsrück-Kreis haben es bewiesen und auch
|
||
Dardesheim, Tangeln und Sieben Linden in Sachsen-Anhalt zeigen, wie die Energiewende
|
||
gelingen kann und zu einem echten Gewinn für die Kommune wird.
|
||
Förderprogramm für alternative Wärmeversorgungsanlagen
|
||
Mit Blick auf die Endlichkeit fossiler Energieträger und die Alternativen, die es im
|
||
Heizungsbereich bereits gibt, sind Neu-Installationen von Öl- und Erdgasheizungen
|
||
unvereinbar mit dem Ziel einer Klimaneutralität bis 2035. Es gibt bereits zahlreiche
|
||
alternative Wärmeversorger-Anlagen: Solarthermieanlagen mit großen dezentralen
|
||
und/oder saisonalen Speichern, Biomasseanlagen mit nachhaltiger Biomasseproduktion,
|
||
vorzugsweise aus der Region, oberflächennahe Erdwärmepumpenanlagen sowie Elektro-
|
||
oder
|
||
Gas-Wärmepumpen.
|
||
Wir
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||
fordern
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den
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Bund
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auf,
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die
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bestehenden
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Bundesförderprogramme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und des Bundesamtes
|
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für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BaFa) miteinander kombinierbar zu machen und mit
|
||
höheren Zuschüssen und Tilgungszuschüssen aus den Einnahmen der CO2-Bepreisung
|
||
auszustatten, solange die CO2-Preise des Brennstoffemissionshandelsgesetzes nicht die
|
||
realen Umweltkosten abbilden.
|
||
Die bisherige Förderung von Anlagen zur Kraft- Wärme-Kopplung (KWK) sollte es nur
|
||
noch geben, wenn die Brennstoffe auf regenerativer Basis wie Biomasse, Power-to-Liquid
|
||
oder Power-to-Gas basieren.
|
||
Straßenbeleuchtung energieeffizient machen
|
||
Viele Kommunen setzen darauf, die nächtliche Straßenbeleuchtung bei gleichzeitiger
|
||
Gewährleistung des Sicherheitsaspekts und Reduzierung der Lichtverschmutzung zu
|
||
mindern. Durch Umrüstung auf sparsame Leuchtmittel, intelligente Schaltung und
|
||
Bewegungssensoren werden auch die Haushalte der Kommunen entlastet. Wir fordern,
|
||
dass auch finanzschwache Kommunen diese rentierlichen Investitionen durch günstige
|
||
Kredite finanzieren können. Die Neuplanung unter Beachtung der Minimierung der
|
||
Lichtverschmutzung ist der Sanierung durch Austausch der Leuchtkörper vorzuziehen.
|
||
Erfahrungen aus dem Pilotprojekt in Bernburg sind zu nutzen.
|
||
Förderung für Stromspeicher
|
||
100 Prozent Erneuerbare Energien erfordert die Speicherung von Strom. Dezentrale
|
||
Speicher für Ein- und Mehrfamilienhäuser sind am Markt verfügbar. Wir fordern, dass die
|
||
Forschung, Entwicklung und Anwendung von Speichern aus Mitteln des EFRE und der
|
||
Strukturförderung des Kohleausstiegs gefördert werden. Wir wollen, dass Sachsen-Anhalt
|
||
frühzeitig die wirtschaftliche Chance dieser Technologie nutzt. Gemeinsam mit
|
||
Hochschulen und Forschungseinrichtungen wollen wir in Sachsen-Anhalt die Kurz-,
|
||
Mittel- und Langzeitspeicher voranbringen. Neben elektrochemischen Speichern wollen
|
||
wir
|
||
auch
|
||
andere
|
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Speichertechnologien
|
||
wie
|
||
mechanische
|
||
Speicher
|
||
und
|
||
sektorenübergreifende Speicher wie Power-to-X weiter erforschen und ihr Potential für
|
||
Sachsen-Anhalt identifizieren, speziell auch bei der Rekultivierung der Alttagebauflächen
|
||
im Süden von Sachsen-Anhalt. Das erfolgreiche Förderprogramm für elektrochemische
|
||
Stromspeicher wollen wir verstetigen.
|
||
Sachsen-Anhalt muss Schrittmacher beim grünen Wasserstoff werden
|
||
Im grünen – und nur im grünen! – Wasserstoff, bei dem durch Elektrolyse oder andere
|
||
noch effizientere Verfahren Strom aus Wind und Sonne gespeichert wird (Power-to-Gas),
|
||
sehen wir ein bedeutendes Standbein für die Energiewende in Sachsen-Anhalt. Das
|
||
Mitteldeutsche Revier ist ein Zentrum der Chemieindustrie. Daher setzen wir uns im
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Rahmen des Strukturwandels dafür ein, dass die Region eine Modellregion für grünen
|
||
Wasserstoff wird. Auch in anderen grünen Gasen wie grünem Ammoniak sehen wir
|
||
Potential. Damit sollen Arbeitsplätze der Kohleindustrie ersetzt und neue geschaffen
|
||
werden.
|
||
Darüber hinaus wollen wir auch in anderen Landesteilen die Gasinfrastruktur
|
||
wasserstofftauglich machen. Wir fordern vom Bund im Rahmen der nationalen
|
||
Wasserstoffstrategie die Forschungs- und Wirtschaftszweige rund um Wasserstoff
|
||
landesweit zu unterstützten und zu fördern. Die Brennstoffzellentechnologie muss für
|
||
alle nicht elektrotauglichen Verkehrsträger, Heim- und Industrieanwendungen
|
||
weiterentwickelt und durch den Bund gefördert werden. Dafür braucht es neben
|
||
Prüfständen vor allem auch Fertigungs- und Forschungsstandorte. Die Infrastruktur zum
|
||
Transport von Wasserstoff (zum Beispiel Wasserstofftankstellen, Gasleitungssysteme und
|
||
Druckbehälter) muss geschaffen werden.
|
||
Verteilnetze für die Elektromobilität und Wärmepumpenanwendungen
|
||
stärken
|
||
Wir müssen die Stromnetze sanieren, optimieren und ausbauen, um sie für die
|
||
erneuerbaren Energien fit zu machen. Die neuen Anwendungsfelder von elektrischer
|
||
Energie in der Mobilität und beim Heizen durch Wärmepumpen stellen zusätzliche
|
||
Anforderungen an die lokalen Netze. Daher wird neben dem Stromleitungsnetzausbau
|
||
intelligente dezentrale Speichertechnologien für den Ausgleich von Lastspitzen und
|
||
Erzeugerspitzen ein wichtiger Beitrag sein. Wir wollen Projekte für Netzstabilität,
|
||
Spannungs- und Frequenzhaltung fördern. Ein Netzausbau und dessen Verstärkung ist
|
||
daher sowohl im Lokalen als auch bei großen Übertragungsleitungen unabdingbar. Wir
|
||
wollen den Ausbau auf das absolut notwendige Maß beschränken, um die Natur zu
|
||
schonen. Für die energiepolitische Unabhängigkeit des Kontinents von fossiler Energie
|
||
setzen wir uns dafür ein, dass Sachsen-Anhalt im Rahmen einer bundesweiten Strategie
|
||
seinen Beitrag zu europäischen länderübergreifenden Stromnetzen leistet.
|
||
Wir setzen uns für die Minderung der Entgelte und Umlagen auf Strom für Wärmepumpen
|
||
und Mobilitätsanwendungen auf Bundesebene ein.
|
||
Aus der Braunkohle früher aussteigen
|
||
Das Kohleausstiegsgesetz hat festgelegt, dass die Braunkohlekraftwerke in Sachsen-
|
||
Anhalt spätestens 2034 stillgelegt werden. Wir wollen darauf hinarbeiten, dass eine
|
||
Stilllegung bis 2030 ermöglicht wird. Je früher wir aus der Braunkohle aussteigen, desto
|
||
besser bringen wir zukunftsfähige Jobs und Zukunftsbranchen bei uns im Land voran und
|
||
desto sicherer erreichen wir unser Ziel der Klimaneutralität bis 2035. Wir wollen über
|
||
eine
|
||
Änderung
|
||
des
|
||
Landesentwicklungsplans
|
||
den
|
||
Ausstieg
|
||
aus
|
||
der
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||
Braunkohleverstromung
|
||
unumkehrbar
|
||
machen.
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||
Wir
|
||
wollen
|
||
deshalb
|
||
im
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Landesentwicklungsplan die Vorranggebiete für Rohstoffgewinnung „Braunkohle
|
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Profen/Domsen“ und „Braunkohle Lützen“ durch Vorranggebiete für andere Funktionen
|
||
oder Nutzungen ersetzen.
|
||
Der Kohleausstieg ist eine gesamteuropäische Aufgabe, die nicht allein den Regionen
|
||
überlassen werden darf. Deshalb setzen wir uns auf EU-Ebene für die Aufstockung der
|
||
Strukturfonds – vor allem des Just Transition Funds – im Haushalt der Europäischen
|
||
Union ein.
|
||
Braunkohleunternehmen müssen Folgekosten tragen
|
||
Die Nutzung der Braunkohle hat immense Folgekosten. Für uns ist klar, dass diese von
|
||
den Braunkohleunternehmen getragen werden müssen, die in der Vergangenheit
|
||
Milliardengewinne an ihre Aktionär*innen ausgeschüttet haben. Als Verursacher müssen
|
||
die Unternehmen für die Finanzierung der Folgekosten aufkommen. Wir fordern, dass die
|
||
Unternehmen das volle Wasserentnahmegeld zur Entwässerung der Tagebaue zahlen.
|
||
Damit sollen die öffentlichen Haushalte geschützt werden. Wir setzen uns dafür ein,
|
||
unverzüglich insolvenzsichere Sicherheitsleistungen von den Tagebaubetreibern
|
||
einzufordern. So sichern wir ab, dass die Tagebaue wieder anderweitig nutzbar gemacht
|
||
werden können, beispielsweise zu Freizeit- und Erholungszwecken.
|
||
Kein Fracking und keine Endlagerung von Kohlendioxid zulassen
|
||
Fracking ist für uns keine Option. Ebenfalls lehnen wir die CCS-Technologiekette (Carbon,
|
||
Capture and Storage) ab, die Kohlendioxid abscheidet, transportiert und unterirdisch
|
||
verpresst.
|
||
Sicherheit des Atommüllendlagers Morsleben muss Priorität haben
|
||
Wir fordern ein tragfähiges und sicheres Stilllegungskonzept für das Endlager für
|
||
schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Morsleben (ERAM). Die Bundesregierung hat
|
||
diese Abfälle von den AKW-Betreibern übernommen und ist somit auch für die sichere
|
||
Entsorgung verantwortlich. Wir fordern deshalb von der BGE (Bundesgesellschaft für
|
||
Endlagerung) die zügige Vorlage der für das Stilllegungskonzept notwendigen
|
||
Unterlagen. In diesem Zusammenhang müssen auch die zwischengelagerten Abfälle
|
||
(Radiumfass), für die es keine Endlagergenehmigung gibt, und das nicht genehmigte
|
||
Ostfeld geräumt werden.
|
||
Der Bund hat 2020 endlich Geld freigegeben, um die strukturellen Nachteile des
|
||
Standortes abzufedern. Dennoch wird Morsleben im Vergleich zu den beiden anderen
|
||
Atommüll-Standorten Asse und Schacht Konrad ungleich behandelt. Der Zukunftsfonds
|
||
Asse erhält seit 2015 jährlich drei Millionen Euro vom Bund. In den Konrad-Fonds fließen
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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seit 2011 pro Jahr jeweils 700 000 Euro. In Morsleben sollen nur 400 000 Euro jährlich
|
||
fließen. Wir wollen, dass der Bund die finanziellen Zuwendungen anpasst.
|
||
Bei der erneuten Endlagersuche für den radioaktiven Abfall von deutschen
|
||
Atomkraftwerken zählen wissenschaftliche Erkenntnisse und nicht politischer Druck.
|
||
Auch in Sachsen-Anhalt gibt es Regionen, die geologisch betrachtet dafür grundsätzlich
|
||
in Frage kommen. Wir unterstützen einen offenen und transparenten, deutschlandweiten
|
||
Prozess für die Suche nach einem sicheren Endlager für radioaktiven Abfall.
|
||
|
||
III Umwelt- und Naturschutz
|
||
Wir wollen unseren Enkelkindern eine lebenswerte Welt hinterlassen. Es ist daher unsere
|
||
zentrale Aufgabe, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Neben Klimaschutz
|
||
haben wir vor allem Umwelt- und Naturschutz im Blick. Wir setzen auf die ökologische
|
||
Modernisierung in allen Lebensbereichen.
|
||
Der Schutz der Natur geht uns alle an. Intakte Landschaften, saubere Gewässer,
|
||
unbelastete Böden und vielfältige Tier- und Pflanzenarten sind bestimmend für die
|
||
Lebensqualität. Sie bilden die Grundlage für wichtige Ökosystemleistungen wie sauberes
|
||
Wasser, Bestäubung und Bodenfruchtbarkeit. Deshalb muss Naturschutz auch intensiv
|
||
genutzte Räume wie Ortschaften und landwirtschaftliche Nutzflächen mit einbeziehen.
|
||
Wälder im Land erhalten und Waldumbau kontinuierlich vorantreiben
|
||
Wälder haben im Gegensatz zu Forsten vielfältigere Funktionen. Sie tragen in höherem
|
||
Maße zur Stabilität des Klimas bei, indem sie mehr CO2 und Wasser speichern und den
|
||
Boden besser vor Erosion schützen. Wälder sind strukturreicher Lebensraum für Flora und
|
||
Fauna, und damit artenreicher. Sie nehmen daher eine zentrale Rolle im Umwelt- und
|
||
Klimaschutz ein.
|
||
Den bisherigen Umbau von Monokulturen hin zu naturnahen klimastabilen Mischwäldern
|
||
mit einheimischen Gehölzen aus regionalen Herkünften wollen wir weiterverfolgen. Wir
|
||
wollen die Waldbesitzer*innen bei der langfristigen Umwandlung der Forste in naturnahe
|
||
bewirtschaftete Wälder begleiten. Dafür wollen wir finanzielle Mittel bereitstellen,
|
||
umfassende Beratung anbieten und begleitende Forschung unterstützen. Die vorbildliche
|
||
an Klimaschutz und Artenreichtum ausgerichtete Arbeit des Landesforstbetriebes wollen
|
||
wir stärken. Dazu sollen die Reviere schrittweise verkleinert und FSC-zertifiziert werden,
|
||
der
|
||
Aufbau
|
||
von
|
||
Waldrändern
|
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verstetigt
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||
und
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||
möglichst
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bodenschonendere
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||
Bearbeitungsmethoden eingeführt werden.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Großschutzgebiete stärken
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||
Großschutzgebiete schützen Flora und Fauna; gleichzeitig sind sie eine Chance für die
|
||
Menschen in den Regionen und auch für den Tourismus. Daher setzen wir uns dafür ein,
|
||
dass sie gefördert und, wo fachlich sinnvoll, erweitert werden.
|
||
Der Nationalpark Harz ist und bleibt eine länderübergreifende Erfolgsgeschichte.
|
||
Naturschutz hat hier oberste Priorität. Wir sprechen uns klar für einen naturnahen
|
||
Tourismus und gegen Großprojekte, wie zum Beispiel die Seilbahn auf dem Winterberg
|
||
in Schierke, aus.
|
||
Die personelle und finanzielle Stärkung unserer Biosphärenreservate wollen wir
|
||
sicherstellen.
|
||
Die Anerkennung des länderübergreifenden UNESCO-Biosphärenreservates Drömling ist
|
||
auf einem guten Weg und soll Naturschutz und Tourismus in der Region stärken. Die
|
||
Anerkennung
|
||
des
|
||
Biosphärenreservats
|
||
Karstlandschaft
|
||
Südharz
|
||
als
|
||
UNESCO-
|
||
Biosphärenreservat wollen wir weiter vorantreiben. Sie ist wichtig, um ein Verwaltungs-
|
||
und Informationszentrum zu schaffen, welches als Leuchtturmprojekt weit in das Land
|
||
strahlt, Schutzgebiete sichert und den Tourismus in der Region fördert.
|
||
Förderung der anerkannten Naturschutzverbände aufstocken
|
||
Die anerkannten Naturschutzverbände erledigen ehrenamtlich wichtige gesellschaftliche
|
||
Aufgaben. Das Ehrenamt im Naturschutz braucht daher eine stärkere Würdigung.
|
||
Die Naturschutzverbände und Landschaftspflegeverbände müssen stärker in die
|
||
Entwicklung der Natura 2000-Kulisse mit Aufgabenübertragung und Kostenerstattung
|
||
eingebunden werden.
|
||
Artensofortförderung verstetigen
|
||
Biodiversität, sichert unsere Lebensgrundlagen. Wenn Tiere, Pflanzen und Pilze
|
||
aussterben,
|
||
kommen
|
||
ganze
|
||
Ökosysteme
|
||
ins
|
||
Ungleichgewicht
|
||
und
|
||
drohen
|
||
schlimmstenfalls zu kollabieren. Damit sind auch unsere Lebensgrundlagen wie unsere
|
||
Nahrung, Trinkwasser und saubere Luft in Gefahr. Daher setzen wir alles daran, das
|
||
Artensterben zu stoppen.
|
||
Ein Erfolgsmodell zum Erhalt der Biodiversität ist die Artensofortförderung, die in dieser
|
||
Legislatur ins Leben gerufen wurde. Viele kleine Projekte, die jahrelang in den
|
||
Schubladen gewartet haben, wurden zügig und direkt vor Ort umgesetzt. Das Programm
|
||
soll weiterhin mit fünf Millionen Euro jährlich fortgesetzt werden.
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Ausreichende
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Kofinanzierung
|
||
für
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||
Bundes-
|
||
und
|
||
EU-Programme
|
||
sicherstellen
|
||
Ebenso wichtig sind auch Förderprogramme, die eine langfristige Pflege, Entwicklung und
|
||
den Ausbau von Flächen gewährleisten, die für den Naturschutz relevant sind. Wir setzen
|
||
uns auf Bundesebene dafür ein, dass die Mittel aus Bundesprogrammen, wie die GAK
|
||
(Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz) ausgebaut werden. Die
|
||
Sicherstellung einer ausreichenden Kofinanzierung aus Landesmitteln ist eine
|
||
Voraussetzung für den weiteren Ausbau von Bundes- und EU-Förderprogrammen.
|
||
Großtrappe und Rotmilan schützen
|
||
Verantwortungsarten Sachsen-Anhalts konsequent schützen
|
||
Für 19 Arten, wie Großtrappe, Rotmilan und Feldhamster, tragen wir in Sachsen-Anhalt
|
||
eine besondere Verantwortung. Die Anstrengungen um die Großtrappe, die nur noch in
|
||
Sachsen-Anhalt und Brandenburg lebt, zeigen bereits erste Erfolge. Diesen Weg wollen
|
||
wir weitergehen, indem wir den Förderverein Großtrappenschutz e.V. weiterhin
|
||
unterstützen. Wir wollen die Großtrappe im Vogelschutzgebiet „Zerbster Land“ wieder
|
||
ansiedeln.
|
||
Der Rotmilan hat in Sachsen-Anhalt seinen weltweiten Verbreitungsschwerpunkt.
|
||
Darum wollen wir das Heineanum in Halberstadt als Kompetenzzentrum für Greifvögel
|
||
bei Projekten, die die Landwirtschaft und den Schutz des Rotmilans zusammenbringen,
|
||
weiter unterstützen.
|
||
Außerdem wollen wir den Bau und Betrieb des zu schaffenden Informationszentrums am
|
||
Stausee Kelbra zu den dort rastenden Kranichen sichern und stehen zu einer langfristigen
|
||
Finanzierung des Storchenhofs Loburg.
|
||
Biberkompetenzzentrum schaffen
|
||
Die Biberpopulation in Sachsen-Anhalt wächst dank der erfolgreichen Naturschutzarbeit.
|
||
Deshalb
|
||
fordern
|
||
wir,
|
||
die
|
||
Landesreferenzstelle
|
||
für
|
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Biberschutz
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zum
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Biberkompetenzzentrum auszubauen. Damit soll das erfolgreiche Bibermanagement
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weiterentwickelt und Konflikte zwischen Mensch und Biber minimiert werden.
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Leitlinie Wolf bleibt Maßstab für den Wolfsschutz im Land
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||
Der Wolf ist nach internationalen, europäischen und nationalen Rechtsvorschriften streng
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geschützt und muss dies bleiben. Der Umgang mit dem Wolf ist mit der Leitlinie Wolf klar
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geregelt. Die Arbeit des Wolfskompetenzzentrums wollen wir fortführen.
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Unser Ziel ist, dass der Wolf und die Weidetiere koexistieren können. Dies erreichen wir
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durch einen Dreiklang aus Beraten – Schützen – Entschädigen. Denn Herdenschutz ist
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Wolfschutz. Die Neueinrichtung und Modernisierung von Weidesystemen wollen wir
|
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weiterhin fördern und um die laufenden Kosten für die Zaunerhaltung und der
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Herdenschutzhunde ausweiten. Verluste durch den Wolf müssen rasch und
|
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unbürokratisch ausgeglichen werden.
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||
Insekten schützen
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||
Die Insekten sind in besonderer Weise vom Artensterben betroffen. So hat beispielsweise
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in den letzten 30 Jahren die Biomasse der fliegenden Insekten um 75 Prozent
|
||
abgenommen. Wachsende Rote Listen sind ein weiteres Warnsignal. Dabei sind Insekten
|
||
von zentraler Bedeutung für die Ökosysteme. Sie bestäuben die Pflanzen, liefern einen
|
||
wichtigen Beitrag zur Fruchtbarkeit von Böden und sind Nahrung für eine Vielzahl anderer
|
||
Tiere. Das Insektensterben muss deshalb gestoppt werden.
|
||
Biotopverbünde schaffen
|
||
Weitere Biotopverbünde müssen geschaffen werden, damit jeder einzelne Lebensraum
|
||
von Tieren und Pflanzen aufgewertet wird. Zielführend hierfür ist ein sachsen-
|
||
anhaltisches Netz von Wildnisflächen als Refugium bedrohter Arten und Lebensräume.
|
||
Wir wollen mehr landeseigene Flächen für den Biotopverbund einsetzen und
|
||
Biotopflächen durch das Land erwerben. Neben der Flächenbereitstellung müssen
|
||
Beratung und Umsetzung ausgebaut werden. Der Biotopverbund muss in allen Bereichen
|
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forciert werden. Ausdauernde Strukturen wie Hecken und Säume bilden die Grundlage
|
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dafür und werden ergänzt durch temporäre Strukturen wie Blühstreifen. Dafür wollen wir
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||
Geld
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im
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Haushalt
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verankern.
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Darüber
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hinaus
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sollen
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bei
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Ausgleichs-
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und
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Ersatzmaßnahmen Biotopverbünde vorrangig berücksichtigt werden.
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||
Schutz der Natura 2000-Flächen konsequent umsetzen
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||
Die Natura 2000-Gebiete müssen dem Arten- und Biotopschutz dienen. In dieser
|
||
Legislatur wurden sie endlich rechtlich abgesichert, so dass alle Beteiligten Sicherheit
|
||
haben. Um die NATURA 2000-Flächen in einen guten Entwicklungszustand zu überführen,
|
||
sind Management- und Pflegepläne, wo sie noch fehlen, zeitnah zu erstellen und
|
||
unverzüglich
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umzusetzen.
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||
Bei
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||
ihrem
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Vollzug
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ist
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die
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Einbeziehung
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der
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Naturschutzverbände zu verbessern.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Netz biologischer Stationen schaffen
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Zur Erreichung der genannten Ziele und Verpflichtungen des Landes im Bereich Natur-
|
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und Umweltschutz sowie der Biodiversitätsziele im Bereich Land- und Forstwirtschaft ist
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||
ein landesweites Netz freier biologischer Stationen zu etablieren. Dazu sind die im Land
|
||
vorhandenen Strukturen bereits aktiver Akteure zu stärken und zur Sicherung eines
|
||
flächendeckenden Netzes auch neue Stationen aufzubauen.
|
||
Grünes Band mit Leben füllen
|
||
Das Grüne Band wurde im November 2019 in Sachsen-Anhalt per Gesetz als Nationales
|
||
Naturmonument ausgewiesen. Der besondere Wert des Grünen Bandes liegt in der
|
||
einmaligen Verbindung von vielfältigen Biotopstrukturen mit Resten der historischen
|
||
Grenzbefestigungsanlagen. Mit der Ausweisung wird der Erhalt dieser einzigartigen
|
||
Naturräume
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sichergestellt
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und
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||
die
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Weiterentwicklung
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der
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||
Erinnerungskultur
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||
gewährleistet.
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Wir setzen uns dafür ein, dass das Gesetz zur Ausweisung mit Leben erfüllt wird. In den
|
||
kommenden Jahren wollen wir die erforderlichen Pläne (Pflege-, Entwicklungs- und
|
||
Informationsplan) erstellen, weiterentwickeln und umsetzen, um gemeinsam mit den
|
||
Flächeneigentümer*innen und -nutzer*innen Naturschutz und Erinnerungskultur konkret
|
||
zusammenzubringen. Das Grüne Band eignet sich ideal für eine Verknüpfung von
|
||
Naturschutz, Landwirtschaft und sanftem Tourismus. Deshalb setzen wir uns für
|
||
Investitionen in die touristische Infrastruktur entlang des Grünen Bandes ein und bauen
|
||
die Zusammenarbeit mit den regionalen Akteur*innen und den Tourismusverbänden aus.
|
||
Konzentration von Schadstoffen in der Luft senken
|
||
Saubere Luft ist in vielen Teilen des Landes keine Selbstverständlichkeit. Noch immer ist
|
||
dort die Belastung der Luft durch Feinstaub und Stickoxide viel zu hoch. Dies verursacht
|
||
schwere Gesundheitsschäden wie Asthma und andere Atemwegserkrankungen, vor allem
|
||
bei Kindern. Mit der Umsetzung der Luftreinhaltepläne haben wir erreicht, dass Sachsen-
|
||
Anhalt 2018 erstmals die EU-Grenzwerte eingehalten hat. Dieser erste Erfolg muss
|
||
Standard werden. Wir setzen uns für weitere Maßnahmen ein, damit die Konzentrationen
|
||
von Schadstoffen in der Luft dauerhaft gesenkt werden.
|
||
Nächtliche Beleuchtung reduzieren
|
||
Unsere Umwelt wird durch künstliche Lichtquellen verschmutzt. Die nächtliche
|
||
Beleuchtung, die durch Straßenlaternen, Werbeschilder und Außenstrahler zur
|
||
Inszenierung von Gebäuden eingesetzt wird, hat negative Auswirkungen auf die Umwelt.
|
||
Sie stört einen erholsamen Schlaf und greift in den Tag-Nacht-Rhythmus von Mensch und
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Tier ein. Insbesondere Insekten sind davon betroffen. Wir setzen uns dafür ein, dass durch
|
||
intelligente Beleuchtungssysteme die Menge, Intensität und Dauer der Beleuchtung für
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die öffentliche und kommerzielle Beleuchtung während der Nacht begrenzt wird und
|
||
fordern den Einsatz von Lichtfarben und -quellen, welche störende Wirkungen
|
||
minimieren.
|
||
Wassergesetz anpassen
|
||
Wasser ist unser wichtigster Rohstoff und Lebensmittel Nummer eins. Ohne Wasser kein
|
||
Leben. Doch auch dieser Rohstoff ist endlich. Die anhaltenden Dürren, als ein
|
||
Kennzeichen der Klimakrise, lassen uns spüren, wie knapp dieses kostbare Gut auch hier
|
||
in Sachsen-Anhalt ist. Daher wollen wir dringend das Wassergesetz ändern. Oberstes Ziel
|
||
muss, neben dem ordnungsgemäßer Abfluss, auch die Reaktivierung von natürlicher
|
||
Wasserrückhaltung in der Fläche sein.
|
||
Mit der Anpassung des Wassergesetzes wollen wir auch den Anschluss- und
|
||
Benutzungszwang für Anlagen zur Beseitigung des Oberflächenwassers einengen. Er soll
|
||
nur dann angeordnet werden können, wenn das Oberflächenwasser nicht schadlos auf
|
||
dem jeweiligen Grundstück versickert.
|
||
Wir wollen unverzüglich dafür sorgen, dass Regenwasser nicht mehr einfach im nächsten
|
||
Fluss weggeleitet, sondern vor Ort z.B. in Zisternen gespeichert wird. Solche
|
||
Rückhaltemöglichkeiten wollen wir fördern. Zudem wollen wir den natürlichen
|
||
Wasserrückhalt in der Fläche stärken.
|
||
Bei der Bewässerung brauchen wir digitale Systeme, die dank Datenanalyse Wasser
|
||
sparen können. Solche Systeme können sowohl in der Landwirtschaft als auch im
|
||
Gartenbau eingesetzt werden. Wir wollen mit einem Förderprogramm solche digitalen
|
||
Systeme voranbringen.
|
||
Wasserversorgung gehört in öffentliche Hand
|
||
Wir lehnen eine Privatisierung der Wasserversorgung und Abwasserbehandlung strikt ab.
|
||
Wir wollen, dass der Bereich der Daseinsvorsorge generell in der öffentlichen Hand bleibt.
|
||
Wir sprechen uns dafür aus, den zentralen Anschluss von kleinen Orten und Ortsteilen an
|
||
zentrale Kläranlagen nur dort vorzunehmen, wo dies die volkswirtschaftlich sinnvollste
|
||
Lösung darstellt oder die Gewässer, in die eingeleitet werden soll nicht leistungsfähig
|
||
genug sind. Ansonsten sind dezentrale Anlagen vorzuziehen und vorrangig zu fördern.
|
||
Dabei muss die dezentrale Abwasserbeseitigungsanlage technisch so ausgerüstet sein,
|
||
dass die Qualität des Gewässers, in das abgeführt wird, erhalten bleibt.
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Gewässer schützen
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Im Bundesvergleich belegt die Gewässerqualität in Sachsen-Anhalt einen der letzten
|
||
Plätze. Bereits 2015 hätte nach EU-Richtlinie ein guter ökologischer und chemischer
|
||
Zustand der Gewässer erreicht sein müssen. Dieses Ziel wurde von der
|
||
Vorgängerregierung nicht erreicht. Mit der Übernahme des Ministeriums für Umwelt,
|
||
Landwirtschaft und Energie haben wir uns auf den Weg gemacht, die Gewässer zu
|
||
schützen und deren Qualität zu verbessern. Die europäische Wasser-Rahmen-Richtlinie
|
||
für eine nachhaltige und umweltverträgliche Wassernutzung muss konsequent von allen
|
||
Seiten umgesetzt werden. Bis 2027 wollen wir, dass sich alle natürlichen Fließgewässer
|
||
in einem guten ökologischen und chemischen Zustand befinden. Dafür braucht es neben
|
||
der Verbesserung des morphologischen Zustands der Gewässer unter anderem ein Verbot
|
||
von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln in Gewässerrandstreifen und eine geringere
|
||
Einleitung aus der Industrie. Außerdem soll die Einhaltung der Vorgaben zu
|
||
Gewässerrandstreifen stärker kontrolliert werden. Wir wollen zudem ermöglichen, dass
|
||
Bäume und Sträucher im Gewässerrandstreifen zumindest einseitig angepflanzt werden
|
||
dürfen. Der diffuse Eintrag von Bodenmaterial, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln aus
|
||
den Einzugsgebieten der Flüsse muss weiter reduziert werden. Wir werden weiter darauf
|
||
hinwirken, dass in erosionsgefährdeten Gebieten eine angepasste Landbewirtschaftung
|
||
etabliert wird.
|
||
Bis 2027 wollen wir, dass alle notwendigen Maßnahmen der Wasserrahmenrichtlinie
|
||
umgesetzt sind.
|
||
Wir machen uns für die Renaturierung unserer Fließgewässer, Auen und Altgewässer
|
||
stark. Ausbauprojekte an unseren Flüssen lehnen wir ab. Die Herabstufung der Saale in
|
||
die Kategorie Nebennetz halten wir, unter der Voraussetzung des Schleusenerhalts, für
|
||
einen Gewinn für den naturnahen Tourismus in unserem Land.
|
||
Wir wollen Wasserschutzgebiete konsequent ausweisen und deren Schutz verbessern. Wir
|
||
setzen uns dafür ein, dass die Bewirtschaftung von Flächen in den Wasserschutzgebieten
|
||
ausschließlich ökologisch erfolgt.
|
||
Naturnahen Hochwasserschutz weiter vorantreiben
|
||
Eine Auswirkung der Klimakrise sind extreme Hochwasser in immer kürzeren
|
||
Zeitabständen. Unser Augenmerk liegt daher in der Ertüchtigung vorhandener Deiche.
|
||
Aber Flüsse brauchen auch mehr Platz zum Fließen. Das heißt, wir müssen Deiche
|
||
rückverlegen und dadurch mehr Flächen schaffen, die überflutet werden können. Wir
|
||
setzen, wo immer möglich, auf naturnahen Hochwasserschutz. Dazu wollen wir die
|
||
Ergebnisse aus dem Konzeptpapier „Mehr Raum für unsere Flüsse“ umsetzen.
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Elbe weiterhin schützen
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||
Die Elbe ist einer der letzten naturnahen Flüsse Europas und ein großer Schatz für
|
||
Sachsen-Anhalt. Ihre Auen haben eine herausragende Bedeutung für den Schutz der
|
||
biologischen Vielfalt, doch leider stehen heute nur noch etwa 20 Prozent ihrer
|
||
ehemaligen Überflutungsflächen zur Verfügung. Das erhöht die Hochwassergefahr
|
||
beträchtlich und nimmt Tieren und Pflanzen Lebensraum. Wir setzen uns für eine
|
||
Renaturierung der Auen sowie eine Reaktivierung verlorengegangener Moore ein.
|
||
Wir wollen, dass Moore und moorähnliche Böden auch über das Einzugsgebiet der Elbe
|
||
hinaus soweit als möglich ihre Wasser- und kohlenstoffspeichernde Funktion behalten
|
||
bzw.
|
||
wiedererlangen.
|
||
Dazu
|
||
benötigt
|
||
Sachsen-Anhalt
|
||
ein
|
||
ambitioniertes
|
||
Moorschutzkonzept, das die Erfordernisse der Land-, Forst- und Wasserwirtschaft mit dem
|
||
Natur- und Klimaschutz verbindet und neue Synergien schafft.
|
||
Die Elbe ist ein natürlicher Niedrigwasserfluss. Aus diesem Grund ist die Elbe für
|
||
Güterschiffe unzuverlässig und ungeeignet. Wir lehnen daher jeglichen Ausbau der Elbe
|
||
ab. Dies betrifft Maßnahmen wie Buhnenverlängerung, Uferschotterung, Ausbaggerung
|
||
sowie neue Staustufen. Diese Maßnahmen würden die letzten Auenlandschaften,
|
||
darunter die Auenwälder durch Wasserentzug und Austrocknung gefährden. Der
|
||
Lebensraum für viele seltene Tier- und Pflanzenarten würde verschwinden. Wir setzen
|
||
uns insbesondere dafür ein, dass auf Bundesebene die Wasserstraßen- und
|
||
Schifffahrtsverwaltung (WSV) Maßnahmen trifft, um die Sohlerosion zu stoppen und
|
||
umzukehren. Ökologische Maßnahmen am Gewässer sollen nicht nur den Ländern
|
||
überlassen werden.
|
||
Bodenschutzkonzept erstellen
|
||
Böden ernähren uns, speichern Nährstoffe, Mineralien, Wasser und CO2. Sie filtern Wasser
|
||
und bergen einen immensen Schatz an Lebewesen. Damit spielen sie auch eine Rolle
|
||
beim Klimaschutz. Sachsen-Anhalt verfügt mit seinem hohen Anteil besonders
|
||
fruchtbarer Böden aus Schwarzerde über ein einzigartiges Naturgut.
|
||
Flächenversiegelung, Flächenverbrauch, Erosion und Verschmutzung gefährden die
|
||
Böden oder zerstören sie dauerhaft. Der Boden soll deshalb bei der Umweltplanung
|
||
stärkere Berücksichtigung finden. Dafür muss das Verfahren zur Bewertung und
|
||
Bilanzierung von Eingriffen angepasst werden. Wir brauchen deshalb einen wirksamen
|
||
Bodenschutzplan. Wir wollen den Flächenverbrauch im Allgemeinen und den Verbrauch
|
||
natürlicher Böden im Besonderen drastisch reduzieren. Dabei setzen wir auch auf
|
||
Flächenentsiegelung. Die Sanierung von Industrie- und Gewerbebrachen muss
|
||
grundsätzlich Priorität vor Flächenneuausweisung haben.
|
||
Um die Böden zu nutzen, müssen ihre natürlichen Funktionsfähigkeiten im Sinne des
|
||
Bundes-Bodenschutzgesetzes erhalten bleiben.
|
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Im Landesnaturschutzgesetz ist außerdem eine Handlungsmöglichkeit zum Geotopschutz
|
||
zu verankern.
|
||
Phosphorrückgewinnung unterstützen
|
||
Wir wollen Technologien zur Phosphorrückgewinnung unterstützen. Klärschlamm ist eine
|
||
wichtige Ressource von Phosphor. Wenn sie genutzt wird, kann der Einsatz von
|
||
phosphorhaltigen Düngern in der Landwirtschaft verringert werden. Die Pflicht zur
|
||
Phosphorrückgewinnung muss flächendeckend im Land eingehalten werden.
|
||
Abfallvermeidung hat oberste Priorität
|
||
Abfälle jeglicher Art stellen uns vor große Herausforderungen. Unsachgemäß entsorgt,
|
||
verursachen sie Schäden in der Natur. Andererseits sind Abfälle Wertstoffe, die durch
|
||
geeignete, aber aufwändige Verfahren wiederverwertet werden können. Gemäß der
|
||
Abfallhierarchie hat für uns die Abfallvermeidung bis hin zu „Zero Waste“, also Müll gar
|
||
nicht erst entstehen zu lassen, oberste Priorität. Wir stärken die regionale
|
||
Kreislaufwirtschaft hin zur Lückenlosigkeit.
|
||
Um dies umfassend und in allen Lebensbereichen umsetzen zu können, soll ein Zero-
|
||
Waste-Leitbild erarbeitet und beschlossen werden. Mit Industrie, Kommunen,
|
||
Entsorgungsverbänden und Umweltschutzorganisationen wollen wir dafür Vermeidungs-
|
||
und Recyclingquoten festlegen.
|
||
Auf Bundesebene werden wir weiterhin dafür kämpfen, dass Mikroplastik und schwer
|
||
abbaubare Polymere in Kosmetika verboten werden. Mittelfristig wollen wir eine
|
||
europaweite Abgabe auf Einwegplastik, um es langfristig vom Markt zu drängen. Wir
|
||
unterstützen den Vorschlag der Europäischen Kommission, besonders unnötige und
|
||
schädliche Plastikteile ganz zu verbieten und die Recyclingquote zu erhöhen.
|
||
Die Einrichtung von Repair-Cafés und kommunalen Second-Hand-Shops, also
|
||
Gebrauchtwarenläden, muss unterstützt werden. Dazu zählen Geschäftsmodelle von
|
||
Unternehmen, Initiativen und Kommunen, die Müll vermeiden, auf Mehrwegnutzung
|
||
setzen, Produkt-Sharing anbieten oder Werkstoffe einsetzen, die recycelt werden können.
|
||
Auf Bundes- und EU-Ebene setzen wir uns für reparaturfreundliche, langlebige und
|
||
möglichst wiederverwertbare Produkte ein.
|
||
Abfallgesetz ändern
|
||
Gemäß Abfallwirtschaftsplan benötigen wir keine weiteren Abfalldeponien der
|
||
Deponieklassen O und I in unserem Land für die Entsorgung mineralischer Abfälle aus
|
||
Sachsen-Anhalt. Dennoch werden überall im Land Anträge auf Genehmigung solcher
|
||
Deponien gestellt. Mit der Änderung des Abfallgesetzes wollen wir dafür sorgen, dass die
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||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Menge an mineralischen Abfällen reduziert und somit der Bedarf an neuen Deponien
|
||
verringert wird. Mit der Änderung soll der Einsatz von Recycling-Materialien in
|
||
Vergabeverfahren, wo immer möglich, vorgeschrieben werden. Zudem sollen Müllimporte
|
||
aus anderen Bundesländern nur noch mit Ablagerungsgenehmigung durchgeführt
|
||
werden dürfen.
|
||
Jagdgesetz weiter anpassen
|
||
Die Jagd muss sich an ökologischen Prinzipien orientieren. Ziel der Jagd muss deshalb
|
||
eine effektive Begrenzung der Populationsdichten von Schwarz-, Reh-, Dam- und Rotwild
|
||
sein, um Fraßschäden zu verringern und eine natürliche Erneuerung des Waldes zu
|
||
ermöglichen. Die Zahl der jagdbaren Arten soll deutlich reduziert werden.
|
||
Die Jagd auf Vögel wollen wir gänzlich beenden. Viele der noch jagdbaren Vogelarten
|
||
sind in ihrem Bestand bedroht, darunter kleine Entenarten, die Waldschnepfe, die
|
||
Bläßralle, sowie Höckerschwan und nordische Gänsearten.
|
||
Das Verwenden von bleihaltiger Munition wollen wir gänzlich unterbinden. Bei der
|
||
Ausbildung von Jagdhunden dürfen lebende Tiere nicht geschädigt werden.
|
||
Private Wildtierhaltung begrenzen
|
||
Wir wissen: Wildtiere gehören in ihre natürlichen Lebensräume, weil sie nur dort ihren
|
||
spezifischen Bedürfnissen angemessen nachkommen können.
|
||
Deshalb sollen Wildtiere nur noch dann von Privatpersonen gehalten werden dürfen,
|
||
wenn der*die zukünftige Halter*in den Nachweis erbringt, dass eine private Haltung im
|
||
Einzelfall die beste mögliche Option für das Wohlergehen des Tieres darstellt. Eine
|
||
Haltungsgenehmigung wird in diesem Fall dann ausgestellt, wenn zusätzlich ein
|
||
Sachkundenachweis oder ein geeigneter Ausbildungsabschluss vorliegt.
|
||
Zudem müssen die Haltungsbedingungen in regelmäßigen Abständen durch die
|
||
regionalen Behörden überprüft werden.
|
||
|
||
IV Landwirtschaft
|
||
Landwirtschaft prägt unsere Kulturlandschaft. Sie ist systemrelevant, sichert unsere
|
||
Lebensgrundlagen und hat große Einflüsse auf den Erhalt der Artenvielfalt. Gleichzeitig
|
||
ist die Landwirtschaft verletzlich. Durch die Klimakrise erleben wir dramatische
|
||
Auswirkungen, wie extreme Trockenheit, Starkregen und verheerende Stürme. Die
|
||
Landwirtschaft ist sowohl Leidtragende als auch Mitverursachende der Klimakrise. Neben
|
||
der Klimaanpassung muss Landwirtschaft deshalb auch ihren Beitrag zum Klimaschutz
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
leisten indem Maßnahmen wie die Verringerung des Einsatzes von chemisch-
|
||
synthetischem Dünger oder der Humusaufbau gezielt unterstützt werden.
|
||
Landwirtschaft braucht eine neue Perspektive. Sie muss zukunftsfest gemacht werden,
|
||
um ihren dauerhaften Bestand in Sachsen-Anhalt zu sichern. Mit einer starken
|
||
Landwirtschaft, die mit der Region verbunden ist, werden lebenswerte Dörfer und soziale
|
||
Strukturen auf dem Land erhalten. Wir wollen die Landwirtschaft zum einen robust gegen
|
||
die Auswirkungen der Klimakatastrophe machen und zum anderen eine verlässliche
|
||
wirtschaftliche
|
||
Grundlage
|
||
mit
|
||
auskömmlichen
|
||
Erzeugerpreisen
|
||
gewährleisten.
|
||
Wasserverfügbarkeit und intakte Ökosysteme sind die Grundlagen für eine
|
||
widerstandsfähige
|
||
Landwirtschaft
|
||
und
|
||
ihre
|
||
Ertragssicherheit
|
||
und
|
||
unsere
|
||
Ernährungssicherheit. Dazu gehört für uns auch eine Änderung beim Wassermanagement
|
||
hin zur Wasserhaltung in der Fläche. Diesen Weg für die Landwirtschaft wollen wir
|
||
flankieren durch den konsequenten Abbau von bürokratischen Hürden.
|
||
Das heutige Landwirtschaftssystem mit der Ausrichtung auf Produktionssteigerung und
|
||
Exportorientierung wollen wir grundlegend ändern. Wir wollen eine Ökologisierung der
|
||
Landwirtschaft, die allen guttut: Den Landwirt*innen, den Tieren und Pflanzen, den
|
||
Böden, den Gewässern und am Ende allen Verbraucher*innen, die jeden Tag gesundes
|
||
und nachhaltig produziertes Essen auf dem Teller haben sollen. Dazu wollen wir
|
||
schrittweise aus der Nutzung chemisch-synthetischer Pestizide aussteigen. Die
|
||
Reduzierung nach der Farm-to-Fork-Strategie auf EU-Ebene (Strategie zur Verminderung
|
||
des Einsatzes von Pestiziden) ist dafür ein erster Schritt. Zur Ökologisierung der
|
||
Landwirtschaft ist eine naturschutzfachliche Beratung unabdingbar.
|
||
Wir wollen weniger Dünger, mehr Lebensräume für Insekten, schonendere
|
||
Bodenbearbeitung, eine Reduzierung klimarelevanter Emissionen sowie eine effektive
|
||
Anpassung an die Klimakrise. Freiwillige Umweltleistungen sollen in der Gemeinsamen
|
||
Europäischen Agrarpolitik (GAP) über den Ausgleich von Ertragsminderungen hinaus
|
||
honoriert werden. Diese Ziele wollen wir im Nationalen Strategieplan verankern.
|
||
Europäische Subventionspolitik soll nicht nur Fläche, sondern nach Qualität und
|
||
Nachhaltigkeit der Erzeugungen fördern. Das Prinzip „Öffentliche Gelder für öffentliche
|
||
Leistungen“ wie Umwelt-, Klima- und Tierschutz sowie Artenvielfalt muss endlich
|
||
umgesetzt werden. Ökolandbau, Solidarische Landwirtschaft, Direktvermarktung und
|
||
regionale Versorgung sollen noch mehr an Bedeutung gewinnen, denn für mehr
|
||
Artenschutz als Produktionsziel müssen Landwirt*innen auch entlohnt werden. Das Wohl
|
||
unserer Nutztiere braucht viel mehr Beachtung. Darüber hinaus gehen wir aktiv in den
|
||
Dialog mit allen Landnutzer*innen. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft, die Ressourcen
|
||
schützt und Artenvielfalt erhält, gestalten wir am besten in gemeinsamer
|
||
Zusammenarbeit.
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
Konsequente Förderung des Ökolandbaus weiterführen
|
||
Die Förderung des Ökolandbaus ist eine Erfolgsgeschichte in Sachsen-Anhalt. Seit 2016,
|
||
also dem Beginn unserer Regierungsbeteiligung, hat sich der Anteil der ökologisch
|
||
bewirtschafteten Fläche von 5,2 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche
|
||
auf 9,4 Prozent zu Beginn des Jahres 2020 erhöht. 25 Prozent Ökolandbau streben wir als
|
||
Ziel für das Jahr 2030 an und führen deshalb konsequent eine auskömmliche Förderung
|
||
fort. Der Ökoaktionsplan muss inhaltlich, personell und finanziell angemessen
|
||
ausgestaltet sein. Um die Ökologisierung der gesamten Landwirtschaft voranzubringen,
|
||
müssen Umweltprogramme für insbesondere extensive Weidewirtschaft und Streuobst
|
||
gleichrangig und ausreichend finanziert werden.
|
||
Zur Stärkung des Ökolandbaus gehört für uns zudem die Beibehaltung und Bewerbung
|
||
der neu eingerichteten Ökofachschule.
|
||
Agrarräume wirksam für mehr Natur- und Artenschutz umgestalten
|
||
Vielfältige Strukturen wie zum Beispiel Hecken und Bäume in der Agrarlandschaft haben
|
||
positive Effekte: Sie halten das Wasser, bieten Schatten, schützen gegen Erosion und
|
||
sichern
|
||
die
|
||
Biodiversität.
|
||
Wir
|
||
setzen
|
||
uns
|
||
für
|
||
eine
|
||
standortangepasste
|
||
Agrarraumgestaltung mit Schlagteilungen ein. Damit werden Rückzugsräume für Tiere
|
||
geschaffen und eine Biotopvernetzung kann realisiert werden. Zudem unterstützen
|
||
kleinteiligere Strukturen eine deutlich höhere Anbauvielfalt, die wir dringend brauchen.
|
||
Die
|
||
Agrarräume
|
||
bedürfen
|
||
schnellstens
|
||
einer
|
||
wirksameren
|
||
natur-
|
||
und
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artenschutzorientierten Gestaltung. Auch Randstreifen von Wegen und Straßen sollen für
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Naturschutz
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und
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zur
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Biotopvernetzung
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genutzt
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werden.
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Für
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alles
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werden
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Gehölzpflanzungen einheimischer Arten, zusätzliche Feuchtareale, Streuobst und
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verschiedene Formen der extensiven Weide- und Ackerbewirtschaftung benötigt. Wir
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wollen, dass solche Aktivitäten im Rahmen der EU-Agrarsubventionen ermöglicht werden
|
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und keine Nachteile wie beispielsweise einen Abzug bei Prämien erfahren. Wir setzen uns
|
||
deshalb unter anderem dafür ein, dass eine kleinteilige Ackerbewirtschaftung mit
|
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Saumstrukturen als Öko-Regelungen (Eco-Schemes) der 1. Säule honoriert wird. Auch soll
|
||
eine Absatzförderung entsprechender Produkte wie Obst von Streuobstwiesen und
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||
Fleisch von Weidetieren geschaffen werden.
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Mit Pilotprojekten wollen wir Landwirt*innen sowie Naturschützer*innen dabei
|
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unterstützen, gemeinsam vor Ort Konzepte zum Schutz und der Förderung der
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Artenvielfalt zu entwickeln und umzusetzen. Dabei beziehen wir die Wissenschaft mit ein.
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Alle Betriebe haben so die Möglichkeit, mehr für den Schutz von Boden, Gewässern, Flora
|
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und Fauna zu leisten. Schritt für Schritt gelingt so die Ökologisierung der Landwirtschaft.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Vielfältige, humusmehrende Landwirtschaft fordern und fördern
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Die Landwirtschaft bestimmt wesentlich das Landschaftsbild, den Naturhaushalt und den
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Zustand der Böden. Wir streben eine vielfältige und humusaufbauende Landwirtschaft an
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und wollen unsere Förderpolitik daran ausrichten. Insbesondere wollen wir die
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Erweiterung
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und
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Diversifizierung
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der
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Fruchtfolgen,
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den
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bodenverbessernden
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Leguminosen- und Grünfutterbau sowie die betriebliche Integration von Ackerbau und
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Tierhaltung fördern. Festmist ist ein wesentlicher Faktor für den Humusaufbau im Boden.
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Stallneubauten sollen besonders gefördert werden, wenn sie mit Einstreu- und
|
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Festmistsystemen, welche auch im Sinne des Tierwohls sind, arbeiten.
|
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Förderung von Streuobst verbessern
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Streuobst soll zu einem wesentlichen Bestandteil des Obstmarktes im Land werden. Nur
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so können die aus Naturschutzgründen vorhandenen Streuobstflächen erhalten und neue
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Streuobstflächen angelegt werden. Wir setzen uns dafür ein, dass die Anforderungen in
|
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entsprechenden Förderrichtlinien an die Bewirtschaftung auf das naturschutzfachlich
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Gebotene reduziert und die finanzielle Förderung erhöht wird. In die Streuobstförderung
|
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sollen Streuobstäcker, Streuobstreihen, aufgelassene Bäuer*innengärten sowie wertvolle
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einzelnstehende Obstbäume einbezogen werden.
|
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Auf Agroforstwirtschaft setzen
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Wir wollen in der Agroforstwirtschaft das Prinzip wiederbeleben, Bäume in ackerbaulich
|
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oder für die Tierhaltung genutzte Flächen zu integrieren. Gerade in Trockengebieten
|
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haben Bäume positive Effekte für Klima-, Umwelt- und Artenschutz. Durch positive
|
||
Auswirkungen auf den Landschaftswasserhaushalt steigern sie auch landwirtschaftliche
|
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Erträge. Wir setzen uns dafür ein, dass vielfältige Agroforstsysteme im Rahmen der
|
||
nächsten EU-Förderperiode einfacher als bisher ermöglicht werden. Wir wollen, dass
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||
Sachsen-Anhalt attraktive Förderbedingungen für die Agroforstwirtschaft schafft.
|
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Ermöglicht werden soll ein breites Spektrum an Sorten und Anbauverfahren unter
|
||
ökologischen Gesichtspunkten, das verschiedene und lohnende Nutzungsoptionen für die
|
||
Landwirtinnen und Landwirte eröffnet. Besondere Förderung verdient die Integration von
|
||
hochstämmigen Obstbäumen in die Agroforstsysteme. Sachsen-Anhalt soll Ausbildungs-
|
||
und Beratungsangebote und die Forschung zu Agroforstsystemen in den Lehr- und
|
||
Versuchsanstalten des Landes etablieren.
|
||
Weidetierhaltung erhält die Kulturlandschaft
|
||
Die Weidetierhaltung erhält unsere Kulturlandschaft und damit wichtige Lebensräume
|
||
für seltene Tiere und Pflanzen. Sie ist unverzichtbar zur Pflege unserer Deiche. Damit
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Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde in Ruhe weiden, brauchen sie unseren Schutz.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Fachgerecht aufgestellte stromführende Zäune schützen vor Übergriffen durch den Wolf,
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den Luchs und freilaufende Hunde. Den Unterhalt für Herdenschutzhunde und die Pflege
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||
der Zaunanlagen wollen wir in den Förderprogrammen fortführen und aufstocken.
|
||
Ausgleiche für Tierverluste durch den Wolf und die Investitionen in schützende Zäune
|
||
werden weiterhin zu 100 Prozent übernommen und sollen zusätzlich mit einem
|
||
Aufwandszuschlag aufgestockt werden.
|
||
Wir wollen, dass künftig alle Weideverfahren, wie beispielsweise extensive
|
||
Mutterkuhhaltung und intensive Milchviehweide in Sachsen-Anhalt gefördert werden.
|
||
Die Höhe der Förderung soll sich dabei nach dem Grad der Tierwohlverbesserung und
|
||
nach der Naturschutzwirkung richten. Da, wo keine Beweidung möglich ist, sollen
|
||
naturschutzgerechte Mähtechniken gefördert werden. Das Mahdregime auf ökologisch
|
||
wertvollem Grünland – dazu zählen FFH-Lebensraumtypen und geschützte Biotope wie
|
||
z. B. Feuchtgrünland und Trockenrasen – soll nach ökologischen Gesichtspunkten
|
||
gefördert werden, wobei 10% der Fläche als Schonstreifen über den Winter stehen
|
||
bleiben.
|
||
Landwirtschaftlichen Bodenmarkt neu regeln
|
||
Landwirtschaft braucht Boden und ein Gesicht vor Ort. Landwirtschaftliche Betriebe sind
|
||
wichtige Akteure in den ländlichen Räumen, die Arbeitsplätze bereitstellen und
|
||
vielfältige soziale Funktionen haben. Wir wollen den Ausverkauf des Bodens stoppen,
|
||
marktbeherrschende Stellungen am Bodenmarkt und Nachteile für die Agrarstruktur
|
||
abwenden. Investor*innen , die nicht im Bereich Landwirtschaft tätig sind, wollen wir
|
||
deshalb Einhalt gebieten. Wir wollen in einem Agrarstrukturgesetz besser die Verkäufe
|
||
von landwirtschaftlicher Fläche regeln. Dabei fokussieren wir im ersten Schritt auf eine
|
||
Landesregelung zu den Verkäufen von Anteilen an Unternehmen, den sogenannten
|
||
Share-Deals, die zurzeit noch nicht rechtlich geregelt sind und deren Regulierung von
|
||
allen gewollt ist. Dabei orientieren wir uns an dem Leitgedanken, dass der Boden in den
|
||
Besitz derjenigen gehört, die an seinem Ort regional verankert sind und die einen
|
||
persönlichen Bezug zu diesem Boden haben. Landeseigene landwirtschaftliche
|
||
Nutzflächen sollen nicht veräußert, sondern vorrangig für Naturschutz, Weidewirtschaft,
|
||
Tierausläufe, Ökolandbau und Junglandwirt*innen bereitgestellt werden. Wir fordern den
|
||
Bund auf, den Verkauf von Flächen der Bodenverwertungs- und verwaltungsgesellschaft
|
||
(BVVG) zu stoppen und stattdessen die Flächen an die Länder zu übertragen.
|
||
Förderung von Junglandwirt*innen weiterführen
|
||
Die aktuelle Förderung von Junglandwirt*innen in Sachsen-Anhalt zur Existenzgründung
|
||
ist bundesweit einmalig und sehr erfolgreich. Wir setzen uns für ihre Fortführung ein, um
|
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den Generationenwechsel in der Landwirtschaft zu begleiten und die Ökologisierung
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voranzubringen.
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Wir
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wollen
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die
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Förderung
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||
auf
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||
Quereinsteiger*innen
|
||
und
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||
Nebenerwerbslandwirt*innen erweitern.
|
||
Pestizidausstieg bis 2030
|
||
Der Pestizideinsatz ist einer der größten Verursacher des Biodiversitätsverlustes, der
|
||
selbst in Naturschutzgebiete hineinreicht und immer wieder Rückstände in Produkten des
|
||
Ökolandbaus verursacht. Wir wollen bis 2025 einen Herbizidausstieg und bis 2030 den
|
||
Pestizidausstieg. Dafür machen wir uns auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene stark.
|
||
In ersten Schritten wollen wir, dass dieses auf landeseigenen Flächen umgesetzt wird.
|
||
Kurzfristig soll der Einsatz von Pestiziden auf Gewässerrandstreifen über eine Änderung
|
||
des Landes-Wassergesetzes untersagt werden, um die Abdrift in Gewässern zu vermeiden.
|
||
Um Kontrollen auszuweiten, sind die notwendigen personellen und strukturellen
|
||
Voraussetzungen beim Pflanzenschutzdienst zu schaffen.
|
||
Gentechnikfreie Landwirtschaft
|
||
Wir wollen die Forschung, die Züchtung und den Einsatz von krankheits- und
|
||
klimarobusten Regionalsorten fördern. Deshalb wollen wir in Sachsen-Anhalt die
|
||
Pflanzenzüchtung erweitern auf Pflanzen für den Ökolandbau, die ohne alte und neue
|
||
Gentechnik, ohne Hybride und ohne weitere Eingriffe unterhalb der Zellebene arbeitet.
|
||
Wir wollen das Potenzial der Pflanzensamenbank in Gatersleben ausschöpfen zur
|
||
Weiterentwicklung von alten Sorten und um Vielfalt auf dem Acker zu bekommen.
|
||
In Medizin und biotechnologischen Anwendungen konnten durch die Gentechnik
|
||
wichtige Fortschritte erzielt werden, während im Agrarbereich ihre Anwendung zu neuen
|
||
Problemen geführt hat. Wie bei jeder Technologie wollen wir bei alten wie neuen
|
||
gentechnischen Verfahren einerseits die Freiheit der Forschung gewährleisten und
|
||
andererseits bei der Anwendung Gefahren für Mensch und Umwelt zum Beispiel durch
|
||
unkontrollierte Verbreitung ausschließen. Wir halten daher an einem strengen
|
||
Zulassungsverfahren und am europäisch verankerten Vorsorgeprinzip fest. Durch eine
|
||
Kennzeichnungspflicht auch bei neuen gentechnischen Verfahren sichern wir die
|
||
Wahlfreiheit der Verbraucher*innen.
|
||
Statt eine neue Technik zu deregulieren, wollen wir eine umfassende Agrar- und
|
||
Ernährungswende. Wir sehen in agrarökologischen Methoden einen ganzheitlichen,
|
||
vielversprechenden und schnell anwendbaren Weg, um die Ernährung unter den
|
||
Bedingungen der Klimakrise zu sichern.
|
||
Die Landwirtschaft der Zukunft ist gentechnikfrei. Deshalb wollen wir auch in der
|
||
Tierhaltung dieses Ziel umsetzen. Wir fordern die Begrenzung der Sojafütterung auf
|
||
gentechnikfreie Produkte aus Europa.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Wir wollen die freiwilligen Zusammenschlüsse von landwirtschaftlichen Betrieben zu
|
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gentechnikfreien Regionen unterstützen, damit Sachsen-Anhalt in das "Europäische
|
||
Netzwerk gentechnikfreier Regionen" aufgenommen wird.
|
||
Tierwohlgerechte Haltungen auf allen Höfen
|
||
Die Tierhaltung soll in Zukunft wieder ganzheitlich sein. Das heißt: Von der Belegung
|
||
über die Geburt und Aufzucht bis zum Schlachtabtransport einschließlich Futteranbau
|
||
und Dungverwertung soll alles in einem Betrieb oder in Kooperation mit Betrieben in der
|
||
Nachbarschaft stattfinden. Das dient dem Tierwohl, schont die Ressourcen und
|
||
ermöglicht nachhaltige Landwirtschaft zum Wohle aller. Auch werden gefährliche
|
||
Übertragungswege von Seuchen nachhaltig unterbrochen, belastende Transporte von
|
||
Dung und Futter begrenzt und regionale Wirtschaftskreisläufe gefördert.
|
||
Für mehr Tierwohl wollen wir einen grundlegenden Umbau in der Tierhaltung. Wir wollen
|
||
mehr Platz im Stall, Einstreu, Auslauf und kein Abschneiden von Körperteilen. Bei Stallum
|
||
und -Neubauten soll grundsätzlich Außenklimakontakt für die Tiere ermöglicht werden.
|
||
Die Fütterung muss tiergerecht sein und die Tiergesundheit sicherstellen. Wir fordern,
|
||
eine konsequente weitere Antibiotika-Reduzierung in allen Tierhaltungsbereichen. Für
|
||
dies alles setzen wir uns auf Bundesebene ein. Eine mengenbezogene Tierwohlabgabe
|
||
kann ein Baustein zur Finanzierung des Umbaus sein. Der Mehraufwand der
|
||
Landwirt*innen muss durch die Erzielung von Mehrerlösen und durch Förderung honoriert
|
||
werden. Kernforderungen sind beispielsweise das endgültige Verbot des Abschneidens
|
||
von Ringelschwänzen bei Ferkeln sowie ein Verbot von Vollspaltenböden.
|
||
Schließlich wollen wir eine Umorientierung der Tierzüchtung mit dem Ziel, künftig
|
||
vorwiegend robuste einheimische Rassen, statt anfällige Hochleistungstiere zu haben.
|
||
Das Halten von gefährlichen Tieren wildlebender Arten soll durch eine Landesverordnung
|
||
geregelt werden. Darin wird festgelegt, welche Tiere nicht gehalten werden dürfen und
|
||
für welche eine Ausnahme gilt. Diese Erlaubnis ist gebunden an den Nachweis der
|
||
Sachkunde, die räumlichen Voraussetzungen und ein Führungszeugnis.
|
||
Wir setzen uns für ein Verbandsklagerecht für anerkannte Tierschutzorganisationen nach
|
||
dem Vorbild Baden-Württembergs ein.
|
||
Strengere Regeln für Tiertransporte und mehr regionale Schlachtstätten
|
||
Tiertransporte brauchen strengere Regeln, um den Tierschutz zu gewährleisten. Bei über
|
||
30 Grad Celsius dürfen Tiertransporte nicht mehr fahren. Wir wollen, dass Tiertransporte
|
||
von lebenden Tieren zu Zielen außerhalb der EU nur noch dann stattfinden, wenn
|
||
Mindesttierschutzstandards auf den Transportwegen und in den Zielländern
|
||
gewährleistet sind. Wir streben an, mittelfristig die Lebendviehtransporte auf eine
|
||
Fahrzeit von vier Stunden und maximal bis zu 65 Straßenkilometer zu begrenzen. In allen
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Regionen des Landes sollen dezentrale Schlachtstätten vorhanden sein, die in
|
||
Zusammenarbeit mit den Veterinärbehörden unbürokratisch realisiert werden müssen.
|
||
Bürokratische Hürden und ein übermäßiger Genehmigungsaufwand dürfen keine
|
||
Hemmschuhe sein. Das Land soll kurzfristig mobile Schlachtstätten finanzieren.
|
||
Nachhaltige Lebensmittel aus der Region
|
||
Immer mehr Menschen wollen wissen, woher das Essen stammt, das auf ihren Tellern
|
||
landet. Sie wollen, dass es den Tieren gut geht, dass Getreide, Obst und Gemüse ohne
|
||
schädliche Stoffe hergestellt werden. Sie fragen immer mehr Produkte nach, die nicht
|
||
weit gefahren oder geflogen werden. Für umweltbewusste Ernährung, für Lebensmittel,
|
||
die nachhaltig und tierwohlgerecht produziert wurden, sind die Menschen auch bereit,
|
||
angemessen zu bezahlen. Regional, saisonal und bio ist ein Trend, den wir mit
|
||
Direktvermarktung
|
||
und
|
||
Regionalvermarktung
|
||
zur
|
||
Schaffung
|
||
regionaler
|
||
Wirtschaftskreisläufe unterstützen wollen. Wertschöpfung soll vor Ort passieren. Zur
|
||
Umsetzung der Regionalität brauchen wir mehr verarbeitende Betriebe wie Bäckereien,
|
||
Molkereien, Mostereien und Getreidemühlen. Dazu wollen wir offensiv Unterstützung bei
|
||
den bislang schwer umsetzbaren Hygienevorschriften organisieren. Wir setzen uns dafür
|
||
ein, dass Lebensmittel mehr Wertschätzung erfahren und weniger verschwendet werden.
|
||
Dabei orientieren wir auf die Maßnahmen des Bündnisses für Lebensmittelrettung:
|
||
verbindliche gesetzliche Rahmenbedingungen zur Reduzierung der Verschwendung,
|
||
Änderungen beim Mindesthaltbarkeitsdatum, Ernährungsbildung. Wir unterstützen
|
||
Bundesratsinitiativen, die das Containern legalisieren wollen.
|
||
Verbraucher*innen einbeziehen, Ernährungswende einleiten und faire
|
||
Preise für die Landwirtschaft
|
||
Die Agrarwende muss Hand in Hand mit der Ernährungswende gehen. Landwirtschaft und
|
||
Verbraucher*innen müssen dafür zu Verbündeten werden. Wir wollen mehr Regional- und
|
||
Bioware in öffentlichen Kantinen etablieren. Mit einer Kampagne wollen die Bevölkerung
|
||
besser informieren, wie man sich mit pflanzlichen Lebensmitteln gesund ernähren kann.
|
||
Wir wollen für alle Lebensmittel tierischer und pflanzlicher Herkunft neben einer
|
||
transparenten
|
||
Herkunftskennzeichnung
|
||
eine
|
||
vierstufige
|
||
Kennzeichnung
|
||
zum
|
||
Produktionsverfahren analog zur jetzigen Eierkennzeichnung. Dann haben die
|
||
Verbraucher*innen die Möglichkeit, sich bewusst zu entscheiden. Eine transparente
|
||
Kennzeichnung ist ein Baustein für faire Preise.
|
||
Darüber hinaus bedarf es weiterer Schritte, damit Betriebe fair und auskömmlich für die
|
||
landwirtschaftlichen Rohprodukte bezahlt werden. Dieses Erfordernis sehen wir
|
||
besonders
|
||
beim
|
||
Milchmarkt.
|
||
Wir
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||
kämpfen
|
||
deshalb
|
||
weiterhin
|
||
für
|
||
bessere
|
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Lieferbeziehungen zwischen Milcherzeuger*innen und Molkereien und für ein
|
||
Milchmarktkriseninstrument auf EU-Ebene. Damit sollen die Preise stabilisiert werden,
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
indem die Überschüsse an Milch befristet in Krisenzeiten und angepasst an die
|
||
europäische Nachfrage reduziert werden.
|
||
Beim Fleischmarkt müssen Regionalität und Tierwohl in den Fokus gerückt werden.
|
||
Die Möglichkeit zur Teilnahme am EU-Schulobst-, Gemüse- und Milchprogramm soll für
|
||
alle Einrichtungen gelten – das bedeutet auch, die bürokratischen Hürden für die
|
||
Teilnahme zu senken.
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Kapitel 2: Wir gestalten Zukunftsperspektiven für
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||
Sachsen-Anhalt
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I Digitalisierung
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||
Die Digitalisierung begreifen wir als Chance, ohne ihre Risiken zu übersehen. Sie
|
||
ermöglicht viele positive Veränderungen in der Arbeitswelt und kann auch dabei helfen,
|
||
Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Digitale Möglichkeiten können wir jedoch nur dann
|
||
voll ausschöpfen, wenn demokratische Grundpfeiler als Chancen und nicht als
|
||
Hindernisse betrachtet werden.
|
||
Auswirkungen auf die Gesellschaft werden wir auch weiterhin sehr genau im Blick
|
||
behalten. Bevor von Politik oder Verwaltung Fakten geschaffen werden, die schwer
|
||
zurückzunehmen sind, fordern wir eine breite gesellschaftliche Debatte ein. Der digitale
|
||
Wandel soll der gesamten Gesellschaft und nicht nur einigen wenigen großen Firmen
|
||
dienen. Das Vertrauen in den digitalen Wandel wird leider immer wieder untergraben
|
||
durch den Missbrauch persönlicher Daten, sowohl durch staatliche Stellen als auch durch
|
||
Unternehmen, die auf ausbeuterische Geschäftsmodelle setzen.
|
||
Für das soziale Gefüge in unserem Land ist von größter Wichtigkeit, mehr Möglichkeiten
|
||
für die digitale Teilhabe zu schaffen und den Zugang zu Informationen zu erleichtern.
|
||
Nicht erst seit der Coronakrise findet ein großer Teil unseres sozialen und
|
||
wirtschaftlichen Lebens online statt. Dafür benötigen Menschen jeden Alters digitales
|
||
Grundwissen und digitale Fähigkeiten. Wir möchten eine aktive digitale Teilhabe aller
|
||
durch Aus- und Weiterbildung fördern. Das Verbreiten von Fake News und Hass im Netz
|
||
ist Gift für das Miteinander in der Gesellschaft. Dem wollen wir unter anderem
|
||
entgegentreten, indem wir schon den Kleinsten in den Grundschulen bessere
|
||
Medienkompetenz vermitteln. Auch die Eltern sollen Informationen zum wirksamen
|
||
Schutz der Kinder vor Onlinebedrohungen an die Hand bekommen.
|
||
Eigenständiges Ministerium für Digitalisierung schaffen
|
||
Es mangelt in der Welt nicht an Umsetzungsbeispielen und Erkenntnissen zum digitalen
|
||
Wandel. An Ländern wie Estland wollen wir uns ein Beispiel nehmen. Damit Sachsen-
|
||
Anhalt nicht den Anschluss verpasst, sollen nationale, europäische und globale
|
||
Entwicklungen
|
||
und
|
||
Erkenntnisse
|
||
an
|
||
einer
|
||
Stelle
|
||
aufgearbeitet
|
||
und
|
||
die
|
||
Digitalkompetenzen der Landesregierung gebündelt werden. Um Digitalisierung in ihrer
|
||
Breite
|
||
von
|
||
Gesundheit
|
||
über
|
||
Bildung,
|
||
Verwaltung,
|
||
Verkehr,
|
||
Fertigung,
|
||
Energiemanagement, Landwirtschaft bis hin zu Medien optimal zu koordinieren, setzen
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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wir auf ein eigenständiges Ministerium für Innovation und Digitalisierung.
|
||
Digitalisierungskompetenz muss direkt mit am Kabinettstisch sitzen. Die Verantwortung
|
||
für den Breitbandausbau und die Digitalisierung muss auch personell neu aufgestellt
|
||
werden. Das Dashboard zur Umsetzung der Digitalpolitik auf dem Digitalportal des
|
||
Landes soll anhand operationalisierter, einheitlicher Kriterien fortlaufend aktualisiert
|
||
werden, sowie sämtliche Fördermaßnahmen transparent machen. Ein jährlicher Bericht
|
||
soll den Fortschritt der Digitalisierung im Land dokumentieren und eingeleitete
|
||
Maßnahmen der Digitalen Agenda evaluieren. Die transparente Einbindung von
|
||
Expert*innen
|
||
wollen
|
||
wir
|
||
über
|
||
einen
|
||
erweiterten
|
||
Digitalisierungsbeirat
|
||
der
|
||
Landesregierung sicherstellen.
|
||
Landesweite Breitbandgarantie einführen
|
||
Eine solide Breitbandversorgung ist das Fundament für die klimafreundliche,
|
||
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung Sachsen-Anhalts. Eine schlechte
|
||
Internetanbindung ist dagegen ein massiver Standortnachteil für Lebens-, Wohn- und
|
||
Wirtschaftsbedingungen. Sachsen-Anhalt belegt seit Langem im Ländervergleich der
|
||
Gigabit-Versorgung den letzten Platz. Gerade in den Dörfern, aber auch in vielen
|
||
einzelnen Straßenzügen der Städte ist die Netzabdeckung von Mobilfunk und
|
||
Datenleitungen mangelhaft.
|
||
Beim Breitbandausbau muss deshalb radikal umgedacht werden. Wir fordern eine
|
||
landesweite Breitbandgarantie auf Glasfaserbasis. Bei allen öffentlichen Maßnahmen und
|
||
Ausschreibungen
|
||
muss
|
||
ein
|
||
Glasfaser-only-Ansatz
|
||
verwendet
|
||
werden.
|
||
Der
|
||
Glasfaseranschluss von öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken, Polizeistationen,
|
||
Schulen, Gewerbe- und Mischgebieten sowie Dorfgemeinschaftshäusern soll den Ausbau
|
||
des gesamten Glasfasernetzes anschieben und private Investor*innen unterstützen.
|
||
Spätestens 2030 sollen alle Haushalte, Schulen, Firmen und Verwaltungen in Sachsen-
|
||
Anhalt mit Glasfaseranschlüssen bis ins Haus (Fiber-to-the-Home, FTTH) mit
|
||
Geschwindigkeiten von mindestens 1-Gigabit (1 000 Mbit/s) im Up- und Downstream
|
||
versorgt sein. Spätestens 2025 muss ein signifikanter Zwischenausbau auch in den
|
||
ländlichen Räumen erreicht worden sein. Ein handlungsfähiges, unabhängiges
|
||
Monitoring mit Orientierung am Bundesbreitbandatlas ist dazu aufzubauen. Wir wollen
|
||
Breitbandversorgung als Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge etablieren und
|
||
setzen uns dafür ein, dass auf Bundesebene ein Breitbandanschluss als Universaldienst
|
||
eingestuft wird. Ebenso setzen wir uns für Beschilderung und Zertifizierung von
|
||
gigabitfähiger Inhouse-Infrastruktur ein.
|
||
Die von uns angestoßene Gigabitstrategie des Landes wollen wir endlich umsetzen und
|
||
ausbauen. Die bisherige Flickenteppichförderung soll beendet werden. Hierfür wollen wir
|
||
die neue Graue-Flecken-Förderung des Bundes optimal ausnutzen. Das Land soll in allen
|
||
Belangen ergänzend zum Bundesförderer arbeiten und über die Kofinanzierung eine
|
||
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||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
optimale Hebelwirkung großer Summen der Bundesförderung erreichen. Kommunen
|
||
sollen ertüchtigt werden, graue Flecken, die bisher bei bestehenden 30 Mbit/s im
|
||
Downstream als versorgt galten, schnellstmöglich mit Glasfaser zu schließen. Der
|
||
geringen Aufmerksamkeit durch Landespolitik und große Anbieter wollen wir durch die
|
||
Möglichkeit zum Aufbau einer eigenen kommunalen Leitungsinfrastruktur begegnen. So
|
||
könnten Landkreise beispielsweise über Stadt- beziehungsweise Kreiswerke oder andere
|
||
eigene Betreibermodelle Netze errichten. Mit den Leitungsgebühren können sie
|
||
Einnahmen generieren, wie sie dies bei anderen Netzen auch tun. Hierfür ist eine
|
||
strukturelle Veränderung der Breitbandberatung von Landesseite notwendig.
|
||
Die 4G- und 5G-Mobilfunknetze dürfen bis spätestens 2025 keine Funklöcher mehr
|
||
aufweisen. Wir setzen uns dafür ein, dass Gebäude des Landes als Mobilfunkstandorte
|
||
angeboten werden.
|
||
Wo landesgeförderte Straßen-, Rad- oder Gehwege und Parkplätze erneuert werden,
|
||
sollen auch immer Glasfaserleitungen oder wenigstens Leerrohre dafür verlegt werden.
|
||
So werden doppelte kosten- und zeitintensive Tiefbauarbeiten vermieden. Auch
|
||
alternativen Verlegemethoden wie Trenching oder der Nutzung anderer Infrastruktur wie
|
||
Hochspannungsleitungen stehen wir offen gegenüber. Wir wollen Kommunen
|
||
ertüchtigen, Genehmigungsprozesse für die Errichtung von Mobilfunkstandorten und den
|
||
Bau von Glasfaserleitungen endlich zu entbürokratisieren und zu digitalisieren.
|
||
Wir unterstützen den Ausbau öffentlicher WLAN-Hotspots. Hierfür wollen wir verstärkt
|
||
vorhandene Fördertöpfe wie WIFI4EU bewerben und nutzen. Rund um die Gebäude der
|
||
Landesverwaltung möchten wir freies WLAN anbieten. Kommunen wollen wir ermutigen,
|
||
dies bei passend gelegenen Gebäuden ebenfalls zu tun. Die Freifunkbewegung
|
||
unterstützen wir weiterhin.
|
||
Mehr Open-Source-Software einsetzen
|
||
Wir setzen uns dafür ein, dass freie und quelloffene Software (Open-Source) an Schulen,
|
||
Hochschulen, in öffentlichen Institutionen und der Verwaltung eingesetzt werden. Open-
|
||
Source-Software erhöht die Datensouveränität und Sicherheit, kann Kosten bei
|
||
öffentlichen Beschaffungsmaßnahmen senken und erleichtert den Austausch von Wissen
|
||
und Daten. Profitieren können davon auch kleine innovative Firmen und selbstständige
|
||
Entwickler*innen in Sachsen-Anhalt. Software, die eigens für öffentliche Einrichtungen
|
||
des Landes entwickelt wird, soll grundsätzlich als Open-Source der Allgemeinheit zur
|
||
Verfügung gestellt werden.
|
||
Die Nutzung quelloffener Software wollen wir auch im privaten Bereich fördern. Wir
|
||
wollen deshalb eine Informationsoffensive zu quelloffener Software, um die Bekanntheit
|
||
und Akzeptanz in der Bevölkerung zu steigern. Mit Bug-Bounty-Programmen und
|
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Hackathons wollen wir die regionale Coder*innenszene einbinden. Sie sollen Fehler in
|
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Software aufspüren und somit die Qualität und Sicherheit der vom Land eingesetzten
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Programme erhöhen. Eine kritische zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit allen
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Informationstechnik-Themen ist für uns unerlässlich. Diese Perspektive sollte
|
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entsprechend auch bei allen staatlichen Entscheidungsfindungsprozessen angehört
|
||
werden. Dazu kann ein Algorithmen-TÜV-Programm gehören.
|
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Netzneutralität wahren
|
||
Die Gleichbehandlung aller Daten im Internet ist Voraussetzung für wirtschaftliche und
|
||
demokratische Chancengleichheit und Teilhabe. Dieses Prinzip der Netzneutralität
|
||
gewährt auch jungen und kleinen Firmen in Sachsen-Anhalt einen fairen Zugang zum
|
||
Markt. Obendrein sind in einem modernen Glasfasernetz ausreichend Kapazitäten
|
||
vorhanden, um allen Nutzer*innen einen Hochgeschwindigkeitszugang zu ermöglichen.
|
||
Wir werden uns auch weiterhin auf allen politischen Ebenen für die Sicherung der
|
||
Netzneutralität und gegen ein Internet der unterschiedlichen Geschwindigkeiten
|
||
einsetzen.
|
||
Digitalisierung in den ländlichen Räumen vorantreiben
|
||
Die Zukunft Sachsen-Anhalts wird in den ländlichen Räumen entschieden. Digitalisierung
|
||
bietet auch für sie enorme Chancen, Distanzen zu überwinden und Menschen zusammen
|
||
zu bringen, die vorher viel Fahrtzeit benötigten oder gar nicht zusammen kamen. Das
|
||
Internet ist auch ein Tor zur Welt, das die Vorzüge von Städten, zum Beispiel hinsichtlich
|
||
des Kulturangebots, auf das Land bringen kann. Gerade für ländliche Räume gibt es heute
|
||
in vielen Bereichen bereits gute Lösungsansätze: in der Telemedizin, bei der Mobilität,
|
||
für die Fortbildung oder allgemein zur besseren Vernetzung.
|
||
Die digitale Vernetzung von Menschen im Bereich der Arbeit hat durch die Coronakrise
|
||
über die gestiegenen Möglichkeiten des Homeoffice rasant an Bedeutung gewonnen.
|
||
Dieser Wandel der Arbeitswelt macht die ländlichen Räume als Lebensmittelpunkt für
|
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Familien
|
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und
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Naturliebhaber*innen
|
||
immer
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attraktiver.
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Wir
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wollen
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die
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Rahmenbedingungen dafür mit digitaler Infrastruktur und digital-vernetzter neuer
|
||
Mobilität drastisch verbessern.
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Mit den Kommunen wollen wir Musterprojekte für Digitalisierung entwickeln, fördern und
|
||
auf andere Kommunen in Sachsen-Anhalt ausweiten. Wir setzen uns dafür ein, dass in
|
||
Sachsen-Anhalt Testregionen für das autonome Fahren ausgewiesen werden,
|
||
insbesondere für autonomen ÖPNV, routenoptimierte Angebote oder digital vermittelte
|
||
Nachbarschaftshilfe. Modellprojekte wie das in der vergangenen Legislatur gestartete
|
||
„Digitale Dorf Hohe Börde – Digitaler Kompetenzerwerb für alle Generationen“ wollen
|
||
wir evaluieren und gegebenenfalls auf weitere Kommunen ausweiten.
|
||
Die Zeit des bloßen Sensibilisierens für digitalen Wandel ist vorbei, vielerorts mangelt es
|
||
an Umsetzung. Um die eigene Verwaltung zu digitalisieren und Förderprojekte wie
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Breitbandausbau abzuwickeln, müssen Kommunen eigene Kompetenzen ausbauen und
|
||
über die notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen verfügen. Wir setzen uns
|
||
für eine Digitalisierungspauschale für Kommunen ein.
|
||
Sachsen-Anhalt ist Modellland für demografischen Wandel und soll zum Modell dafür
|
||
werden, wie man einerseits mit diesem Wandel umzugehen lernt und ihn andererseits
|
||
verlangsamt. Für Alt und Jung bietet der digitale Wandel ungeahnte neue Möglichkeiten,
|
||
die wir fördern und unterstützen wollen. Dabei sind menschliche Wärme und Internet
|
||
kein Widerspruch: Kleine Bibliotheken können als lokale Kulturtreffpunkte dienen, um
|
||
gemeinsam im Netz die Volkshochschule zu besuchen, mit der Partnerregion in
|
||
Frankreich zu sprechen oder das Konzert aus Sydney zu streamen. Coworking-Spaces
|
||
können ebenfalls tagsüber Dorfkerne beleben und sind kein Privileg der Städte mehr. Sie
|
||
ermöglichen "alleine zusammen arbeiten" mit kurzen Wegen auch in ländlichen
|
||
Regionen.
|
||
Die Landwirtschaft ist schon heute einer der meistdigitalisierten Wirtschaftsbereiche und
|
||
damit Vorreiterin. Die Landwirtschaft 4.0/Smart Farming ist ein Hilfsmittel für
|
||
Landwirt*innen, sowohl in der konventionellen als auch in der ökologischen
|
||
Landwirtschaft.
|
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Die
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konventionelle
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Landwirtschaft
|
||
kann
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||
mit
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ihrer
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||
Hilfe
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umweltverträglicher und effizienter gestaltet werden. Auch die Arbeitsplatzqualität
|
||
verbessert sich, weil manuelle Arbeit erleichtert wird. Best-Practice-Beispiele aus der
|
||
Landwirtschaft 4.0 wollen wir weiterhin fördern.
|
||
Datenschutz ist Verbraucher*innenschutz
|
||
Der Grad der Digitalisierung nimmt zu, darum brauchen wir eine ausgewogene
|
||
Digitalpolitik, die Innovation und den Zugang zu Information unterstützt und gleichzeitig
|
||
die Sicherheit und den Schutz unserer Menschen- und Bürger*innenrechte gewährleistet.
|
||
Daher kämpfen wir für das Recht auf digitale Selbstbestimmung, für einen innovativen
|
||
Daten- und Verbraucher*innenschutz und eine effektive IT- Sicherheit. Wir verstehen
|
||
Datenschutz als Grundvoraussetzung für eine freie Gesellschaft. Wir Bürger*innen müssen
|
||
wissen können, wer, wann und was über uns weiß. Unsere Daten dürfen nicht ungefragt
|
||
erfasst, gespeichert, verarbeitet und verknüpft werden. Es geht um mehr als nur
|
||
informationelle Selbstbestimmung.
|
||
Die Umsetzungsspielräume der EU-Datenschutzgrundverordnung sollen so genutzt
|
||
werden, dass der Datenschutz noch weiter erhöht wird, ohne die Nutzerfreundlichkeit von
|
||
Apps und Websites übermäßig zu beeinträchtigen. Wir setzen uns auf allen Ebenen für
|
||
klare rechtliche Vorgaben und eine effektive Kontrolle ein. Der oder die
|
||
Landesdatenschutzbeauftragte nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Wir wollen die
|
||
Behörde des oder der Landesdatenschutzbeauftragten und Beauftragten für
|
||
Informationsfreiheit finanziell und personell so ausstatten, dass alle festgelegten
|
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Aufgaben effektiv wahrgenommen werden können.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Behördengänge vollständig online abwickeln
|
||
Die Förderung der Digitalisierung der Verwaltung haben wir in der zurückliegenden
|
||
Legislatur mit dem E-Government-Gesetz vorangetrieben. Dieses wollen wir in der
|
||
kommenden Legislatur überholen, verbessern und in der Umsetzung mit anderen
|
||
existierenden oder wünschenswerten Strategien (Digitale Agenda, sowie KI-, Data-, E-
|
||
Government-, IKT- und Nachhaltigkeitsstrategien) koordinieren, denn auch hier darf
|
||
Sachsen-Anhalt nicht den Anschluss verlieren.
|
||
Wir wollen, dass sich die Bürger*innen und Unternehmen bis 2030 nahezu alle
|
||
Behördengänge ersparen und die Verfahren vollständig online abwickeln können. Damit
|
||
sollen auch die Verwaltungskosten gesenkt und die Verfahren beschleunigt werden.
|
||
Für einen einheitlichen und einfachen digitalen Zugang befürworten wir die Verzahnung
|
||
mit den (geplanten) E-Government-Strukturen des Bundes sowie den vorhandenen
|
||
Strukturen der Kommunen. Ziel ist ein zentrales Internetportal, das für die Bürger*innen
|
||
alle Ebenen von der Kommune über den Landkreis bis hin zu Land und Bund abdeckt. Die
|
||
Umsetzung und föderale Koordination des Online-Zugangs-Gesetzes (OZG) wollen wir
|
||
aus einem Ministerium für Innovation und Digitalisierung heraus mit intensivierter
|
||
Ressortabstimmung
|
||
und
|
||
objektivierbarem
|
||
Monitoring
|
||
begleiten.
|
||
Das
|
||
betrifft
|
||
insbesondere auch Antragsverfahren für öffentliche Gelder, die von vornherein digital
|
||
konzipiert werden sollen.
|
||
Wir unterstützen Experimente im Bereich E-Governance oder E-Partizipation. Sie
|
||
ermöglichen den Bürger*innen mehr Mitsprache und Einflussnahme sowie mehr
|
||
Transparenz der Entscheidungsprozesse. Wir wollen, dass das Land künftig eine zentrale
|
||
Beteiligungsplattform aufbaut, an der sich neben den Landesbehörden und Ministerien
|
||
auch die Kommunen und Landkreise beteiligen sollen. Online-Beteiligung wollen wir
|
||
fördern, beispielsweise mit Bürger*innen-Anhörungen per App und dem Ausbau von E-
|
||
Petitionen.
|
||
Bei der Beschaffung und dem Einsatz von Hard- und Software wollen wir Sozial- und
|
||
Umweltstandards, standardisierte Schnittstellen, den Einsatz von kompatiblen, offenen
|
||
Formaten und so weit wie möglich Open Source Software zwingend festschreiben. Wir
|
||
wollen auf allen Ebenen das IT-Wissen in den Behörden halten und ausbauen. Attraktive
|
||
Arbeitsmodelle wie zum Beispiel im Think-Tank „Denkfabrik“ des Bundesministeriums für
|
||
Arbeit und Soziales sind auch in geeigneter Form in Sachsen-Anhalt anzubieten. Da
|
||
Fachleute für Digitalisierung schwer zu bekommen sind, muss ein besonderes Augenmerk
|
||
auf Nachwuchsförderung und Ausbildung gelegt werden. Die lokale Softwarebranche
|
||
muss entsprechend gefördert werden.
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Datenstrategie einführen
|
||
Wir wollen die Themen Transparenz und Open-Data unter dem Dach einer
|
||
Landesdatenstrategie zusammenführen.
|
||
Die freie Verfügbar- und Nutzbarkeit von Daten (Open-Data) sowie eine offene
|
||
Verwaltungskultur sind unverzichtbare Elemente in einer digitalen Teilhabegesellschaft.
|
||
Wir fordern, dass alle technischen Daten, die das Land erhebt, den Bürger*innen
|
||
kostenlos, in offenen, einheitlichen Standards maschinenlesbar zugänglich gemacht
|
||
werden. Auch die Tourismusdaten des Landes wollen wir zusammenführen.
|
||
Sachsen-Anhalt soll dem deutschen Datenportal GovData beitreten, dass Ebenen
|
||
übergreifend Verwaltungsdaten zur Verfügung stellt.
|
||
Was mit öffentlichem Geld bezahlt wird, muss auch der Öffentlichkeit in offenen
|
||
Formaten zur Verfügung stehen. Dazu gehören auch Gremiendatenbanken und
|
||
Livestreams ins Internet. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Innovation wird damit
|
||
ermöglicht, gerade für Start-ups und den Mittelstand.
|
||
Entsprechend der Transparenzbestrebungen für das Verwaltungshandeln wird auch das
|
||
Finanzhandeln in Sachsen-Anhalt offengelegt, um Unregelmäßigkeiten bei Vergaben zu
|
||
erkennen.
|
||
Wandel in der Arbeitswelt und in der Wirtschaft
|
||
Wir sehen, dass die Digitalisierung riesige Chancen für die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt
|
||
bietet, kümmern uns aber auch um die Risiken. Unternehmen und Arbeitnehmer*innen
|
||
sind im digitalen Wettbewerb zu schützen. Urheber*innenrechte, Datenschutz, Meinungs-
|
||
und Persönlichkeitsrechte müssen gewahrt bleiben.
|
||
Digitalisierung bedeutet für einige Berufsgruppen zeitlich und räumlich unabhängig
|
||
arbeiten zu können. Das ermöglicht es mehr Menschen und Familien auf dem Land zu
|
||
wohnen. Wir setzen uns daher für ein grundsätzliches Recht auf Homeoffice, wie im
|
||
Kapitel „Wirtschaft“ beschrieben, sowie mehr Coworking-Spaces in ländlichen Räumen
|
||
ein.
|
||
Sachsen-Anhalt ist vielerorts ein durch Industrie und Ingenieurskunst geprägtes Land. An
|
||
diese Tradition wollen wir anknüpfen. Von der industriellen Revolution wollen wir zu
|
||
einer sozial-ökologischen digitalen Revolution übergehen. Zur Digitaltechnik gehören für
|
||
uns neben dem grundlegenden Element des Internets auch Robotik, wie zum Beispiel in
|
||
der Fertigung und Medizintechnik, 3D-Visualisierung, Künstliche Intelligenz (KI), Block-
|
||
Chain-Technologie oder Quantencomputing. Wir wollen, dass das Land sich stärker in
|
||
entsprechende nationale und internationale Netzwerke einbringt.
|
||
Start-ups profitieren vom Internet, da skalierbare Geschäftsmodelle meist daten- und
|
||
vernetzungsbasiert sind und von einfach zu erschließenden neuen Märkten auch im
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Ausland profitieren. Wir wollen hier neue strategische Ansätze finden, um solche
|
||
Gründungen zu befördern. Dazu gehört professionelle Beratung auch zu allen landes-,
|
||
bundes- und europaweiten Finanzierungsquellen sowie Crowdfunding.
|
||
Wir stellen die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe, Umwelt- und Klimaschutz und
|
||
des sozialen Zusammenhalts bei der regionalen Ausgestaltung der Kriterien für die neue
|
||
Förderperiode der Europäischen Strukturfonds ins Zentrum sachsen-anhaltischer
|
||
Förderung.
|
||
Wir wollen, dass die Förderprogramme des Landes, der Investitionsbank und der EU
|
||
stärker auf Digitalisierung ausgerichtet werden. Wir setzen uns dafür ein, dass die EFRE-
|
||
Förderprogramme (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) zur Digitalisierung in
|
||
Unternehmen erhalten bleiben. Auf Bundesebene sollen neue Technologien wie das
|
||
autonome Fahren, der Gütertransport per Drohne oder die Fernbehandlungen in der
|
||
Medizin (Telemedizin) mit guten rechtlichen Rahmenbedingungen flankiert werden.
|
||
Diese sollen Antworten auf die zahlreichen ethischen Fragestellungen, zum Beispiel beim
|
||
Datenschutz oder bezüglich Haftungs- und Zulassungsfragen geben.
|
||
Wir wollen mit den Hochschulen, Fraunhofer-Instituten und den Mittelstands-4.0-Zentren
|
||
sowie mithilfe von bekannten Lernportalen im Land Weiterbildungsangebote für kleine
|
||
und mittlere Unternehmen fördern und ausbauen. Die Innovationskraft von Unternehmen
|
||
hängt maßgeblich von den Mitarbeiter*innen ab. Diese sind in ihrer stetigen
|
||
Weiterqualifizierung zu unterstützen.
|
||
Ein jährlicher Wettbewerb zu den besten Ideen und Innovationen zur Umsetzung der
|
||
Digitalisierung und zur Lösung der drängendsten Probleme in Sachsen-Anhalt soll
|
||
etabliert werden.
|
||
Digitale Barrieren abbauen
|
||
Eine möglichst umfassende digitale Barrierefreiheit muss selbstverständlich werden für
|
||
öffentliche, privatwirtschaftliche und private Angebote im Internet. Beispielsweise
|
||
müssen Angebote in leichter und in Gebärdensprache Standard für staatliche Services
|
||
werden. Denn schon heute ist unser Leben so stark mit dem Internet verbunden, dass
|
||
niemand von ihm ausgeschlossen werden kann, ohne große Nachteile zu erleben. Das
|
||
Internet muss daher allen zugänglich sein.
|
||
Digitale Diskriminierung findet bereits statt. Da Algorithmen von Menschen programmiert
|
||
werden, übernehmen sie auch (unbewusste) Vorurteile. So sind beispielsweise für Frauen
|
||
in
|
||
Jobbörsen
|
||
nicht
|
||
immer
|
||
die
|
||
gleichen
|
||
Jobs
|
||
sichtbar
|
||
wie
|
||
für
|
||
Männer.
|
||
Entwickler*innenteams von Algorithmen sollen entsprechend so divers wie unsere
|
||
Gesellschaft sein, um digitalen Diskriminierungen vorzubeugen. Damit Digitalisierung,
|
||
das Internet und Soziale Netzwerke diverser und diskriminierungsfrei ausgestaltet
|
||
werden, wollen wir besonders Frauen, LSBTIQ* und People of Colour ermutigen, in der
|
||
digitalen Branche zu arbeiten.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Das Internet und Soziale Netzwerke bieten eine gute Plattform zur Vernetzung, doch
|
||
leider sind sie auch Orte des Hasses. Hasskriminalität im Netz ist ein schwerwiegendes
|
||
Problem und hat zumeist einen extrem rechten Hintergrund.
|
||
Wir fordern eine klare staatliche Positionierung und Verfolgung von Hasskriminalität im
|
||
Netz. Die Internetstreife der Polizei muss verstärkt zum Einsatz kommen. Wir unterstützen
|
||
Projekte, die Betroffene stärken und Kompetenzen im Umgang mit Hass im Netz
|
||
entwickeln helfen.
|
||
Das Bildungssystem endlich digitalisieren
|
||
Wir wollen die Digitalisierung nicht nur bewältigen, sondern gestalten. Hierfür sind
|
||
digitale Bildungsinfrastruktur und grundlegende digitale Fähigkeiten für Bürger*innen
|
||
aller Altersklassen Voraussetzung. Besonders Schulen haben hier eine große
|
||
Verantwortung, Kinder und Jugendliche auf eine digital geprägte (Arbeits-) Welt
|
||
vorzubereiten. Die Europäische Union hat ihren Aktionsplan für digitale Bildung 2021-
|
||
2027
|
||
vorgelegt.
|
||
Hieran
|
||
und
|
||
an
|
||
der
|
||
Umsetzung
|
||
des
|
||
Beschlusses
|
||
der
|
||
Kultusministerkonferenz zu Bildung in der digitalen Welt wollen wir uns in Sachsen-
|
||
Anhalt orientieren.
|
||
Die Coronakrise hat zuletzt an vielen Stellen gezeigt, dass unser Bildungssystem mit den
|
||
schnellen Entwicklungen der Digitalisierung nicht mitgehalten hat und auf die
|
||
Herausforderungen des Homeschoolings auch in der zweiten Welle nicht ausreichend
|
||
vorbereitet war. Für zeitgemäße Bildung sind die technische Ausstattung der Schulen und
|
||
Schüler*innen sowie das notwendige Wissen und Können von Lehrer*innen nur zwei von
|
||
vielen Voraussetzungen. Auf dem Weg zum digitalen Lernen wollen wir die Schulen
|
||
unterstützen und begleiten.
|
||
Perspektivisch muss das Bildungssystem für Veränderungen so ertüchtigt werden, dass
|
||
Rahmenlehrpläne Raum für Erneuerung lassen und Lehrer*innen in die Lage versetzt
|
||
werden, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Zwei Ausgleichsstunden pro Monat sollten
|
||
Lehrer*innen daher für Weiterbildung oder Schulweiterentwicklung zur Verfügung
|
||
stehen. Nur so können Lehrer*innen über Peer-to-Peer- oder Microlearning auch ihr
|
||
Wissen innerhalb des Kollegiums weitergeben.
|
||
Unter anderem sollen Lehrer*innenausbildung, verpflichtende Fortbildungen und
|
||
Vorbereitungsdienste um das Thema Digitalität ergänzt werden. Zusätzlich wollen wir
|
||
qualifizierte außerschulische Partner*innen einbinden und in bestehende Projekte und
|
||
Konzepte, wie das der Digitalmentor*innen der Hochschule Merseburg integrieren.
|
||
Digitales Lernen ist keine Übertragung aus dem Buch auf den Bildschirm, es bringt auch
|
||
neue Methoden und die Möglichkeit stärkerer Individualisierung mit sich. Mobbing in
|
||
sozialen Netzen, Cybergrooming, Fake News und Desinformation sowie eine übermäßige
|
||
Nutzung sozialer Medien bis hin zur krankhaften Sucht müssen dringend als Gefahren
|
||
ernst genommen und mit den Schüler*innen vorbeugend früh thematisiert werden. Wir
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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fordern daher den Ausbau entsprechender Präventions- und Interventionsprogramme
|
||
sowie mehr digitale Grundbildung im Schulbetrieb.
|
||
Digitale Schlüsselqualifikationen vermitteln
|
||
Sachsen-Anhalts Schüler*innen müssen lernen, sich eine sachkundige eigene Meinung
|
||
aus einer Flut an jederzeit verfügbaren Informationen zu bilden. Wir fordern deshalb mehr
|
||
Fokus auf die Vermittlung von Medienkompetenz als Querschnitts-Schlüsselqualifikation
|
||
in den Lehrplänen. Die Idee eines Medialogbuchs zur Dokumentation erworbener
|
||
Medienkompetenz finden wir sinnvoll. Wir wollen auch die außerschulische Medienarbeit
|
||
stärken und die Kooperation mit Schulen und Kitas fördern. Darüber hinaus wollen wir
|
||
einen Runden Tisch Medienbildung etablieren, um alle beteiligten Akteur*innen besser
|
||
zu vernetzen.
|
||
Die Grundsätze des Computings können schon in der Kita spielerisch auf einer
|
||
sprichwörtlich begreifbaren Ebene, z. B. mit kleinen Robotern, gelernt werden und sollten
|
||
in den Grundschulen auf dem Stundenplan stehen. Noch bevor Kinder ihr erstes
|
||
Smartphone in den Händen halten, sollten sie über ein kindgerechtes digitales
|
||
Grundwissen verfügen. Es darf nicht allein Sache der Eltern sein, dies zu vermitteln.
|
||
Interdisziplinäre Medienbildung und der Informatikunterricht müssen Bildungsinhalt für
|
||
alle Schüler*innen an weiterführenden Schulen entsprechend der Empfehlungen der
|
||
Kultusministerkonferenz werden. Wir wollen, dass künftig allen Schüler*innen ein
|
||
besseres Verständnis für technologische Zusammenhänge und Grundlagen, Logik und
|
||
grundsätzliche informationstechnologische Denkweisen vermittelt wird.
|
||
Eine verstärkte Förderung der MINT-Fächer ist nicht nur nutzbringend für unser Leben in
|
||
einer zunehmend digitalen Welt, sondern auch im Sinne der lokalen (IT-)Wirtschaft und
|
||
der Hochschulen des Landes. Bestehende Netzwerke und Institutionen wie das MINT-EC-
|
||
Netzwerk, Spezialist*innen-Summercamps oder die Schüler*innen-Universität wollen wir
|
||
stärken. Hierbei sollen Mädchen unbedingt bestärkt und ermutigt werden, da Frauen in
|
||
MINT-Berufen deutlich unterrepräsentiert sind. Gerade wir in Sachsen-Anhalt sollten eine
|
||
erfolgreiche Historie im technischen Bereich nicht abreißen lassen, sondern im Gegenteil
|
||
als Vorteil für die digitale Revolution nutzen.
|
||
Technische Ausstattung der Schulen verbessern
|
||
Wir brauchen zur Entlastung der Schulträger und zur Bereitstellung hochwertiger
|
||
Angebote zentrale Infrastrukturen. Dazu gehören eine funktionierende zentrale
|
||
Nutzer*innenverwaltung sowie IT-gestützte Schulverwaltung und damit die Etablierung
|
||
des geplanten Bildungsmanagementsystems. Dieses System sowie die digitalen
|
||
Lerninhalte des Bildungsservers des Landes sollen in eine nachhaltige, landeseinheitliche
|
||
Bildungsplattform integriert werden, die auch sichere, datenschutzkonforme Video-
|
||
Kommunikation ermöglicht. Wir setzen uns für bundeseinheitliche Standards zur
|
||
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Interoperabilität
|
||
der
|
||
verschiedenen
|
||
Bildungsplattformen
|
||
ein,
|
||
damit
|
||
auch
|
||
länderübergreifender Schulwechsel oder sicherer (Material-)Austausch zwischen
|
||
Lehrkräften möglich wird.
|
||
Wir werden uns auf Bundesebene für einen verstetigten Digitalpakt 2.0 einsetzen, der
|
||
diesen Namen auch verdient. Bund und Länder müssen sicherstellen, dass die digitale
|
||
Ausstattung der Schulen langfristig und auf Dauer finanziell abgesichert ist. Wir wollen
|
||
mit den kommunalen Spitzenverbänden und Schulträgern nach Lösungen suchen, wie die
|
||
schulische IT-Infrastruktur in Sachsen-Anhalt auf einen bundesweit vergleichbaren,
|
||
hohen Standard gebracht werden kann. Die Schul- und Bildungssoftware muss langfristig
|
||
vollständig auf Open-Source umgestellt werden.
|
||
Ein Internetzugang muss in Sachsen-Anhalt für alle Schüler*innen möglich sein. Wir
|
||
wollen, dass alle Schulen an mindestens 1-Gigabit-schnelle Glasfaseranbindungen
|
||
angeschlossen werden und dafür auch das Bundesbreitbandförderprogramm Schulen
|
||
nutzbar machen.
|
||
Landesstrategie für Open Access und Open Educational Resources
|
||
einführen
|
||
Sachsen-Anhalt braucht eine Landesstrategie für frei zugängliche Lehrmaterialien (OER)
|
||
und
|
||
einen
|
||
freien
|
||
Zugang
|
||
(Open
|
||
Access)
|
||
zu
|
||
Lehrinhalten,
|
||
Literatur
|
||
und
|
||
Forschungsergebnissen, um das staatliche Bildungsangebot auch einem breiteren
|
||
Publikum zugänglich zu machen. Nationale Angebote wie die offene Bildungsmediathek
|
||
der Länder mundo.schule wollen wir nutzen. OER sollen in die landeseinheitliche
|
||
Schulplattform integriert werden. Öffentlich finanzierte Lehrangebote und Forschung
|
||
sollen für alle zugänglich sein. Die Landesstrategie soll gemeinsam mit den Hochschulen
|
||
und Wissenschaftsbibliotheken entwickelt werden. Dazu wollen wir den Rahmenvertrag
|
||
zwischen dem Land Sachsen-Anhalt und der Microsoft Deutschland GmbH beenden. Denn
|
||
auch in unseren öffentlichen Schulen sollen Datenschutz und Herstellerunabhängigkeit
|
||
herrschen.
|
||
Hochschulen als Taktgeberinnen der Digitalisierung
|
||
Sachsen-Anhalts
|
||
moderne
|
||
Hochschulen
|
||
sollen
|
||
auch
|
||
bei
|
||
der
|
||
Digitalisierung
|
||
Taktgeberinnen für die Gesellschaft sein. Die Digitalisierung bietet enorme Möglichkeiten
|
||
des Austausches, der Informationsgewinnung und -aufbereitung sowie ein hohes
|
||
Potential für die weitere Optimierung der Lehre. Online-Literatur, Online-Kurse
|
||
(beispielsweise Massive Open Online Courses mit großen Teilnehmendenzahlen ohne
|
||
Zugangs- und Zulassungsbeschränkungen) und das Flipped-Classroom-Konzept können
|
||
Bibliothek und Hörsaal als klassische Lernforen ergänzen. Auch wenn sich manche
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||
überfüllte Vorlesung zukünftig in der klassischen Form erübrigen könnte, so bleibt der
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physische Standort der Hochschule selbst für geräte- und patient*innenunabhängige
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Studienfächer von hoher Bedeutung für die menschliche Interaktion, persönlichen
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Austausch, wissenschaftliche Diskurse und Entstehung von Kreativität. Die überlegte
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Nutzung virtueller Räume setzt jedoch Ressourcen für bessere und individuellere
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Betreuung der Studierenden frei.
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Für die Universitäten, Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen wollen wir ein
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landesweites Wissenschaftsnetz entwickeln. Die Rechenzentren der Hochschulen und
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Forschungseinrichtungen sind zu verbinden.
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Lebenslanges Lernen in einer digitalen Welt
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Gerade im Digitalen ist lebenslanges Lernen wichtig. Der Umgang mit der
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Informationsflut und die fortlaufenden technischen Neuerungen sind für Menschen aller
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Altersklassen
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eine
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Herausforderung.
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Nicht
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zuletzt
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zeigt
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der
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Aufwind
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für
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Verschwörungsmythen, Fake News und Hate Speech in sozialen Medien, dass neben
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Gesetzgebung und Strafverfolgung auch und vor allem Erwachsenenbildung notwendig
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erscheint. Gerade Hassrede bereitet den Nährboden für letztlich physische Gewalt.
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Das Internet bietet bereits eine Vielfalt an nationalen und internationalen Bildungs- und
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Weiterbildungsangeboten. Wir setzen uns für eine Nutzung und Anerkennung
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existierender Kurse auch in der Landesverwaltung ein. Die Entwicklung von digitalen
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Kursen
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und
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übergreifenden
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Bildungsangeboten
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für
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Studierende
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und
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von
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Erwachsenenbildungsangeboten an Hochschulen, Volkshochschulen und den freien
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Trägern der Erwachsenenbildung soll vorangetrieben und vom Land auch mit finanzieller
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Unterstützung gefördert werden. Dies betrifft sowohl die technische als auch die
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inhaltliche Komponente.
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Wir wollen, dass die Verbraucher*innenzentralen unabhängig zu Themen wie IT-
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Sicherheit
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und
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sicherem
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Umgang
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mit
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E-Government
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beraten.
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Die
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Verbraucher*innenzentralen wollen wir dafür personell und sachlich entsprechend
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ausstatten.
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Nachhaltigkeit in der und durch die Digitalisierung
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Digitale Werkzeuge und die mit ihrer Nutzung einhergehenden Veränderungen von
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Arbeitsprozessen sind ein Schlüssel zur Bewältigung der Klimakrise, aber bisher
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gleichzeitig auch Mitverursacher. Die Ressourcen unserer Erde sind endlich und soziale
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Ungleichheit betrifft auch die digitale Welt. Wir brauchen einen offenen Diskurs zu
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ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten des digitalen Wandels. Wir wollen
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die Potentiale der Digitalisierung nutzen, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern.
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Wir möchten die Digitalisierung zur Innovations- und Nachhaltigkeitstreiberin für unser
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Land machen: Wir haben in Sachsen-Anhalt die Chance, bei intelligenten,
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ressourcensparenden und klimaschonenden Technologien Vorreiter zu sein. Eine
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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weitgehende Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch kann nur unter
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Nutzung digitaler Technik gelingen. Der gesamtgesellschaftliche Nutzen steht im Fokus
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einer nachhaltigen Digitalisierung.
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Das gilt insbesondere für die Energie- und Mobilitätswende, die wir anstreben. Nur mit
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fortschreitender Digitalisierung wird die Integration erneuerbarer Energie in
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zukunftsfähige, grenzüberschreitende Energiesysteme gelingen. Wir unterstützen daher
|
||
neue Ansätze zu Systemführung und Integration sowie zur Verbindung der Erzeugung,
|
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Verteilung, Speicherung und des Verbrauchs von Energie. Schon heute erleichtern
|
||
sogenannte intelligente Stromnetze Verbraucher*innen, selbst Strom ins Netz
|
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einzuspeisen, alles per App zu kontrollieren und sich so neue finanzielle Möglichkeiten
|
||
auf dem Energiemarkt zu erschließen. Wir unterstützen den Einbau von intelligenten und
|
||
datenschutzfreundlichen Stromzählern.
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Wir wollen die Nachhaltigkeitsstrategie sowie das Klima- und Energiekonzept des Landes
|
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stärker mit der digitalen Agenda und den ressortspezifischen Digitalstrategien verzahnen.
|
||
Daten und Digitalisierung können helfen, über digitale Zwillinge die Kreislauf- und
|
||
Recyclingwirtschaft zu stärken sowie durch intelligente Verknüpfung von Strom, Wärme
|
||
und Verkehr enorme Effizienzgewinne zu erzielen.
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Wir wollen darüber hinaus auch die Digitalisierung selbst grüner machen. Wir wollen den
|
||
Stromverbrauch der IT reduzieren – zum Beispiel durch Rechenzentren, deren Abwärme
|
||
nutzbar gemacht wird und durch digitale Steuerungs-, Wartungs- und Regeltechnik. Dafür
|
||
unterstützen wir den Green-IT-Ansatz umfassend und setzen uns für entsprechende
|
||
Pilotmodelle in Kommunen und Verwaltungen ein. Wir wollen in der Landesverwaltung
|
||
die Beschaffung von Hard- und Software nachhaltig gestalten und unterstützen
|
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hinsichtlich Produktion und Lieferketten nachhaltige nationale und europäische
|
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Bemühungen. Auch Datensparsamkeit sowie Datenverarbeitung am Ort ihrer Entstehung
|
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sind digitale Nachhaltigkeitsziele. Der Stromverbrauch durch IT soll in Sachsen-Anhalt
|
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bis 2030 vollständig durch erneuerbare Energien gedeckt werden.
|
||
Der europäische Corona-Aufbauplan „Next Generation EU“ stellt Mittel zu 37 Prozent für
|
||
Klimaschutzziele und zu 20 Prozent für Digitalisierung zur Verfügung. Wir wollen diesen
|
||
„Green Deal“ der EU sowie die möglichen Fördergelder und Kooperationen so gut wie
|
||
möglich nutzen. Gleiches gilt für den Strukturwandel in der Braunkohleregion und die
|
||
dafür zur Verfügung stehenden Bundesfördermittel. Digitale Infrastruktur sowie die
|
||
Erforschung und Entwicklung neuer digitaler Wirtschaftszweige sind eine sinnvolle
|
||
Investition in die Zukunft, die wir nachhaltig gestalten wollen.
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||
Urheber*innenrecht modernisieren
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Wir setzen uns ein für eine Modernisierung des Urheber*innenrechts, die vor allen
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anderen den Kreativen zugutekommt, neue Nutzungsformen kultureller Werke erlaubt
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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und das Ziel eines fairen Interessenausgleichs zwischen den beteiligten Akteur*innen
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verfolgt.
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Wir unterstützen die Verbreitung von Creative-Commons-Lizenzen als einfache Weise,
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||
Nutzungsrechte für urheber*innenrechtsgeschützte Werke zu gewähren. Alle geeigneten
|
||
Werke wie Fotos und Texte, die im Auftrag des Landes erstellt wurden, sollen unter
|
||
angepassten Creative-Commons-Lizenzen zur Verfügung gestellt werden, die die
|
||
wirtschaftliche Nutzung der Werke seitens der Urheber*innen nicht einschränken.
|
||
Elektronisches Landesarchiv ausbauen
|
||
Es braucht weiterhin eine Digitalisierung der Archive und eine Archivierung des Digitalen.
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||
Den kommunalen Archiven wollen wir hierfür die nötigen Ressourcen zur Verfügung
|
||
stellen und das elektronische Landesarchiv Sachsen-Anhalt (E-LASA) ausbauen. Auch das
|
||
Erstellen von Digitalisaten sachsen-anhaltischer Kunst- und Kulturschätze wollen wir
|
||
vorantreiben. Sie sollen verstärkt auch auf nationalen und europäischen virtuellen
|
||
Plattformen digitalisiert eingestellt und somit weltweit barrierefrei zugänglich gemacht
|
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werden.
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II Mobilität
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Wir wollen klimafreundliche Mobilität und lebenswerte Städte und Dörfer mit Raum für
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öffentliches Leben und mit möglichst wenig Gestank, Motorenlärm und herumstehenden
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Autos. Dafür braucht es mehr als nur eine Abkehr vom Verbrennungsmotor: Es braucht
|
||
ein grundsätzliches Umsteuern. Daher setzen wir uns auf allen Ebenen für eine
|
||
Mobilitätswende ein. Dafür sollen der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV), der Rad-
|
||
und Fußverkehr – also der sogenannte Umweltverbund – wie auch Sharing-Angebote
|
||
ausgebaut und gestärkt werden. Als langfristige Vision wollen wir, dass Menschen ihre
|
||
Ziele zu allen Tageszeiten ohne Auto mindestens genauso schnell und günstig wie mit
|
||
dem Auto erreichen können und so die Möglichkeit erhalten, sich die teure Anschaffung
|
||
eines PKW sparen zu können. Wir wissen, dass wir zur Umsetzung dieser Vision länger als
|
||
5 Jahre brauchen werden, wollen aber jetzt mit einer neuen Mobilitätspolitik für Sachsen-
|
||
Anhalt die Weichen für diese Vision stellen und dabei Menschen vor Ort in die Planung
|
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und Gestaltung einbeziehen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Mobilitätsgarantie für alle
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Wir wollen dafür ein Mobilitätsgesetz für Sachsen-Anhalt, das auf den Ausgleich aller
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Mobilitätsarten setzt und klare Zielvorstellungen für eine nachhaltige und verlässliche
|
||
Mobilität für alle formuliert.
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||
Bisher werden die unterschiedlichen Verkehrsmittel in verschiedenen Gesetzen geregelt.
|
||
Wir wollen, dass mit dem Mobilitätsgesetz die Mobilität in ihrer Gesamtheit betrachtet,
|
||
geplant und geregelt wird. Damit sollen fortan alle Mobilitätsarten gleichwertig
|
||
berücksichtigt und der Umweltverbund gestärkt werden. Dazu gehören für uns eine
|
||
allgemeine Mobilitätsgarantie für alle Bürger*innen, ein landesweiter Anstieg des
|
||
Umweltverbundes am Modal Split (Verkehrsmittelwahl) auf über 50 Prozent bis zum Ende
|
||
der kommenden Wahlperiode und auf 60 Prozent bis 2030, sowie die „Vision Zero“ (null
|
||
Verkehrstote).
|
||
Um diese Ziele fachlich fundiert umsetzen zu können, wollen wir auf Landesebene einen
|
||
Mobilitätsbeirat als beratendes Gremium zur verkehrspolitischen Beratung der
|
||
Landesregierung durch Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Fachverbände
|
||
einrichten.
|
||
Sicher unterwegs sein auf den Straßen im Land
|
||
Der Ansatz von „Vision Zero“ also dem Ziel von Null Verkehrstoten ist, dass der Verkehr
|
||
sich an den Menschen anpassen muss und nicht umgekehrt. Dafür wollen wir
|
||
beispielsweise die Kampagne „Anderthalb Meter“ zur Umsetzung des neuen
|
||
Mindestüberholabstandes von Autos gegenüber Radfahrenden von 1,50 m auch in
|
||
Sachsen-Anhalt initiieren. Außerdem wollen wir die Arbeit der Jugendverkehrsschulen
|
||
langfristig sichern. Die in der auslaufenden Legislatur erhöhte Förderung wollen wir
|
||
beibehalten.
|
||
Ein wichtiger Beitrag zur „Vision Zero“ besteht im Nachrüsten des Abbiege-Assistenten
|
||
bei LKW, der Radfahrende und Fußgänger*innen vor Unfällen bewahrt. Sachsen-Anhalt
|
||
soll hier mit gutem Beispiel vorangehen und alle LKW in Landesbesitz sofort nachrüsten
|
||
und Neuanschaffungen nur noch mit dem Abbiege-Assistenten tätigen. In der Folge von
|
||
Unfällen müssen Unfallstellen genau untersucht und verkehrstechnische Konsequenzen
|
||
gezogen werden.
|
||
Wir wollen sowohl aktive wie auch passive Verkehrssicherheit fördern und aktiv
|
||
einfordern. Für die passive Verkehrssicherheit soll bei Strecken, auf denen die zulässige
|
||
Geschwindigkeit (noch) nicht reduziert werden kann, die Trennung der Verkehrsmittel
|
||
beispielsweise durch Protected Bikelanes (geschützte Radwege) und Fuß- und
|
||
Fahrradbrücken gefördert werden. Auf der Seite der aktiven Verkehrssicherheit sollte
|
||
überall, wo es möglich ist, die Geschwindigkeit innerorts auf 30 km/h begrenzt und an
|
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bestimmten Stellen sogar noch weiter reduziert sowie Shared Spaces angeboten werden.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Schönebeck hat bewiesen, wie ein Stadtkern durch eine attraktive Gestaltung und einen
|
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gemeinsamen Verkehrsraum, der durch Rücksicht und Geschwindigkeitsreduzierung
|
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geprägt ist, belebt werden kann.
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||
Verkehrssicherheitsaudits sind regelmäßig an allen Landesstraßen durchzuführen. Auch
|
||
die
|
||
lückenlose
|
||
Durchführung
|
||
von
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||
Verkehrsschauen
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||
soll
|
||
durch
|
||
die
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||
obere
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||
Straßenverkehrsbehörde des Landes durchgesetzt und evaluiert werden. Auf Landstraßen
|
||
mit
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Fahrbahnen
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von
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weniger
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||
als
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sechs
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Metern
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Breitesoll
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die
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zulässige
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Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h begrenzt werden.
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Wir wollen formalisierte Verkehrssicherheitsaudits nicht nur bei Unfallhäufungen, Neu-
|
||
und Umbauplanungen, sondern für den gesamten Straßenbestand. Sicherheitspotentiale
|
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insbesondere vom Fuß- und Radverkehr sollen zukünftig stärker berücksichtigt werden.
|
||
Die Richtlinie für das Sicherheitsaudit von Straßen RSAS 2019 ist konsequent
|
||
umzusetzen,
|
||
Wir werden uns im Bundesrat für eine Änderung der Straßenverkehrsordnung einsetzen.
|
||
Nach österreichischem Vorbild soll den Gemeinden die Ausweisung von Schulstraßen vor
|
||
Schulen und Kindergärten ermöglicht werden. Die Schulstraßen werden während der
|
||
Unterrichtszeit von parkenden und fahrenden Kraftfahrzeugen freigehalten. Zur
|
||
Erhöhung der Verkehrssicherheit tragen auch mehr Kreisverkehre und die erleichterte
|
||
Einrichtung von Zebrastreifen bei.
|
||
Darüber hinaus wollen wir alle Novellierungen der Straßenverkehrsordnung mit
|
||
Verbesserungen für den Radverkehr in Sachsen-Anhalt zügig flächendeckend anwenden.
|
||
Beispiele dafür sind die Einführung von Fahrradzonen und des Grünpfeils ausschließlich
|
||
für Radfahrer*innen sowie das Verkehrszeichen für Überholverbot von einspurigen
|
||
Fahrzeugen.
|
||
Mobilität beginnt zu Fuß
|
||
Fußgänger*innen sind die größte und umweltfreundlichste Verkehrsgruppe. Sie tun etwas
|
||
für ihre Gesundheit und ihren Geldbeutel. Wir wollen die Gemeinden im Land dabei
|
||
unterstützen, das Zufußgehen angenehmer und sicherer zu gestalten. Fehlen zum
|
||
Beispiel Zebrasteifen oder klaffen Löcher im Gehweg, ist die Lust am Laufen rasch dahin.
|
||
Um das zu Fuß Gehen attraktiver zu machen, wollen wir ein Förderprogramm für eine
|
||
sichere und attraktivere Gestaltung von Gehwegen gemäß den Empfehlungen für
|
||
Fußgängerverkehrsanlagen (EFA) und Verkürzung der Wartezeiten an Ampeln. Wir wollen
|
||
ein Aktionsprogramm für sichere Verkehrsquerungen in Sachsen-Anhalt. Dadurch sollen
|
||
zusätzliche Fußgängerüberwege Verkehrsinseln und ähnliches entstehen. Die Richtline
|
||
für die Anlage und Ausstattung von Fußgängerüberwegen (R-FGÜ 2001) die eine
|
||
Präzisierung der Einsatzbereiche von Fußgängerüberwegen darstellt ist durch eine
|
||
eigene Landesrichtlinie zu untermauern.
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Wir wollen, dass Kinder gefahrlos ihre Wohngegend erkunden können und dass
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insbesondere der Schulweg sicher ist. Wir fördern Kommunen bei der Umsetzung von
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Fußwegkonzepten einschließlich verkehrsberuhigter und autofreier Zonen, die
|
||
insbesondere Kinder, ältere und bewegungseingeschränkte Menschen in den Blick
|
||
nehmen. Der Fußverkehr ist dabei insbesondere als wichtiger Zubringer zu ÖPNV-
|
||
Haltestellen vor Ort zu entwickeln und in den Blick zu nehmen.
|
||
Neue Baugebiete sollen von Beginn an verkehrsberuhigt geplant werden. So entstehen
|
||
kindersichere Schul- und Freizeitwege sowie emissionsarme Zonen. Wir werden uns dafür
|
||
einsetzen, dass Tempolimits und Verkehrsberuhigungen im Innenstadtbereich gezielt für
|
||
mehr Sicherheit sorgen. Den Fuß- und Radverkehr wollen wir auch über eine
|
||
institutionelle Förderung der Landesverkehrswacht Sachsen-Anhalt und eine verbesserte
|
||
Förderung von Verbänden mit dem Schwerpunkt im Bereich umweltverträglicher
|
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Mobilität stärken. Die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen wollen wir
|
||
weiterhin fördern.
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||
Gleichzeitig
|
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soll
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die
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Mobilitätspädagogik
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qualifiziert
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werden
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und
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||
in
|
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allen
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Bildungsbereichen von der Kita bis zur Volkshochschule thematisiert werden. Der Erlass
|
||
aus dem Bildungsministerium soll entsprechend überarbeitet werden. Auch die
|
||
Ordnungsämter sollen durch die Förderung von Pedelecs für den Ordnungsdienst und die
|
||
Polizei mit der Weiterbildung im Hinblick auf die Kontrolle des Mindestabstands beim
|
||
Überholen von Radfahrer*innen weiter qualifiziert werden.
|
||
Den Radverkehr attraktiver gestalten
|
||
Wir sorgen dafür, dass Fahrradfahren attraktiv wird, denn mit dem Fahrrad können schnell
|
||
und umweltschonend weite Wege zurückgelegt werden. Darum setzen wir uns zum
|
||
Beispiel für mehr und bessere Fahrradwege, geschützte Fahrradspuren und für die
|
||
weitgehende Öffnung von Einbahnstraßen für Fahrradverkehr ein. Außerdem sollen
|
||
Fahrräder in allen geeigneten öffentlichen Nahverkehrsmitteln und überall kostenfrei
|
||
mitgenommen werden dürfen.
|
||
Wir wollen die seit der laufenden Wahlperiode auf unsere Initiative hin deutlich erhöhten
|
||
Mittel für den Radwegebau weiter erhöhen auf mindestens 15 Mio. Euro pro Jahr. Damit
|
||
soll der Anteil des Radverkehrs gesteigert und die Kommunen im Bereich
|
||
Fahrradinfrastruktur mit Best-Practice-Beispielen und Weiterbildungen vorangebracht
|
||
werden. Die Radwegeförderung soll analog dem Straßenbau verbindlich gesetzlich
|
||
geregelt werden.
|
||
Wir nehmen dabei vor allem die ländlichen Räume in den Blick und wollen die
|
||
Nahmobilität dort stärker forcieren. Wir wollen, dass alle neuen Radwege und
|
||
Radverkehrsanlagen verbindlich und regelgerecht nach den Empfehlungen für
|
||
Radverkehrsanlagen (ERA 2010) gebaut werden. Damit schaffen wir auch die Basis für
|
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den Durchbruch des Lastenradtransports.
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Der
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Aufbau
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||
von
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Fahrradverleihsystemen
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||
auch
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||
mit
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||
Elektrofahrrädern
|
||
und
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||
Spezialfahrrädern wie Lastenrädern hat unsere volle Unterstützung. Ziel sollte ein
|
||
landesweites touristisches Fahrradverleihsystem sowie Bikesharing in den Oberzentren
|
||
sein. Das Kaufprogramm für Lastenfahrräder wollen wir fortführen und auf eine
|
||
Fördersumme von einer Million Euro aufstocken. Dabei sollen ausdrücklich auch
|
||
gewerblich genutzte Lastenfahrräder förderfähig bleiben. Sollte ein Lastenrad kostenfrei,
|
||
beispielsweise durch einen Verein, der Öffentlichkeit bereitgestellt werden, wird die
|
||
Förderquote auf 90 Prozent erhöht.
|
||
Darüber hinaus wollen wir den neuen Landesradverkehrsplan konsequent umsetzen und
|
||
mit Beginn der neuen Legislatur in einem Radwegebedarfsplan fortführen und mit klaren
|
||
Zielvorgaben für dessen Abarbeitung untersetzen. Die für die Fahrgäste kostenlose
|
||
Fahrradmitnahme in geeigneten öffentlichen Verkehrsmitteln wollen wir ausbauen. Um
|
||
das Fahrrad für Landesbedienstete wirtschaftlich attraktiver zu machen, setzen wir uns
|
||
für eine Änderung des Landesbesoldungsgesetzes ein und wollen ein Angebot für das
|
||
Fahrradleasing auf Grundlage per Gehaltsumwandlung schaffen.
|
||
Wir wollen Radschnellwege zwischen Magdeburg und Barleben, Magdeburg und
|
||
Schönebeck, zwischen Halle und Merseburg, zwischen Dessau und Roßlau sowie
|
||
zwischen Halle und Leipzig mit dem Land als Baulastträger. Auch für europa- und
|
||
bundesbedeutsame
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||
Radrouten
|
||
(Europaradweg
|
||
R
|
||
1,
|
||
Elberadweg
|
||
und
|
||
Saale-
|
||
Radwanderweg) soll das Land Sachsen-Anhalt die Baulast übernehmen, damit deren
|
||
Planung, Instandsetzung, Beschilderung und Bewerbung aus einer Hand erfolgt.
|
||
Wir möchten den Anteil des Fahrradverkehrs deutlich erhöhen. Dafür sind sichere
|
||
Fahrradabstellplätze notwendig. Besonders an den Bahnhöfen, den Schulen und
|
||
Hochschulen fehlen oftmals überdachte Fahrradabstellanlagen, an denen die Räder
|
||
sicher abgestellt werden können. Deshalb treten wir dafür ein, dass das Land Sachsen-
|
||
Anhalt ein Programm auflegt, mit dem die Errichtung von Radstationen an Bahnhöfen
|
||
und Schulen gefördert wird, in denen diebstahlsichere und wetterfeste Abstellplätze,
|
||
abschließbare Boxen bis hin zu Fahrradparkhäusern mit Reparatur-Service angeboten
|
||
werden. Für die Hochschulen, aber auch andere Landesliegenschaften wollen wir ein
|
||
Sofortprogramm ausrollen.
|
||
Der Sachsen-Anhalt-Takt
|
||
Wir wollen Sachsen-Anhalt zu einem Pionierland für moderne Mobilität machen. Daher
|
||
wollen wir eine Mobilitätsgarantie für ganz Sachsen-Anhalt einführen. Damit gibt es im
|
||
ganzen Land von mindestens 5 Uhr früh bis Mitternacht mindestens einen Stundentakt
|
||
in allen Orten mit über 1.000 Einwohner*innen mit einer verlässlichen und
|
||
umweltfreundlichen Anbindung – ganz gleich, ob mit dem Zug, der S-Bahn, Straßenbahn,
|
||
dem Bus oder flexiblen Angeboten wie etwa einem Anruf-Sammeltaxi oder durch Ride-
|
||
Pooling-Lösungen. Im Rahmen der Mobilitätsgarantie soll für jeden Ort in Sachsen-Anhalt
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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eine klar definierte Mindestbedienung gelten, die auch bei anfangs geringerer Nachfrage
|
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vorzuhalten ist. Wir wollen, dass jeder Ort mit über 100 Einwohner*innen in Sachsen-
|
||
Anhalt mindestens alle zwei Stunden mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar ist. Dafür
|
||
wollen wir geeignete Rahmenbedingungen und zielgerichtete Anreize setzen. Nur so
|
||
etablieren wir den ÖPNV als gleichwertiges Mobilitätsangebot. Außerdem setzen wir uns
|
||
für ein bedarfsgerechtes Nachtliniennetz, das auch zwischen Mitternacht und 5 Uhr
|
||
Menschen umweltfreundlich durch Sachsen-Anhalt bewegt, ein.
|
||
Der kommunale ÖPNV wird in diesem Zuge zur Pflichtaufgabe der kommunalen
|
||
Aufgabenträger. Wir wollen das ÖPNV-Gesetz entsprechend anpassen und dafür sorgen,
|
||
dass das Land sich stärker als bisher beteiligt.
|
||
Mit dem Sachsen-Anhalt-Takt auf allen Bahnstrecken bis zum Jahr 2026 wird die Bahn
|
||
als Rückgrat des Öffentlichen Verkehrs gestärkt und in allen Regionen Sachsen-Anhalts
|
||
als vollwertige Alternative zum eigenen Auto etabliert. Wo Mittel- und Grundzentren in
|
||
den ländlichen Räumen keinen Anschluss zum Bahn-Bus-Landesnetz haben, wollen wir
|
||
dieses Landesnetz soweit ausdehnen, dass es alle Grundzentren erschließt.
|
||
Busse und Bahnen, Nah- und Fernverkehr sollen im Rahmen eines Integralen
|
||
Taktfahrplans besser aufeinander abgestimmt werden. Das Grundprinzip ist dabei immer
|
||
gleich: Der Bus oder der Zug fährt im Idealfall jede Stunde zur gleichen Zeit ab. Zubringer-
|
||
und Anschlussfahrten sind darauf abgestimmt, sodass binnen zehn Minuten die Reise
|
||
fortgesetzt werden kann.
|
||
Zur Minimierung des Aufwands möchten wir mit den Schulen ins Gespräch kommen, um
|
||
die Anfangs- und Endzeiten ihres Unterrichts an den Taktfahrplan anzupassen, so dass
|
||
auf einen Teil der zusätzlichen Fahrten im Schulverkehr verzichtet werden kann.
|
||
Den Stundentakt als Standard in den ländlichen Räumen wollen wir auf den
|
||
nachfragestarken Bahnstrecken in den Ballungsräumen Halle und Magdeburg mit einer
|
||
dichteren Taktung der S-Bahn ergänzen.
|
||
Die vom Bund angekündigte Unterstützung für die Einführung eines Taktfahrplans
|
||
(Deutschlandtakt) unterstützen wir ausdrücklich und verbinden damit eine Verbesserung
|
||
des Angebots etwa mit einem ICE-Anschluss für Magdeburg und einer deutlich
|
||
verbesserten Fernverkehrsanbindung des Umweltbundesamtes und des Bauhauses für
|
||
Dessau-Roßlau. Die Renaissance der Nachtzüge darf Sachsen-Anhalt nicht verschlafen.
|
||
Wir wollen uns im Bundesrat dafür einsetzen, dass das europäische Nachtzugnetz auch in
|
||
Deutschland wieder ausgebaut wird. Im Nachtverkehr sollte eine Ost-West-Verbindung
|
||
über Magdeburg und eine Nord-Süd-Verbindung über den Knotenpunkt Halle führen.
|
||
Öffentlicher Raum ist mehr wert
|
||
Ein durchschnittlicher Parkplatz benötigt knapp 13 Quadratmeter Fläche. Gerade in den
|
||
größeren Städten in Sachsen-Anhalt ist der öffentliche Raum ein knapper werdendes Gut,
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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welches auch für Fahrradständer oder Grünflächen benötigt wird. Zwar können die
|
||
Kommunen Parkgebühren erheben, diese sind in Sachsen-Anhalt aber strikt gedeckelt.
|
||
Nicht mehr als 50 Cent für die angefangene halbe Stunde dürfen verlangt werden. Durch
|
||
diese Beschränkung Seitens des Landes aus den1990er Jahren können die Parkgebühren
|
||
nicht einmal an die Inflation angepasst werden. Während also die Ticketpreise für den
|
||
ÖPNV
|
||
regelmäßig
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steigen,
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bleiben
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die
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Preise
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für
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Parkraum
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unverändert.
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Inflationsbereinigt wird dieser sogar immer billiger. Daher sollen die Kommunen in
|
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Zukunft selbst über die Höhe von Parkgebühren und Anwohner*innenparkausweisen
|
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entscheiden. Wir wollen die Obergrenzen für Parkgebühren als Landesvorgabe
|
||
abschaffen.
|
||
Die dadurch möglichen zusätzlichen Einnahmen sind mit einem kommunalen
|
||
Mobilitätskonzept zu untersetzen und grundsätzlich zur Stärkung des Radverkehrs, des
|
||
Fußverkehrs und der öffentlichen Verkehrsmittel zu verwenden. Das muss
|
||
kommunalaufsichtlich abgesichert werden, damit die Mehreinnahmen nicht im
|
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Gesamthaushalt verschwinden. Um diese Konzeptentwicklung zu befördern, streben wir
|
||
eine hälftige Kofinanzierung kommunaler Mobilitätsberater durch das Land an.
|
||
Straßen in Städten und Dörfern sollen sicherer und attraktiver werden und zum
|
||
Aufenthalt wie zum Einkaufen einladen. Deshalb wollen wir den Kommunen mehr
|
||
Gestaltungsräume geben und das Straßengesetz des Landes Sachsen-Anhalt novellieren.
|
||
Bisher definiert das Gesetz als Gemeingebrauch der Straße (einschließlich der Geh- und
|
||
Radwege längs der Straßen) den fließenden und ruhenden Verkehr mit Vorrang für den
|
||
fließenden Verkehr. Der Aufenthalt und das Verweilen von Personen im Straßenraum
|
||
sowie die Nutzung des Straßenraums durch Handel, Gastronomie und Ähnliches muss von
|
||
einer Sondernutzung zum Bestandteil des Gemeingebrauchs werden. Aufgrund dessen
|
||
muss dieser Nutzungsart auch Raum und Fläche sowie Sicherheit eingeräumt werden. Die
|
||
Sicherheit von Fußgänger*innen und Radverkehr muss Vorrang vor dem Autoverkehr
|
||
erhalten. Letztlich wollen wir lebendige und verkehrsberuhigte Dorf- und Stadtzentren
|
||
fördern, damit statt Durchgangs- und Warenverkehr dort öffentliches Leben stattfinden
|
||
kann.
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||
Barrierefreiheit in der Mobilität ermöglichen
|
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Wir wollen, dass der ÖPNV familienfreundlicher und barrierefrei wird. Dies bedeutet, dass
|
||
genügend Stellplätze in Bussen und Bahnen für Kinderwagen, Rollstühle und Rollatoren
|
||
vorhanden sind. Ein Umstieg auf Bus und Bahn wird erst dann zur Alternative, wenn es
|
||
regelmäßige, modern und komfortabel ausgerüstete, gut aufeinander abgestimmte und
|
||
verlässliche Linien gibt. Die Kommunen sollen dabei finanziell unterstützt werden,
|
||
bestehende Haltestellen des ÖPNV barrierefrei zu gestalten. Das bisher spärlich genutzte
|
||
Haltestellenprogramm zur Schaffung von Barrierefreiheit im ÖPNV ist entsprechend
|
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weiterzuentwickeln und die bisher bereit gestellten Mittel sind mindestens auf zehn
|
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Millionen Euro aufzustocken. Die landesweite Erfassung barrierefreier Haltestellen muss
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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ständig aktualisiert werden. Darauf aufbauend wollen wir, dass in der Fahrplanauskunft
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des Landes die Möglichkeit einer Abfrage barrierefreier Reiseketten einschließlich
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Anschlusssicherung zu geschaffen wird, unter Nutzung der Vorarbeiten der NASA. Auch
|
||
soll anhand der Erfassung ein Zeitplan zur landesweiten barrierefreien Gestaltung der
|
||
Haltestellen aufgestellt werden. Denn ein barrierefreier Zugang zu den Haltepunkten des
|
||
ÖPNV wie ein zweisinniges Auskunftssystem sollen in Zukunft Standard sein.
|
||
Bahnhöfe und Haltestellen zu Mobilitätsstationen ausbauen
|
||
Wir wollen Bahnhöfe und zentrale Bushaltestellen zu Mobilitätsstationen entwickeln.
|
||
Dort sollen alle Verkehrsmittel optimal miteinander verbunden sein. Neben Bussen und
|
||
Bahnen können die Fahrgäste dort auf Taxis, Sharing-Angebote, diebstahlsichere
|
||
Fahrradabstellanlagen, Fahrrad-Reparatur-Stationen, Möglichkeiten von Park-and-Ride,
|
||
Ladestationen für Elektroautos und E-Bikes sowie Wasserstofftankstellen zurückgreifen,
|
||
um wirklich von Tür zu Tür mobil zu sein. Diese Stationen sollen sicher und komfortabel
|
||
ausgestattet sein, um einen reibungslosen Umstieg zwischen allen Verkehrsmitteln zu
|
||
gewährleisten. Zudem sollte auch begleitende Infrastruktur vorhanden sein, wie freies
|
||
WLAN, Bänke, Fahrgastunterstände, Mülleimer und Schließfächer.
|
||
Dieser Ansatz ist auch für Schnittstellen des ÖPNV zu realisieren, nämlich durch
|
||
regelhafte überdachte Radabstellanlagen sowie verschließbare Fahrradboxen. Um die
|
||
Kommunen bei dieser Aufgabe zu unterstützen, wollen wir eine Bedarfsanalyse für solche
|
||
Abstellanlagen durchführen und einen Leitfaden entwickeln, der die Kommunen bei der
|
||
Planung und Ausgestaltung von Haltepunkten planerisch unterstützt. Solche
|
||
multimodalen Haltepunkte vervielfachen den Einzugsbereich einzelner Haltepunkte von
|
||
wenigen Hundert Metern auf mehrere Kilometer und können gerade für Pendler*innen
|
||
einen Mehrwert bieten.
|
||
Für beide Vorhaben ist das Schnittstellenprogramm konzeptionell neu aufzustellen und
|
||
mit mehr Haushaltsmitteln auszustatten. Außerdem muss die Antragstellung vereinfacht
|
||
werden. Das Förderprogramm REVITA zur Revitalisierung von Bahnhofsgebäuden wollen
|
||
wir weiterführen. Sanierte und belebte Bahnhofsgebäude stärken erheblich die
|
||
Attraktivität des Bahnverkehrs.
|
||
Ein Auto für viele
|
||
Carsharing kann die Flexibilität eines eigenen Autos schaffen ohne dessen teure
|
||
Anschaffung, die hohen Fixkosten und den hohen Ressourcenverbrauch. Ein Carsharing-
|
||
Auto kann bis zu zehn private PKW ersetzen. Besonders in den ländlichen Räumen kann
|
||
Carsharing ein wichtiger Baustein für eine bequeme, komfortable und umweltschonende
|
||
Eigenmobilität sein: Immer ein Auto, wenn es gebraucht wird – aber eben nur dann. Das
|
||
entlastet den Verkehr, die Kommunen und den Geldbeutel. Deswegen wollen wir auch in
|
||
Klein- und Mittelstädten ein flächendeckendes Carsharing-Angebot unterstützen.
|
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Carsharing- sowie Park & Ride-Angebote brauchen wir vor allem am Stadtrand und an
|
||
Mobilitätsstationen. Dazu gehören für uns auch Dorf-Autos im Dorfverbund und
|
||
Bürger*innenbusse. Dafür wollen wir mit Beginn der nächsten Wahlperiode das
|
||
Straßengesetz des Landes Sachsen-Anhalt novellieren, damit auf öffentlichen
|
||
Straßenflächen Carsharing Angebote ausgeschrieben werden können.
|
||
Wir wollen separate Stellplätze für Carsharing-Fahrzeuge bereitstellen und ausweisen
|
||
und diese von Parkgebühren befreien. Dafür sollen auch alle Möglichkeiten des
|
||
Carsharing Gesetzes genutzt werden.
|
||
Vereine und Initiativen, die gemeinschaftlich Mobilität, wie etwa einen Bürger*innenbus
|
||
organisieren, wollen wir als zusätzliches Angebot unterstützen. Dazu wollen wir einen
|
||
Leitfaden entwickeln, vor Ort beraten und ein Förderprogramm auflegen.
|
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Für
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Pendler*innen
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||
wollen
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wir
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die
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Bildung
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von
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Fahrgemeinschaften
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durch
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Pendler*innenparkplätze
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auch
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mit
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Fahrradabstellanlagen,
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Bonusprogramme
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||
in
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Fahrgemeinschaften und die Entwicklung einer Open-Source-App auf Basis von offenen
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||
Daten und Schnittstellen für Pendler*innenfahrgemeinschaften vereinfachen. Ebenso
|
||
braucht es in den ländlichen Räumen Mitfahrbänke.
|
||
Alternative Antriebe voranbringen
|
||
Die Mobilität mit alternativen Antrieben, wie das mit Ökostrom betriebene Elektroauto
|
||
ist eine Alternative für alle, die weiterhin auf ein Auto angewiesen sind. Um sie ins Rollen
|
||
zu bringen, wollen wir den öffentlichen Fuhrpark schrittweise auf alternative Antriebe
|
||
umstellen und Sonderparkplätze für Elektroautos zur Verfügung stellen. Auch Kommunen
|
||
wollen wir dabei unterstützen, ihren Fuhrpark auf emissionsarme Fahrzeuge umzustellen.
|
||
Wir unterstützen und fördern auch weiterhin aktiv Verkehrsunternehmen bei der
|
||
Umrüstung ihrer Flotten in Richtung emissionsarmer beziehungsweise -freier Fahrzeuge,
|
||
auch um die Umsetzung der „Clean Vehicles Richtlinie“ (EU-Richtlinie über die Förderung
|
||
sauberer und energieeffizienter Straßenfahrzeuge) durch die Kommunen zu unterstützen.
|
||
Intelligente und bezahlbare Tarife im Nahverkehr
|
||
Wir setzen uns für das Ende des Tarifdschungels und für ein bezahlbares und in allen
|
||
Verkehrsmitteln gültiges Ticketsystem ein.
|
||
Wir wollen beginnen mit einem Kinder- und Jugendticket, das die Schüler*innentickets,
|
||
das Schüler*innenferienticket und das Azubiticket integriert zu einem allgemeinen Ticket
|
||
für die junge Generation. Denn gerade in jungen Jahren braucht es erste Erfahrungen mit
|
||
dem ÖPNV, um diese Verkehrsmittel in das eigene Mobilitätsverhalten zu integrieren.
|
||
Schüler*innen, Auszubildende, Studierende und Jugendliche in Freiwilligendiensten
|
||
sollen kostenlos fahren können. In ganz Sachsen-Anhalt und den Tarifgebieten der
|
||
Verkehrsverbünde. Sofern dies nicht mittelfristig möglich ist, wollen wir ein Solidar-
|
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Ticket für Sachsen-Anhalt unterstützen und gebündelt mit der Deutschen Bahn
|
||
verhandeln. Für Landesbedienstete wollen wir ein bezuschusstes Jobticket anbieten und
|
||
Dienstreisen per Fahrrad unterstützen. Dafür setzen wir uns bei den Verhandlungen zum
|
||
Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder ein, damit dies rechtlich möglich wird.
|
||
Beschäftigte außerhalb der Landesverwaltung sollen durch Jobtickets unterstützt werden.
|
||
Perspektivisch sollen die bestehenden Verkehrs- und Tarifverbünde fusionieren, sodass
|
||
ein Sachsen-Anhalt-Tarifverbund entsteht. Das Land soll als Moderator aktiv für diesen
|
||
Ansatz werben. Die angrenzenden Verkehrsverbünde wollen wir mit Blick auf einen zu
|
||
schaffenden Tarifverbund Mitteldeutschland (gemeinsam mit Sachsen und Thüringen)
|
||
einbeziehen. Auf dem Weg dahin brauchen wir kurzfristig Tarifkooperationen, um
|
||
Verbundgrenzen
|
||
für
|
||
den
|
||
Fahrgast
|
||
faktisch
|
||
aufzuheben.
|
||
Wir
|
||
wollen
|
||
eine
|
||
Verbunderweiterung im Bereich des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes und von marego,
|
||
sodass es keine weißen Flecken außerhalb von Verbünden mehr gibt.
|
||
Das Smartphone und die Flatrate sind bei vielen Bürger*innen Standard im Leben. Wir
|
||
wollen mit Smartphones und Flatrates besseren Nahverkehr ermöglichen. Wir wollen die
|
||
App für die Fahrplanauskunft Sachsen-Anhalt um die Möglichkeit zum Fahrkartenkauf
|
||
erweitern, mit der von jedem und in jeden Ort Verbindungen über Bus, Bahn, Taxi und wo
|
||
vorhanden Leihfahrrad, E-Scooter oder Carsharing gesucht, gebucht und bezahlt werden
|
||
können. Wir wollen für Sachsen-Anhalt eine tiefenintegrierte und komfortable Mobilitäts-
|
||
App statt vieler verschiedener.
|
||
Neben diesen Verbesserungen innerhalb der bestehenden Finanzierungsystematik
|
||
wollen wir Formen einer Drittnutzer-Finanzierung des ÖPNV prüfen und initiieren, die
|
||
diesen unabhängiger von Ticketverkäufen macht. Das ist für uns eine der Lehren aus der
|
||
Corona-Pandemie. Eine verlässliche und steigende Finanzierung werden wir brauchen,
|
||
um etwa die Taktung des ÖPNV spürbar zu verbessern. Auch die von uns angestrebte
|
||
Reaktivierung von Strecken verlangt nach einer tragfähigen Finanzierung. Daher sind
|
||
neben der öffentlichen Förderung und den direkten Ticketeinnahmen differenzierte
|
||
Konzepte für eine „Mobilitätsabgabe“ als dritte Finanzierungssäule zu erproben.
|
||
Ziel ist, dass das Preisniveau im öffentlichen Verkehr so gestaltet ist, dass die Nutzung
|
||
des ÖPNV grundsätzlich kostengünstiger ist als die PKW-Nutzung. Durch eine engere
|
||
Taktung, vor allem in den ländlichen Räumen, wird der ÖPNV unschlagbar.
|
||
Für alle Dienstreisen von Landesbediensteten soll – soweit Emissionen nicht durch die
|
||
Wahl eines klimafreundlichen Verkehrsmittels vermieden werden können – eine CO2-
|
||
Kompensation erfolgen.
|
||
Die
|
||
Regionalisierungsmittel
|
||
des
|
||
Bundes
|
||
sind
|
||
vollständig
|
||
für
|
||
den
|
||
Schienenpersonennahverkehr bereitzustellen und der kommunale ÖPNV muss
|
||
zusätzliche Fördermittel des Landes erhalten. Die Neuausrichtung und Aufstockung des
|
||
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG) ist zu nutzen, um weiterhin den Ausbau
|
||
von Straßenbahnnetzen und zukünftig auch Streckenreaktivierungen zu fördern. Auch ist
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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die Förderung des ÖPNV mindestens im Rahmen eines Inflations- und Tarifausgleichs zu
|
||
dynamisieren.
|
||
Neben diesen Verbesserungen innerhalb der bestehenden Finanzierungsystematik
|
||
wollen wir Formen einer ergänzenden Finanzierung des ÖPNV prüfen und initiieren, die
|
||
diesen unabhängiger von Ticketverkäufen macht. Das ist für uns eine der Lehren aus der
|
||
Corona-Pandemie. Eine verlässliche und steigende Finanzierung werden wir auch
|
||
brauchen, um etwa die Taktung des ÖPNV spürbar zu verbessern. Auch die von uns
|
||
angestrebte Reaktivierung von Strecken verlangt nach einer tragfähigen Finanzierung.
|
||
Wir wollen daher eine Grundlagenuntersuchung, welche die verschiedenen Varianten
|
||
einer so genannten Drittnutzerfinanzierung konkretisiert und auf ihre Umsetzbarkeit hin
|
||
überprüft. Der Mitteldeutsche Verkehrsverbund hat dazu bereits vor Jahren sechs
|
||
mögliche Varianten – vom Bürgerticket bis zum flächenbezogenen ÖPNV-Beitrag – ins
|
||
Gespräch gebracht. Auf Basis der Grundlagenuntersuchung wollen wir den Landkreisen
|
||
und kreisfreien Städten die Möglichkeit zur Erprobung anbieten und entsprechend einen
|
||
Modelllandkreis samt Förderung ausschreiben, damit ein solches Pioniervorhaben im
|
||
Land bis 2023 anläuft.
|
||
Touristische Modelle wie das Harzer Urlaubs-Ticket (HATIX), die ein Ticket für die
|
||
kostenlose Nutzung von Bus- und Straßenbahn in einer Tourismusregion in die
|
||
Kurtaxabgaben für Übernachtungsgäste integrieren, wollen wir ausbauen und auch in
|
||
anderen Tourismusregionen in Sachsen-Anhalt etablieren. Wir streben insbesondere eine
|
||
Ausweitung auf den Schienen-Personen-Nahverkehr auch in Rücksprache mit
|
||
Niedersachsen und Thüringen an.
|
||
Für den Tourismus ist es elementar wichtig, mit den angrenzenden Regionen
|
||
zusammenzuarbeiten. Beispielsweise sollte das Sachsen-Anhalt-Ticket auch auf
|
||
angrenzenden Strecken im niedersächsischen Teil des Harzes gelten. Ähnliches gilt zum
|
||
Beispiel für Braunschweig und Wolfsburg.
|
||
Ausbau des Netzes von Bahn und Bus
|
||
Wir setzen uns dafür ein, dass stillgelegte Bahnstrecken, wo das sinnvoll möglich ist,
|
||
reaktiviert werden, etwa Schönebeck (Elbe) – Barby – Güterglück, Halle-Nietleben –
|
||
Dölau, Halle (Saale) , Naumburg (Saale) Ost – Kaufland, Naumburg (Saale), Merseburg Hbf
|
||
– Leipzig Hbf und Wangen (Unstrut) – Artern. Gleiches gilt für Schienenstrecken, welche
|
||
derzeit ausschließlich touristisch genutzt werden. Hier möchten wir prüfen, inwieweit
|
||
diese nach Vorbild der Strecke Nordhausen – Ilfeld in Thüringen in den ÖPNV
|
||
beziehungsweise SPNV (Taktfahrplan, Gültigkeit des Verbundtarifs) integriert werden
|
||
können. Dadurch könnte Verkehr von Straßen auf Schienen umgeleitet werden, ohne
|
||
neue Trassen schaffen zu müssen.
|
||
Wir setzen uns für einen massiven Ausbau der Kapazitäten im Nahverkehr ein. Dafür
|
||
bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung von Bund, Land und den Kommunen, um die
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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dafür benötigten Beschaffungsinvestitionen in energieeffiziente und klimafreundliche
|
||
ÖPNV-Technik wie Wasserstoff- und Elektroantriebe sowie die Infrastruktur zu
|
||
finanzieren.
|
||
Wir setzen uns dafür ein, noch mehr Eisenbahnstrecken in Sachsen-Anhalt zu
|
||
elektrifizieren und dafür zügig ein landesweites Konzept zu erarbeiten. Mit Mitteln aus
|
||
dem Strukturwandelfonds des Kohle-Kompromisses soll das mitteldeutsche S-Bahn-Netz
|
||
im Süden Sachsen-Anhalts mit der Elektrifizierung der Strecke Gera – Zeitz – Leipzig
|
||
ausgebaut
|
||
wird.
|
||
Die
|
||
Neuausrichtung
|
||
und
|
||
Aufstockung
|
||
des
|
||
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG) ist zu nutzen, um den weiteren Ausbau
|
||
von
|
||
Straßenbahnnetzen,
|
||
und
|
||
zukünftig
|
||
auch
|
||
Strecken-reaktivierungen
|
||
und
|
||
Elektrifizierungsmaßnahmen zu fördern.
|
||
Auf
|
||
den
|
||
zahlreichen
|
||
Bahnstrecken
|
||
ohne
|
||
Oberleitung
|
||
sollen
|
||
zunehmend
|
||
umweltfreundliche und leise Zugantriebe wie die Brennstoffzelle oder Züge mit
|
||
Akkumulator zum Einsatz kommen, wo eine Elektrifizierung zu teuer ist. Dies wollen wir
|
||
durch entsprechende Verkehrsverträge und Förderprogramme erreichen.
|
||
Alternative Antriebe im Zugverkehr voranbringen
|
||
Unser Ziel ist, 2032 aus dem Dieselbetrieb von Zügen auszusteigen, wenn die laufenden
|
||
Verträge mit dem Land enden. Dafür braucht es alternative Antriebe. Nur rund die Hälfte
|
||
der Bahnstrecken in Sachsen-Anhalt sind bislang elektrifiziert. Wir wollen uns beim Bund
|
||
dafür stark machen, dass mehr Strecken elektrifiziert werden. Einen Landesplan wollen
|
||
wir erarbeiten. Priorität sollen dabei Lückenstrecken haben, also Routen, wo derzeit kurze
|
||
Abschnitte ohne Stromleitungen verhindern, dass Elektrozüge fahren können.
|
||
Es braucht aber noch mehr für die Abschaffung von Dieselzüge. Insbesondere auf
|
||
Nebenstrecken muss das Land auf ökologische alternative Antriebe wie z. B. Elektrozüge
|
||
mit Akkus und auf grünen Wasserstoff als Antriebsmittel setzen. Nur so kann die Bahn ihr
|
||
Klimaschutzpotential ausschöpfen. Projekte im Land, welche die Umstellung auf CO2-
|
||
freie Antriebe vorantreiben, sollen unterstützt werden. Beispielhaft sei das Projekt
|
||
TRAINS der Fachhochschule Anhalt genannt.
|
||
Vom Land (mit-)finanzierter und bestellter Nahverkehr auf der Schiene und den Buslinien
|
||
des Landesnetzes ist grundsätzlich auszuschreiben. Für den Fall eines Betreiberwechsels
|
||
von Bahnstrecken soll bereits mit der Ausschreibung sichergestellt werden, dass
|
||
mindestens die bisherigen Standards bei der Entlohnung und den Arbeitsbedingungen
|
||
auch für den neuen Betreiber weiter gelten. Auch die Nachnutzung der Fahrzeuge wollen
|
||
wir in der Ausschreibung mit vorsehen.
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Straßennetz: Erhalt und Ausbau vor Neubau
|
||
Sachsen-Anhalt verfügt schon jetzt in vielen Regionen über ein gut ausgebautes
|
||
Straßennetz. Leider sind viele dieser Straßen in einem schlechten Zustand.
|
||
Anwohner*innen einiger Ortschaften leiden unter einer extremen Verkehrsbelastung, weil
|
||
nötige Instandsetzungsmaßnahmen nicht durchgeführt oder Ortsumgehungen nicht
|
||
angegangen werden.
|
||
Wir setzen auf den Erhalt und die Pflege bestehender Straßen statt auf Neubau. Wir
|
||
wollen Streckenführungen und Beschilderungen so gestalten, dass die Belastung für die
|
||
Anwohner*innen viel befahrener Straßen gesenkt wird. Werden Straßen in Ober- und
|
||
Mittelzentren saniert, müssen im Zuge dessen auch Radverkehrsanlagen ausgebaut
|
||
werden.
|
||
Wo eine Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur nachweislich erforderlich ist, wollen wir
|
||
als Alternative zu extrem teuren Autobahn-Neubauvorhaben eine kostengünstigere und
|
||
am tatsächlichen Bedarf orientierte Sanierung und den Ausbau vorhandener
|
||
Straßenverläufe voranbringen. Die Sanierung von Landesstraßen muss Vorrang vor dem
|
||
Neubau haben. Hier wollen wir Mittel umschichten, um die Sanierungsquote zu erhöhen
|
||
und die Lebensqualität zu verbessern.
|
||
Neue Autobahnprojekte lehnen wir ebenso ab wie den Ausbau von bestehenden
|
||
Autobahnen. Vorhaben, für die bereits ein Planfeststellungsbeschluss besteht, begleiten
|
||
wir
|
||
kritisch.
|
||
Wir
|
||
fordern
|
||
von
|
||
der
|
||
nächsten
|
||
Bundesregierung,
|
||
den
|
||
Bundesverkehrswegeplan nach ökologischen und klimaschutzbezogenen Kriterien,
|
||
Bedarfsanalysen sowie Verkehrsschätzungen zu aktualisieren.
|
||
In einzelnen Ortslagen, wo der Durchgangsverkehr zur unerträglichen Last für die
|
||
Bewohner*innen geworden ist, befürworten wir den Bau von Ortsumgehungen und
|
||
anderen Schutzmaßnamen. Dabei ist jeder Eingriff so durchzuführen, dass es zu einem
|
||
Minimum an Belastungen für Mensch und Natur kommt. Zudem dürfen keine Nachteile
|
||
für den Umweltverbund, zum Beispiel durch größere Wegelängen, entstehen. Wo Straßen
|
||
zu groß für den Bedarf sind, müssen auch ein Rückbau und eine Rückgewinnung von
|
||
Naturflächen möglich sein.
|
||
Auf den Autobahnen wollen wir den landesrechtlichen Spielraum ausnutzen, um Tempo
|
||
130 als Höchstgeschwindigkeit festzulegen. Auf Bundesebene setzen wir uns für ein
|
||
generelles Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen ein, um die Anzahl und Schwere
|
||
von Unfällen zu senken sowie einen Beitrag zur Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs
|
||
und damit zum Klimaschutz zu leisten.
|
||
Wir gehen mit öffentlichen Mitteln sorgsam um und wollen die knappen Ressourcen
|
||
lieber in den Erhalt unserer Landes- und Kreisstraßen sowie in Fahrradinfrastruktur
|
||
stecken. Angesichts der knappen Haushaltsmittel des Landes für den Straßenbau soll auf
|
||
einen Neubau von Landesstraßen grundsätzlich verzichtet und im Bereich der
|
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Landesstraßen vorrangig die Unterhaltung des bestehenden Straßennetzes verbessert
|
||
werden.
|
||
Wir fordern darüber hinaus ein Programm zur Erhaltung und Vervollständigung der Alleen
|
||
in Sachsen-Anhalt und ein Modellprojekt zur Umsetzung von Lärmschutzmaßnahmen an
|
||
Landesstraßen.
|
||
Elektromobilität und Autonomes Fahren gezielt fördern
|
||
Wir benötigen eine verdichtete Ladesäuleninfrastruktur auf Basis Erneuerbarer Energien.
|
||
Unsere Zielstellung ist eine öffentliche Lademöglichkeit alle zehn Kilometer. Der Umstieg
|
||
auf emissionsfreie Elektromobilität gelingt nur mit einer gut ausgebauten öffentlichen
|
||
Ladeinfrastruktur und der Bereitstellung von offenen Daten der Standorte, technischen
|
||
Merkmale und Echtzeitnutzung der Ladestationen. Mit diesem Ansatz wollen wir die
|
||
Möglichkeiten schaffen, dass bis 2030 rund 30 Prozent der PKW im Land über einen
|
||
alternativen Antrieb verfügen.
|
||
Öffentlich geförderte oder installierte Ladeinfrastruktur sollte aus Ökostrom, bevorzugt
|
||
durch regionale Energieversorger oder Bürger*innenstrom, gespeist werden. Das Land
|
||
muss mit gutem Beispiel vorangehen und an öffentlichen Gebäuden barrierefreie
|
||
Ladeinfrastruktur
|
||
für
|
||
Pedelecs
|
||
und
|
||
E-Autos
|
||
bereitstellen,
|
||
die
|
||
sowohl
|
||
von
|
||
Mitarbeiter*innen privat und dienstlich als auch öffentlich genutzt werden kann.
|
||
In der Bauordnung wollen wir den verbindlichen Bau von Ladestellplätzen festschreiben
|
||
sowie eine Vorgabe zur Verlegung von Leerrohren bei Neubauten von Immobilien oder
|
||
Parkplätzen, um eine Nachrüstung in Sachen Ladeinfrastruktur leicht zu ermöglichen.
|
||
Das Förderprogramm zur Installation von Ladeinfrastruktur sollte ausdrücklich auch
|
||
Ladeinfrastruktur am Arbeitsplatz beinhalten. Darüber hinaus sollte ein zusätzlicher
|
||
Zuschuss gezahlt werden, wenn Photovoltaik und Ladeinfrastruktur am Arbeitsplatz
|
||
gekoppelt werden.
|
||
Das Ladeinfrastrukturkonzept Sachsen-Anhalt wollen wir fortschreiben und erneuern.
|
||
Hier braucht es eine Ergänzung um Wasserstofftankstellen sowie um das teilöffentliche
|
||
Laden.
|
||
Wir wollen die Entwicklung des Autonomen Fahrens fördern und Testräume für dessen
|
||
Erprobung einführen. Dabei wollen wir uns auf die Bereiche konzentrieren, die einen
|
||
Mehrwert für Mensch und Umwelt bieten: Bus und Bahn, Mobilität in den ländlichen
|
||
Räumen und Kleinfahrzeuge für die letzte Meile. In diese Richtung müssen der
|
||
„Rahmenplan
|
||
für
|
||
Intelligente
|
||
Verkehrssysteme“
|
||
sowie
|
||
das
|
||
entsprechende
|
||
Förderprogramm ausgebaut werden.
|
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Seite 61
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||
Güter umweltfreundlich transportieren
|
||
Der Güterverkehr gehört auf die Schiene. Das schont unsere Umwelt, unser Klima und
|
||
nicht zuletzt unsere Nerven. Um Unternehmen den Umstieg auf die Schiene zu
|
||
erleichtern, wollen wir mehr Gewerbegebiete an das Schienennetz anschließen,
|
||
Nebenbahnen für den Güterverkehr besser nutzbar machen, Unternehmensanschlüsse an
|
||
das Schienennetz fördern sowie Flächenbereitstellungen für Umschlagknoten im
|
||
Güterverkehr befördern. Hierzu müssen Bahnstrecken verstärkt mit Oberleitungen
|
||
elektrifiziert und wo nötig modernisiert werden. Um die Schiene attraktiver zu machen
|
||
und bisher mautfreie Straßen zu entlasten, wollen wir über den Bundesrat und die
|
||
Verkehrsministerkonferenz die LKW-Maut einheitlich auf alle Straßen bundesweit
|
||
ausweiten. Gleichzeitig treiben wir die Elektrifizierung der Schiene weiter voran. Explizit
|
||
auch zur Entlastung des Güterverkehrs sind folgende Strecken mittelfristig zu
|
||
reaktivieren: Wittenberge-Lüneburg und Magdeburg-Barby-Dessau.
|
||
Bei
|
||
der
|
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Verlagerung
|
||
des
|
||
Güterverkehrs
|
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auf
|
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die
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Schiene
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sind
|
||
modernste
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||
Lärmschutzkonzepte umzusetzen.
|
||
Güterverkehr findet aber nicht nur auf den Schienen und Autobahnen des Landes statt.
|
||
Die Wirtschaftsverkehre mit großen LKW und Kleintransportern stellen Gemeinden und
|
||
Städte vor immer größere Herausforderungen. Sie verursachen nicht nur Lärm und
|
||
Abgase, sondern parken oft Fahrbahnen und Fußwege zu und sind für einen hohen Anteil
|
||
der Emissionen in den Städten verantwortlich. Wir wollen hier neue Wege gehen. Unser
|
||
Ziel sind CO2-freie und lärmarme Wirtschaftsverkehre. Dies wollen wir erreichen, indem
|
||
wir unter Einbeziehung der wissenschaftlichen Kompetenz im Land Rahmenbedingungen
|
||
für neue Güterverkehrskonzepte entwickeln. Diese sollen die Kooperation und Bündelung
|
||
von Warenverkehren über Unternehmen hinweg ermöglichen, den Einsatz von
|
||
alternativen Transportmitteln wie Lastenrad oder Elektro-LKW unterstützen und Räume
|
||
für Minigüterverkehrszentren und Mikrodepots eröffnen.
|
||
Wir setzen uns für Kooperationen von Speditionen und Lieferdiensten ein und wollen
|
||
Modellprojekte für eine emissionsfreie Zustellung initiieren, denn ein großes Potential
|
||
liegt in den letzten Kilometern. Mit Lastenrädern können Pakete von Mikrodepots in der
|
||
Stadt bis zur Haustür geliefert werden. Wir wollen Kommunen bei der Errichtung der dazu
|
||
nötigen kleinen Verteilstationen sowie der Einrichtung von flächendeckenden Ladezonen
|
||
für die KEP-Dienste (Kurier-, Express- und Paketdienste) unterstützen.
|
||
Die novellierte Straßenverkehrsordnung erlaubt die Ausweisung von Parkflächen für
|
||
Lastenräder. Diese Neuerung soll durch die kommunalen Straßenverkehrsbehörden in
|
||
Zusammenarbeit mit der oberen Straßenverkehrsbehörde genutzt werden. Auch setzen
|
||
wir uns dafür ein, dass es in den Oberzentren Koordinator*innen für den
|
||
Wirtschaftsverkehr gibt, die zwischen Wirtschaft und Verwaltung vermitteln und zur
|
||
Nutzung von urbaner, nachhaltiger Logistik beraten.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
Besonders in ländlichen Räumen unterstützen wir eine kombinierte Beförderung von
|
||
Waren und Personen im Linienverkehr.
|
||
Um diese Vorhaben konzeptionell zu bündeln, ist das Landeslogistikkonzept des Landes
|
||
Sachsen-Anhalt aus dem Jahr 2009 fortzuschreiben.
|
||
Schiffsverkehr
|
||
Die Fähren im Land sichern neben regionaler Mobilität auch Straßenverbindungen von
|
||
Land und Bund. Ebenso sind sie für den Radtourismus von Bedeutung und bergen über
|
||
ihre
|
||
reine
|
||
Funktionalität
|
||
hinaus
|
||
Potential
|
||
als
|
||
Touristenattraktion.
|
||
Für
|
||
die
|
||
landesbedeutsamen Fähren wollen wir eine verlässliche Finanzierung auflegen, damit die
|
||
Gemeinden nicht allein das wirtschaftliche Risiko tragen müssen.
|
||
Auch Schiffe und Fähren sollen sukzessive mit alternativen Antrieben ausgestattet
|
||
werden. Dafür wollen wir ein Förderprogramm in die Wege leiten.
|
||
Flugverkehr begrenzen
|
||
Mit dem Flughafen Leipzig/Halle existiert für Sachsen-Anhalt ein gut ausgebauter und
|
||
gut erschlossener Standort. Damit ist unserer Ansicht nach der Bedarf an Flughäfen in
|
||
Mitteldeutschland gedeckt. Wir sprechen uns dafür aus, dass kein Geld mehr in kleinere
|
||
Regionalflughäfen fließt.
|
||
Nachtflüge beeinträchtigen die Lebensqualität der Bewohner*innen der Region Halle-
|
||
Leipzig. Die Maßnahmen zum Lärmschutz sind noch immer unzureichend. Deshalb
|
||
fordern wir weitere aktive und passive Schallschutzmaßnahmen und die Einhaltung der
|
||
„Leitlinien für Umgebungslärm“ der Weltgesundheitsorganisation. Danach soll der durch
|
||
Flugverkehr bedingte Lärmpegel auf weniger als 45 dB verringert werden, weil Fluglärm
|
||
oberhalb dieses Wertes mit schädlichen gesundheitlichen Auswirkungen verbunden ist.
|
||
Wir setzen uns dafür ein, dass in der Zeit von 22 bis 6 Uhr gemäß der Empfehlung des
|
||
Umweltbundesamtes für stadtnahe Flughäfen grundsätzlich kein Flugverkehr stattfindet.
|
||
Ausnahmen darf es nur für Fälle wie bspw. dringenden medizinischen Bedarf geben. Die
|
||
Umsetzung
|
||
einer
|
||
Nachtflugpause
|
||
am
|
||
Flughafen
|
||
Leipzig/Halle
|
||
muss
|
||
als
|
||
Strukturwandelprozess begriffen und konzeptionell vorbereitet werden.
|
||
Wir fordern eine verbesserte Bürger*innenbeteiligung bei Fragen des Fluglärmschutzes
|
||
durch die Einführung informeller Beteiligungsmodelle und die Ausdehnung bestehender
|
||
Veröffentlichungspflichten
|
||
auf
|
||
das
|
||
Internet.
|
||
Die
|
||
Unterlagen
|
||
im
|
||
aktuellen
|
||
Planfeststellungsverfahren sind unzureichend und durch den Antragsteller zu
|
||
überarbeiten. Das Beteiligungsverfahren ist zu wiederholen.
|
||
Wir sind gegen einen weiteren Ausbau des Flughafens Leipzig/Halle. Stattdessen wollen
|
||
wir den ökologischen Umbau des Verkehrssektors vorantreiben, also eine Reduzierung
|
||
des Transportaufkommens durch Unterstützung regionaler Wirtschaftskreisläufe und
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Lieferketten sowie eine Verlagerung des besonders klimaschädlichen Flugverkehrs auf
|
||
die Schiene.
|
||
Sachsen-Anhalt wollen wir zu einer Modellregion für den zivilen Einsatz von Drohnen
|
||
machen. Für das Ausliefern von beispielsweise Medikamenten per Drohne braucht es
|
||
Regelungen zum Einsatz und der Anwendung von Drohnen als Transportmittel. Die
|
||
„Verordnung zur Regelung des Betriebs von unbemannten Fluggeräten“ (Drohnen-
|
||
Verordnung) gibt erste Hinweise. Auf Landesebene soll eine entsprechende Regelung
|
||
erarbeitet werden.
|
||
Ländliche Räume brauchen eine eigenständige Politik
|
||
Über 80 Prozent der Fläche Sachsen-Anhalts sind ländlich geprägt. Der Blick auf
|
||
vielfältige und unterschiedlich geprägte ländliche Räume ist noch zu oft entweder
|
||
idealisiert oder durch eine „urbane Brille“ auf vermeintliche Schwächen und Lücken
|
||
orientiert. Stärken und Ressourcen werden allzu oft von den Problembeschreibungen
|
||
überdeckt.
|
||
Wir wollen zukünftig noch gezielter die ländlichen Räume in Sachsen-Anhalt stärken,
|
||
indem wir Dörfer, Gemeinden, Mittelzentren und Kleinstädte sowie die dort lebenden
|
||
Menschen konkreter in den Blick nehmen. Wir wollen Chancen, Stärken und Ressourcen
|
||
betonen und dafür die Ideen, Initiativen und das Engagement der Menschen vor Ort
|
||
unterstützen. Wir wollen Beteiligung ermöglichen und die Sichtbarkeit positiver Aspekte
|
||
stärken. Die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen darf nicht zur Floskel verkommen.
|
||
Den besonderen Bedürfnissen der Menschen in den ländlichen Räumen tragen wir
|
||
Rechnung, indem wir in jedem Fachkapitel unseres Programms besondere Maßnahmen
|
||
beschreiben. Dies ist notwendig, um das Versprechen der Landesverfassung,
|
||
gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Landesteilen zu gewährleisten, mit Leben zu
|
||
erfüllen.
|
||
Denn egal ob in städtischen oder ländlichen Räumen, ob in wachsenden oder
|
||
schrumpfenden Regionen: Menschen brauchen Zugang zu guter Bildung, Qualifizierung
|
||
und Arbeit. Sie benötigen ärztliche Versorgung, Pflege, Schulen und Kinderbetreuung,
|
||
digitale Angebote, Zugang zu Kultur- und Freizeitangeboten und auch zu
|
||
Einkaufsmöglichkeiten.
|
||
Auch in Sachsen-Anhalt entwickeln sich die regionalen Lebensverhältnisse auseinander.
|
||
Während es um die großen Ballungszentren herum prosperierende Gegenden gibt, haben
|
||
ländliche Räume abseits größerer Städte oft massiv mit den Auswirkungen von
|
||
Abwanderung und Alterung zu kämpfen. Diese Entwicklungen wirken sich schon heute
|
||
spürbar auf das Leben und die Versorgung in strukturschwachen ländlichen Regionen aus.
|
||
Fehlende Arbeits- und Fachkräfte, fehlende Angebote der Gesundheitsversorgung,
|
||
Unternehmen ohne Nachfolge, weniger Sportvereine und spielfähige Mannschaften
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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sowie nicht einsatzfähige Feuerwehren sind nur einige Beispiele für die Folgen einer
|
||
Landespolitik, die lange geprägt war von falschen Analysen und Lösungsansätzen. Ganze
|
||
Landesteile sind von Mobilität, moderner digitaler und sozialer Infrastruktur abgehängt.
|
||
Eine zentralisierte Bildungslandschaft zwingt Kinder auf überlange Schulwege.
|
||
Wir hingegen wollen die Chancen von Menschen überall so gestalten, dass die Heimat
|
||
auch ein lebenswertes zuhause bleiben kann. Eine wichtige Rolle spielen für uns alle
|
||
Faktoren zu Gunsten von Familienfreundlichkeit. Denn nur attraktive ländliche Räume
|
||
werden auch Orte bleiben, an denen sich Unternehmen, Ärzt*innen und Familien gerne
|
||
niederlassen.
|
||
|
||
III Wirtschaft und Tourismus
|
||
Unsere Wirtschaft soll für Menschen arbeiten und im Einklang mit der Natur stehen. Daher
|
||
messen wir den Erfolg von Wirtschaftspolitik nicht nur am Bruttoinlandsprodukt, sondern
|
||
daran, dass es Mensch und Natur gut geht.
|
||
Wir denken Klimaschutz und wirtschaftlichen Erfolg zusammen, um die Wirtschaft
|
||
nachhaltig stark zu machen. Klimakrise, Digitalisierung, Strukturwandel und Corona-
|
||
Pandemie zeigen uns deutlich: Ein tiefgreifender Wandel hin zu Nachhaltigkeit ist nötig.
|
||
Die Förderpolitik mit EU- und Landesgeldern wollen wir deshalb stärker an den Kriterien
|
||
Effizienz und Nachhaltigkeit ausrichten.
|
||
Wir wollen unsere Wirtschaftspolitik in der Transformation so gestalten, dass unser
|
||
Handeln Mensch und Umwelt weder hier noch anderswo schadet. Darum wollen wir
|
||
verbindliche Menschenrechts-, Umwelt-, Sozial-, Arbeits- und Transparenzstandards in
|
||
Sachsen-Anhalt und in den globalen Produktionsketten klima- und sozialgerecht
|
||
mitgestalten. Handelsabkommen, die diese Standards verwässern statt erhöhen lehnen
|
||
wir ab. Ökologisch und ökonomisch nachhaltig tragfähigen Unternehmungen muss ein
|
||
Großteil unserer Bemühungen und Unterstützungen zuteilwerden. Auch wollen wir eine
|
||
erfolgreiche Wirtschaft mit guten Arbeitsplätzen und tarifgebundenen Löhnen.
|
||
Bestehende Wirtschaftsprogramme wollen wir daher überprüfen und im Sinne von
|
||
nachhaltiger Innovation und Investitionen auf den Mittelstand ausrichten.
|
||
Sachsen-Anhalts Wirtschaftsstruktur ist in besonderem Maße von klein- und
|
||
mittelständischen Unternehmen bestimmt. Der ostdeutsche Strukturwandel der 1990er
|
||
Jahre hat zum Verlust weiter Teile der industriellen Basis im Land geführt. Er prägte die
|
||
Lebenserfahrung vieler Menschen in Sachsen-Anhalt und wirkt sich noch heute in der
|
||
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit unseres Bundeslandes aus.
|
||
Die
|
||
anstehenden
|
||
weltweiten
|
||
gesellschaftlichen
|
||
Veränderungen,
|
||
die
|
||
mit
|
||
der
|
||
Notwendigkeit des Einsatzes gegen die Klimakrise sowie mit der Mobilitäts-, Agrar- und
|
||
Energiewende aber auch mit der Digitalisierung einhergehen, sind zwar auch für Sachsen-
|
||
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
Anhalt eine Herausforderung, sie sind aber vor allem Chance. Sie eröffnen Möglichkeiten,
|
||
Neues hier zu entwickeln, Sachsen-Anhalt zum Standort für zukunftsweisende Lösungen,
|
||
Technologien und Branchen zu machen. Auch daher wollen wir in Wissenschaft und
|
||
Forschung investieren, eine lebendige Startup-Kultur entwickeln und Heimat für
|
||
Innovationen sein. Der weltweite Strukturwandel bietet uns die Chance aus unserer
|
||
Kleinteiligkeit zu wachsen und eine neue, breit aufgestellte wirtschaftliche Basis zu
|
||
gewinnen.
|
||
Green Economy fördern und ansiedeln
|
||
Wir wollen eine umweltfreundliche, ressourcenschonende und verantwortungsvolle
|
||
Wirtschaft in Sachsen-Anhalt. Diese Anforderungen sind Motor und Inkubator für
|
||
Innovation. und Sie steigern die Wettbewerbsfähigkeit. Mit einem Förderprogramm
|
||
GreenInvest
|
||
wollen
|
||
wir
|
||
Wirtschaft
|
||
und
|
||
Unternehmen
|
||
auf
|
||
dem
|
||
Weg
|
||
zu
|
||
Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft und CO2-Neutralität fördern. Der Weg aus der
|
||
Struktur- und Coronakrise muss nachhaltig sein.
|
||
Sachsen-Anhalt soll ein Energieland bleiben. Es hat Potential, sich zum Cluster für
|
||
erneuerbare Energien und grüne Technologien zu entwickeln. Deswegen wollen wir in
|
||
diesem Sektor eine gezielte Ansiedlungs- und Wirtschaftsförderungspolitik betreiben
|
||
sowie die dafür bereitstehenden Mittel effizient einsetzen. Wir sehen erhebliche
|
||
Potentiale
|
||
in
|
||
der Ansiedlung
|
||
von
|
||
umweltorientierten
|
||
Unternehmen in
|
||
der
|
||
Wasserstoffwirtschaft, der Zulieferbranche für Elektromobilität, der Kreativwirtschaft, der
|
||
Bio- und Medizintechnik, der Chemie- und Kunststoffindustrie sowie bei Informations-
|
||
und Kommunikationstechnologien. Die vom Kohleausstieg geprägten Regionen des
|
||
Strukturwandels müssen die Bundesförderung insbesondere dafür nutzen. Dort könne
|
||
neuen Technologien wie 5G und Grüne Wasserstofferzeugung im Industriemaßstab
|
||
erprobt werden. Exportchancen der Energie, Know-How und Technologie sollen sich
|
||
anschließen. Auf Landesebene wollen wir daher die Ressourcen für ein landesweites
|
||
Cluster- und Ansiedlungsmanagement ausbauen.
|
||
Sachsen-Anhalts Wirtschaftsstruktur nachhaltig stärken
|
||
Sachsen-Anhalts Wirtschaftspolitik muss wirtschaftlich-industrielle Cluster stärken und
|
||
Netzwerke schaffen. In der Konzentration wollen wir Leitmärkte der vorhandenen
|
||
Wirtschaftsstruktur weiterentwickeln, stärken und unterstützen, wenn sie sich
|
||
insbesondere auch den Prämissen Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft und CO2-
|
||
Neutralität verschreiben. Die Leitmärkte mit Zukunftspotenzial in Sachsen-Anhalt sind
|
||
aus unserer Sicht: Energie, Maschinen- und Anlagenbau, Ressourceneffizienz, Gesundheit
|
||
und Medizin, CO2-freie Mobilität und nachhaltige Logistik, Chemie und Bioökonomie,
|
||
Ernährung und nachhaltige Landwirtschaft, Kreativ- und Digitalwirtschaft.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Mittelosteuropa ist neben den bestehenden Exportmärkten der Zukunftsmarkt für die
|
||
Wirtschaft im Land. Die Wirtschaftspolitik muss dies neben den regionalen Absatzmärkten
|
||
im Fokus der Bemühungen halten. Klein- und Mittelständige Unternehmen wollen wir auf
|
||
ihrem Gang in ausländische Märkte unterstützen.
|
||
Transfer von Wissenschaft in die Wirtschaft ausbauen
|
||
Wir sehen unser Leitbild in der grünen und sauberen Produktion. Wir wollen regionale
|
||
Unternehmen verstärkt unterstützen, ihre Produktionssysteme dafür einzurichten und zu
|
||
verbessern. Dazu wollen wir Wissenschaft und Forschung Anreize geben, ihre
|
||
Kompetenzen in diesem Sektor signifikant zu erweitern.
|
||
Konkret erreichen wir dieses neben dem Förderprogramm GreenInvest mit der Förderung
|
||
kluger Köpfe in einem Landesprogramm, das Promotionen von Mitarbeiter*innen in
|
||
kleinen und mittleren Unternehmen über mindestens fünf Jahre fördert. So erhält eine
|
||
Person Raum, die Innovation von Morgen im stetigen Austausch mit der Wissenschaft zu
|
||
erarbeiten. Wir setzen uns dafür ein, dass EFRE-Programme und Angebote der
|
||
Investitionsbank Sachsen-Anhalt zur Förderung von Forschung und Entwicklung
|
||
zwischen Unternehmen und Wissenschaft erhalten und in den Schwerpunktbranchen mit
|
||
Landesprogrammen ergänzt werden.
|
||
Zusätzlich wollen wir das Landesgraduiertenprogramm flexibilisieren und attraktiver
|
||
gestalten. Kluge Köpfe wollen wir im Land halten, nachdem sie mit dem Studium fertig
|
||
sind, unabhängig von einem Stichtag.
|
||
Wir wollen Zukunftsbranchen, die unternehmensnahe Forschung und Entwicklung,
|
||
regionale Kooperationen sowie die bedarfsgerechte Aus- und Weiterbildung der
|
||
Beschäftigten stärken. Die Förderung muss nachhaltig sein. Kleine und mittlere
|
||
Unternehmen sind stark mit ihrer Region verbunden. Sie sorgen für die meisten der
|
||
Arbeits- und Ausbildungsplätze. Hier wollen wir in regionale Wertschöpfung investieren.
|
||
Erfolgreiche Unternehmen brauchen gut ausgestattete und breit aufgestellte
|
||
Hochschulen.
|
||
Wir
|
||
wollen
|
||
kleine
|
||
und
|
||
mittlere
|
||
Unternehmen
|
||
attraktiver
|
||
für
|
||
Nachwuchskräfte aus Wissenschaft und Wirtschaft machen. Dafür soll der Zugang zum
|
||
Landesprogramm „Innovationsassistent“ erleichtert werden, damit es attraktiver für
|
||
Nachwuchskräfte aus Wissenschaft und Wirtschaft wird. Zusätzlich sollen neue
|
||
Studiengänge zu Künstlicher Intelligenz und anderen Zukunftsthemen etabliert werden,
|
||
um diese Attraktivität zu stärken.
|
||
Start-Ups gezielt fördern und vernetzen
|
||
Wir wollen, dass sich unsere Wirtschaftsförderung an Zukunftsfähigkeit und Innovation
|
||
orientiert. Sachsen-Anhalt braucht ein besseres Gründer*innenklima, in dem Start-Ups
|
||
und Unternehmensneugründungen gedeihen. Wir haben dafür mit dem neuen
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Hochschulgesetz erste Schritte getan und Ausgründungen an Hochschulen erleichtert.
|
||
Diesen Weg wollen wir weitergehen.
|
||
Staatliches Wagniskapital soll zielgenauer als bisher zur Verfügung gestellt und auf
|
||
nachhaltige und zukunftsweisende Technologien und Unternehmen fokussiert werden.
|
||
Dabei ist die Lebensphase der Gründer*innen irrelevant, im Fokus steht ihre Innovation
|
||
und ihre Geschäftsidee. Zudem soll es noch einfacher auch für Personalkosten als
|
||
treibende Kostenfaktoren junger Unternehmen genutzt werden können. Über die IBG
|
||
(Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt mbH) wurde in der Vergangenheit zu sehr in
|
||
bestehende Strukturen und überkommene Wirtschaftszweige investiert. Stattdessen soll
|
||
es eine breitere Landesförderung von Start-Up-Projekten und Ausgründungen mit einem
|
||
Gründungskapital von 25 000 Euro geben. Wir setzen uns auf Bundesebene für einen
|
||
Zukunftsfonds für Later-Stage-Finanzierungen ein.
|
||
Innovation und Gründung lebt von Neugier, Vernetzung, Austausch und davon Ideen
|
||
sprießen zu lassen. Dies geschieht ideal an einem Ort mit einer kritischen Masse von
|
||
Akteur*innen. Wir wollen deswegen Start-Ups besser vor Ort und in unseren
|
||
Schwerpunktbranchen bündeln. Wir wollen für Sachsen-Anhalt drei große Impact-Hubs
|
||
an unterschiedlichen Standorten mit eigenen Schwerpunkten fördern. An jedem Standort
|
||
wollen wir zwei bis drei Netzwerk- und Clusterstellen, Hardware zum Experimentieren
|
||
und bezahlbare Räume für junge Unternehmen bereitstellen. Damit folgen wir dem
|
||
Ansatz der Makerspaces und FabLabs und schaffen Raum für Innovation. Statt der
|
||
aktuellen Gießkanne braucht es die Fokussierung und Bündelung der Ressourcen.
|
||
Bewusst wirtschaften
|
||
Wir wollen uns für ein Lieferkettengesetz auf Bundesebene einsetzen, das es ermöglicht,
|
||
nachzuvollziehen, wie und wo ein Produkt erzeugt wurde. Dabei muss auch die
|
||
vorgelagerte Produktion in den Blick genommen werden: Unternehmen müssen
|
||
verpflichtet werden, zum einen zu prüfen, inwiefern in ihren Lieferketten
|
||
Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen auftreten und zum anderen, falls
|
||
nötig, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Es muss möglich werden, nachhaltige und faire
|
||
Unternehmensführung und Produktion zu zertifizieren und zu prämieren.
|
||
Wir wollen das Landesvergabegesetz überarbeiten. Kriterien wie Nachhaltigkeit,
|
||
Ökologie, Energieeffizienz und Klimaschutz sowie fairer Handel und soziale Aspekte wie
|
||
die Tariftreue sollen wirksamer in Vergabeverfahren Berücksichtigung finden.
|
||
Wir gestalten einen sozialverträglichen Wandel gemeinsam mit Unternehmen und
|
||
Arbeitnehmer*innen und deren Interessenvertretungen. Wir stehen zu Tariflöhnen und
|
||
Mitbestimmung,
|
||
damit
|
||
sich
|
||
die
|
||
Beschäftigten
|
||
einmischen
|
||
und
|
||
über
|
||
ihre
|
||
Arbeitsbedingungen mitentscheiden können. Formen der solidarischen Landwirtschaft
|
||
sollen besondere Unterstützung erfahren. Auch für sie sollen Genossenschaften,
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Sozialunternehmen und gemeinnützige Unternehmen neuer Fokus der Wirtschaftspolitik
|
||
im Land sein.
|
||
Eltern im Beruf unterstützen
|
||
Wir wollen im Sinne moderner Unternehmenskultur Rahmenbedingungen schaffen, die
|
||
die Vereinbarkeit von Erwerbs-, Familien- und ehrenamtlicher Arbeit ermöglichen. Daher
|
||
begrüßen wir alle sinnvollen Modelle der Arbeitszeitumverteilung. Dies fängt bei
|
||
Teilzeitarbeit und Arbeitszeitkonten an, schließt ein Recht auf Homeoffice – wo immer
|
||
möglich – ein und geht bis zu tariflicher Arbeitszeitverkürzung. Als Arbeitgeber sind Land
|
||
und
|
||
Kommunen
|
||
gefordert,
|
||
durch
|
||
moderne
|
||
und
|
||
flexible
|
||
Arbeitszeitmodelle
|
||
Neueinstellungen von jungen Menschen möglich zu machen.
|
||
Besonders für kleine und mittelständische Unternehmen muss der Absicherungsfonds der
|
||
Versorgungsämter entbürokratisiert und verbessert werden, um den Arbeitszeitausfall
|
||
durch Schwangerschaft, Mutterschutz oder Erkrankung des Kindes abzufedern.
|
||
Familienfreundlichkeit soll ein Kriterium der Vergabe von allen öffentlichen Aufträgen
|
||
sein.
|
||
Trotz momentan steigender Arbeitslosigkeit herrscht mittelfristig in Sachsen-Anhalt ein
|
||
Mangel an Fachkräften. Deswegen wollen wir Menschen jederzeit die Möglichkeit zur
|
||
Qualifizierung, vor allem in Mangelberufen, geben. Qualifizierung und Weiterbildung in
|
||
Zukunftsfeldern der Wirtschaft und in der Verwaltung ist der erfolgreiche Weg, um
|
||
längerfristige Arbeitslosigkeit zu verhindern und den Mangel an Erwerbstätigen
|
||
abzumildern.
|
||
Arbeitslosigkeit
|
||
muss
|
||
bei
|
||
ausbleibenden
|
||
geeigneten
|
||
Beschäftigungsangeboten konsequent mit Qualifizierung und individueller Beratung,
|
||
besserer Unterstützung und Vermittlung in den Jobcentern begegnet werden.
|
||
Jugendlichen müssen wir eine Ausbildungsgarantie geben, die primär auch durch die
|
||
duale Ausbildung gedeckt werden soll. Lücken müssen über ein Landesprogramme
|
||
geschlossen werden.
|
||
Recht auf Homeoffice
|
||
Die Digitalisierung in der Arbeitswelt bietet vielfältige Möglichkeiten, zum Beispiel die
|
||
Arbeitszeit flexibel und familienfreundlich zu gestalten. Die vielen Potentiale für neue
|
||
Ideen und neue Wertschöpfung wollen wir nutzen und auch aus den Erfahrungen
|
||
während der Coronakrise lernen. Die Arbeit an einem festen Arbeitsplatz ist in Sachsen-
|
||
Anhalt nach wie vor die Regel. Doch nicht erst seit der Coronakrise zeigt sich, dass es
|
||
neue Formen des Arbeitens an verschieden Orten gibt. Der Anteil der Menschen, die im
|
||
Homeoffice arbeiten, hat sich seitdem erheblich erhöht. Es hat viele Vorteile, selbst über
|
||
den Arbeitsort bestimmen zu können: Kürzere oder vollständig entfallende Wegzeiten,
|
||
damit auch weniger klimaschädlicher Verkehr und eine bessere Vereinbarung von Beruf
|
||
und Familie. Wir finden, dass es selbstverständlich sein muss, von Zuhause aus arbeiten
|
||
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zu können, wenn keine wichtigen Gründe dagegensprechen. Wir setzen uns daher für ein
|
||
Recht auf Homeoffice ein.
|
||
Dazu wollen wir engagiert auch in die technische Infrastruktur investieren. Um
|
||
insbesondere die ländlichen Räume als Arbeitsort attraktiv zu machen, wollen wir ein
|
||
Förderprogramm für Dorfbüros als Coworking-Spaces auflegen. Damit diese Dorfbüros als
|
||
attraktive Angebote gerade auch für Arbeitgeber erscheinen, wollen wir zusammen mit
|
||
den arbeitsmarktpolitisch Aktiven im Land ein Zertifikat für Dorfbüros entwickeln. In den
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ländlichen Räumen kann dies Teil einer Anti-Landfluchtstrategie sein.
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Innenstädte beleben
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Zu den Branchen, die von der Coronakrise in besonderer Härte getroffen wurden, gehören
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Teile
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des
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stationären
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Einzelhandels,
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Kunst
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und
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Kultur
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sowie
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lokale
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Dienstleistungsbetriebe wie Friseurgeschäfte, Hotels oder Restaurants. Einige Geschäfte
|
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mussten ihren Betrieb einschränken, viele Läden mussten komplett schließen. Auch wenn
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die staatlichen Hilfen einen Teil der Schäden abfedern konnten, ist die Lage unter
|
||
anderem für große Teile des stationären Einzelhandels und der Gastronomie, viele
|
||
Soloselbstständige, Kleinstbetriebe und auch für viele Kulturschaffende prekär.
|
||
Zusätzlich zu den starken Beeinträchtigungen durch die Pandemie vollzieht sich durch
|
||
die Digitalisierung und Globalisierung im Handel ein Strukturwandel, der die Existenz
|
||
vieler Einzelhandelsunternehmen und damit die Attraktivität und Funktion der
|
||
Innenstädte grundsätzlich in Frage stellt. Hier gilt es gegenzusteuern.
|
||
Dazu ist auch ein engagiertes Handeln auf Bundesebene notwendig. Zielführend wäre
|
||
hier in Reaktion auf die Coronakrise, aber auch darüber hinaus, ein Städtebau-
|
||
Notfallfonds des Bundes in Höhe von kurzfristig 500 Millionen Euro, um den Leerstand
|
||
der Ortskerne zu bekämpfen. Auf Dauer müssen die Stärken der Innenstädte und
|
||
Ortskerne bewahrt, gestärkt und wiedergewonnen werden, um im Wettbewerb mit dem
|
||
Online-Handel bestehen zu können. Vor Ort muss moderne Stadtentwicklungsplanung
|
||
für Aufenthalts- und Lebensqualität sorgen. Dazu zählen neue Verkehrskonzepte und
|
||
Grünflächen für mehr Lebensfreude in den Innenstädten. Innenstadtbelebung heißt
|
||
Aufenthaltsqualität als Begegnungs- und Kommunikationsraum. Dafür braucht es
|
||
erhaltene Ortskerne, Sitzplätze, Schattenspender, offene Bühnen und Kunstelemente
|
||
sowie Außengastronomie. Außerdem muss die Kultur dort für Kreativität und Vielfalt
|
||
gestärkt werden. Sowohl beim Neubau als auch beim Erhalt von Einzelhandelsflächen hat
|
||
der innerörtliche Handel für uns Vorrang vor Standorten auf der „Grünen Wiese“.
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Regionalität im Fokus
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Wir wollen die regionale Kreislaufwirtschaft stärken. Wir setzen uns dafür ein, dass mehr
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Absatzorte
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für
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regionale
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Produkte
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gefunden
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werden,
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beispielsweise
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im
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Lebensmittelhandel oder in Dorfgemeinschaftsläden. Das vom Land geförderte Online-
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Angebot zur Direktvermarktung www.marktplatz-sachsen-anhalt.com wollen wir
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fortführen und ausbauen.
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Wir setzen uns weiterhin für die Gründung und Fortführung von Dorfgemeinschaftsläden
|
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und Dorfgaststätten ein und wollen die von uns gestarteten Programme fortführen und
|
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ausbauen. Gerade dort, wo es keine anderen Läden (mehr) gibt, erfüllen sie vielseitige
|
||
wirtschaftliche und soziale Funktionen. Darüber hinaus wollen wir die Etablierung von
|
||
Dorfbüros als regionale Coworking-Spaces unterstützen.
|
||
Wir bekennen uns zu den kommunalen Unternehmen im Land und sichern ihre
|
||
rechtlichen Rahmenbedingungen. Oft gehören sie zu den größten Arbeitgebern vor Ort,
|
||
sind strukturbildend und ein wichtiger Auftraggeber für Handwerk, Handel und
|
||
Dienstleistung der Region. Zugleich treten wir aber auch für mehr Transparenz und
|
||
Kontrolle ein.
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Fachkräftemangel begegnen
|
||
Trotz pandemiebedingt steigender Arbeitslosigkeit herrscht mittelfristig in Sachsen-
|
||
Anhalt ein Mangel an Fachkräften. Bis 2030 wird durch den demografischen Wandel die
|
||
Zahl der Erwerbstätigen nach den aktuellen Prognosen um bis zu 30 Prozent sinken.
|
||
Ländliche Räume trifft diese noch viel stärker als die Großstädte. Klar ist: Es braucht
|
||
Menschen, die die ländlichen Räume mit Leben erfüllen. Sachsen-Anhalt muss für
|
||
Menschen attraktiver werden, die ihr Leben durch Arbeit verbessern wollen. Wir setzen
|
||
auf eine strategische Anwerbung und Ansiedlung, wie beispielsweise durch Initiativen
|
||
mit Stipendien für Studierende der Medizin oder des Lehramts, Schaffung von
|
||
kostenfreien Co-Working-Arbeitsplätzen, Vergünstigungen im ÖPNV und so weiter.
|
||
Wir wollen Menschen in jeder Lebensphase die Möglichkeit zur Qualifizierung in
|
||
Mangelberufen geben. Es braucht mehr und bessere Qualifizierung und Weiterbildung in
|
||
Zukunftsfeldern der Wirtschaft und in der Verwaltung, um längerfristige Arbeitslosigkeit
|
||
zu verhindern und den Mangel an Erwerbstätigen abzumildern. Quereinsteiger*innen
|
||
müssen bessere Chancen haben, vor allem aber können wir es uns nicht leisten, junge
|
||
Menschen ohne Abschlüsse aus dem Bildungssystem zu entlassen.
|
||
Auch die Migration beinhaltet eine große Chance dem Fachkräftemangel zu begegnen
|
||
und so die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit zu bewahren und zu steigern.
|
||
Ausländische Berufsabschlüsse müssen schnell anerkannt, Migrant*innen zügig in den
|
||
Arbeitsmarkt integriert werden, unabhängig ihres Aufenthaltsstatus. Das Land muss für
|
||
Migrant*innen attraktiver werden und neue Einwohner*innen offen willkommen heißen.
|
||
Dazu gehört es auch das Potential der Einwander*innen zu nutzen, die bereits in unserem
|
||
Land leben.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Unternehmensübergabe befördern
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In Sachsen-Anhalt werden Unternehmensnachfolger*innen immer dringender gesucht. Zu
|
||
viele Unternehmen und Beschäftigte sind von dieser Unsicherheit betroffen, da dort
|
||
derzeit noch nicht klar ist, wer innerhalb der nächsten Jahre das Ruder übernehmen wird.
|
||
Wir wollen diesen Generationenwechsel aktiv unterstützen. Gemeinsam mit den
|
||
Kammern und den Unternehmensnetzwerken müssen die Strategien für erfolgreiche
|
||
Unternehmensübergaben weiterentwickelt werden. Wir wollen Fortbildungsprogramme,
|
||
die
|
||
eine
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betriebswirtschaftliche
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Qualifizierung
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||
von
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Beschäftigten
|
||
für
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die
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Unternehmensführung ermöglichen.
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Mittelstand und Handwerk stärken
|
||
Durch ihre dezentrale Struktur sind Mittelstand und Handwerk in ihrer Vielfalt eine starke
|
||
Basis für regionale Wirtschaftskreisläufe, Ausbildung, Beschäftigung und Wertschöpfung
|
||
vor Ort. Zu ihrer Unterstützung muss das Mittelstandsfördergesetz modernisiert werden.
|
||
Wir wollen den Mittelstand und das Handwerk bei dem Prozess der Digitalisierung und
|
||
dem sozial-ökologischen Wandel unterstützen. Die neuen Digitalisierungsprogramme
|
||
müssen weiter ausgebaut werden, um die fortschreitende Digitalisierung der Wirtschaft
|
||
zu fördern, damit die Unternehmen davon profitieren können.
|
||
Die Zukunft des Handwerks in Sachsen-Anhalt liegt in guten Arbeitsplätzen durch gute
|
||
Aufträge. Ökologischer Umbau, Energiespartechnologien und Denkmalschutz brauchen
|
||
den verantwortungsvollen Betrieb, der sich fachlich auf dem neuesten Stand hält. Hier
|
||
liegen
|
||
neue
|
||
Chancen.
|
||
Den
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Meister*innenbrief
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||
wollen
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wir
|
||
als
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eingeführtes
|
||
Qualitätsmerkmal, das Verbraucher*innen als gute Orientierung dient, beibehalten. Die in
|
||
der letzten Legislaturperiode eingeführte Meister*innengründungsprämie wollen wir
|
||
fortführen.
|
||
Mit
|
||
Ausbildungsverbünden
|
||
wollen
|
||
wir
|
||
die
|
||
Attraktivität
|
||
von
|
||
Handwerksbetrieben steigern, damit sie ihre Ausbildungsplätze besetzen können. Daher
|
||
werden wir diese weiter entwickeln.
|
||
Kultur- und Kreativwirtschaft als Wachstumsbranche fördern
|
||
Die Kultur- und Kreativwirtschaft kann wie in ganz Deutschland auch für Sachsen-Anhalt
|
||
ein wichtiger Motor sein für wirtschaftliche, kulturelle und regionalplanerische
|
||
Entwicklungen. Diese innovativen Unternehmen spielen eine wichtige Rolle in der
|
||
überregionalen Ausstrahlung wie auch im Leben vor Ort – oft auch außerhalb der großen
|
||
Ballungsräume. Sie brauchen neben gezielter Gründungs- und Ansiedlungsförderung
|
||
insbesondere auch eine effiziente und mit den Belangen der Branche vertraute
|
||
Zusammenarbeit mit Verwaltungen und Institutionen vor Ort.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Tourismus nachhaltig und naturnah
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||
Unsere Natur- und Kulturschätze vom Harz bis in den Fläming, von der Finne über Elbe
|
||
und Saale bis in die Altmark und die fünf UNESCO-Weltkulturerbestätten im Land sind
|
||
ein noch nicht vollständig ausgeschöpftes Potential, das es zu bewahren und nachhaltig
|
||
für den Tourismus zu nutzen gilt. Der aktualisierte Masterplan Tourismus des Landes zeigt
|
||
den Weg für die touristische Entwicklung des Landes auf. Wir sprechen uns für die
|
||
Einrichtung eines Kompetenzzentrums Tourismus im Bereich der für Tourismus
|
||
zuständigen Investitions- und Marketinggesellschaft des Landes (IMG) aus, die eng mit
|
||
den regionalen Tourismusverbänden kooperiert.
|
||
Natur plus Kultur – Nachhaltige Tourismuskonzepte voranbringen
|
||
Wir wollen einen Tourismus mit den Schwerpunkten Naturerfahrung, sportliche
|
||
Betätigung, Kulturerlebnis und Reise in die Geschichte. Dies ist ein Wirtschaftszweig, der
|
||
zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen muss. Schon heute sind bereits zahlreiche
|
||
Arbeitnehmer*innen in Sachsen-Anhalt direkt und indirekt in der Tourismuswirtschaft
|
||
beschäftigt. Sachsen-Anhalt ist in Deutschland für sein einzigartiges kulturelles Erbe mit
|
||
fünf UNESCO-Weltkulturerbestätten, sein Netz von historischen Gärten und Parks sowie
|
||
die Straße der Romanik bekannt. Durch sanften und nachhaltigen Tourismus wollen wir
|
||
die Regionen stärken und die Umwelt erhalten.
|
||
Wir wollen eine nachhaltige Tourismusentwicklung. Qualität geht dabei vor Quantität. In
|
||
den touristischen Zentren sind nicht nur immer höhere Übernachtungs- oder
|
||
Besuchszahlen das Ziel, sondern eine auf besserer Qualität beruhende Erhöhung der
|
||
Wertschöpfung. Tourismus darf nicht auf Kosten der Menschen und Naturräume gehen.
|
||
Mit höherer Servicequalität, ökologischer Ausrichtung und guten Arbeitsbedingungen
|
||
wollen wir den Tourismus wirtschaftlich erfolgreicher machen.
|
||
Perspektive Naturtourismus
|
||
Wir wollen den Naturtourismus in Sachsen-Anhalt als zentralen Baustein der
|
||
Tourismusstrategie ausbauen. Das Land soll frühzeitig die Trends erkennen, diese
|
||
bündeln und langfristig vermarkten. Die bereits bestehenden Marken wie „Gärtenträume“
|
||
für historische Parks und Gärten und das „Blaue Band“ für Tourismus an Flüssen und Seen
|
||
sollen besser finanziell und personell ausgestattet werden. Das Hauptaugenmerk wird
|
||
auf Hauptrouten gelegt. Denn das sichert die qualitativen Standards für die Gäste und
|
||
erzielt die beste Wirkung für das Marketing. Das Land soll tiefergehende Markt- und
|
||
Angebotsanalyse anstatt beliebigem Aktionismus betreiben, um im Wettbewerb des
|
||
Naturtourismus in Deutschland ein unverrückbares und einmaliges Profil zu erhalten.
|
||
Sachsen-Anhalt besitzt mit dem „Harz“, der „Weinregion Saale-Unstrut“, dem „Gartenreich
|
||
Dessau-Wörlitz“ und der „Altmark“ naturtouristisch bedeutende Regionen als Marken,
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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deren Profil in der Vernetzung mit den Marken und Themen des Landes noch weiter
|
||
gesteigert werden muss. Bedeutsam sind auch unsere National- und Naturparks sowie
|
||
Biosphärenreservate
|
||
und
|
||
insbesondere
|
||
das
|
||
länderübergreifende
|
||
Natur-
|
||
und
|
||
Erinnerungsmonument „Grünes Band“. Auch hier ist eine Ausrichtung auf Qualität der
|
||
Angebote und deren Vermittlung unabdingbar, wie sie beispielsweise bereits vom
|
||
Nationalpark Harz und dem Biosphärenreservat Mittlere Elbe umgesetzt werden.
|
||
Wir unterstützen die Bemühungen, dass auch das Biosphärenreservat „Karstlandschaft
|
||
Südharz“ baldmöglichst die internationale Anerkennung durch die UNESCO erhält.
|
||
Eine
|
||
tiefergehende
|
||
Markt-
|
||
und
|
||
Angebotsanalyse,
|
||
Produktpositionierung
|
||
und
|
||
Qualitätsoffensive muss beliebigem Aktionismus vorangehen, damit Sachsen-Anhalt im
|
||
Wettbewerb des Naturtourismus in Deutschland ein unverrückbares und einmaliges Profil
|
||
erhält.
|
||
Wir setzen uns auch für die friedliche Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide ein. Sie soll
|
||
weitgehend für naturverträglichen Tourismus erschlossen werden.
|
||
Fahrradtourismus – unsere Stärke
|
||
Der Elberadweg ist als unser bekanntester touristischer Radweg ein überregionaler
|
||
Magnet für den Radtourismus. Deshalb ist es kein Aushängeschild für unser Land, wenn
|
||
zehn Prozent dieses Radweges deutliche bis schwerwiegende bauliche Mängel
|
||
aufweisen. Um diesem Zustand entgegenzuwirken, müssen der Elberadweg sowie weitere
|
||
landesbedeutsame Radwege in die Landesverantwortung übernommen werden. Ein
|
||
durchgängig guter Ausbaustand und eine einheitliche Beschilderung sollen damit
|
||
sichergestellt werden.
|
||
Ferner wollen wir den Aufbau eines Leitsystems für Radtourist*innen initiieren. Ein
|
||
solches System soll Hinweise auf örtliche Tourismusangebote ermöglichen. Weil die
|
||
Elektromobilität zukünftig auch den Rad- und Bootstourismus prägen wird, soll der
|
||
Aufbau eines Netzes von Ladestationen mit Fördermitteln unterstützt werden. Wir wollen
|
||
Fahrradrouten besser vernetzen und eingeführte Zertifikate wie TourCert oder die
|
||
Sterneradwege des ADFC weiter stärken. Wo es noch an Rast-, Reparatur- und
|
||
Übernachtungsmöglichkeiten mangelt, wollen wir diese schaffen helfen.
|
||
Tourismus – clever vernetzt
|
||
Nachhaltiger Tourismus bedeutet auch, dass wir allen Menschen Erholung und Urlaub
|
||
ermöglichen. Daher fordern und fördern wir Barrierefreiheit zum Beispiel durch bessere
|
||
Kenntlichmachung von Allergenen in der Gastronomie oder die Zugänglichkeit von
|
||
Unterkünften. Wir wollen einheitliche Zertifizierungsverfahren für barrierefreien
|
||
Tourismus einführen.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Nachhaltig bedeutet aber auch, dass wir Unternehmen unterstützen, die sich weitere
|
||
touristische Wirtschaftszweige erschließen wollen. Dazu bieten sich zum Beispiel die
|
||
Landwirtschaft oder das Handwerk an. Wir wollen außerdem mehrsprachige Angebote
|
||
fördern. Zudem muss sich das Land touristisch besser digital positionieren und sich damit
|
||
für neue Interessent*innen öffnen. Zur Vernetzung gehört auch, dass Wander- und
|
||
Radwege
|
||
an
|
||
ÖPNV-Stationen
|
||
beginnen.
|
||
Wir
|
||
setzen
|
||
uns
|
||
dafür
|
||
ein,
|
||
dass
|
||
Tourismusregionen, wie zum Beispiel der Harz, stärker länderübergreifend kooperieren.
|
||
Im Wassertourismus bietet Sachsen-Anhalt heute schon viele Besonderheiten und kann
|
||
mit einigen richtigen Investitionen noch viel für unsere Zukunft dazugewinnen. Viele
|
||
Gewässer im Land wie Elbe, Saale und Unstrut sind noch relativ naturbelassen und liegen
|
||
an einmaligen Kulturstätten. Dies bietet den Gästen Abwechslung und macht unser Land
|
||
zum Ziel von Rad-, Kanu- und Kulturtourist*innen. Um dieses Potential zu nutzen, wollen
|
||
wir in die entsprechende wassertouristische Infrastruktur investieren. Beispielsweise
|
||
setzen wir uns für den Erhalt und touristischen Betrieb von Schleusen an der Saale, die
|
||
Einrichtung von Umtragemöglichkeiten für Kanus und ein gut ausgestattetes Netz von
|
||
wassernahen Raststationen ein.
|
||
|
||
IV Bauen und Wohnen
|
||
Wie wir unsere bauliche Umwelt entwickeln, beeinflusst in erheblichem Maße unsere
|
||
Lebensqualität und die der künftigen Generationen. Nachhaltigkeit muss das wichtigste
|
||
Kriterium sowohl für die Siedlungsentwicklung, die Wohnungspolitik als auch für das
|
||
Bauen und Sanieren in unserem Bundesland werden.
|
||
Laut UN-Umweltprogramm-Bericht stößt der Bau- und Gebäudesektor rund 38 Prozent
|
||
der globalen Treibhausgase aus. Der Stromverbrauch beim Betreiben der Gebäude stellt
|
||
fast 55 Prozent der globalen Elektrizitätsnutzung dar.
|
||
In den nächsten 25 Jahren lassen sich laut Umweltbundesamt – ohne Komfortverluste –
|
||
die zusätzliche Flächeninanspruchnahme um fast 85 Prozent reduzieren, der jährliche
|
||
Verbrauch mineralischer Rohstoffe - wie Sand, Ton, Kalk, Kies oder Schiefer – um etwa
|
||
30 Prozent und die jährlichen Kohlendioxidemissionen um über 50 Prozent senken.
|
||
Wir wollen ökologisches Bauen forcieren, sozialen Wohnraum schaffen und dabei für die
|
||
Einhaltung hoher städtebaulicher wie gestalterischer Qualität sorgen. Dazu gehören
|
||
Innenentwicklung vor Außenentwicklung, der Einsatz von nachhaltigen Baustoffen sowie
|
||
ein Baustoffrecycling, kurze Wege, die ein Leben ohne eigenes Auto begünstigen,
|
||
barrierefreie Wohnungen und eine nachhaltige Quartiersentwicklung mit Kindergarten
|
||
und Anwohner*innentreff. Ebenfalls legen wir Schwerpunkte auf die Anbindung an
|
||
soziale und kulturelle Infrastruktur, zukunftsweisende Energiestandards mit ökologischen
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Baumaterialien und urbane Gärten. Dafür muss der gesamte Lebenszyklus eines
|
||
Gebäudes, Quartiers oder Gewerbegebiets genau unter die Lupe genommen werden.
|
||
Landesentwicklung neu denken
|
||
Wir wollen das Landesentwicklungsgesetz und den Landesentwicklungsplan umfassend
|
||
novellieren. Er stellt grundsätzliche Weichen, um Erneuerbare Energien voranzutreiben,
|
||
wie im Kapitel „Energie“ beschrieben.
|
||
Beim
|
||
Flächenverbrauch
|
||
wollen
|
||
wir
|
||
die
|
||
Netto-Null
|
||
erreichen
|
||
und
|
||
die
|
||
Flächeninanspruchnahme im Freiraum begrenzen. Um dieses Ziel zu erreichen, kann ein
|
||
intelligentes Flächenzertifikatesystem die Lösung sein. Dazu müssen wir Städte und
|
||
Gemeinden mit ins Boot holen. Die gesetzliche Begrenzung soll sich nur auf neue
|
||
Planungen und solche außerhalb bestehender Ortslagen und Gewerbegebiete beziehen.
|
||
Dort, wo jenseits bereits bestehenden Baurechts neue Vorhaben entstehen sollen, soll der
|
||
Neuverbrauch künftig vollständig ausgeglichen werden.
|
||
Die Gesamtfläche der in den Flächennutzungsplänen der Gemeinden ausgewiesenen
|
||
Gewerbeflächen, gemischten Bauflächen und Wohnbauflächen darf nicht ansteigen. Das
|
||
wollen wir mit einer Verwaltungsvorschrift des Landes erreichen. Für Gemeinden mit
|
||
wachsender Bevölkerung sollen entsprechend dem Bevölkerungswachstum Ausnahmen
|
||
möglich sein.
|
||
Im Landesentwicklungsplan sind durch Überarbeitung die Kriterien für die Regionalen
|
||
Planungsgemeinschaften zur Ausweisung von Grundzentren so vorzunehmen, dass sich
|
||
im Interesse der ländlichen Räume die Anzahl der Grundzentren in Sachsen-Anhalt nicht
|
||
verringert und sich gleichzeitig die Deckung der Grundbedarfe an Sekundarschulen,
|
||
Gemeindeverwaltung, Handelseinrichtungen bis 800 m2 Verkaufsfläche sowie Ärzt*innen
|
||
und Apotheken nicht verschlechtert.
|
||
Großflächiger Einzelhandel ist im Landesentwicklungsplan so beizubehalten, dass die
|
||
Vorgaben zur Ausweisung von Flächen für großflächigen Einzelhandel nicht gelockert
|
||
werden. Dies begrenzt den Flächenverbrauch und stärkt die Innenstädte.
|
||
Standorte für Verkehrslandeplätze (Flugplätze) sind nur zu sichern, sofern die
|
||
geschäftliche Nutzung die Freizeitnutzung überwiegt.
|
||
Der Landesentwicklungsplan und damit auch das Landesentwicklungsgesetz sollten
|
||
einen Schwellenwert von zwei ha für die Raumbedeutsamkeit einer Photovoltaik-
|
||
Freiflächenanlage den Regionalen Planungsgemeinschaften vorgeben. So können
|
||
kleinflächige Anlagen z. B. auf Industriebrachen, brachgefallene Anlagen der
|
||
Landwirtschaft (Siloanlagen), militärischen Konversionsflächen (Landebahnen), Deponien
|
||
und Abraumhalden einfacher und schneller umgesetzt werden.
|
||
Wir wollen eine Ausweisung aller Natura 2000-Gebiete als Vorranggebiete für Natur und
|
||
Landschaft, auch dann, wenn diese in einem Überschwemmungsgebiet liegen, sowie den
|
||
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
vollständigen Verzicht auf die Ausweisung als Vorranggebiet für Rohstoffgewinnung
|
||
unabhängig vom Konfliktpotential. Dies beinhaltet auch den Verzicht auf Ausweisung von
|
||
Vorranggebieten für Rohstoffgewinnung mit oberirdischem Abbau in Natura 2000-
|
||
Gebieten (z.B. im Harz Rehköpfe oberhalb Ballenstedt).
|
||
Im
|
||
Landesentwicklungsplan
|
||
sind
|
||
Überschwemmungsgebiete
|
||
und
|
||
Hochwasserrisikogebiete als Vorranggebiete für Hochwasserschutz auszuweisen (soweit
|
||
außerhalb
|
||
von
|
||
Natura
|
||
2000-Gebieten).
|
||
Sofern
|
||
Beeinträchtigung
|
||
von
|
||
Überschwemmungsgebieten durch kleinräumige Betroffenheit nicht auszuschließen sind
|
||
(gelbe Kategorie), sind Infrastrukturmaßnahmen so auszuführen, dass die Sicherheit vor
|
||
einem Jahrhunderthochwasser keine Gefährdung von Infrastruktur oder Leib und Leben
|
||
darstellt.
|
||
Infrastrukturplanung nach Bundesplanung auf Dringlichkeit hin
|
||
überprüfen
|
||
Bei der Planung von neuen Infrastrukturmaßnahmen soll eine Anpassung an den
|
||
geltenden Bundesverkehrswegeplan erfolgen. Wir werden uns für die Streichung aller
|
||
Neubauprojekte bei Bundesstraßen und Wasserstraßen einsetzen, die im geltenden
|
||
Bundesverkehrswegeplan nicht oder nicht mehr im vordringlichen Bedarf eingeordnet
|
||
sind.
|
||
Nachhaltige Siedlungsentwicklung als Standard
|
||
Wir wollen Städte und Gemeinden so entwickeln, dass sie für ihre Bewohner*innen
|
||
attraktiv sind und negative Auswirkungen auf die Umwelt minimiert werden. Dafür ist
|
||
eine ganzheitliche Siedlungsentwicklung erforderlich. Ziel des Stadtumbaus muss die
|
||
klimagerechte und damit menschenfreundliche Stadt sein. Sie muss sowohl der
|
||
Klimakrise entgegenwirken als auch sich an ihre Auswirkungen anpassen. Als klimatische
|
||
Gesichtspunkte sind dabei zum Beispiel eine Durchgrünung der Städte durch Anpflanzen
|
||
zusätzlicher Straßenbäume, das Schwammstadt-Prinzip zur Wasserhaltung, aber auch
|
||
eine Vermeidung großflächiger Verglasungen und von Steinwüsten stärker zu
|
||
berücksichtigen. Wasser in der Stadt darf nicht länger als Entsorgungsgut betrachtet
|
||
werden. Niederschlagswasser soll zur Temperierung von Gebäuden und Wohnvierteln
|
||
genutzt werden.
|
||
Es braucht dauerhaft zur Verfügung stehende Programme zur Städtebauförderung für den
|
||
Stadtumbau. Durch eine Qualifizierung der Städtebauförderung und auch die Möglichkeit
|
||
der Kombination einzelner Förderbereiche werden wir Sachsen-Anhalt weiterhin sozialer
|
||
und moderner denken.
|
||
Die Gemeinden und Städte sollten bei der Ausweisung von Baugebieten stärker an den
|
||
demographisch nachweisbaren Bedarf gebunden sowie dazu angeregt werden, Konzepte
|
||
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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für Bestandsgebäude aufzulegen. Ebenso ist bei der Schaffung von neuem Bauland
|
||
unbedingt Orten Vorrang zu geben, an denen eine ÖPNV-Anbindung vorliegt, oder ohne
|
||
Aufwand einzurichten ist.
|
||
Quartiersentwicklung:
|
||
Orte
|
||
der
|
||
kurzen
|
||
Wege
|
||
und
|
||
doppelte
|
||
Innenentwicklung
|
||
Wir wollen Orte der kurzen Wege. Hierzu ist eine gesunde Nutzungsmischung zu
|
||
entwickeln. Wir wollen die Ortskerne stärken. Sie sollen zum Flanieren, Einkaufen,
|
||
Arbeiten und Kulturgenießen einladen. Aber sie sind auch als Wohnstandort für alle
|
||
Bevölkerungsgruppen zu erhalten. Voraussetzung für attraktive Ortskerne ist die
|
||
Reduzierung des motorisierten Verkehrs und der Vorrang für Fußgänger*innen. Neben der
|
||
Stadt und dem Dorf der kurzen Wege sollte auch das Leitbild „kurze Beine – kurze Wege“
|
||
stärker in die Planungspraxis des Landes und ihrer Kommunen Einzug finden. Deshalb
|
||
braucht es neben der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlichen Kommunen Sachsen-
|
||
Anhalt (AGFK LSA) auch eine ähnliche Arbeitsgemeinschaft für den Fußverkehr, die
|
||
Fußläufigkeit der Orte und die Belange von Menschen mit Beeinträchtigungen und
|
||
Pflegeaufgaben. Stadt- und Dorfkerne sollen Orte der Aufenthaltsqualität und der
|
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Begegnung sein. Dafür braucht es auch auf Landesebene einen Austausch zu autofreien
|
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und autoarmen Altstädten, Innenstädten oder Dorfkernen. Gerade in der Zeit Post-Corona
|
||
werden Innenstädte und Dorfkerne vermehrt für den Kulturbetrieb, unkommerzielle
|
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Kunsträume und als soziale Räume genutzt werden. Wir wollen dafür sorgen, dass dies
|
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schon jetzt in die Planungspraxis aber auch die Kriterien für Förderprogramme Einzug
|
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erhält.
|
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Bei
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der
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Siedlungsentwicklung
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muss
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der
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Grundsatz
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Innenentwicklung
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vor
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Außenentwicklung gelten. Wir setzen uns dafür ein, dass die Städte und Dörfer sich nicht
|
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unendlich in die freie Landschaft ausdehnen. Es dürfen keine neuen Flächen am Rande
|
||
versiegelt werden. Vorrangig vor einer Neuentwicklung von Baugebieten sind
|
||
Brachflächen wieder einer Nutzung zuzuführen. Eine behutsame Nachverdichtung der
|
||
Orte kann sowohl die Zersiedelung des Umlandes eindämmen als auch die Qualität der
|
||
Quartiere verbessern. Hier sollte auch das Ziel der doppelten Innenentwicklung verfolgt
|
||
werden. Das heißt, die Flächen, die Orte zur Verfügung haben, sollten baulich sinnvoll
|
||
genutzt werden. Dabei wird gleichzeitig auf die Entwicklungen der Grünflächen und ihrer
|
||
Verknüpfung geachtet, so dass beide bei der Konzeption zusammengedacht werden.
|
||
Denn nur auf diese Weise können der offene Landschaftsraum vor weiterer
|
||
Flächeninanspruchnahme und zusätzlichen baulichen Eingriffen geschützt und
|
||
gleichzeitig städtische und dörfliche Lebensräume mit hoher Wohn- und Lebensqualität
|
||
geschaffen und erhalten werden. Entwicklung, Vernetzung und Aufwertung von
|
||
Grünflächen dienen der Entwicklung der Kommunen in ihrem Bestand. Gleichzeitig
|
||
können die ökologischen Funktionen von Grünzügen bewahrt und entwickelt werden.
|
||
Auch die Auswirkungen der Klimakrise im Siedlungsraum wie extreme Hitze und
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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ungewöhnlich hohe Niederschlagsmengen können durch Grünstrukturen und Freiräume
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gemindert werden.
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Dach- und Fassadenbegrünung als neuer Standard
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Wir wollen im Land Sachsen-Anhalt Vorreiter in Sachen Dach- und Fassadenbegrünung
|
||
sowie Solar-Gründach werden. Dafür braucht es mehr direkte und indirekte Förderung der
|
||
Kommunen und privaten Investoren zur Errichtung von Dach- und Fassadenbegrünungen.
|
||
Hierzu wollen wir eine Beratungs- und Förderanlaufstelle schaffen und weiter prüfen wie
|
||
Dach-
|
||
und
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||
Fassadenbegrünung
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integraler
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||
Bestandteil
|
||
bei
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||
ökologischen
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||
Gesamtkonzepten, der energetischen Bewertung sowie den Richtlinien zum nachhaltigen
|
||
Bauen werden können.
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||
Alle Neubauten aus Landesmitteln sollen in Zukunft Elemente der Dach- oder
|
||
Fassadenbegrünung sowie Solar-Gründächer aufweisen. Bei den Bestandsgebäuden ist
|
||
die Nachrüstung mit Elementen der Dach- und Fassadenbegrünung zu prüfen.
|
||
Integrierte Stadt- und Verkehrsplanung vom Menschen gedacht
|
||
Bürger*innen müssen frühzeitig mit echten Gestaltungsmöglichkeiten beteiligt und ihre
|
||
Ideen ernst genommen werden. Das kann von Planungswerkstätten bis hin zu
|
||
Gestaltungsbeiräten gehen. Die Erarbeitung ganzheitlicher Umbaukonzepte im Dialog
|
||
mit den Anwohner*innen muss besser gefördert werden. Deshalb wollen wir Formate und
|
||
digitale Angebote der Beteiligung und Interessensvertretung schaffen.
|
||
In Sachsen-Anhalt besitzen wir ein reiches bauliches Erbe. Dies gilt es zu bewahren und
|
||
weiterzuentwickeln. Für größere Bauvorhaben des Landes muss es Standard werden, dass
|
||
die beste Lösung durch Architekturwettbewerbe ermittelt wird. Ebenso ist nachweislich
|
||
bis zu einem Prozent der Investitionssumme für baugebundene Kunst einzusetzen.
|
||
Nachhaltige Gewerbeparks als neuer Standard
|
||
Die Förderung grüner und sauberer Produktion und Dienstleistungen heißt für uns
|
||
weiterhin, umweltfreundliche Gewerbeparks zu entwickeln. Diese sollen möglichst nicht
|
||
auf der „grünen Wiese“, sondern auf bereits versiegelten Flächen oder brach liegenden
|
||
Gewerbeflächen entstehen. Wir wollen, dass die CO2-Emissionen der Gewerbeparks
|
||
deutlich gesenkt werden. Erneuerbare Energie, insbesondere Photovoltaik auf Dächern,
|
||
sollgenutzt werden. Wir wollen die landesrechtliche Grundlage dafür schaffen, dass in
|
||
neuen Baugebieten überwiegend die Energie aus erneuerbaren Energien bezogen wird.
|
||
Es braucht mehr interne Stoffkreisläufe. Auch auf intelligente Logistik und
|
||
umweltfreundliche Transportsysteme mit mehr Elektromobilität soll der Fokus gelegt
|
||
werden.
|
||
Mit
|
||
einer
|
||
Landesförderung
|
||
wollen
|
||
wir
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||
Unternehmen
|
||
bei
|
||
der
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||
Umweltzertifizierung und den damit verbundenen Maßnahmen unterstützen. Auch sollen
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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regionale Wertstoffkreisläufe und Wirtschaftsbeziehungen durch Clustermanagement im
|
||
Gewerbepark gefördert werden. Um Verkehr zu vermeiden, sollen neue Gewerbegebiete
|
||
gut an den öffentlichen Nahverkehr, mit guten Anbindungen zu den Wohngebieten, an
|
||
das Bahnnetz und an das Radwegenetz angeschlossen werden. Zur Realisierung eines
|
||
Pilotprojekts für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften wollen wir mit EFRE-Mitteln ein
|
||
Gewerbegebiet nachhaltig und sozial-ökologisch gestalten.
|
||
Ökologisch ressourcenschonend bauen
|
||
Die Energiewende kann nur gelingen, wenn das Bauen einen entscheidenden Beitrag
|
||
hierzu leistet. Sowohl bei Umbau und Sanierung als auch beim Neubau ist der
|
||
Energieverbrauch für Errichtung und Nutzung der Gebäude drastisch zu reduzieren. Für
|
||
die Energieerzeugung und -nutzung sind Quartierskonzepte zu entwickeln. Wir wollen die
|
||
Kommunen bei deren Erstellung und Umsetzung unterstützen. Ressourcenschonendes
|
||
Bauen heißt, dem Erhalt Vorrang vor dem Neubau zu geben, nachwachsende Rohstoffe
|
||
zu verwenden und die Recycelbarkeit von Baustoffen und Bauteilen sicherzustellen.
|
||
Das Land Sachsen-Anhalt soll als Bauherr mit Vorbildfunktion nachhaltig bauen. Deshalb
|
||
wollen wir, dass künftig bei Neubauten sowie beim Ausbau und der Erweiterung von
|
||
bestehenden
|
||
Gebäuden
|
||
des
|
||
Landes
|
||
die
|
||
Anforderungen
|
||
des
|
||
bewährten
|
||
Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen (BNB) des Bundes eingehalten wird. Damit wird
|
||
erreicht, dass diese Gebäude im Hinblick auf Ökologie, Ökonomie sowie auf die
|
||
soziokulturelle und funktionale Qualität nachhaltig sind.
|
||
Über die in dieser Wahlperiode geschaffenen Erleichterungen für das Bauen mit Holz
|
||
hinaus, soll die Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen wie Lehm oder Stroh mit einer
|
||
Änderung der Landesbauordnung erleichtert werden. Auch beim Holz muss es noch
|
||
weiter gehen als die bisherigen Änderungen. Das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen
|
||
soll außerdem gefördert werden. Das Land als Eigentümer soll bei seinen Neubauten
|
||
vermehrt nachwachsende Baustoffe verwenden.
|
||
Auch wollen wir die Bauordnung so ändern, dass bei der Errichtung und Änderung von
|
||
Gebäuden Abstellplätze für Fahrräder auf dem Baugrundstück oder in zumutbarer
|
||
Entfernung davon herzustellen sind. Darüber hinaus wollen wir eine fahrradfreundliche
|
||
Musterstellplatzsatzung den Kommunen zur Verfügung stellen, welche hohe
|
||
Qualitätsstandards festlegt und den Kommunen Musterlösungen aufzeigt. Neubau und
|
||
Erweiterungen von Landesbauten sowie Bauten, die vom Land gefördert sind, sollen eine
|
||
hohe Quote an Fahrradabstellanlagen aufweisen.
|
||
Nachhaltig Wohnraum schaffen
|
||
Unser Ziel ist es, möglichst große Bestände an Wohnungen zu erhalten und neu zu
|
||
schaffen, die außerhalb des auf Profitmaximierung orientierten Wohnungsmarktes
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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bestehen. Dafür wollen wir den Anteil von Wohnungen in öffentlicher und
|
||
genossenschaftlicher Hand erhöhen, genauso wie den von kooperativen Wohnformen,
|
||
Hausprojekten sowie Bauprojekten, Selbst(aus)bauprojekten und experimentellem
|
||
Wohnungsbau. Wir wollen das Kommunalverfassungsgesetz so ändern, dass Kommunen
|
||
auch in der Haushaltskonsolidierung Vermögensgegenstände unter ihrem vollen Wert
|
||
veräußern dürfen, wenn dies der Schaffung von preiswertem Wohnraum durch
|
||
Wohnungsgenossenschaften oder Baugemeinschaften dient oder wenn sich der Käufer
|
||
sich im Gegenzug verpflichtet, nur solche Wohnungen zu errichten, die mit Mitteln der
|
||
sozialen Wohnraumförderung gefördert werden könnten. Auf Bundesebene setzen wir
|
||
uns für die steuerliche Förderung der Wohnungsgemeinnützigkeit ein.
|
||
Beim Wohnungsneubau sind unsere Partner*innen Kommunen, Wohnungsgesellschaften
|
||
und
|
||
Mieter*innenbund,
|
||
aber
|
||
auch
|
||
Baugemeinschaften
|
||
oder
|
||
Bürger*innen-
|
||
Energiegenossenschaften. Statt Flächen ausschließlich nach Höchstgebot zu vergeben,
|
||
sollen durch Konzeptvergabe vorrangig ökologische, soziale oder kulturelle Projekte
|
||
berücksichtigt werden. Die Landesebene hat hierbei eine Vorbildfunktion, wenn es um
|
||
den Verkauf von Bauland aus Landesliegenschaften geht. Diese sollen vorrangig im
|
||
Erbbaurecht mit niedrigem Erbaubauzins vergeben werden. Baulandmodelle und
|
||
ähnliche bodenpolitische Instrumente wollen wir fördern, um zum Beispiel einen
|
||
Sozialwohnungsanteil von mindestens 20 Prozent bei Neubauten festzuschreiben und für
|
||
diese Wohnungen Bindungsfristen und Mietpreisbindung zu verlängern, falls im
|
||
Gesamtmietwohnbestand der Anteil an Sozialwohnungen unter 20 Prozent sinkt.
|
||
Spekulationen mit Bauland werden wir begegnen, indem wir Kommunen beim Erwerb
|
||
von Bauland unterstützen, insbesondere bei der Nutzung des Vorkaufsrechts. Auch wollen
|
||
wir
|
||
die
|
||
Erarbeitung
|
||
von
|
||
langfristigen
|
||
Entwicklungsstrategien
|
||
fördern.
|
||
Zum
|
||
Mieter*innenschutz unterstützen wir die Kommunen bei der Erstellung von qualifizierten
|
||
Mietpreisspiegeln und mit schnelleren und schärferen Eingriffsmöglichkeiten bei
|
||
Zweckentfremdungen.
|
||
Das Land Sachsen-Anhalt sowie die Einrichtungen und Unternehmen des Landes
|
||
verfügen über relevante Vermögenswerte an Grundstücken. Wir kämpfen dafür, dass diese
|
||
gemeinwohlorientiert eingesetzt und nicht mehr zum Höchstgebot rein nach
|
||
betriebswirtschaftlichen Interessen verwertet werden. Kommunen, Land und Bund sind
|
||
gefordert, Grundstücke für kommunalen Wohnungsbau zu angemessenen Konditionen
|
||
zur Verfügung zu stellen. Mit einer Verwaltungsvorschrift soll das Land eigene
|
||
Grundstücke vergünstigt abgeben, wenn darauf günstiger Wohnraum entsteht. Dies gilt
|
||
auch für landeseigene Grundstücke mit leerstehenden Gebäuden. Wir wollen dafür ein
|
||
Vorkaufsrecht für die Kommunen schaffen und diese dabei begleiten, ihre Flächen
|
||
effizient für bezahlbaren Wohnraum zu nutzen und heutige Flächenreserven zu heben.
|
||
Eigeninitiative wollen wir stärken und die Gründung von Genoss*innenschaften und
|
||
Baugemeinschaften sowie Mietshäusersyndikat-Projekten vorantreiben. Inklusives
|
||
Wohnen und Mehrgenerationenwohnen sollen besonders unterstützt werden. Besonders
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
interessant
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||
dabei
|
||
ist
|
||
die
|
||
Entwicklung
|
||
von
|
||
Wohngebieten
|
||
für
|
||
Klein-
|
||
und
|
||
Kleinstwohnformen (Tiny House-Siedlungen).
|
||
Flexibel Wohnraum schaffen
|
||
Durch Flexi-Bau, modulare Bauweise, Variowohnungen und multifunktionale Einheiten
|
||
können erheblich Ressourcen, Baustoffe und Planungsleistung eingespart werden. Bauen
|
||
im Baukastensystem kann flexibel und veränderlich Gebäude an neue Nutzungsformen
|
||
anpassen und den Rückbau erleichtern. Gerade öffentliche Gebäude und Liegenschaften
|
||
werden zeitweise neuen Nutzungen zugeführt. Gesellschaftliche Veränderungen
|
||
verlangen ein Umdenken bei Planung und Bau von Wohnraum. Der Wandel hin zu immer
|
||
vielfältigeren Lebensformen, einer mobileren Gesellschaft und die fortschreitende
|
||
Urbanisierung lassen die Nachfrage nach kostengünstigen, kleinen und variablen
|
||
Wohnungen in Städten und Ballungsgebieten steigen. Deshalb wollen wir insbesondere
|
||
beim Behörden-, Hochschul- und Wohnheimbau auf variable und standardisierte
|
||
Bauformen zurückgreifen und Bauen damit günstiger, sozialer, aber auch flexibler und
|
||
nachhaltiger machen. In Anlehnung an das Förderprogramm für Modellvorhaben zum
|
||
nachhaltigen und bezahlbaren Bau von Variowohnungen des Bundes wollen wir ein
|
||
ähnliches Landesprogramm in die Wege leiten sowie auch explizit die Gewerbe- und
|
||
Logistikbranche zu variablen, flexiblen und rückstandsfrei zurückbaubaren Einheiten
|
||
anregen und auch selbst eigene Gebäude in dieser Bauart in den nächsten Jahren
|
||
umsetzen.
|
||
Pandemien und Krisen wie die aktuelle Corona-Situation zeigen uns wie flexibel auch die
|
||
Art und Weise wie wir wohnen sich verändern kann. Wir wollen Anreize schaffen, Häuser
|
||
mit möglichst flexiblen Grundrissen zu bauen, um unterschiedlichste Nutzungs- und
|
||
Wohnformen realisieren zu können.
|
||
Sozialen Wohnungsbau in Sachsen-Anhalt ankurbeln
|
||
Wohnen ist ein Grundrecht und muss für alle Sachsen-Anhalter*innen gesichert werden.
|
||
Durch das bestehende Landesprogramm zur Förderung des sozialen Wohnungsbaus soll
|
||
weiter Wohnraum durch Neu-, Aus- oder Umbau geschaffen werden. Auch können
|
||
leerstehende und teilweise leerstehende Wohngebäude modernisiert werden. Deshalb
|
||
wollen wir am Landesprogramm festhalten und es noch weiter ausbauen und
|
||
qualifizieren.
|
||
Nach der landesrechtlichen Bestimmung sollen durch das Programm Personen
|
||
unterstützt werden, die sich insbesondere aufgrund ihres geringen Einkommens am
|
||
Wohnungsmarkt nicht angemessen versorgen können. Sozialer Wohnungsbau sollte
|
||
vorrangig
|
||
über
|
||
kommunale
|
||
Wohnungsunternehmen,
|
||
Studierendenwerke
|
||
sowie
|
||
Genoss*innenschaften erfolgen, um auch nach Auslaufen der Mietpreisbindung langfristig
|
||
preisstabile Wohnraummieten zu gewährleisten. Die Zuschüsse müssen erheblich erhöht
|
||
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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werden, damit in angemessenem Umfang geförderter sozialer Wohnraum entstehen kann.
|
||
Unser Ziel ist auch, die soziale Durchmischung in Mehrfamilienhäusern zu fördern und
|
||
soziale Gerechtigkeit herzustellen.
|
||
Beim anstehenden demographischen Wandel spielt die Barrierefreiheit nicht nur in der
|
||
Mobilität und im Tourismus eine Rolle, sondern natürlich auch im Wohnungsneu- aber
|
||
vor allem -umbau. Durch die Sanierung von Bestandswohnungen wollen wir sowohl auf
|
||
dem Land wie in der Stadt barrierefreie Wohnungen für eine alternde Gesellschaft
|
||
schaffen aber auch Teilhabe und freie Wohnstandortswahl für Menschen mit
|
||
Beeinträchtigungen ermöglichen.
|
||
Kluge Köpfe brauchen ein Dach
|
||
Sachsen-Anhalt braucht ein Wohnheimbauprojekt. Bezahlbarer Wohnraum für
|
||
Studierende
|
||
und
|
||
Auszubildende
|
||
wird
|
||
zunehmend
|
||
knapp
|
||
und
|
||
teuer.
|
||
Die
|
||
Wohnheimplatzquote in Sachsen-Anhalt ist im Bundesländervergleich niedrig. Neue
|
||
Herausforderungen wie der Fachkräftemangel, die Zunahme von internationalen
|
||
Studierenden und die große Konkurrenz um Studierende und Auszubildende gegenüber
|
||
anderen Bundesländern erfordern sichere Rahmenbedingungen für die höhere Bildung.
|
||
Dabei muss wohl der Neubau wie auch die Sanierung finanziell unterstützt werden. Dafür
|
||
soll es sowohl zinslose Kredite als auch Zuschüsse geben. Neben dem Bund-Länder-
|
||
Hochschulsozialpakt für Neubau und Sanierung von Wohnheimen braucht es deshalb
|
||
auch ein Förderprogramm auf Landesebene für die Studierendenwerke und die Träger
|
||
von Jugendwohnheimen. Dieses sollte sozialen Wohnungsbau mit den Kriterien des
|
||
nachhaltigen Bauens (BNB) verknüpfen und ausreichend fördern.
|
||
Denkmalschutz in Stadt und Land vorantreiben
|
||
Wir wollen die Kulturdenkmale in Sachsen-Anhalt erhalten. Insbesondere das ländliche
|
||
Kulturerbe prägt die Einzigartigkeit des Wohnumfelds und soll fester Bestandteil des
|
||
„ländlichen
|
||
Lifestyles“
|
||
werden.
|
||
Wir
|
||
wollen
|
||
eine
|
||
Zusammenarbeit
|
||
von
|
||
Denkmalschutzbehörden und Eigentümer*innen, die die Sanierung unterstützt. Damit
|
||
sollen der Erwerb und die Sanierung beziehungsweise Erhaltung von Denkmalen
|
||
attraktiver werden.
|
||
Zusätzlich
|
||
sollen
|
||
im
|
||
Land
|
||
Modellprojekte
|
||
entstehen,
|
||
in
|
||
denen
|
||
über
|
||
die
|
||
Denkmalschutzbehörden
|
||
kostenfrei
|
||
Fachwissen,
|
||
Bauberatung
|
||
und
|
||
Betreuung
|
||
bereitgestellt
|
||
werden.
|
||
Es
|
||
muss
|
||
einen
|
||
Lastenausgleich
|
||
zwischen
|
||
dem
|
||
Ressourcenverbrauch von industriellem Bauen und individueller handwerklicher
|
||
Bauerhaltung geben. Lokale fachkundige Wertschöpfung in der Denkmalerhaltung soll
|
||
handwerklich Interessierten neue Entwicklungsperspektiven eröffnen. Mit gezielter
|
||
Förderung soll der Entwicklung des Denkmalhandwerks und dem Denkmalschutz ein
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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angemessener Platz unter den Nachhaltigkeitsmaßnahmen des Landes eingeräumt
|
||
werden.
|
||
Der Erhalt von Kulturdenkmalen kann auf Dauer nur durch deren Nutzung gewährleistet
|
||
werden. Vorrangiges Ziel ist es daher, für möglichst viele Denkmale die Nutzung zu
|
||
sichern oder zu ermöglichen. Deshalb wollen wir erreichen, dass künftig innerhalb
|
||
integrierter kommunaler Entwicklungskonzepte auch Denkmalpflegepläne erstellt
|
||
werden. Diese sollen die Aufgaben der Denkmalpflege sowie Ziele und Erfordernisse des
|
||
Denkmalschutzes enthalten.
|
||
Für die Lösung der bestehenden Probleme beim Denkmalschutz braucht es eine gute
|
||
personelle Ausstattung insbesondere der unteren Denkmalschutzbehörden. Wir wollen
|
||
auf kommunaler Ebene die Einrichtung von ehrenamtlichen Denkmalschutzbeiräten
|
||
ermöglichen. Darüber hinaus müssen Betroffene und Interessent*innen eine bessere und
|
||
transparentere
|
||
Beratung
|
||
sowie
|
||
Zusammenarbeit
|
||
erfahren.
|
||
Verbesserte
|
||
Förderbedingungen sowie eine aktive Ansprache von Investor*innen z. B. von
|
||
Schrottimmobilien kann mehr Erhalt und Sanierung in die Wege leiten.
|
||
Neben der Förderung privater Denkmaleigentümer*innen wollen wir Kommunen
|
||
finanziell und haushaltsrechtlich in die Lage versetzen, im Bedarfsfall im Interesse des
|
||
Denkmalerhalts vom bestehenden gesetzlichen Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen bzw.
|
||
sonst in den Erhalt von Kulturdenkmalen zu investieren.
|
||
Eine mögliche Klassifizierung von Denkmalen nach ihrer Rangordnung oder Bedeutung
|
||
lehnen wir ab, um eine allmähliche Zerstörung von angeblich weniger bedeutenden
|
||
Denkmalen zu verhindern. Für im Eigentum des Landes stehende Denkmale hat das Land
|
||
den Erhalt und eine sinnvolle Nutzung sicherzustellen. Das Denkmalinformationssystem
|
||
des Landes ist auszubauen. Neben weiteren Informationen und Verlinkungen, ist die
|
||
Möglichkeit zur Einbindung auf dritten Webangeboten zu schaffen. Mit einer Historie
|
||
sollen zudem Änderungen des Denkmalstatus dargestellt werden. Auch ehemalige
|
||
Denkmale sind entsprechend im System weiter zu führen.
|
||
Sanierung vor Neubau
|
||
Der Schutz von Bestandsgebäuden muss durch ein Gesetz geregelt werden, das Abriss nur
|
||
genehmigt, wenn er sozial- und klimanotwendig ist. Sanierungen werden über den
|
||
Denkmalschutz hinaus förderungsfähig. Die Quote der energetischen Sanierungen soll
|
||
außerdem massiv erhöht werden. Dazu braucht es neben der Bauordnung auch eine
|
||
Umbauordnung. Diese soll Sanierungen von Bestandsbauten z. B. durch Abweichungen
|
||
von den Neubau-Richtlinien erleichtern. Das in dieser Legislaturperiode eingeführte
|
||
erfolgreiche Aufzugsprogramm soll fortgeführt werden.
|
||
Der Bewertungsmaßstab für die energetische aber auch die klimawirksame Beurteilung
|
||
von Gebäuden sollte auf den gesamten Lebenszyklus betrachtet und berechnet werden.
|
||
Von der Herstellung aller Baustoffe und Bestandteile sowie die Betriebsenergie bis zum
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Energieeinsatz bei Abriss und Entsorgung sollten alle Abschnitte mit in die Bewertung
|
||
eingehen. Nur so lassen sich objektiv Entscheidungen über Sanierung, Abriss, Neubau und
|
||
energetische Sanierung treffen. Dafür setzen wir uns auf Bundesebene ein.
|
||
In Anlehnung an das Programm LeerGut in Thüringen wollen wir auch in Sachsen-Anhalt
|
||
leerstehende Immobilien - sowohl Wohn- wie auch Nichtwohngebäude - im ländlichen
|
||
Bereich, die das Ortsbild beeinträchtigen wieder mit Leben füllen. Damit wollen wir
|
||
baukulturelles Erbe erhalten aber auch öffentliche Infrastruktur z. B. durch Dorfläden oder
|
||
Coworking-Plätze wiederbeleben. Der Umgang mit unserem Bestand ist eine wichtige
|
||
Zukunftsaufgabe. Wir wollen Raumunternehmungen unterstützen und neue Formen der
|
||
Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ermöglichen.
|
||
Kreislaufwirtschaft
|
||
und
|
||
Baustoffrecycling
|
||
in
|
||
der
|
||
Bauwirtschaft
|
||
voranbringen
|
||
Wiederverwertung ist immer besser als Neuherstellung. Recycling schont die Umwelt,
|
||
Recycling von Baustoffen bedeutet zudem weniger Flächenverbrauch für Deponien. Im
|
||
vergangenen Jahr wurde die Mantelverordnung für Ersatzbaustoffe und Bodenschutz
|
||
(Mantel V) im Bund geändert. Wir wollen sie zügig und breit für Sachsen-Anhalt zur
|
||
Anwendung bringen und mehr stoffliches Recycling von mineralischen Baustoffen
|
||
ermöglichen. Das ist technisch möglich, ohne qualitative Einschnitte hinzunehmen. Damit
|
||
fördern wir die Kreislaufwirtschaft auch im Bereich Bauen.
|
||
Ein weiterer Schritt, um Direktrecycling zu ermöglichen sind Rohstoff-, Bauteil- oder
|
||
Recyclingbörsen. Hier wollen wir Maßnahmen ergreifen um Second Life, Urban Mining
|
||
und den Handel von Abfällen zu erleichtern und so einen Markt für Recycling aber auch
|
||
ein zweites Leben für geprüfte Gebrauchtteile wie z. B. Fenster und Türen schaffen. Wir
|
||
wollen uns für die Einführung eines Ressourcen-Kataster einsetzen.
|
||
Nachhaltiges Bauen vermitteln
|
||
Wir wollen die Hochschulen mit Studiengängen oder Forschungsschwerpunkten der
|
||
Fachrichtungen Bau, Architektur oder Gebäudemanagement zukünftig im Rahmen der
|
||
Zielvereinbarungen dazu anhalten, diese am Leitbild des nachhaltigen Bauens und
|
||
Bewirtschaftens zu orientieren. Gleiches zielen wir für die Rahmenpläne der
|
||
Berufsschulen über die Kultusministerkonferenz an. Wir wollen, dass es in Sachsen-
|
||
Anhalt mindestens eine Professur für nachhaltiges Bauen sowie eine Professur für
|
||
nachhaltige und integrierte Stadtplanung gibt.
|
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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V Haushalt und Finanzen
|
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Nachhaltigkeit ist auch unser Prinzip, wenn es ums Geld geht, sowohl in der Wirtschaft
|
||
als auch im Finanzhaushalt. Wir stehen in der Verantwortung, mit den begrenzt zur
|
||
Verfügung stehenden Mitteln zu haushalten. Wir müssen dabei trotzdem die aktuell
|
||
bestehenden gesellschaftlichen Aufgaben finanzieren und heute investieren, damit wir
|
||
gemeinsam aus der Coronakrise kommen und es Sachsen-Anhalt morgen besser geht.
|
||
Um ein wirtschaftlich starkes, demokratisches und lebenswertes Sachsen-Anhalt zu
|
||
gestalten, müssen wir in den Erhalt unserer Lebensgrundlagen, den sozialen
|
||
Zusammenhalt und gute Bildung investieren. Nachhaltigkeit, sozialer Ausgleich und
|
||
Aufgeschlossenheit für Neues sind auch im Haushalt Leitplanken. Dabei darf nicht
|
||
vergessen werden, dass die Bewältigung der Klimakrise die zentrale Herausforderung auf
|
||
allen politischen Ebenen ist. Im Landeshaushalt heißt dies, die Klimaauswirkungen jeder
|
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Ausgabe zu bewerten und umweltfreundliche Ausgaben zu fördern.
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Nachhaltige Finanzpolitik als Leitbild
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Wir verbinden zukunftsorientierte Investitionen mit einer nachhaltigen Finanzpolitik. Das
|
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heißt, die Zukunft sichern, ohne die Lasten einseitig auf künftige Generationen zu
|
||
verschieben. Die Landesfinanzen müssen deshalb nach der Bewältigung der Coronakrise
|
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in späteren Haushalten ausgeglichen sein. Wir wollen unseren Kindern und Enkelkindern
|
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ein Land übergeben, in dem sie politische Gestaltungsspielräume haben. Das ist eine
|
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herausfordernde
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Aufgabe
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angesichts
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der
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strukturell
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bedingt
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geringeren
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Einnahmemöglichkeiten, der bereits angehäuften Schulden, des demographischen
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Wandels und der veränderten EU-Strukturförderung in der Förderperiode 2021-2027.
|
||
Doch wir sind uns sicher, dass wir es bewältigen können. Unser Anspruch ist, in Köpfe zu
|
||
investieren und bei unnötigem Beton zu sparen. Wir investieren dort, wo es für die
|
||
Zukunft unserer Kinder sinnvoll ist, also vor allem in Schulen, Universitäten und in den
|
||
Erhalt unserer Natur. Hingegen sollte Sparen bei Regierung und Verwaltung selbst
|
||
beginnen.
|
||
Zur Nachhaltigkeit der Finanzpolitik gehört auch, das Vermögen des Landes nicht nur
|
||
sicher, sondern auch ethisch und ökologisch verantwortlich anzulegen. Auch die Anlage
|
||
der Mittel des Pensionsfonds des Landes muss diesen Kriterien genügen. Wobei wir auch
|
||
für Anlagemöglichkeiten in sichere und langfristige nachhaltige Investitionen im Land
|
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selbst eintreten. Wir benötigen eine Divestmentstrategie des Landes die Investitionen in
|
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Rüstung, Atom und Kohle sowie Produkte aus Kinderarbeit ausschließt. Gesetzlich
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abgesichert
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soll
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dies
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auch
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für
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Landesbetriebe,
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Landesstiftungen
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und
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Landesbeteiligungen gelten. Den Kommunen wollen wir hierfür Beratungsangebote
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unterbreiten.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Die Veräußerung von im Landeseigentum stehenden land- und forstwirtschaftlichen
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Flächen lehnen wir unter dem Aspekt der finanziellen Nachhaltigkeit ab.
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Klimaschädliche Ausgaben kennzeichnen
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||
In künftigen Haushalten sind klimaschädliche Ausgaben kenntlich zu machen und zu
|
||
vermeiden. Ähnlich dem Gender Budgeting, für dessen konsequente Umsetzung wir uns
|
||
einsetzen, brauchen wir im Haushalt einen Klimacheck, der bewirkt, dass die Ausgaben
|
||
klimafreundlich getätigt und Einsparpotenziale gehoben werden.
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Landesverwaltung als Vorbild
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Für
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die
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Landesverwaltung
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wollen
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wir
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schnellstmöglich
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ein
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wirksames
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Energiemanagement einführen, wie im Energiekapitel beschrieben. Die Versorgung aller
|
||
Landesliegenschaften soll ausschließlich mit Erneuerbare Energien erfolgen.
|
||
Das Land als Arbeitgeber muss attraktiv und fürsorgend sein. Wir müssen in der Lage sein,
|
||
die Personalbedarfe des Landes entsprechend der Aufgaben zu decken. Für einzelne und
|
||
besondere Spezialbereiche sind Regelungen über den Tarifvertrag hinaus zu prüfen. Eine
|
||
echte Wahlmöglichkeit zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung im
|
||
Beamt*innenverhältnis soll umgesetzt werden. Allen Beschäftigten sind Fortbildungs-
|
||
und Aufstiegsmöglichkeiten zu bieten. Wir sehen einen besonders hohen Bedarf für
|
||
Qualifizierungsmaßnahmen im digitalen Bereich.
|
||
Stetige Aufgaben- und Effizienzkritik einführen
|
||
Verantwortungsvolle Politik muss sich an der Frage messen lassen, ob die ihr zur
|
||
Verfügung stehenden Mittel sinnvoll und effizient im Sinne des Allgemeinwohls
|
||
eingesetzt werden. Daraus ergibt sich für uns die Notwendigkeit einer stetigen Aufgaben-
|
||
und Effizienzkritik. Auch der interessierten Öffentlichkeit soll dies mit einem Open-Data-
|
||
Haushalt erleichtert werden.
|
||
Die Landesverwaltung soll für institutionell geförderte Träger und bei bereits
|
||
langjährigen Fördervorhaben, die im Landeshaushalt verankerten Ausgaben spätestens 4
|
||
Monate nach Haushaltsbeschluss bescheiden und ausreichen. Wo möglich, soll auch mit
|
||
2-jähriger Bescheidung gearbeitet werden. Verwendungsnachweise für diese sind auf das
|
||
unbedingt Nötige zu verringern und mit Pauschalen gearbeitet werden.
|
||
Für Transparenz der Verwaltung sind alle Gesetzes- und Verordnungsblätter sowie alle
|
||
Verordnungen der Ministerien und allgemeingültige Anordnung der Landesämter der
|
||
Öffentlichkeit am Tag der Verkündigung online verfügbar zu machen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Fördermittel bündeln und zukunftsfest ausrichten
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||
Die überfällige Fördermitteldatenbank des Landes soll alle Förderprogramme des Landes
|
||
enthalten und Lücken bei der Kontrolle schließen. Damit soll einerseits gebündelt über
|
||
Fördermöglichkeiten informiert, wie andererseits auch Doppelförderungen vermieden
|
||
werden.
|
||
Die Förderpolitik mit EU-, Bundes- und Landesgeldern wollen wir stärker an den Kriterien
|
||
Effizienz und Nachhaltigkeit ausrichten und die Folgen für Mensch, Natur und Klima als
|
||
Leitkriterium
|
||
ins
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||
Zentrum
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||
stellen.
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||
Deshalb
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||
drängen
|
||
wir
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||
auf
|
||
eine
|
||
andere
|
||
Förderphilosophie. Die Mittel wollen wir daher vor allem für eine moderne Infrastruktur,
|
||
erneuerbare Energieträger, den Umbau hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft sowie für
|
||
ÖPNV- und Fahrradverkehr nutzen. Die Vergabe von Fördermitteln an kleine und mittlere
|
||
Betriebe wollen wir erleichtern. Dafür ist es wichtig, dass die Vergabe von EU-
|
||
Fördermitteln gebündelt wird.
|
||
Bei der Umsetzung von EU-Förderprogrammen soll es keine unnötigen Zusatzauflagen
|
||
des Landes geben. Wir stellen die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe, Umwelt-
|
||
und Klimaschutzes und des sozialen Zusammenhalts bei der regionalen Ausgestaltung
|
||
der Kriterien für die neue Förderperiode der Europäischen Strukturfonds ins Zentrum
|
||
sachsen-anhaltischer Förderung. Partizipative Entscheidungen vor Ort und den
|
||
dezentralen Ansatz der EU-Kohäsionspolitik wollen wir stärken, indem Bürger*innen auf
|
||
kommunaler Ebene über die Mittelvergabe von EU-Mitteln mitentscheiden. Ein
|
||
partizipativer Ansatz wie beim LEADER-Programm soll auch für andere EU-Programme
|
||
möglich werden.
|
||
Öffentliches Bankwesen stärken
|
||
Die Investitionsbank des Landes wollen wir aus der Nord/LB herauslösen und als
|
||
selbständige Bank zur Unterstützung der klein- und mittelständischen Wirtschaft sowie
|
||
zur effizienten Abwicklung von Förderprogrammen nutzen. Die Anteile des Landes an der
|
||
Nord/LB wollen wir mittelfristig veräußern. Der Konzentrationsprozess der Sparkassen
|
||
und Landesbanken findet unsere Unterstützung, um sie zu einem sichereren, schneller
|
||
handlungsfähigen sowie transparenteren und weniger komplexen Verbund weiter zu
|
||
entwickeln. Zur Transparenz gehört auch eine Offenlegung der Vorstandsbezüge der
|
||
Sparkassen im Land.
|
||
Landesvergaberecht reformieren
|
||
Wir wollen das Landesvergaberecht reformieren. Darin sollen die faire und nachhaltige
|
||
Beschaffung verankert werden. Ebenfalls im Gesetz sollen soziale, ökologische und
|
||
menschenrechtliche Kriterien bei der Vergabe öffentlicher Aufträge in Handel und
|
||
Produktion enthalten sein. Die tarifliche Bezahlung aller Auftragnehmenden soll dabei
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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gesichert
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werden.
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Die
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Werkstätten
|
||
für
|
||
Menschen
|
||
mit
|
||
Behinderungen
|
||
und
|
||
Blindenwerkstätten sollen bei der Vergabe öffentlicher Aufträge bevorzugt werden.
|
||
Kommunen auskömmlich finanzieren
|
||
Kommunen brauchen eine angemessene finanzielle Ausstattung, um ihre Aufgaben im
|
||
Sinne der Bürger*innen bewältigen zu können. Kommunalfinanzen werden derzeit in
|
||
erster Linie nach Einwohner*innenzahl zugeteilt. Das bedeutet, dass von Abwanderung
|
||
betroffene Kommunen weniger Mittel erhalten und gleichzeitig attraktiver werden sollen.
|
||
Damit wird Ungleiches gleich behandelt. Die Infrastruktur wird nicht linear weiter
|
||
schrumpfen können. Wir wollen uns dafür einsetzen, dass die Bundes- und
|
||
Länderfinanzzuweisungen durch einen Flächenfaktor ergänzt werden.
|
||
Wir wollen das Finanzausgleichsgesetz (FAG) weiter reformieren. Die angemessene
|
||
Erhöhung der Finanzausgleichsmasse im FAG ab 2022 hat für uns Priorität und sollte
|
||
Vorrang haben vor neuen Sonderprogrammen. Dabei sollen die Kosten für die im Zuge
|
||
von Digitalisierung, demografischer Entwicklung und Klimakrise erforderlichen
|
||
Umstellungsprozesse, der Abbau des Investitionsstaus und der Verbleib einer
|
||
verfassungskonformen
|
||
freien
|
||
Spitze
|
||
berücksichtigt
|
||
werden.
|
||
Der
|
||
schwierigen
|
||
Bewirtschaftung der kommunalen Haushalte soll mit einer Globalen Minderausgabe mehr
|
||
Flexibilität gegeben werden.
|
||
Kommunen, die dauerhaft unverschuldet strukturell unterfinanziert sind, soll im FAG eine
|
||
auskömmliche Untergrenze der kommunalen Finanzausstattung in Form einer
|
||
kommunalen Grundsicherung gewährt werden. Für die genauere Ausgestaltung der
|
||
Grundsicherung wollen wir, dass die Finanzstrukturkommission des Landes zusammen
|
||
mit den betroffenen Kommunen und dem Landtag als Haushaltsgesetzgeber Vorschläge
|
||
erarbeitet. Die Finanzstrukturkommission soll dafür transparenter und für weitere
|
||
Mitglieder insbesondere Landtagsabgeordnete geöffnet werden.
|
||
Mit einer klaren Definition eines transparenten Verfahrens zur Bestimmung der
|
||
Kreisumlage soll das Land zur Beendigung der Streite innerhalb der kommunalen Ebene
|
||
beitragen. Den Landkreisen soll bundesweit über einen erhöhten kommunalen Anteil an
|
||
der Umsatzsteuer eine eigene, von der Kreisumlage unabhängige, Einnahme gegeben
|
||
werden.
|
||
Wir fordern die Einrichtung eines Altschuldenfonds, über den, soweit möglich mit Hilfe
|
||
des Bundes, verschuldeten Kommunen, die strukturell nicht in der Lage sind, sich aus den
|
||
Altschulden zu befreien, eine neue Perspektive eröffnet wird.
|
||
Auf Bundes- und Landesebene muss das Konnexitätsprinzip befolgt werden. Gemeinden
|
||
zu stärken, heißt auch, die Gewerbesteuer im Sinne der Kommunen in den neuen
|
||
Bundesländern zu reformieren und wirtschaftskraftbezogen zu zerlegen. Bei
|
||
Gesetzgebungsprozessen muss das Land die Interessen der Kommunen auf Bundesebene
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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mit höchster Priorität vertreten, um weitere finanzielle Belastungen durch Bundesgesetze
|
||
zu verhindern.
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||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Kapitel 3: Wir stärken den sozialen Zusammenhalt
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||
I Öffentliche Sicherheit
|
||
Personaloffensive fortsetzen und Ausstattung der Polizei verbessern
|
||
Die Polizei kann ihrem anspruchsvollen Auftrag als Hüterin des sozialen Friedens für alle
|
||
Menschen in Sachsen-Anhalt nur gerecht werden, wenn sie über eine angemessene
|
||
Ausstattung und das notwendige vielfältig qualifizierte Personal verfügt.
|
||
Wir setzen uns weiter für eine spürbare Erhöhung des Personals auf der Straße und in der
|
||
Kriminalpolizei ein. Erstmals seit 2011 ist unter grüner Regierungsbeteiligung die Anzahl
|
||
aktiver Polizeivollzugsbeamt*innen wieder gestiegen. Hier arbeiten wir weiter. Wir
|
||
streben eine Zahl von 7.000 Polizeivollzugsbeamt*innen bis 2026 an
|
||
Polizist*innen wollen wir von administrativen Aufgaben entlasten und ihnen damit auch
|
||
mehr Zeit für direkten Kontakt mit den Bürger*innen geben. Dafür stärken wir die
|
||
Polizeiverwaltung personell.
|
||
In der Landeshauptstadt Magdeburg und in Halle (Saale) wollen wir die polizeilichen
|
||
Strukturen vor Ort um eine Fahrradstaffel ergänzen, die nah an den Bürger*innen für
|
||
polizeiliche Präsenz sorgt.
|
||
Den Beförderungsstau bei der Landespolizei wollen wir auflösen und ausreichend
|
||
Beförderungsmittel im Haushalt bereitstellen, um anstehende Beförderungen auch
|
||
tatsächlich durchführen zu können. Wer höherwertige Dienstposten ausfüllt, muss
|
||
entsprechend bezahlt werden.
|
||
Im Wettbewerb um die besten Köpfe muss das Land alle Möglichkeiten ausschöpfen.
|
||
qualifiziertes Personal für die Landespolizei zu gewinnen. Dazu gehört, die Polizei noch
|
||
stärker für vielfältige Herkünfte und Lebensentwürfe zu öffnen und als Arbeitgeber
|
||
attraktiv zu machen. Wir wollen mehr Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte und
|
||
Quereinsteiger*innen für den Polizeidienst gewinnen. Dafür sind auch die bestehenden
|
||
Arbeitszeitmodelle zu modernisieren. Für dringend benötigte Spezialist*innen, etwa im
|
||
IT-Bereich, muss es auch finanziellen Spielraum oberhalb des Tarifvertrags der Länder
|
||
geben.
|
||
Die Aus- und Weiterbildung an der FH Polizei in Aschersleben wollen wir mit
|
||
interdisziplinären Ansätzen, Möglichkeiten für Praktika und Hospitationen außerhalb der
|
||
Polizei und mehr Kooperationen in der regionalen Hochschullandschaft ebenso stärken
|
||
wie
|
||
die
|
||
Autonomie
|
||
der
|
||
Hochschule,
|
||
um
|
||
Forschung
|
||
auch
|
||
jenseits
|
||
des
|
||
Verantwortungsbereiches des Ministeriums für Inneres und Sport zu ermöglichen.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Strafverfolgungsbehörden und Polizei für das digitale Zeitalter rüsten
|
||
Anlasslose Massenüberwachung erhöht die Sicherheit nicht, denn sie bindet dringend
|
||
notwendige Kapazitäten bei Polizei und Justiz und stellt eine zusätzliche Gefahr für die
|
||
informationelle Selbstbestimmung der Bürger*innen dar. Wir wollen stattdessen
|
||
Strafverfolgungsbehörden und Polizei personell und organisatorisch für das digitale
|
||
Zeitalter rüsten. Strafverfolger*innen müssen personell und technisch so ausgestattet und
|
||
ausgebildet sein, dass sie geltendes Recht überall und zielgerichtet durchsetzen können,
|
||
egal ob online oder offline.
|
||
Wir setzen uns dafür ein, dass Polizist*innen direkt vom Einsatzort alle notwendigen
|
||
Dokumentationsarbeiten erledigen können. Dafür muss die polizeiliche IT-Infrastruktur
|
||
umfassend ertüchtigt werden. Einsatz- und Führungsmittel wollen wir weiter
|
||
modernisieren.
|
||
Polizeiliche Datenbanken müssen regelmäßig auf ihre Notwendigkeit überprüft und
|
||
Löschfristen eingehalten werden. Eine Ausweitung der sogenannten Quellen-
|
||
Telekommunikationsüberwachung
|
||
(Quellen-TKÜ)
|
||
lehnen
|
||
wir
|
||
ab.
|
||
Die
|
||
Vorratsdatenspeicherung,
|
||
Online-Durchsuchungen
|
||
und
|
||
Einsatz
|
||
von
|
||
Gesichtserkennungssoftware im öffentlichen Raum sind unverhältnismäßige Eingriffe in
|
||
die informationelle Selbstbestimmung.
|
||
Massenüberwachung im öffentlichen Raum lehnen wir ab. Verhindern lassen sich
|
||
(terroristische) Straftaten mit Videoüberwachung nicht. Eine Totalüberwachung des
|
||
öffentlichen Raums vom Marktplatz bis zum Bierzelt bleibt für uns mit den Freiheits- und
|
||
Selbstbestimmungsgrundsätzen des Grundgesetzes unvereinbar. Wo Videoüberwachung
|
||
stattfindet, setzen wir darauf, dass diese direkt durch die Polizei eingesehen wird, um
|
||
Straftaten nicht nur dokumentieren zu können, sondern unmittelbare Hilfeleistung,
|
||
Fahndung und Aufklärung zu ermöglichen.
|
||
Eine erfolgreiche Sicherheitspolitik stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnis. Wir
|
||
lehnen es ab, nach Gewalttaten die Sicherheitsgesetze reflexhaft zu verschärfen. Unser
|
||
Ziel ist, Straftaten mit Prävention zu verhindern. Daran wollen wir unsere
|
||
Sicherheitsarchitektur ausrichten. Neue Befugnisse für Sicherheitsbehörden erhalten
|
||
auch deshalb mit uns ein Verfallsdatum, bevor über ihre dauerhafte Einführung
|
||
beschlossen wird.
|
||
Demokratische Kultur bei der Polizei stärken
|
||
In den Polizeien in ganz Deutschland sind in den vergangenen Jahren besorgniserregende
|
||
Vorkommnisse
|
||
mit
|
||
rechtsradikalen,
|
||
rassistischen,
|
||
antisemitischen,
|
||
allgemein
|
||
menschenfeindlichen oder antidemokratischen Hintergründen bekannt geworden. Dies
|
||
wiegt schwer, denn die Polizei hat eine besondere Stellung im demokratischen
|
||
Rechtsstaat.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Wir gehen fest davon aus, dass die überragende Mehrheit der Polizist*innen in
|
||
Deutschland und Sachsen-Anhalt die Werte des Grundgesetzes verinnerlicht und ihren
|
||
Eid aus Überzeugung geleistet hat. Die bekannt gewordenen Vorfälle sind ein Warnsignal,
|
||
das ernst genommen werden muss. Es ist notwendig zu wissen, wie weit menschen- und
|
||
demokratiefeindliche Einstellungsmuster innerhalb der Polizei verbreitet sind. Wir
|
||
wollen, dass das Land Sachsen-Anhalt sich an einer unabhängigen wissenschaftlichen
|
||
Studie beteiligt, die fortlaufende Erkenntnisse zu Einstellungsmustern der sachsen-
|
||
anhaltischen Beamt*innen liefert, um antidemokratischen Tendenzen wirksam
|
||
entgegensteuern zu können. Demokratie- und menschenfeindliche Vorkommnisse in den
|
||
Sicherheitsbehörden erfassen wir in einer fortlaufenden Statistik.
|
||
In der Polizeiausbildung wollen wir die demokratische politische Bildung weiter stärken.
|
||
An die Stelle einer hermetisch abgeschlossenen Cop-Culture muss eine Kultur der inneren
|
||
Führung treten, in der es selbstverständlich ist, Fehler offen zu analysieren Missständen
|
||
in den eigenen Reihen entgegenzuwirken.
|
||
Polizeibeauftragte*r und Whistleblower*innen-Regelung
|
||
Zu einem souveränen Staat gehört eine funktionierende Fehlerkultur: Die staatlichen
|
||
Vertreter*innen sind ansprechbar, reflektieren und handeln mit offenem Visier. Sie
|
||
begründen ihr Handeln nachvollziehbar und setzen sich transparent mit den Argumenten
|
||
anderer auseinander.
|
||
Eine gute Polizei braucht unabhängige und demokratische Kontrolle. Dass Missstände
|
||
innerhalb der Sicherheitsbehörden vor allem durch anonyme Hinweise ans Tageslicht
|
||
kommen, zeigt, dass die bestehenden Mechanismen interner Kontrolle noch
|
||
unzureichend sind. Hier wollen wir eine neue Kultur der Transparenz etablieren. Wir
|
||
wollen gesetzlich sicherstellen, dass Hinweisgeber*innen (Whistleblower*innen) vor
|
||
Repressionen geschützt werden, wenn sie Missstände gegenüber den Kontrollinstanzen
|
||
ans Tageslicht bringen.
|
||
Zur Stärkung von Rechtsstaat und Polizei wollen wir die bisher beim Ministerium für
|
||
Inneres und Sport angesiedelte Beschwerdestelle zu eine*m unabhängige*n
|
||
Polizeibeauftragte*n weiterentwickeln, an den*die sich Polizist*innen vertraulich und
|
||
ohne Beachtung des Dienstwegs wenden können. Der oder die Polizeibeauftragte ist
|
||
zudem Ansprechperson für alle Bürger*innen.
|
||
Perspektive von Betroffenen stärken
|
||
Die Polizei arbeitet im Regelfall täterzentriert. Wir wollen die Perspektive der Opfer und
|
||
Betroffenen von Straftaten im polizeilichen Alltag stärken und ihre Bedürfnisse in den
|
||
Fokus rücken. Wir setzen zudem auf einen beständigen Dialog zwischen Polizei und
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Zivilgesellschaft und eine interkulturelle Öffnung der Polizei. Wir etablieren Formate, in
|
||
denen diese Dialoge stattfinden können.
|
||
Racial Profiling verbieten
|
||
Die Bundesrepublik ist von internationalen Organisationen immer wieder für einen
|
||
Mangel in der Bekämpfung rassistischer Diskriminierung und für Racial Profiling bei
|
||
polizeilichen Kontrollen kritisiert worden. Wir wollen Racial Profiling gesetzlich
|
||
verbieten. Zudem schaffen wir eine Möglichkeit für alle Personen, die von der Polizei
|
||
kontrolliert werden, eine Quittung über die Kontrolle zu erhalten.
|
||
Feuerwehr, Rettungsdienste und Hilfsorganisationen stark machen
|
||
Ein sicheres Sachsen-Anhalt wird auch durch die vielen Haupt- und Ehrenamtlichen in
|
||
den Feuerwehren, Rettungsdiensten und Hilfsorganisationen getragen. Wir unterstützen
|
||
die Kommunen bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben im Brandschutz, bei der
|
||
Modernisierung und Beschaffung ihrer Ausstattung sowie durch gute Aus- und
|
||
Fortbildungsmöglichkeiten. Wir wollen mehr Menschen für ehrenamtliches Engagement
|
||
in den Feuerwehren und Hilfsorganisationen begeistern.
|
||
Neugründung des Verfassungsschutzes
|
||
Die überkommenen Strukturen des Verfassungsschutzes sind reformbedürftig. Unter
|
||
bündnisgrüner
|
||
Beteiligung
|
||
sind
|
||
wichtige
|
||
Schritte
|
||
bei
|
||
der
|
||
Reform
|
||
der
|
||
Verfassungsschutzbehörde in Sachsen-Anhalt auf den Weg gebracht worden. Transparenz
|
||
und parlamentarische Kontrolle wurden gestärkt, gesetzliche Regeln für den Einsatz
|
||
nachrichtendienstlicher Mittel wie V-Leute geschaffen. Eine Erweiterung der Befugnisse
|
||
der Behörde lehnen wir ab. Unser Ziel bleibt die Neugründung des Verfassungsschutzes
|
||
in Form einer verkleinerten Behörde, die nachrichtendienstliche Mittel anwendet. Ihr zur
|
||
Seite stehen soll zukünftig eine unabhängige Stelle zur wissenschaftlichen Analyse von
|
||
Gefahren für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
|
||
Konsequenter Kampf gegen islamistische Gefährder*innen
|
||
Wir Grüne lehnen jegliche islamistische Bestrebung konsequent ab. Islamist*innen
|
||
bekämpfen unsere liberale Gesellschaft und unsere freiheitlich-demokratische
|
||
Grundordnung. Die islamistischen Attentate in Deutschland und Europa haben gezeigt,
|
||
dass vom gewaltbereiten Islamismus weiterhin eine große Gefahr ausgeht. Die
|
||
Sicherheitsbehörden wollen wir daher in die Lage versetzen, konsequent gegen
|
||
islamistische Gefährder*innen vorgehen zu können. Im Fall eines besonders hohen
|
||
Gefährdungspotentials muss eine engmaschige Überwachung sichergestellt werden. Als
|
||
|
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
ultima ratio sollen bei Vorliegen der rechtsstaatlich gebotenen Voraussetzungen auch
|
||
Abschiebungen nicht ausgeschlossen werden.
|
||
|
||
II Justiz stärken
|
||
Die Justiz stellt eine zentrale Säule des Rechtsstaates dar. Wir wollen den
|
||
Herausforderungen begegnen, vor denen die Justiz in Sachsen-Anhalt mit hoher
|
||
Arbeitsbelastung und zahlreichen Altersabgängen in den kommenden Jahren steht. Wir
|
||
wollen den Justizbetrieb insbesondere auch an den kleineren Gerichtsstandorten in den
|
||
ländlichen Räumen Sachsen-Anhalts in guter Qualität aufrechterhalten. Dafür braucht es
|
||
eine auskömmliche Personalausstattung und bessere Technik.
|
||
Beim Werben um qualifizierte Jurist*innen steht das Land im Wettbewerb mit den anderen
|
||
Bundesländern und der freien Wirtschaft in Konkurrenz Sachsen-Anhalt muss daher alle
|
||
seine Möglichkeiten ausschöpfen, um als attraktiver Arbeitgeber wettbewerbsfähig zu
|
||
sein. Wir setzen auch in der Justiz auf eine Vielfalt von Karrierewegen und Herkünften
|
||
und wollen die Justiz interkulturell öffnen. Jurist*innen im Landesdienst wollen wir
|
||
verlässliche Karrierewege zur Verplanung anbieten sowie individuelle Wünsche und
|
||
Stärken berücksichtigen. Studienerleichterungen und Stipendien sollen langfristig
|
||
ermöglicht werden, um Jurist*innen an unser Land zu binden. Das Feinkonzept zur
|
||
Personalgewinnung wollen wir in diesem Sinne weiterentwickeln.
|
||
Auch die Aus- und Fortbildung in allen Bereichen der Justiz muss die Bedarfe einer immer
|
||
vielfältiger werdenden Gesellschaft abbilden. Wir wollen die interkulturelle Kompetenz
|
||
der Justiz stärken und Themen wie Diskriminierung zu festen Bestandteilen machen.
|
||
Digitalisierung der Justiz voranbringen
|
||
In Zeiten der Pandemie ist deutlich geworden, dass Sachsen-Anhalt bei der
|
||
Digitalisierung der Justiz weit hinter dem nötigen Standard liegt. So ist Richter*innen und
|
||
Staatsanwält*innen mobiles Arbeiten nicht möglich, digitale Diktiertechnik ist zu wenig
|
||
vorhanden. Bis zum 1. Januar 2026 ist der elektronische Rechtsverkehr und die
|
||
elektronische Akte umzusetzen. Die Infrastruktur für die notwendige Digitalisierung der
|
||
Justizarbeit wollen wir deshalb vordringlich aufbauen.
|
||
Die Möglichkeiten der Videovernehmung wollen wir flächendeckend an allen
|
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Gerichtsstandorten schaffen. Nach der erfolgreichen Einführung des E-Examens im
|
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Assessorexamen wollen wir die Einführung auch in der ersten juristischen Prüfung
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ermöglichen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Die Digitalisierung der Justiz beginnt aber nicht erst im Gericht und bei den
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Staatsanwaltschaften. Auch die Ausbildung von Jurist*innen muss vollständig digitalisiert
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werden. Hierzu wollen wir das E-Examen auf alle juristischen Staatsprüfungen ausweiten.
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||
Hasskriminalität engagiert bekämpfen
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Wir wollen die Beamt*innen in Sicherheitsbehörden und Justiz besser darin ausbilden,
|
||
Hasskriminalität zu bekämpfen und mit den Betroffenen sensibel umzugehen. Wir
|
||
verstärken deshalb die Pflichtfortbildungen in diesem Bereich und wollen an jeder
|
||
Polizeiinspektion im polizeilichen Staatsschutz eine Kontaktperson benennen, die für die
|
||
Bekämpfung von Hasskriminalität zuständig ist. Eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft
|
||
soll diese Fälle dann mit Konsequenz und Expertise verfolgen. An diese soll die
|
||
Empfehlung ergehen: Wenn ein Fall von Hasskriminalität vorliegt, ist regelmäßig das
|
||
besondere öffentliche Interesse an der Strafverfolgung zu bejahen.
|
||
Resozialisierung im Strafvollzug stärken
|
||
Ziel des Strafvollzuges in Deutschland ist nicht primär die Strafe, sondern die
|
||
Resozialisierung der Täter*innen. An diesem Anspruch scheitert der Strafvollzug in
|
||
Deutschland und Sachsen-Anhalt jedoch viel zu oft. Viele kriminelle Karrieren werden im
|
||
Gefängnis eher verfestigt als beendet. Wir setzen uns daher für eine Stärkung der
|
||
pädagogischen und psycho-sozialen Arbeit mit den Gefangenen ein, um die Ursachen der
|
||
Delinquenz wirksam zu bekämpfen.
|
||
In Sachsen-Anhalt gibt es in den Justizvollzugsanstalten ein breites Angebot an
|
||
Maßnahmen der Resozialisierung beziehungsweise Wiedereingliederungen. Über die
|
||
Wirksamkeit dieser Maßnahmen und die Rückfallquoten entlassener Strafgefangener
|
||
liegen jedoch zu wenige Erkenntnisse vor. Wir wollen daher alle Maßnahmen der
|
||
Resozialisierung und Wiedereingliederung evaluieren. Aufbauend auf den Ergebnissen
|
||
wollen wir Reformvorschläge erarbeiten, um so die Resozialisierungsarbeit in den
|
||
Gefängnissen unseres Landes modern und erfolgreich zu gestalten. Schwerpunkte bilden
|
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dabei
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der
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Vorrang
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ambulanter
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Resozialisierung,
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der
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Opferschutz
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und
|
||
die
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||
Deradikalisierungsarbeit. Im Anschluss an die Strafhaft braucht es eine Führungsaufsicht
|
||
und langfristige Unterstützung, die zügig und angemessen reagieren kann.
|
||
Haft macht keine besseren Menschen. Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass
|
||
Ersatzfreiheitsstrafen durch besser geeignete Instrumente wie gemeinnützige Arbeit
|
||
vermieden werden und wollen in Modellprojekten Alternativen zum geschlossenen
|
||
Strafvollzug prüfen. Wir stärken die Möglichkeit zum freiwilligen Täter-Opfer-Ausgleich.
|
||
Bei Bagatelldelikten setzen wir uns für eine Abkehr von der Strafbarkeit und
|
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Herabstufung zur Ordnungswidrigkeit ein.
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Jugendstrafrecht zielgenau ausrichten
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Wir sind entschieden gegen eine Verschärfung des Jugendstrafrechts. Im Umgang mit
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||
jugendlichen Straftäter*innen muss grundsätzlich Hilfe und Unterstützung Vorrang vor
|
||
Bestrafung haben. Die Zusammenarbeit zwischen Familie, Einrichtungen der Jugendhilfe,
|
||
den
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Schulen,
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Ausbildungsstätten,
|
||
Vereinen,
|
||
Verbänden
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sowie
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Polizei
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und
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Staatsanwaltschaften wollen wir erweitern und fördern. In Jugendstrafverfahren wollen
|
||
wir darauf drängen, dass die Gerichte und Behörden bei aller Sorgfalt die Dauer von
|
||
Prozessen minimieren. Tat und gegebenenfalls zu erteilende Sanktion müssen in engem
|
||
zeitlichen Zusammenhang stehen. Wir wollen, dass alle Akteur*innen schon vor einem
|
||
Gerichtsprozess strukturiert zusammenarbeiten, um zeitnah mit den Jugendlichen
|
||
Lösungsansätze zu entwickeln.
|
||
Schulschwänzen sollte keine mit einem Aufenthalt in einer Jugendstrafanstalt bestrafbare
|
||
Tat sein. Stattdessen wollen wir Jugend- und Schulsozialarbeit stärken und
|
||
Schulverweiger*innen konkret helfen und sie beraten.
|
||
Haftbedingungen von Frauen verbessern
|
||
In der JVA „Roter Ochse“ in Halle (Saale) werden Frauen in Untersuchungshaft und mit
|
||
kurzzeitigen Strafen untergebracht. Die meisten straffälligen Frauen werden nach
|
||
Brandenburg in die JVA Luckau-Duben verlegt. Das bedeutet eine große Entfernung von
|
||
der Familie und auch von möglichen eigenen Kindern. Es gibt für Frauen aus Sachsen-
|
||
Anhalt keine Mutter-Kind-Abteilungen.
|
||
Wir wollen zeitnah ermöglichen, dass Abteilungen für weibliche Strafgefangene den
|
||
Bedürfnissen von Frauen und Müttern gerechter werden und sie nicht mehr – wie im
|
||
„Roten Ochsen“ während einer durchaus längeren Untersuchungshaft – nur Gäste in einer
|
||
vorwiegend für Männer konzipierten Haftanstalt sind. Das betrifft insbesondere Kontakt
|
||
zu eigenen Kindern, Freizeitangebote, Arbeitsmöglichkeiten, gesundheitliche und
|
||
hygienische Versorgung.
|
||
|
||
III
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Menschen-
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||
und
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Demokratiefeindlichkeit
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||
bekämpfen - Demokratie stärken
|
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Wir
|
||
sind
|
||
eine
|
||
antifaschistische
|
||
Partei. Der
|
||
antisemitische, rassistische und
|
||
frauenfeindliche Anschlag von Halle am 9. Oktober 2019 hat noch einmal klargemacht,
|
||
dass die extreme Rechte in all ihren Formen innerhalb und außerhalb der Parlamente
|
||
aktuell die größte Bedrohung für die offene demokratische Gesellschaft darstellt. Diese
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Bedrohung werden wir weiter engagiert bekämpfen. Dafür wollen wir die vielfältige
|
||
demokratische Zivilgesellschaft und die Sicherheitsbehörden stärken.
|
||
Wir setzen uns dafür ein, dass die Sicherheitsbehörden einen klaren Fokus auf den Kampf
|
||
gegen Rechtsextremismus legen. Jede*r muss spüren, dass der Rechtsstaat rassistischen,
|
||
antisemitischen, sowie menschen- und demokratiefeindlichen Straftaten keinen Raum
|
||
lässt. Wir setzen auf konsequente Strafverfolgung und wollen die Perspektive der
|
||
Betroffenen rechter Gewalt und Hetze stärken. Aktivitäten wie die Internetstreife gegen
|
||
Hasskriminalität im Netz wollen wir ausweiten. Zur Bekämpfung von Hasskriminalität
|
||
braucht es im Regelfall keine neuen staatlichen Befugnisse, sondern eine konsequente
|
||
Anwendung bestehender Rechtsnormen, sowie bessere Informationsgewinnung und
|
||
Analyse bei den Sicherheitsbehörden. Wir wollen auch deshalb dafür sorgen, dass
|
||
staatliche Behörden und zivilgesellschaftliche Expertise stärker miteinander vernetzt
|
||
werden.
|
||
Antisemitismus, Rassismus antimuslimische Ressentiments, Antiziganismus und andere
|
||
Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind keine Phänomene an den
|
||
Rändern unserer Gesellschaft. Sie sind in der sachsen-anhaltischen Bevölkerung
|
||
verbreitet.
|
||
Der Kampf gegen die extreme Rechte kann auch deshalb nicht durch Sicherheitsbehörden
|
||
gewonnen werden. Entscheidend sind der entschlossene zivilgesellschaftliche
|
||
Widerspruch und das Engagement der Bürger*innen. Wir stehen an der Seite der
|
||
demokratischen Zivilgesellschaft und arbeiten aktiv in Vereinen, Verbänden und
|
||
Initiativen mit.
|
||
Eine lebendige Zivilgesellschaft ist elementar für die politische Auseinandersetzung in
|
||
unserer Demokratie. Engagierte Menschen in Initiativen, Bündnissen, Verbänden, oder
|
||
Vereinen stärken den Zusammenhalt, tragen dazu bei, wichtige Anliegen auf die
|
||
öffentliche Tagesordnung zu heben und leisten ihren Beitrag zur öffentlichen
|
||
Willensbildung. Mit Demokratiefördergesetzen auf Bundes- und Landesebene werden wir
|
||
ihr Engagement nachhaltig, unbürokratisch und finanziell absichern.
|
||
Der Kampf gegen alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Rassismus,
|
||
Homo-, Trans*- und Frauenfeindlichkeit ist weiterhin ein Schwerpunkt unserer Arbeit.
|
||
Besondere Bedeutung kommt dabei dem Kampf gegen den erstarkenden Antisemitismus
|
||
in all seinen Varianten zu. Dafür stärken wir die Ansprechperson für jüdisches Leben und
|
||
gegen
|
||
Antisemitismus
|
||
auf
|
||
Landesebene.
|
||
Zudem
|
||
werden
|
||
wir
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||
in
|
||
allen
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||
Bildungseinrichtungen die Aufklärung über Antisemitismus und andere Formen
|
||
gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ausbauen. Den Schutz jüdischer Einrichtungen
|
||
und anderer bedrohter Objekte wollen wir dauerhaft sicherstellen. Das Landesprogramm
|
||
für
|
||
ein
|
||
weltoffenes
|
||
Sachsen-Anhalt
|
||
wollen
|
||
wir
|
||
verstetigen
|
||
und
|
||
ausbauen.
|
||
Zivilgesellschaftliches Engagement in der Demokratieförderung braucht Fachträger mit
|
||
dauerhaften Beratungs- und Unterstützungsstrukturen ebenso wie Modellprojekte, in
|
||
denen Neues entwickelt werden kann und breit getragene, ehrenamtliche Bündnisse und
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Initiativen. Wir entwickeln Fördermodelle, die diese Vielfalt der Zivilgesellschaft spiegeln
|
||
und unterstützen.
|
||
Wir stärken zivile Konfliktbearbeitung insbesondere in den Kommunen, wo durch
|
||
Beteiligungsformate
|
||
wie
|
||
Konfliktberatung,
|
||
konfliktsensible
|
||
Gemeinwesenarbeit,
|
||
Stadtteildialoge oder Gemeinwesenmediation lokale Konflikte konstruktiv bearbeitet
|
||
werden können.
|
||
Wir schaffen ein Landesantidiskriminierungsgesetz
|
||
Deutschland ist ein Einwanderungsland und auch die Gesellschaft Sachsen-Anhalts hat
|
||
sich verändert. Sie ist vielfältiger geworden. Staatliche Behörden müssen diese Diversität
|
||
anerkennen und bejahen. Wir wollen als Land klarstellen, dass Diskriminierungen aus
|
||
Gründen des Geschlechts, der ethnischen Herkunft, einer rassistischen Zuschreibung,
|
||
einer antisemitischen Zuschreibung, der Sprache, der Religion, der Weltanschauung, einer
|
||
Behinderung, einer chronischen Erkrankung, des Lebensalters, der sexuellen Identität, der
|
||
geschlechtlichen und Gender-Identität sowie des sozialen Status durch öffentliche
|
||
Stellen nicht toleriert werden. Wir erachten das Landesantidiskriminierungsgesetz Berlin
|
||
als vorbildliche Regelung und streben eine solche Regelung auch für Sachsen-Anhalt an.
|
||
Damit schließen wir Lücken des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes in
|
||
Lebensbereichen, die in Gesetzgebungskompetenz des Landes fallen, zum Beispiel in den
|
||
Bereichen Bildung und Polizeivollzug.
|
||
Ein Gesetz für die Versammlungsfreiheit
|
||
Die Versammlungsfreiheit ist für eine funktionierende Demokratie und eine vielfältige
|
||
Zivilgesellschaft unentbehrlich. Wir wollen dieses wichtige Grundrecht stärken und
|
||
deshalb das Landesversammlungsgesetz weiterentwickeln. Mit einem Gesetz für die
|
||
Versammlungsfreiheit
|
||
schaffen
|
||
wir
|
||
eindeutige
|
||
Zuständigkeiten,
|
||
verringern
|
||
Rechtsunsicherheiten und erleichtern Bürger*innen die Anmeldung und Durchführung
|
||
von Versammlungen. Wir wollen, dass alle Bürger*innen sich ohne Furcht vor staatlicher
|
||
Überwachung oder strafrechtlicher Verfolgung an friedlichen Versammlungen beteiligen
|
||
können. Den zuständigen Behörden geben wir mit einem Gesetz den Auftrag zur
|
||
Deeskalation und Kooperation auf den Weg.
|
||
Das Parlament weiter stärken
|
||
Wir stehen für eine produktive Streitkultur in einem lebendigen und transparent
|
||
arbeitenden Parlament, denn demokratischer Streit um die beste Lösung macht Lust auf
|
||
Demokratie und Mitmachen. Die Öffnung der Ausschüsse für die Öffentlichkeit war ein
|
||
wichtiger grüner Erfolg, auf dem wir weitere Schritte zu umfassender Transparenz der
|
||
Parlamentsarbeit aufbauen wollen. Eine weitere Verkleinerung des Landtags unter die
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Regelgröße von 83 Abgeordneten lehnen wir ab. Wir setzen uns für ein gesetzliches
|
||
Verbot des Einsatzes von Mitarbeiter*innen der Abgeordneten für Parteiarbeit und
|
||
Wahlkämpfe ein.
|
||
Wir wollen ein gesetzlich festgelegtes Verfahren, wie das Parlament in Fällen von
|
||
Katastrophen, Notständen, Pandemien oder Ähnlichem in Entscheidungen einbezogen
|
||
wird.
|
||
Wir setzen uns auf Bundesebene dafür ein, dass alle Menschen in die gesetzliche
|
||
Rentenversicherung einzahlen, auch Abgeordnete. Nebeneinkünfte von Abgeordneten
|
||
sollen gesetzlich und eurogenau offengelegt werden. Das Lobbyregister des Landtags
|
||
wollen wir so weiterentwickeln, dass für Bürger*innen nachvollziehbar wird, wer auf den
|
||
Gesetzgebungsprozess im Einzelnen Einfluss genommen hat.
|
||
Gewaltenteilung ernst nehmen
|
||
Gewaltenteilung ist ein Grundwert unserer Demokratie. Indem Minister*innen gleichzeitig
|
||
Abgeordnete sind, wird die Kontrolle der Regierung durch das Parlament erschwert. Wir
|
||
wollen deshalb eine strikte Trennung von Regierungsarbeit und Parlament.
|
||
Für Minister*innen und Staatsekretär*innen wollen wir eine Karenzregelung schaffen, die
|
||
eine Abklingzeit regelt, bevor diese in ihrem ehemaligen Verantwortungsbereich in die
|
||
freie Wirtschaft wechseln können.
|
||
Bürger*innenbeteiligung ausbauen
|
||
Demokratie bedeutet, unterschiedliche, sich widersprechende Sichtweisen und Interessen
|
||
wahrzunehmen, Konflikte anzuerkennen und Zusammenleben durch Aushandlung
|
||
gemeinsam zu gestalten. Demokratie braucht konstruktiven Streit und gemeinsame
|
||
Suche nach Lösungen, gerade in Zeiten umfassenden und schnellen Wandels.
|
||
Wir begreifen die Zivilgesellschaft mit ihrem reichen Spektrum an Initiativen, Vereinen
|
||
und Verbänden als Motor einer lebendigen Demokratie. Daher wollen wir ihre Bedeutung
|
||
stärken, indem sie verbindlicher eingebunden wird. Wo Bürger*inneninitiativen in
|
||
Kommunen eigene Ideen und Vorschläge entwickeln, muss es das Recht geben, diese den
|
||
kommunalen Räten als Vorlage zu unterbreiten. Wir setzen uns dafür ein, dass unnötige
|
||
Hürden hierfür weiter abgebaut werden. Dazu gehört für uns auch ein ausreichendes
|
||
Angebot an Materialien, Anträgen und Formaten in einfacher und verständlicher Sprache.
|
||
Um mehr Beteiligung zwischen den Wahlen zu ermöglichen, schlagen wir die Einführung
|
||
von Bürger*innenräten auf kommunaler und auf Landesebene vor. Per Los sollen
|
||
Menschen in einem strukturierten Prozess in repräsentativen Gruppen zusammengeführt
|
||
werden, um konkrete Fragestellungen gemeinsam zu bearbeiten. Am Ende sollen
|
||
Empfehlungen für die gewählten Politiker*innen abgegeben werden, die diese zwingend
|
||
beraten müssen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Wir
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wollen
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alle
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Einwohner*innen
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||
Sachsen-Anhalts
|
||
an
|
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gesellschaftlichen
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||
Entscheidungsprozessen teilhaben lassen. Wir setzen darauf, dass sich Jugendliche,
|
||
Geflüchtete, EU-Bürger*innen und Migrant*innen aktiv einbringen wollen. Darum wollen
|
||
wir das Wahlalter bei Kommunal- und Landtagswahlen auf 14 Jahre senken und das
|
||
Wahlrecht für die genannten Gruppen öffnen.
|
||
Demokratie vor Ort stärken
|
||
Uns kommt es darauf an, Ideen und Ansätze vor Ort zu entwickeln und zu gestalten. Wir
|
||
machen uns dafür stark, dass die Menschen wieder mehr über ihre Belange
|
||
mitentscheiden können. Das stärkt den Gemeinsinn in der Kommune und den
|
||
Zusammenhalt einer Region und begünstigt die Akzeptanz eines demokratisch
|
||
organisierten Gemeinwesens.
|
||
Vier Fünftel der Menschen in Sachsen-Anhalt leben in ländlichen Regionen. Wir wollen,
|
||
dass ihre Lebenswirklichkeit sichtbar wird und sie in ihrer Selbstwirksamkeit stärken. Ein
|
||
„Parlament der Dörfer“ kann gemeinsames Sprachrohr, Vernetzungsort und politische
|
||
Vertretung der Dörfer und Gemeinden sein und den Städte- und Gemeindebund sowie
|
||
den Landkreistag sinnvoll ergänzen.
|
||
Wir wollen die Menschen vor Ort dabei unterstützen, die Gestaltung ihres
|
||
Lebensumfeldes in die eigenen Hände zu nehmen. Dafür sind die Befugnisse und
|
||
Kompetenzen kommunaler Politik auszubauen. Das gilt insbesondere für die Ebene der
|
||
Ortschaften. Auch auf dieser unteren Ebene der Politik, die unmittelbar an die Lebenswelt
|
||
der Bürger*innen anschließt, wollen wir Formen der direkten Demokratie entwickeln.
|
||
Dafür sollen Einwohner*innenanträge, Bürger*innenbegehren und -entscheide auch dort
|
||
möglich werden. Außerdem sollte verbindlich geregelt werden, dass Ortschaftsräte
|
||
eigene Budgets bekommen und wieder über mehr Entscheidungskompetenzen verfügen.
|
||
Auch sollen Bürger*innenbegehren künftig in weiteren Bereichen, beispielsweise in
|
||
Bauangelegenheiten, möglich sein. Bei Bürgermeister*innenwahlen soll es dort, wo nur
|
||
ein*e Kandidat*in antritt, künftig eine echte Wahl mit Ja- und Nein-Stimmen und
|
||
festgelegten Quoren geben.
|
||
Außerdem wollen wir vor Ort mehr Transparenz wagen. Künftig sollen zusätzlich zu den
|
||
Ortsbürgermeister*innen auch die Mitglieder eines Ortschaftsrats Fragerecht in allen
|
||
Belangen der Kommune haben. Außerdem sollen die Mitglieder der Ortschaftsräte Akten
|
||
einsehen dürfen. Kommunen sollen das Recht bekommen, Ortschaften mit einem
|
||
angemessenen Investitionsbudget auszustatten.
|
||
Zur Vermeidung von Interessenkonflikten sollen hauptamtliche Bürgermeister*innen
|
||
nicht mehr Mitglieder in Kreistagen sein können. Wir setzen uns dafür ein, dass
|
||
Reisekosten von kommunalen Mandatsträger*innen künftig gleichberechtigt, also
|
||
unabhängig vom Verkehrsmittel, anerkannt werden. Dabei sollte der ÖPNV bevorzugt
|
||
genutzt werden.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Die
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Kontrolle
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kommunaler
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Zweckverbände
|
||
wollen
|
||
wir
|
||
verbessern.
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Die
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||
Verbandsversammlungen müssen die Zusammensetzung der Vertretungen der
|
||
Mitgliedsgemeinden abbilden. Für die Rückübertragung von Pfichtaufgaben an
|
||
Kommunen wollen wir gesetzliche Regeln einführen.
|
||
Bei den Gehältern von Sparkassenvorständen wollen wir Transparenz schaffen und diese
|
||
offenlegen.
|
||
Demokratiebildung fachübergreifend in den Schulen
|
||
Bis 2030 sollen Demokratiebildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie die
|
||
Friedens- und Demokratiepädagogik in Sachsen-Anhalt an allen Schulen als
|
||
fächerübergreifende Querschnittsaufgaben begriffen werden. Das heißt: Schüler*innen
|
||
sollen wissen und täglich erfahren, was es heißt, demokratisch zu handeln. Lehrkräfte
|
||
und Schulleitungen sollen fächerübergreifend an gesellschaftlichen Themen arbeiten
|
||
und die Schüler*innen demokratisch in die Unterrichtsgestaltung und Schulentwicklung
|
||
mit einbeziehen. Hier wollen wir außerschulische Akteur*innen stärker einbeziehen.
|
||
Schulangehörigen sollen selbst Demokratieerfahrungen machen können und Demokratie
|
||
leben. Die Lehrer*innenaus- und -fortbildung wollen wir dementsprechend anpassen. Wir
|
||
setzen uns außerdem für Projekte wie die demokratische Schule oder Schule ohne
|
||
Rassismus ein.
|
||
Religion und Weltanschauung: gemeinsam im Dialog
|
||
Die Werteordnung des Grundgesetzes bildet unser gemeinsames Fundament: Niemand
|
||
darf wegen seines Glaubens oder Nichtglaubens bevorzugt oder benachteiligt werden.
|
||
Wir treten für die religiöse und weltanschauliche Gleichberechtigung aller Menschen auf
|
||
der Grundlage unserer Verfassung ein. Wir sehen alle Religionen in unserem Land als
|
||
gleichberechtigt an und fördern den interreligiösen und kulturellen Austausch.
|
||
Als Grüne bekennen wir uns zum grundgesetzlichen Schutz des Sonntags. Er ist ein
|
||
zentrales Moment in der Zeitorganisation von Staat und Gesellschaft und verschafft allen
|
||
Menschen eine Zeit der Erholung, der Besinnung und der Begegnung. Wir stellen dennoch
|
||
fest, dass die weit überwiegende Mehrheit der Bürger*innen in Sachsen-Anhalt sich keiner
|
||
Kirche und Religionsgemeinschaft zugehörig fühlt. Wir wollen deshalb Tanz- und
|
||
Sportveranstaltungen auch an stillen Feiertagen ermöglichen.
|
||
Wir setzen uns auf Bundesebene für einen Rahmen zur Ablösung der Leistungen für
|
||
historisch überkommende Verluste der Kirchen ein und wollen damit einen alten
|
||
Verfassungsauftrag endlich erfüllen. In Sachsen-Anhalt wollen wir im Dialog mit den
|
||
Evangelischen Kirchen und der Katholischen Kirche zu einer Modernisierung der
|
||
Staatskirchenverträge kommen.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Wir stehen im beständigen Austausch mit den christlichen Kirchen, dem Landesverband
|
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jüdischer Gemeinden und den muslimischen Gemeinden im Land. Guter Dialog braucht
|
||
Partner*innen, deshalb freuen wir uns, wenn auf Ebene der muslimischen Gemeinden ein
|
||
Ansprechpartner auf Landesebene entsteht und unterstützen die Gemeinden hier.
|
||
Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus und auch Christenfeindlichkeit treten wir
|
||
engagiert entgegen.
|
||
Die Zahl der konfessionsfreien Menschen ist in Sachsen-Anhalt seit vielen Jahren hoch
|
||
und steigt weiter. Wir werden daher dafür sorgen, dass die Perspektive von
|
||
konfessionsfreien Menschen in gesellschaftlichen und ethischen Debatten mitgedacht
|
||
wird. Dazu wollen wir unter anderem die humanistischen Verbände besser in
|
||
Dialogprozesse einbinden.
|
||
Sachsen-Anhalt als europäische Region
|
||
Wir stehen für ein demokratisches, weltoffenes und soziales Europa mit starken,
|
||
zusammenwachsenden Regionen. Wir streiten für eine stärkere Gewichtung der
|
||
Europapolitik in Sachsen-Anhalt. Dazu gehört ein klares Bekenntnis zum europäischen
|
||
Einigungsprozess, auch in der Landesverfassung. Das europapolitische Leitbild der
|
||
Landesregierung wollen wir stärker als bisher über alle Ressorts ausgestalten.
|
||
Sachsen-Anhalt wird keine der großen Herausforderung des 21. Jahrhunderts allein lösen
|
||
können. Gute Zusammenarbeit zwischen den Staaten, Regionen und Kommunen der EU
|
||
ist deshalb unverzichtbar. Kommunen und Regionen müssen auf EU-Ebene ein gestärktes
|
||
Mitspracherecht erhalten und regelmäßig in europapolitische Prozesse einbezogen
|
||
werden. Dabei gilt das Subsidiaritätsprinzip. Wichtige Entscheidungen auf EU-Ebene
|
||
gehören zunehmend auch in den Landtag und in die kommunale Ebene und müssen daher
|
||
auch dort diskutiert werden. Der Ausschuss der Regionen muss verstärkt Dialoge mit dem
|
||
Europäischen Parlament, der Europäischen Kommission und dem Europäischen Rat
|
||
führen. Die Rechte des Ausschusses der Regionen wollen wir schrittweise hin zu einer
|
||
zweiten Kammer in einer föderalen europäischen Republik stärken.
|
||
Wir begrüßen es, wenn Mandatsträger*innen der Kommunal- und Landesebene den
|
||
europäischen Austausch suchen und damit Städte- und Regionalpartnerschaften mit
|
||
Leben füllen. Dieses Engagement wollen wir unterstützen, indem wir ihnen einen
|
||
Austausch im Rahmen des ERASMUS Staff Mobility ermöglichen. Diesen Austausch
|
||
wollen wir auch Mitarbeiter*innen in den Landes- und Kommunalverwaltungen anbieten.
|
||
Denn um in Zukunft als europäische Region auf Augenhöhe mitwirken zu können und
|
||
wahrgenommen zu werden, müssen die Diversität und Europakompetenz in den
|
||
Verwaltungen erhöht und die organisatorischen, finanziellen und personellen
|
||
Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Neben dem Austausch gehören dazu auch
|
||
Weiterbildungen und Sprachkurse. Zusätzlich dazu wollen wir die Arbeit der
|
||
Landesvertretung in Brüssel und der europapolitischen Informationseinrichtungen in
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Sachsen-Anhalt ausreichend absichern. Für Fragen um europäische Politik und Förderung
|
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wollen wir in allen Kreisstädten und kreisfreien Städten zentrale Anlaufstellen einrichten.
|
||
Wir wollen die Möglichkeit prüfen, analog zu Sachsen und Bayern neben der
|
||
Landesvertretung eine Kommunalvertretung in Brüssel einzurichten. Ein erster Schritt ist
|
||
die Einrichtung einer Informations- und Kontaktstelle für unsere Kommunen in der
|
||
Landesvertretung, um mehr Kommunikation zwischen den Kommunen und der EU zu
|
||
schaffen. Die EU Service Agentur, die bis Ende 2020 Kommunen in Belangen der
|
||
Europäischen Union beriet und bei der Antragstellung von Förderanträgen unterstützte,
|
||
wollen wir wieder aufbauen.
|
||
Denn Europa lebt von seinen Menschen und ihrem Dialog miteinander. Mit unseren
|
||
Partnerregionen Masowien und Centre-Val de Loire fühlen wir uns tief verbunden,
|
||
weshalb wir die Beziehungen mit ihnen intensivieren wollen. Zusätzlich wollen wir die
|
||
Möglichkeit prüfen, weitere Regionalpartnerschaften einzugehen. Bei Delegationsreisen
|
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der Landesregierung wollen wir stets das Ziel verfolgen, in den Austausch zu den Themen
|
||
Klimaschutz, Menschenrechte, politische Teilhabe, Frieden, soziale Gerechtigkeit und
|
||
ausgewogene globale Entwicklung zu treten. Stets wollen wir darauf verweisen, dass
|
||
Menschenrechte und Demokratie für uns nicht verhandelbar sind. Die Partnerschaften
|
||
und der wechselseitige Austausch mit anderen Regionen soll jedoch nicht nur seitens der
|
||
Landesregierung und -verwaltung stattfinden, sondern auch auf kommunaler Ebene
|
||
intensiviert werden. Städtepartnerschaften auf kommunaler Ebene wollen wir aktiv
|
||
unterstützen. Außerdem betrachten wir den zivilgesellschaftlichen Dialog als wichtige
|
||
Grundlage für gute europäische Zusammenarbeit. In diesen wollen wir Schulen,
|
||
Berufsverbände, Religionsgemeinschaften, lokale Bürger*inneninitiativen, Vereine, NGOs
|
||
und andere zivilgesellschaftliche Akteure einbinden. Zusätzlich sollen diese
|
||
Partnerschaften durch eine bessere Öffentlichkeitsarbeit stärker ins Bewusstsein der
|
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Sachsen-Anhalter*innen gerückt werden.
|
||
Auf Bundesebene setzen wir uns für die Stärkung, den Ausbau und die
|
||
Entbürokratisierung der Europäischen Bürgerinitiative (EBI) als Instrument der direkten
|
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Bürger*innenbeteiligung und Teilhabe ein. Zudem setzen wir uns in allen Gremien für
|
||
den demokratischen Zusammenhalt Europas ein.
|
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Wir begrüßen es, wenn sich Kommunen und Landkreise europäischen und internationalen
|
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Netzwerken und Initiativen wie den „Smart Cities“, „Fairtrade Towns“ oder „Fairtrade
|
||
Landkreise“ anschließen, um dadurch z. B. den Strukturwandel mitzugestalten.
|
||
Partnerschaften im Globalen Süden erhöhen die Bekanntheit Sachsen-Anhalts in der Welt
|
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und tragen zu einer anti-rassistischen, weltoffenen Gesellschaft, kulturellem Austausch
|
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und
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neuen
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wirtschaftlichen
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Beziehungen
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bei.
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Wir
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stoßen
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deshalb
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bei
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Mandatsträger*innen der Kommunal- und Landesebene an, Städtepartnerschaften mit
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Städten des Globalen Südens einzugehen. Weiterhin prüfen wir die Möglichkeit,
|
||
Regionalpartnerschaften im Globalen Süden einzugehen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Wir befürworten die von der Europäischen Kommission ins Leben gerufene Bewegung
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des New European Bauhauses. Wir sehen darin Chancen, das Bemühen um Nachhaltigkeit
|
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in allen Lebensbereichen voranzutreiben und die Bauhaus-Idee neu zu beleben. Wir
|
||
wollen daher Bestrebungen des Umweltbundesamtes (UBA) unterstützen, eine
|
||
Nachhaltigkeitsakademie am Standort Dessau aufzubauen. Hierzu sollen neben dem UBA
|
||
Kompetenzen der Hochschule Anhalt und der Stiftung Bauhaus gebündelt werden.
|
||
Eine bürger*innenfreundliche, transparente und effiziente Verwaltung
|
||
schaffen
|
||
Wir wollen eine effiziente, transparente und bürger*innennahe Verwaltung. Die
|
||
Zuständigkeiten von unterster, oberer und oberster Instanz sind neu zu regeln.
|
||
Das Landesverwaltungsamt ist die zentrale Mittelbehörde und arbeitet derzeit neben
|
||
weiteren Landesbehörden wie Landesämtern und Landesbetrieben. Dadurch bestehen
|
||
überflüssige Doppelstrukturen, die wir abbauen wollen, um kurze Entscheidungswege
|
||
und eine klare Ressortverantwortung zu schaffen. Wir wollen deshalb die Aufgaben des
|
||
Landesverwaltungsamtes auf fachlich zuständige Landesbehörden verteilen. Damit
|
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wollen wir den Abstimmungsbedarf reduzieren.
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Wir
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stehen
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zum
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Widerspruchsverfahren
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als
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einfache
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und
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kostengünstige
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Kontrollmöglichkeit von Verwaltungsentscheidungen.
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||
Informationszugang – ein Bürgerrecht
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||
Das Recht auf Einsicht in Informationen der öffentlichen Verwaltung ist seit mehreren
|
||
Jahren ein einklagbares Recht. Wir wollen die bestehenden Zugangsrechte zu einem
|
||
breiten Transparenzrecht weiterentwickeln. Alle Behörden des Landes sollen zur
|
||
schnellen und umfassenden Bereitstellung von offenen Daten verpflichtet werden. Die
|
||
grundsätzliche Veröffentlichung amtlicher Informationen in Registern soll der Regelfall
|
||
werden.
|
||
DDR-Vergangenheit weiter aufarbeiten
|
||
Wir stehen in der Tradition der Demokratie-, Bürgerrechts- und Umweltbewegung der
|
||
DDR. Seit unserer Gründung haben wir einen wichtigen Beitrag für die demokratische
|
||
Öffnung der Gesellschaft, für die Rechte von Minderheiten und die Selbstbestimmung
|
||
geleistet. Der Kampf der Bürgerrechtler*innen zur Überwindung der Machtverhältnisse in
|
||
der DDR und für die Errichtung einer lebendigen Demokratie in Sachsen-Anhalt ist uns
|
||
Verpflichtung für die Zukunft. Wir sehen beides: Geschehenes Unrecht, für das
|
||
Verantwortung zu übernehmen ist und individuelle Lebensleistung. Wir begrüßen es,
|
||
wenn es möglich ist, dass sich Täter*innen und Opfer der DDR-Repression begegnen und
|
||
ihre Geschichte wahrhaftig aufarbeiten. Opferverbände haben unsere Unterstützung.
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Unser Ziel ist, gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die individuelle
|
||
Versöhnung ermöglichen.
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||
Zur Aufarbeitung gehört auch, dass der Arbeitsauftrag der*des Landesbeauftragten des
|
||
Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur um zusätzliche Aspekte
|
||
systematischen Unrechts in der DDR erweitert wird. Wir wollen für das Thema „DDR-
|
||
Geschichte“ in allen allgemeinbildenden Schulen einen festen Platz und die
|
||
wissenschaftliche Aufarbeitung der DDR sowie die Gedenkstättenarbeit weiter
|
||
unterstützen.
|
||
|
||
IV Medienvielfalt in Sachsen-Anhalt erhalten
|
||
Demokratien und offene Gesellschaften brauchen eine vielfältige Medienlandschaft. Die
|
||
zunehmenden Zusammenschlüsse von Lokalredaktionen und die voranschreitende
|
||
Monopolisierung im Zeitungsmarkt sehen wir kritisch. Wir setzen uns deshalb dafür ein,
|
||
dass neu entstehende Medienangebote in Sachsen-Anhalt gute Gründungsbedingungen
|
||
haben.
|
||
Öffentlich-rechtlichen Rundfunk zeitgemäß aufstellen
|
||
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bietet mit seinen unabhängigen und verlässlichen
|
||
Informationen einen Baustein für eine funktionierende Demokratie. Gerade in Zeiten von
|
||
Krisen wie der gegenwärtigen Pandemie zeigt sich sein Wert. Sein Programm stärkt den
|
||
Zusammenhalt in der Gesellschaft. Daher ist der Rundfunkbeitrag unverzichtbar und
|
||
gerechtfertigt. Das Abstimmungsverfahren über die Empfehlung der unabhängige KEF
|
||
wollen wir modernisieren.
|
||
Wir wollen sicherstellen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zusätzliche Spar- und
|
||
Rationalisierungsmaßnahmen umsetzen. Wir wollen im MDR-Staatsvertrag regeln, dass
|
||
sich die Gehälter der/des von Intendant*innen und der Direktor*innen an den
|
||
Spitzengehältern des öffentlichen Dienstes orientieren und dementsprechend gedeckelt
|
||
werden. Mit Blick auf die Umwälzungen in der Medienlandschaft und die Veränderungen
|
||
der Mediennutzung braucht es umfassende Reformen auch bei den Öffentlich-
|
||
Rechtlichen.
|
||
Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) muss seine Bestrebungen weiterführen, die Vielfalt
|
||
der in Sachsen-Anhalt lebenden Menschen vor und hinter der Kamera sowie im Programm
|
||
stärker abzubilden. Der MDR-Rundfunkrat ist das oberste Kontroll-Gremium des MDR, der
|
||
über grundlegende Fragen wie die Wahl des*der Intendant*in entscheidet. Wir setzen uns
|
||
dafür ein, dass sich die Vielfalt der Gesellschaft im Rundfunkrat abbildet. Organisationen
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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aus den Bereichen Umwelt- und Naturschutz, Migrant*innen und LSBTIQ* sollen dort
|
||
künftig vertreten sein.
|
||
Medienkompetenz mit starken Bürger*innenmedien vermitteln
|
||
Wenn Bürger*innen selbst Hörfunk-, Fernseh- und Internetformate produzieren können,
|
||
wird ihre Medienkompetenz gestärkt. Die Offenen Kanäle sowie die nichtkommerziellen
|
||
Lokalradios in Sachsen-Anhalt leisten einen wesentlichen Beitrag dazu. Diese werden
|
||
meist von Vereinen getragen, ihre finanzielle Situation ist oft angespannt. Neben
|
||
Personalkosten stehen oft hohe Kosten für neue Technik an. Die Medienanstalt Sachsen-
|
||
Anhalt sowie die Bürger*innenmedien sollen auskömmlich finanziert werden. Dazu
|
||
wollen wir auf Bundesebene darauf hinwirken, dass der Anteil der Medienanstalten am
|
||
Rundfunkbeitrag auf 2,5 Prozent erhöht wird.
|
||
|
||
V Migration und Integration
|
||
Einwanderung nach Deutschland und auch nach Sachsen-Anhalt ist Realität. Menschen
|
||
kommen in unser Bundesland, weil sie hier nach Sicherheit, Arbeit und einem Zuhause
|
||
suchen. Sachsen-Anhalt kann Heimat für sie werden. Dafür wollen wir uns einsetzen, denn
|
||
noch ist unser Bundesland für viele Menschen nur Durchgangsstation.
|
||
Ein Asylverfahren darf dabei nicht die einzige Chance für Menschen sein, die einwandern
|
||
möchten. Bedingt durch demografischen Wandel und einen immer stärkeren
|
||
Fachkräftemangel sind wir auf Zuwanderung von Menschen aus dem Ausland
|
||
angewiesen. Wir setzen uns deshalb auf Bundesebene dafür ein, dass ein umfassenderes
|
||
Zuwanderungsgesetz erarbeitet wird. Bis dahin wollen wir landesseitig alle uns zur
|
||
Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen, gelingende Zuwanderung nach Sachsen-
|
||
Anhalt zu ermöglichen.
|
||
Unser
|
||
Land
|
||
wird
|
||
durch
|
||
Einwanderung
|
||
vielfältiger.
|
||
Wir
|
||
gestalten
|
||
die
|
||
Einwanderungsgesellschaft mit und stellen uns den Herausforderungen. Gelingende
|
||
Zuwanderung ist ein wechselseitiger Prozess, der die Bereitschaft aller Beteiligten
|
||
voraussetzt, in unserer Gesellschaft zusammenzuleben.
|
||
Das Wahlrecht für Migrant*innen, die dauerhaft in Sachsen-Anhalt leben ist ein wichtiger
|
||
Baustein, um echte Mitbestimmung zu gewährleisten. Wir wollen uns außerdem auf
|
||
Bundesebene dafür einsetzen, den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit zu
|
||
vereinfachen.
|
||
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Humaner Umgang mit Geflüchteten
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||
Wir stehen für respektvollen und zugewandten Umgang mit allen Menschen unabhängig
|
||
von ihrem Aufenthaltsstatus. Allen Menschen wollen wir daher Zugang zu Sprachkursen,
|
||
Bildungsmöglichkeiten, Ausbildung, Arbeitsmarkt, Gesundheitsversorgung, Hilfs- und
|
||
Unterstützungsangeboten jederzeit ermöglichen.
|
||
Die zentrale Unterbringung über einen längeren Zeitraum lehnen wir ab und plädieren
|
||
für eine dezentrale Unterbringung in den Landkreisen und kreisfreien Städten. Die
|
||
isolierte Unterbringung in zentralen Unterkünften ohne wirkliche Privatsphäre stellt eine
|
||
hohe Belastung für die Betroffenen dar. Die Corona-Pandemie hat noch einmal
|
||
aufgezeigt, dass diese Form der Unterbringung ungeeignet ist und für die Betroffenen ein
|
||
Gesundheitsrisiko darstellt.
|
||
Die bestehende Wohnsitzauflage gemäß § 12a Aufenthaltsgesetz hat sich als unwirksam
|
||
und als Belastung für die Betroffenen erwiesen. Wir wollen sie streichen, ebenso wie den
|
||
Erlass zum Integrationsschlüssel in Sachsen-Anhalt.
|
||
Wir verteidigen das individuelle Grundrecht auf Asyl. Wir setzen uns daher für individuelle
|
||
Verfahrensberatung, Zugang zu qualifizierten Dolmetscher*innen und juristischer
|
||
Beratung durch Anwält*innen, sowie zivilgesellschaftliche Träger der Flüchtlingsarbeit
|
||
ein. Wo humanitäre Aufenthaltstitel erteilt werden können, soll diese Möglichkeit genutzt
|
||
werden. Den Zugang zur Härtefallkommission wollen wir erleichtern. Abschiebungen sind
|
||
nur in unausweichlichen Fällen zu vollziehen. Abschiebungen in Kriegsgebiete lehnen
|
||
wir ab. Familien sind grundsätzlich nicht zu trennen. Abschiebehaft und das Konzept der
|
||
vermeintlich "sicheren" Herkunftsstaaten lehnen wir grundsätzlich ab.
|
||
Landesaufnahmeprogramm schaffen
|
||
Die Bilder des brennenden Flüchtlingslagers Moria haben uns allen aufs Neue vor Augen
|
||
geführt, dass an den Rändern Europas Menschen unter Duldung der europäischen
|
||
Regierungen in inhumanen Verhältnissen leben müssen. Bisher haben wir sie im Stich
|
||
gelassen.
|
||
Wir setzen uns für eine humanitäre Flüchtlingspolitik ein, die Fluchtursachen wirksam
|
||
bekämpft, Geflüchtete in den Herkunftsländern unterstützt, sicheren Transit ermöglicht
|
||
und humanitäre Aufnahme in Europa solidarisch gewährleistet. Das muss auch für alle
|
||
gelten, die zum Teil bereits seit Jahren an den europäischen Außengrenzen gestrandet
|
||
sind.
|
||
Sachsen-Anhalt kann diese Krise nicht allein lösen. Aber wir können etwas tun, um
|
||
wenigstens
|
||
in
|
||
einigen
|
||
Fällen
|
||
das
|
||
Elend
|
||
zu
|
||
lindern.
|
||
Wir
|
||
wollen
|
||
ein
|
||
Landesaufnahmeprogramm initiieren, das die Aufnahme von Geflüchteten über den
|
||
bundesweiten Verteilerschlüssel hinaus ermöglicht.
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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LSBTIQ*-Flüchtlinge besser schützen
|
||
LSBTIQ* sind in vielen Ländern der Erde gefährdet oder verfolgt. Sie gehören auch
|
||
innerhalb der Gruppe der Geflüchteten zu den vulnerablen Personen. LSBTIQ*-
|
||
Geflüchtete sollen besonders berücksichtigt und unterstützt werden. Für diese fordern
|
||
wir ein unbürokratisches Aufenthaltsrecht. Außerdem sollen sie aufgrund ihrer
|
||
besonderen Gefährdungslage innerhalb von Gemeinschaftsunterkünften sofort dezentral
|
||
untergebracht werden. Umfangreiche Informationen über Beratungs- und Hilfsangebote
|
||
im LSBTIQ*-Bereich in ihrer Muttersprache sollen vom Land bereitgestellt werden.
|
||
Zuwanderung erleichtern
|
||
Sachsen-Anhalt braucht Zuwanderung. Die Bevölkerung unseres Landes ist im
|
||
Durchschnitt besonders alt und schrumpft weiterhin. Ohne Zuwanderung wird sich die
|
||
demografische Lage absehbar nicht stabilisieren. Schon heute stellen Überalterung und
|
||
fehlender Nachwuchs ein spürbares Problem für die Wirtschaft und das soziale Leben
|
||
insbesondere in den ländlichen Räumen dar. Dennoch macht es Sachsen-Anhalt
|
||
Migrant*innen durch zu unübersichtliche Behördenstrukturen und eine fehlende
|
||
Willkommenskultur in den Behörden in vielen Fällen deutlich zu schwer, hier Fuß zu
|
||
fassen und heimisch zu werden. Wir wollen die Verwaltungsstrukturen so ausgestalten,
|
||
dass sie als Dienstleistungs- und Willkommensbehörden für die Migrant*innen fungieren
|
||
können. Die Erfahrungen der Migrationsagentur des Burgenlandkreises wollen wir uns
|
||
dabei zunutze machen.
|
||
Bei der Anerkennung ausländischer Schulabschlüsse und Berufsqualifikationen muss das
|
||
Land alle gesetzgeberischen Möglichkeiten nutzen, um die Anerkennung zu erleichtern.
|
||
Die vom Bundesgesetzgeber geschaffene Möglichkeit der Ausbildungsduldung
|
||
ermöglicht einen Spurwechsel in den Arbeitsmarkt und einen ggf. dauerhaften Aufenthalt
|
||
für Menschen ohne Bleibeperspektive im Asylrecht. Wir wollen dieses Instrument im
|
||
Interesse der Betroffenen, der sachsen-anhaltischen Wirtschaft und unseres Landes
|
||
umfassend nutzen.
|
||
Unionszuwander*innen unterstützen
|
||
Die
|
||
stärkste
|
||
Gruppe
|
||
an
|
||
Zuwanderer*innen
|
||
in
|
||
Sachsen-Anhalt
|
||
bilden
|
||
die
|
||
Unionsbürger*innen. Um einen gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt und in die
|
||
Gesellschaft zu gewährleisten, ist es wichtig, dass grundlegende Informationen in
|
||
Behörden und öffentlichen Stellen zumindest in den am häufigsten vertretenden EU-
|
||
Sprachen verfügbar sind und dass Beratungsstellen für Arbeitsrecht, Sozialrecht und
|
||
Antidiskriminierung in diesen Sprachen beraten können. Einfache Sprache in den
|
||
Bereichen der öffentlichen Verwaltung mit Bürger*innenkontakt macht es für alle
|
||
Menschen leichter, mit Ämtern zu kommunizieren.
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Runden Tisch „Faire Beschäftigung von Migrant*innen“ einsetzen
|
||
Wir sehen gute Bildung als den besten Schutz vor Arbeitslosigkeit. Wir wollen die
|
||
Rahmenbedingungen so setzen, dass für zukunftsfähige Arbeitsplätze auch Fachkräfte zur
|
||
Verfügung stehen. Die europäische Arbeitsmarktintegration und die Einwanderung sehen
|
||
wir als Mittel gegen Fachkräftemangel und als Chance für unseren Arbeitsmarkt.
|
||
Den Fachbeirat „Faire Beschäftigung für Migrantinnen und Migranten“ wollen wir
|
||
unter/mit der Beteiligung von Migrant*innenverbänden zu einem interministeriellen und
|
||
behördlichen Runden Tisch weiterentwickelt. Das Modellprojekt der Bildungsvereinigung
|
||
Arbeit und Leben „Beratung migrantischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ soll
|
||
dauerhaft vom Land gefördert werden. Nur so werden wir Möglichkeiten erhalten, die
|
||
sinnvolle Zunahme ausländischer Arbeitnehmer*innen strukturiert zu begleiten. Gegen
|
||
ausbeuterische und illegale Beschäftigung braucht das Landesamt für Verbraucherschutz
|
||
mehr Personalstellen, um die Kontrolldichte im Land zu erhöhen.
|
||
Ausländer*innenbehörden zu Willkommenszentren gestalten
|
||
Behördengänge sind für Migrant*innen in Sachsen-Anhalt oft eine besondere Belastung,
|
||
weil sie oft geringschätzig behandelt werden. Das wollen wir ändern. Wir setzen uns dafür
|
||
ein, dass ein Maßnahmenplan für das ganze Land entwickelt wird, damit die
|
||
Ausländer*innenbehörden im Land zu echten Willkommenszentren werden. Dazu gehört
|
||
für uns insbesondere sprachlich und interkulturell qualifiziertes Personal. Eine Trennung
|
||
der aufenthaltsrechtlichen Bearbeitung von allen anderen Fragestellungen ist dabei
|
||
unerlässlich, um einen fairen Umgang zu sichern. Willkommen heißen und ankommen
|
||
lassen – das zeigt sich auch in klaren Strukturen, die jede*r nachvollziehen und verstehen
|
||
kann. Deshalb wollen wir in der Landesregierung die Kompetenzen für Zuwanderung und
|
||
Integration im Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration bündeln.
|
||
Migrantische Selbstorganisation stärken
|
||
Zusammenleben gelingt vor Ort und wächst von unten. Wir wollen migrantisches
|
||
Engagement fördern. Deshalb stärken wir migrantische Selbstorganisation durch eine
|
||
Förderrichtlinie des Landes.
|
||
|
||
VI Bildung
|
||
Mehr Gerechtigkeit und höhere Qualität: darauf kommt es an. Gemeinsam mit allen
|
||
Beteiligten wollen wir unsere Bildungslandschaft im Sinne des Lebenslangen Lernens
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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weiterentwickeln. Gleichzeitig wollen wir mit dezentralen Schulstrukturen die ländlichen
|
||
Räume stärken.
|
||
Kitas, Horte, Schulen, Universitäten und andere Bildungsorte sollen die Werte unserer
|
||
pluralistischen Gesellschaft stärker widerspiegeln. Dies sind für uns Themen wie
|
||
Demokratieverständnis,
|
||
Zivilgesellschaft,
|
||
Diversität,
|
||
Digitalisierung,
|
||
europäische
|
||
Einigung, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit. Wir wollen gute Bildung in jedem Alter
|
||
und an jedem Bildungsort, denn so befähigen wir alle, sich zu entfalten, an der
|
||
Gesellschaft teilzuhaben und sie positiv mitzugestalten.
|
||
Kitas sind der erste Baustein im Bildungssystem
|
||
Kindertagesstätten sind Bildungseinrichtungen, deren Besuch die Bildungschancen von
|
||
Kindern erhöht. Wir haben mit dem neuen Kita-Gesetz (KiFöG) einiges erreicht,
|
||
insbesondere die Verbesserung des Personalschlüssels, eine weitere Entlastung von
|
||
Familien mit mehreren Kindern und eine spezielle Förderung von Kitas mit besonderen
|
||
Bedarfen. Es gibt dennoch weiterhin Defizite, etwa bei der Berücksichtigung von
|
||
Ausfallzeiten und Vorbereitungszeiten im Rahmen der Personalbemessung. Im Bereich
|
||
des Personals wollen wir insbesondere die Sonderförderung landesweit ausbauen und
|
||
die zur Verfügung gestellten Mittel mindestens verdoppeln.
|
||
Um die Arbeit in den Einrichtungen zu unterstützen und die Qualitätsentwicklung und -
|
||
sicherung zu befördern, wollen wir die Fachberatung seitens des örtlichen Trägers der
|
||
Jugendhilfe künftig im KiföG als Rechtsanspruch der Einrichtungen und Träger
|
||
aufnehmen. Wir sehen die örtlichen Träger der Jugendhilfe hier in der Pflicht, neben ihrer
|
||
Aufsichtsfunktion explizit auch als Beratungsinstanz zu agieren und diese Funktion zu
|
||
stärken. Zusätzlich wollen wir dafür einen Pool von Expert*innen aufbauen. Dieser soll
|
||
Einrichtungen und Träger beraten, unter Einbezug der einschlägigen Fachbereiche an den
|
||
Hochschulen im Land. Auch die Fachberatung durch freie Träger ist auszubauen.
|
||
Für einen guten Start in die Schule müssen sprachliche und motorische Defizite möglichst
|
||
früh erkannt und behoben werden. Wir wollen eine verbindliche, qualifizierte Erhebung
|
||
des
|
||
Sprachstands
|
||
bei
|
||
allen
|
||
Vierjährigen
|
||
einführen,
|
||
damit
|
||
gezielte
|
||
Unterstützungsangebote unterbreitet werden können. Dabei muss die Mehrsprachigkeit
|
||
von Kindern berücksichtigt werden. Die frühpädagogische Förderung beim Übergang von
|
||
der Kita in die Schule, insbesondere im Bereich der Sprachförderung, muss ohne Abbruch
|
||
fortgeführt werden. Die Diagnostik in der flexiblen Schuleingangsphase (Klasse 1 und 2
|
||
können in ein bis drei Jahren absolviert werden) soll in ihrer Wirksamkeit überprüft und
|
||
bei Bedarf erweitert werden. Wir wollen, dass multiprofessionelle Teams in Grundschulen
|
||
durch Logopäd*innen, Ergotherapeut*innen und Physiotherapeut*innen unterstützt
|
||
werden können.
|
||
Wir verstehen Kitas auch als Kinderstuben der Demokratie in denen Kinder bei allen sie
|
||
betreffenden Angelegenheiten mitentscheiden und -handeln. Demokratieverständnis,
|
||
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gelebte Vielfalt, Geschlechtervielfalt und -gerechtigkeit sowie umweltgerechtes Handeln
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müssen noch stärker im Alltag der Kitas sowie in der Ausbildung der Erzieher*innen
|
||
berücksichtigt werden. Wir wollen die Einrichtung von Küchen in Kitas, um die
|
||
Ernährungskompetenz und gesunde Versorgung zu stärken. Dabei setzen wir uns für
|
||
regionale Wertschöpfungsketten und Netzwerke der Unterstützung sowie der lokalen
|
||
Vernetzung ein. Das Projekt "Medienkoffer Geschlechtervielfalt" für Kita und
|
||
Grundschulen,
|
||
der
|
||
so
|
||
genannte
|
||
Kitakoffer
|
||
des
|
||
Kompetenzzentrums
|
||
für
|
||
geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe wollen wir verstetigen und so ausbauen,
|
||
dass deutlich mehr Einrichtungendavon partizipieren können.
|
||
Qualität in Kindertagesstätte und Schule sichern
|
||
Unsere Kinder brauchen mehr Erzieher*innen, damit jedes Kind angemessen gefördert
|
||
werden kann. Die Ausbildungsanforderungen an die Erzieher*innen wachsen mit deren
|
||
Aufgaben. Eine praxisorientierte dreijährige berufliche Ausbildung (piA) soll kurzfristig
|
||
die schulische Erzieher*innenausbildung ablösen. Den kontinuierlichen Wechsel von
|
||
Theorie und Praxis während der PiA-Ausbildung begrüßen wir ausdrücklich. Die
|
||
Ausbildung ist angemessen zu vergüten. Bildung für nachhaltige Entwicklung soll
|
||
Bestandteil der Erzieher*innenausbildung werden. Eine Offensive für den Ausbau von
|
||
pädagogischen Studiengängen und die Weiterqualifizierung in der Frühpädagogik an den
|
||
Hochschulen ist dringend notwendig. Die Ausbildung mit integrierter Praxis, die das Land
|
||
mit Bundesmitteln aus dem Gute-Kita-Gesetz fördert, muss unabhängig von der Zukunft
|
||
dieser Gelder dauerhaft angeboten und ausgebaut werden.
|
||
Wir wollen eine Bezahlung der Erzieher*innen, die der gestiegenen Qualifikation
|
||
entspricht, sowie die Zeiten der Vor- und Nachbereitung berücksichtigt.
|
||
Durch das Konzept der Ganztagsschulen erhält die pädagogische Arbeit an den Schulen
|
||
eine stärkere Bedeutung. Gerade im Grundschulbereich muss das entsprechende Angebot
|
||
ausgebaut werden, wobei die Horte stärker in das Gesamtkonzept integriert werden
|
||
müssen. Die Zuständigkeit für die Horte wollen wir langfristig im Bildungsressort
|
||
ansiedeln, um ein Ganztagsschulsystem in Sachsen-Anhalt zu etablieren. Dieses Ressort
|
||
hat im Sinne der ganzheitlichen Unterstützung und Förderung von Kindern und
|
||
Jugendlichen die Komponente der Sozialarbeit in seine Arbeit zu integrieren.
|
||
Qualitätsstandards an Schulen, Horten und vorschulischen Bildungseinrichtungen sollen
|
||
deshalb sowohl die pädagogische Qualität und den Bildungserfolg als auch die materielle
|
||
und personelle Ausstattung definieren und vergleichbar machen. Multiprofessionelle
|
||
Teams, gut ausgebildetes Personal, verbesserte Fortbildungsangebote und inklusive
|
||
Bildungskonzepte sind unsere Eckpfeiler für Qualitätsstandards. Eltern sollen anhand
|
||
dieser Konzepte verschiedene Bildungsangebote vergleichen und informiert entscheiden
|
||
können.
|
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Kurze Beine, kurze Wege, lokale Lösungen
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Jede lokale Situation ist anders. Daher kann direkt vor Ort am besten geplant werden,
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welche Schulformen oder Verbünde von Schulen es geben soll und wie der Unterricht
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organisiert wird. Wir wollen kommunale Bildungslandschaften, in denen alle Angebote
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und Ideen von Kinder- und Jugendhilfe, Schule, Wirtschaft, Sport, Kultur, Politik und
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Verwaltung zusammengeführt sind. Schulgebäude müssen multifunktionaler ausgelegt
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werden. Auch Vereins- und Gemeindearbeit kann in Schulen angeboten werden. Auf
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dieser Grundlage wollen wir Schulen zu zentralen Orten der Gemeinden entwickeln, so
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dass Schüler*innen direkt in die Vereins- und Gemeindearbeit einsteigen können.
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Derartige Konzepte müssen in den Kommunen ausgearbeitet und umgesetzt und bei
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Schulneubauten bereits in den Planungen berücksichtigt werden. Sie geben mehr jungen
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Menschen Chancen, beugen der Abwanderung vor und befördern die wirtschaftliche
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Entwicklung. Zudem zeigt besonders die Corona-Pandemie, dass kleinere, dezentrale
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Einheiten neben pädagogischen auch anderen wichtigen Vorteilen haben. Bürger*innen,
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Schulträger und Gemeinden vor Ort benötigen von der Landesregierung erheblich mehr
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Gestaltungsspielraum. Mindestgrößen für Schulen und Klassen sind der falsche Weg.
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Längeres gemeinsames Lernen wird durch die Gemeinschaftsschule ermöglicht. Es kann
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insbesondere auch durch Verbünde von Grundschulen mit anderen Schulen realisiert
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werden, wobei alle Schulabschlüsse, vom Sekundarschulabschluss bis zum Abitur,
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ermöglicht werden müssen. Ganztägiger Unterricht fördert gezielt besondere
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Fähigkeiten, einschließlich musischer und sportlicher, gleicht Schwächen aus und
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schließt Wissenslücken. Derartige Angebote wollen wir zum Standard machen, sodass
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unsere Kinder von der Schule aus die ganze Welt erleben können.
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Auch die Wege zu den weiterführenden Schulen sind zu lang. Ein dichtes und
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bedarfsgerechtes Netz von ganztägigen Gemeinschaftsschulen soll entstehen und so zu
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kurzen Schulwegen führen. Auch freie Schulen unterstützen wir bei der Umwandlung in
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Gemeinschaftsschulen. Die Übergangsregelungen für Ersatzschulträger sollen dazu
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entfallen. Zudem sind die im Ganztagsschulbetrieb anfallenden zusätzlichen Personal-
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und Sachkosten für staatliche und auch für freie Schulen durch das Land zu finanzieren.
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Fördern statt Sitzenbleiben
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Wir wollen in den Grundschulen eine flexible, kindgerechte, jahrgangsgemischte
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Schuleingangsphase gestalten, die je nach Entwicklungsstand und Lerngeschwindigkeit
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eines Kindes ein bis drei Jahre dauern kann. Mit gezieltem Unterricht zum Schließen von
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Lücken soll das kostspielige und sinnlose Sitzenbleiben abgelöst werden. Studien zeigen:
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Rückstellungen beim Schuleintritt und Sitzenbleiben fördern die Lernentwicklung nicht,
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sondern legen den Kindern weitere Steine in den Weg. Eine neue Lernkultur, die auf jedes
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Kind individuell eingeht und das Lernen voneinander ermöglicht, soll die
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Leistungsstarken ebenso wie die Leistungsschwachen fördern. Zu dieser Lernkultur
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gehört auch, Leistungsbewertungen zu verändern. Noten sind nicht neutral und daher
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nicht zum Leistungsvergleich geeignet. Daher setzen wir uns für neue Formen der
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Leistungsbewertung ein. Auch soll der fächerübergreifende Unterricht mit fest
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zugewiesenen Stunden im Stundenkontingent jeder Schulform verankert sein.
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Fächerübergreifender Unterricht und damit das Aufbrechen der Fachgrenzen befähigt
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Schülerinnen und Schüler zu vernetztem Denken.
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Der Umgang mit Kindern, die ohne Deutschkenntnisse an die Schulen kommen, muss
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dringend professionalisiert werden. Die anfänglichen Sprachbarrieren wollen wir mit
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individueller Förderung abbauen. Wir wollen, dass Arbeitsmaterialien in deutscher
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Sprache und der Muttersprache sowie der anfängliche Einsatz von Dolmetscher*innen
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finanziert werden.
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Länger gemeinsam lernen
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Um die soziale Gerechtigkeit zu erhöhen und allen Kindern eine Bildungschance zu
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geben, wollen wir das viel zu frühe Sortieren der Kinder nach der vierten Klasse beenden,
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da dieses stark durch den sozialen Hintergrund bestimmt ist. Dazu wollen wir das Angebot
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einer zehn- bis dreizehnjährigen gemeinsamen Lernzeit in der Gemeinschaftsschule
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schaffen. Als Weg dorthin begreifen wir auch Verbünde von Schulen. Dazu soll die
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Verordnung
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der
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Schulentwicklungsplanung
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so
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geändert
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werden,
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dass
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an
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Gemeinschaftsschulen wirkliche gymnasiale Oberstufen entstehen können. Wir wollen
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die Gemeinschafts- und Gesamtschule dauerhaft als attraktive Säulen neben dem
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Gymnasium etablieren. Weiterhin fordern wir die Weiterentwicklung des Gymnasiums
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zum ganztägigen Lernen, zu verbindlichem offenen Unterricht, zu Inklusion und zur Arbeit
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mit multiprofessionellen Teams.
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Der Zugang zu Bildung darf nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängen. Deshalb
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wollen wir Lernmittel ab der 1. Klasse sowie die Schüler*innenbeförderung bis zum Ende
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der Schulzeit kostenfrei gewähren. Bildungsgerechtigkeit muss auch beim Erwerb von
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Medienkompetenz hergestellt werden. Schwimmunterricht und Fahrradtraining sind an
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allen Grundschulen zu realisieren. Für alle Kinder und Jugendlichen wollen wir ein
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gesundes regionales Essen in Kitas, Horten und Schulen anbieten, für Kinder aus Familien
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mit geringem Einkommen soll dies kostenlos sein.
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Wir wollen einen für alle verpflichtenden Werteunterricht einführen. Konfessionell
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gebundene und nichtreligiöse Kinder sollen gemeinsam über Werte, Normen, Religionen
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und deren Ausprägung diskutieren. Dies sehen wir gerade in einer zunehmend diversen
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Gesellschaft
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als
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nötig
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an.
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Zudem
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wird
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es
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immer
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schwieriger,
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allen
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Religionsgemeinschaften einen eigenen Religionsunterricht anzubieten, ohne dabei
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andere zu benachteiligen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Schulautonomie entwickeln
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Gute Schulen benötigen mehr eigene Gestaltungsspielräume. Jede Schule soll
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unabhängig von ihrer Trägerschaft pro Schuljahr je Schüler*in einen festen Finanzbeitrag
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erhalten. Damit soll die Schule selbstständig arbeiten können, sofern sie sich im
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Gegenzug verpflichtet, allen Kindern einen unentgeltlichen Zugang zu gewähren. Die
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Schulleitung soll mehr Verantwortung und Mitspracherecht bei der Stellenbesetzung
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bekommen. Die Schulen bestimmen dann selbst über Personen und pädagogische
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Konzepte und darüber, wie viel Geld in Lehrmittel oder in Personal investiert wird.
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Gleichzeitig muss das pädagogische Personal von Verwaltungsarbeit entlastet werden.
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Die Verantwortung der Schulleiter*innen wächst. Sie müssen daher durch einen
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entsprechenden Aufbaustudiengang unterstützt werden. Freie Schulen müssen allen
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Kindern unentgeltlich offenstehen. Wir wollen unter dieser Bedingung die freien Schulen
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den staatlichen Schulen finanziell gleichstellen und diese nicht mehr von zusätzlichen
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EU- und Bundesmitteln ausschließen.
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Schulen an sozialen Brennpunkten sollen zu Schwerpunktschulen entwickelt werden, um
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ihre Herausforderungen besser zu meistern. Hier müssen Bedingungen geschaffen
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werden, die eine ausgleichende Entwicklung ermöglichen. Dafür müssen ausreichend
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Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, z.B. eine überdurchschnittlich gute Personal-
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und Sachmittelausstattung, für Sprachförderung, für das ganztägige Lernen und für
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außerschulische Lernorte.
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Inklusion ermöglichen
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Wir erwarten die konsequente Umsetzung der zum 1. Januar 2009 in Kraft getretenen UN-
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Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie führt zu einer
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schrittweisen
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Auflösung
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von
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Förderschulen.
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Die
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Förderangebote
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sollen
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an
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allgemeinbildende Schulen verlagert werden. Inklusion im Unterricht bereitet Kinder und
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Jugendliche mit besonderem Förderbedarf besser auf ihr Erwachsenenleben außerhalb
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des geschützten Lernortes Schule vor und verbessert ihre Lebensqualität. Die Eltern von
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Kindern
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mit
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Förderbedarf
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wollen
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wir
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mit
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besseren
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Informations-
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und
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Beratungsmöglichkeiten
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unterstützen.
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Gleichzeitig
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sollen
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alle
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Kinder
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einen
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unbefangenen und rücksichtsvollen Umgang mit Menschen mit Behinderung erlernen
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und erfahren. Bis zu dieser vollständigen Umgestaltung wollen wir die Förderschulen
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unterstützen. Wir wollen sicherstellen, dass die Lern- und Aufenthaltsbedingungen an
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auslaufenden Förderschulen angemessen sind und jedes Kind optimale Förderung
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erfährt.
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Bei der Einführung von Schulkonzepten mit Inklusion wollen wir die Schulen nicht allein
|
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lassen. Unterricht mit Inklusion erfordert gute Vorbereitung. Die Betreuung an den
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allgemeinbildenden Schulen muss mit mehr gut qualifiziertem und sensibilisiertem
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Personal erfolgen. Die für die Förderschulen bisher aufgewendeten Finanzmittel und
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Personalstellen wollen wir dafür umverteilen. Die baulichen, sächlichen und
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schulorganisatorischen Rahmenbedingungen für den Schulbesuch mit Inklusion sind an
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vielen Orten noch zu schaffen. An den Grundschulen muss es mehr inklusive Horte geben,
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die von Schüler*innen mit und ohne Behinderung gemeinsam besucht werden können. Es
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ist zu prüfen, in welchen Fällen spezialisierte Förderklassen an Regelschulen für
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besonders schwere Behinderungen sinnvoll sind. An allen allgemeinbildenden und
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berufsbildenden Schulen sollen solche Förderschulklassen angegliedert werden können.
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Demokratie lernen, Gemeinsinn stärken
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Schule ist der zentrale Ort in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Hier
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entwickeln sie eine Vorstellung von Demokratie, lernen den fairen Umgang miteinander,
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erfahren von Toleranz, Kompromissen und Regeln. Damit Schüler*innen ein starkes
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demokratisches Bewusstsein entwickeln, müssen fünf Voraussetzungen gegeben sein:
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Anerkennung der individuellen Persönlichkeit, Beteiligung an Organisation von
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Schulveranstaltungen und Gestaltung von Unterricht, gelebte Demokratie im Schulalltag
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sowie vielfältiger Sozialkundeunterricht. Letzterer sollte bereits ab der 5. Klasse
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beginnen. Denn Sozialkundeunterricht soll die persönlich-politische Meinungsbildung
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stärken. Dazu müssen Material- und Schulungsangebote sowie Bildungspläne angepasst
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werden, in denen die Europäische Union ein Querschnittsthema darstellen soll. In den
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Lehrplänen soll die deutsche Kolonial- und Migrationsgeschichte sowie deren
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eurozentristische Perspektive aufgearbeitet werden. Auch in der Landeszentrale für
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politische Bildung soll die europäische Dimension eine größere Bedeutung erhalten.
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Jungen Menschen muss freiwilliges gesellschaftliches Engagement außerhalb der Schule
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ermöglicht werden. Wir prüfen Freistellungsmöglichkeiten und wollen entsprechende
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Angebote fördern. Das Engagement in der Schülervertretungsarbeit soll gefördert
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werden. Fehlzeiten, die in Zusammenhang mit der Schülervertretungsarbeit entstehen,
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sollen nicht mehr auf dem Zeugnis angezeigt werden.
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Das Demokratieverständnis und den Gemeinsinn an Schulen wollen wir stärken, indem
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wir mehr einfache und niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten schaffen wollen.
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Dazu gehört eine gleichberechtigte Teilnahme von Eltern, Schüler*innen, Lehrer*innen
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sowie eine Mitwirkung der sonstigen Angestellten (Drittelparität-Plus) in der
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Schulkonferenz. Weiterhin ist uns wichtig, das soziale Miteinander zu stärken,
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Streitschlichtungsgruppen in den Schulen aufzubauen und die Anti-Gewalt-Arbeit
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fortzuführen. Dazu gehört auch eine aktive Arbeit gegen Sexismus, Trans*- und
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Homofeindlichkeit sowie Rassismus. Wir fordern zudem die Möglichkeit, auch einen
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gesellschaftswissenschaftlichen
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Schwerpunkt
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im
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Abitur
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auf
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erhöhtem
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Anforderungsniveau zu belegen.
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Wir wollen die Schulen weit stärker dazu anregen und ausstatten, für alle Schüler*innen
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ein Ort ohne Diskriminierung, Sexismus, Schikanieren und Gewalterfahrung zu sein.
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Mobbing ist eine leidvolle Erfahrung für viele Schüler*innen, die nicht mit dem
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Schulklingeln endet. Sie setzt sich digital auch in der Freizeit fort. Dauerhafte psychische
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Erkrankungen, Schulverweigerung bis hin zu Selbstmord können Folgen von Mobbing
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sein. An allen Schulen müssen daher demokratiepädagogische Konzepte, Anti-Mobbing-
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Projekte sowie Programme zur Gewalt- und Suchtprävention ermöglicht werden. Damit
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sollen Kinder und Jugendliche soziale, ethische und demokratische Kompetenzen zur
|
||
Persönlichkeitsbildung sowie zur gewaltfreien Kommunikation und gendersensiblen
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Sprache erwerben. Dabei müssen kulturelle Vielfalt, Geschlechtervielfalt sowie sexuelle
|
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Orientierungen berücksichtigt und queere Peer-to-Peer-Schulaufklärungsarbeit nach
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dem Vorbild der SCHLAU-Gruppen in NRW und Niedersachsen ausgebaut werden. Sanitär-
|
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und Umkleideorte müssen sichere Orte für trans*-, intergeschlechtliche und nichtbinäre
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Schüler*innen sein.
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Wir wollen einen landesweiten "Anti-Mobbing-Tag" ins Leben rufen, wie im Kapitel
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„Kinder und Jugendliche“ beschrieben. Weiterhin sollen Antidiskriminierungsrichtlinien
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für Schulen erarbeitet Wir unterstützen das deutschlandweite Projekt "Schule ohne
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Rassismus - Schule mit Courage".
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Schulsozialarbeit ausbauen
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Schulsozialarbeit und damit die Perspektive der Kinder- und Jugendhilfe muss ein fester
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Bestandteil von Schule werden. Wir wollen ein unbefristetes Landesprogramm
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Schulsozialarbeit unter kommunaler Beteiligung und Steuerung. Die Finanzierung des
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Landesprogrammes muss das Land Sachsen-Anhalt übernehmen.
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Die Schulsozialarbeit muss an allen Schulen und Schulformen ausgebaut werden, deshalb
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wollen wir den Erhalt der vierzehn regionalen Netzwerkstellen und der landesweiten
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Koordinierungsstelle für Schulsozialarbeit. Dazu gehört auch die regelmäßige Evaluation
|
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und Weiterentwicklung der Schulsozialarbeit. Um einen besseren Informationsstand für
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soziale Probleme zu erreichen, wollen wir nach Hamburger Vorbild einen Sozialindex für
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unsere Schulen erheben. Die sozialpädagogische Kompetenz muss stärker in
|
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multiprofessionelle Teams in den Schulen eingebunden werden. Ein Mitspracherecht der
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Schulsozialarbeiter*innen in der Selbstverwaltung der Schulen, der Schulkonferenz, ist zu
|
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schaffen.
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In Umwelt- und Lebensfragen (weiter)bilden
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Unsere Umwelt bestimmt unsere Zukunft. Kinder und Jugendliche müssen für
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wissenschaftliche und politische Fragen altersgerecht sensibilisiert werden. Zu den
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Themen gehören Klima- und Umweltschutz, Naturschutz, Kulturlandschaften, fairer
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Handel, Globalisierung, Nachhaltigkeit, Ernährung und Verbraucher*innenschutz und
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Verkehrserziehung. Sachsen-Anhalt braucht ein inhaltlich angepasstes Lehrplan- und
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Bildungskonzept, das Zusammenhänge der Lebenswissenschaften noch stärker in den
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Mittelpunkt stellt und erfahrbar macht. Diese Umweltthemen im weitesten Sinne sind
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durch fächerübergreifenden Unterricht, insbesondere in den Fächern Biologie, Chemie,
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Sozialkunde und Ethik, stärker zu berücksichtigen.
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Schüler*innen sollen durch praktisches Lernen noch mehr für Umweltschutz und
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Nachhaltigkeit in und mit der Natur sensibilisiert werden. Daher fördern wir die
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Zusammenarbeit von Schulen mit regionalen landwirtschaftlichen Betrieben, sofern dies
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möglich ist. Wir wollen die Anlage und dauerhafte Integration von Schulgärten in den
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Unterricht
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stärker
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fördern.
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Die
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Ökoschulen,
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Umweltbildungszentren
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und
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Ökologiestationen des Landes Sachsen-Anhalt leisten einen wichtigen Beitrag zur
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Umweltbildung.
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Wir wollen die die stringente Umsetzung der Empfehlungen und Zielvorgaben des
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„nationalen Aktionsplans Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Diese müssen in
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politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Bildungsbereiche sowie in
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möglichst allen Förderprogrammen des Landes verankert werden. Dazu wollen wir
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geeignete Strukturen fördern und etablieren, etwa eine landesweite Koordinierungsstelle
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zum Austausch der Akteur*innen und zur Qualitätssicherung. Sachsen-Anhalt braucht
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dafür eine landesweite Internetplattform. Die Fridays-for-Future-Bewegung, die
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Ergebnisse des Jugendklimagipfels sowie künftige Entwicklungen müssen in den Schulen
|
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stärker thematisiert werden.
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Homo- und Trans*feindlichkeit sowie Geschlechterstereotypen von
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Anfang an entgegentreten
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Schon in der Kita und im Unterricht müssen unterschiedliche sexuelle, Gender- und
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geschlechtliche Identitäten als selbstverständliche Lebensweisen vermittelt werden.
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Leitbild und Ziel der schulischen und außerschulischen Bildung ist die vorurteilsfreie und
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selbstbestimmte Findung der eigenen Identität. Jugendlichen muss ein Coming-out an
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ihrer Schule möglich sein, ohne körperliche oder verbale Gewalt zu befürchten. Dazu
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wollen wir LSBTIQ*-Ansprechpersonen an den Schulen etablieren. Sexuelle,
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geschlechtliche und gender- Vielfalt wollen wir zu einem festen Bestandteil der
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Erzieher*innen- Ausbildung machen. Die Aus- und Fortbildungen sollen für Lehrer*innen
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und sozialpädagogische Fachkräfte sollen verpflichtend so gestaltet werden, dass sie
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befähig werden, unterschiedliche sexuelle, Gender- und geschlechtliche Identitäten als
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selbstverständliche Lebensweisen zu vermitteln und wertneutral zu behandeln, sowie
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Geschlechterstereotypen zu erkennen und diesen entgegenzuwirken. Wir werden einen
|
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Bildungsplan mit Maßnahmen für Vielfalt und Akzeptanz von LSBTIQ* auf den Weg
|
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bringen.
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Alle Lehrmittel müssen entsprechend geeignet sein und die reale Vielfalt
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fächerübergreifend umfassend darstellen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Digitale Lehrmittel und ihre Didaktik auf den Weg bringen
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Der kompetente Einsatz und Ausbau von digitalen Techniken (E-Learning) muss
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angesichts der Erfahrungen in der Corona-Pandemie forciert und flächendeckend
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vorangebracht werden. Die notwendigen Voraussetzungen an Hardware und Software
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müssen geschaffen werden. Daneben soll auch der didaktisch sinnvolle Einsatz dieser
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Lehrmittel durch umfangreiche Fortbildung und Beratung sowie entsprechende
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Schulungen in der Lehramtsausbildung sichergestellt werden. Der Zugang der
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Schüler*innen zum digitalen Lernen darf nicht mehr von den Möglichkeiten, die die Eltern
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bieten können, abhängig sein. Wichtig ist auch, eine funktionierende, datensichere
|
||
Programm-Plattform auf Landesebene zu erstellen. Diese sollte Instrumente zur
|
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interaktiven Unterrichtsgestaltung und für Teleunterricht enthalten. Dazu wollen wir den
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||
Rahmenvertrag zwischen dem Land Sachsen-Anhalt und der Microsoft Deutschland
|
||
GmbH beenden, um Datenschutz und Herstellerunabhängigkeit auch in Schulen zu
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garantieren.
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||
Für die Schulen wollen wir gezielte Beratung und Unterstützung bei der
|
||
Medienentwicklungsplanung und bei der Beantragung von Projektmitteln schaffen. Die
|
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Mittel des Digital-Pakts müssen transparent und zügig vergeben werden. Im
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Bildungsausschuss soll halbjährlich über den regionalspezifischen Umsetzungsfortschritt
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von Investitionen im Bereich Digitalisierung berichtet werden. Dabei sollen der durch die
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Kommunen zu leistende Support sowie die Erfahrungen mit BYOD- („bring your own
|
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device“, also Nutzung von eigenen Geräten) Endgeräten Berücksichtigung finden. Bei
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Beschaffungen soll, wo immer es möglich ist, auf modularisierte Geräte, die länger haltbar
|
||
sind, zurückgegriffen werden.
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Die Medienbildung wollen wir verpflichtend in Studium und Referendariat der Lehrkräfte
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verankern. Dies gilt sowohl für die Einbeziehung der Fachdidaktiken, der Fachseminare
|
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sowie der allgemeinen Bildungswissenschaften. Medienbildung muss in der Fort- und
|
||
Weiterbildung von Lehrkräften als ein verbindlicher und kontinuierlicher Prozess
|
||
angesehen werden. Dafür müssen dauerhaft ausreichende finanzielle und zeitliche
|
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Kapazitäten zur Verfügung stehen. Weiterhin wollen wir den Ausbau der Medienscout-
|
||
Ausbildung von Kindern und Jugendlichen, die dann ihre Mitschüler*innen bei der
|
||
qualifizierten Mediennutzung unterstützen, fördern.
|
||
Europa ins Klassenzimmer bringen
|
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Wir wollen gemeinsam mit den Trägern politischer Bildung die Bildungsarbeit in
|
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Sachsen-Anhalt europäisieren. Europapolitische Bildungsprogramme sollen verbindlicher
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||
Teil der Lehrpläne aller Schultypen sowie von Lehrveranstaltungen an Volkshochschulen
|
||
und Hochschulen werden. Um unsere Schüler*innen fit für die Zukunft zu machen, müssen
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Europakompetenzen im Unterricht stärker vermittelt werden. Dazu gehört der
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sequenzielle bilinguale Unterricht. Den „Orientierungsrahmen für den Lernbereich
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung“ sowie das
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Weltaktionsprogramm für nachhaltige Entwicklung (WAP BNE) wollen wir in Schulen und
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Bildungseinrichtungen umsetzen.
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Wir ermutigen Schulen dazu, Europaschulen zu werden. Außerdem wollen wir EU-Jugend-
|
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und Austauschprogramme weiter ausbauen. Jede*r Schüler*in muss unabhängig vom
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||
Geldbeutel der Eltern die Möglichkeit haben, in seiner*ihrer Schullaufbahn Europa im
|
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Rahmen eines Kultur- oder Bildungsprojekts außerhalb von Deutschland zu erleben.
|
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Dem Lehrkräftemangel entgegentreten
|
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Der Mangel an Lehrer*innen ist unübersehbar. Der Unterrichtsausfall an allen
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||
Schulformen nimmt dramatisch zu. Die Beseitigung des Mangels erfordert erhebliche
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Anstrengungen. Wir wollen die Ausbildungskapazitäten massiv erweitern, um den Beruf
|
||
attraktiver gestalten zu können. Wir haben in der Landesregierung zuletzt Einiges in die
|
||
Wege geleitet, aber wir müssen unsere Anstrengungen noch erhöhen. Kürzung der
|
||
Stundentafeln lehnen wir ab. Die Zahl der Lehramtsstudienplätze im Land soll unter
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||
Berücksichtigung der Bedarfe je nach Fächern und Schulformen weiter erhöht werden.
|
||
Dies gilt insbesondere für Studiengänge mit einem Masterabschluss, die sowohl in das
|
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Lehramt als auch in andere Berufsfelder führen. Sie sind ein brauchbares Instrument, um
|
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auf Änderungen des Bedarfs nachhaltig zu reagieren. Die Ausbildungskapazitäten in den
|
||
Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch in allen Schulformen stehen dabei im
|
||
Mittelpunkt.
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Es sollen mehr Pädagog*innen mit einem Förderschwerpunkt als zweitem Fach
|
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ausgebildet und Lehrer*innen sowie pädagogische Fachkräfte der Schulen entsprechend
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fort- oder weitergebildet werden. Es soll auch mehr Schulpsycholog*innen geben, um die
|
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multiprofessionellen Teams an Schulen zu unterstützen und den vielfältigen
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Herausforderungen des Schulalltags professioneller begegnen zu können. Wir fordern
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eine Stärkung der allgemein-pädagogischen und fachdidaktischen Inhalte der
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||
Lehramtsausbildung, um künftige Lehrerinnen und Lehrer besser auf die praktische
|
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Vermittlung von Wissen und dabei auftretende Herausforderungen vorzubereiten.
|
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Ein wichtiges und notwendiges Mittel gegen den Mangel an Lehrer*innen sind Seiten-
|
||
und Quereinsteiger*innen. Dies sind Lehrkräfte, die kein Lehramt studiert haben, aber
|
||
einen für das Lehramt fachlich geeigneten Studienabschluss nachweisen können.
|
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Quereinsteiger*innen sollen nach einer Vorbereitung in das Referendariat aufgenommen
|
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werden. Seiteneinsteiger*innen sollen nach einem kurzen Vorbereitungskurs früher an die
|
||
Schulen
|
||
kommen.
|
||
Sie
|
||
benötigen
|
||
eine
|
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pädagogische
|
||
und
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||
fachdidaktische
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Weiterqualifikation und ein eventuell zweites Unterrichtsfach. Für Seiteneinsteiger*innen
|
||
muss
|
||
eine
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berufsbegleitende
|
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universitäre
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||
Weiterqualifizierungsmöglichkeit
|
||
in
|
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Kooperation mit den landeseigenen Universitäten verbindlich geregelt und zügig
|
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umgesetzt werden. Seiteneinsteiger*innen sollen über eine berufsbegleitende
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universitäre Weiterqualifizierung die fachliche, pädagogische und formale Gleichstellung
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mit den grundständig ausgebildeten Lehrkräften erreichen können. Durch ein Senior-
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Lehrkräfte-Programm wollen wir sie im Schulalltag besser unterstützen. Senior-
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||
Lehrkräfte sollen auch für die Begleitung der verpflichtenden Schulpraktika von
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||
Lehramtsstudierenden
|
||
gewonnen
|
||
werden.
|
||
Die
|
||
Beratung
|
||
sowie
|
||
die
|
||
Genehmigungsverfahren zum Seiteneinstieg müssen stetig verbessert und beschleunigt
|
||
werden. Besonders das Verfahren für freie Schulträger, muss vereinfacht werden und
|
||
gebührenfrei sein. Hier soll die jeweilige Schulleitung/Geschäftsführung diese
|
||
Entscheidung in eigener Kompetenz treffen können, wobei dem Landesschulamt dann
|
||
die stichprobenhafte Überprüfung zur Eignung der eingesetzten Lehrkräfte obliegt. Für
|
||
den
|
||
wechselseitigen
|
||
Austausch
|
||
und
|
||
um
|
||
voneinander
|
||
zu
|
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lernen,
|
||
soll
|
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es
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Veranstaltungsformate
|
||
geben,
|
||
in
|
||
denen
|
||
anfängliche
|
||
Schwierigkeiten
|
||
und
|
||
Lösungsstrategien im neuen Beruf thematisiert und zur Weiterentwicklung im beruflichen
|
||
Selbstverständnis genutzt werden können. Diese Erfahrungen sollt insbesondere zur
|
||
Weiterentwicklung von Schule durch das Landesinstitut für Schulentwicklung organisiert
|
||
und begleitet werden. Wir wollen, dass Seiten- und Quereinsteiger*innen mit einem
|
||
Masterabschluss in die Stufe E13 der Entgelttabelle als Einstiegsgehalt eingruppiert
|
||
werden. Lehrer*innen mit ausländischen Abschlüssen wollen wir den Weg ins Lehramt in
|
||
Sachsen-Anhalt erleichtern.
|
||
Die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte müssen verbessert werden. Wir wollen deshalb
|
||
die Einführung von Arbeitszeitkonten auf den Weg bringen. Alle geleisteten Überstunden
|
||
an Schulen sollen mit mindestens dem regulären Stundensatz einer Unterrichtsstunde
|
||
bezahlt werden. Dabei sollen Lehrkräfte frei entscheiden können, ob sie Mehrarbeit
|
||
vergütet bekommen oder ob sie diese langfristig in Freizeit umwandeln wollen.
|
||
Angeordnete Mehrarbeit soll bei maximal zwei Unterrichtsstunden gedeckelt werden. Wir
|
||
wollen die geltenden Regelungen zu Abminderungsstunden in der Qualifikationsphase
|
||
beibehalten.
|
||
Ein Konzept zur Rücknahme der Maßnahmen zur angeblichen Effizienzsteigerung,
|
||
insbesondere in der flexiblen Schuleingangsphase an den Grundschulen, muss entwickelt
|
||
und vorgelegt werden, um langfristig einen guten Personalschlüssel sicherzustellen.
|
||
Lehrkräfte sollen an allen Schulformen das Gleiche verdienen. Deshalb sollen auch
|
||
Grundschullehrkräfte nach Entgelttabelle E13/A13 bezahlt werden. Wir schlagen dafür
|
||
einen mehrstufigen Plan vor, um die Gehälter sukzessive anzugleichen. Wir wollen ein
|
||
Modellprojekt ins Leben rufen, das es befristet möglich macht, die nicht besetzten Stellen
|
||
in ein Budget umzuwandeln, das den Schulen zur Verfügung gestellt wird. Damit können
|
||
individuelle Lösungen vor Ort für die Entlastung von Lehrkräften oder ergänzende
|
||
Angebote zum Unterricht realisiert werden.
|
||
Jede staatliche und jede freie Schule soll so die Möglichkeit bekommen, besonderes
|
||
Engagement von Lehrkräften zu würdigen. Für die gezielte Wertschätzung von
|
||
Lehrkräften soll ein Budget im Landeshaushalt eingerichtet werden.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Berufliche Ausbildung für alle
|
||
Eine gute Zukunftschance für alle Jugendlichen ist ein Gebot der Gerechtigkeit und
|
||
unserer Solidarität. Sachsen-Anhalt leidet unter einem Fachkräftemangel, verstärkt durch
|
||
demografischen Wandel. Wichtig ist daher, allen jungen Menschen berufliche
|
||
Orientierung und Zugang zu vielfältigen praktischen Erfahrungen in der Berufswelt zu
|
||
ermöglichen. Um die verbindliche Berufsorientierung zu verbessern, soll die Berufs- und
|
||
Studienorientierung durch vielfältige Zugänge wie Praktika oder Berufsorientierungstage
|
||
in allen Schulformen angeboten werden. Zudem gilt es die MINT-Fächer im Fächerkanon
|
||
zu stärken, insbesondere mehr Schülerinnen für technische Berufe zu begeistern.
|
||
Für uns ist eine berufliche Ausbildung genauso wertvoll wie ein Studium. Wir wollen
|
||
daran mitwirken, den Ruf der Ausbildung aufzuwerten und den europäischen
|
||
Qualifikationsrahmen mit Leben zu füllen. Dies soll sich auch in der Vergütung von allen
|
||
Ausbildungen zeigen, indem sie unentgeltlich sind und besser entlohnt werden.
|
||
Besonderes Augenmerk soll hier auf Ausbildungsberufe wie Pflegekräfte, medizinisches
|
||
Personal, Erzieher*innen gelegt werden. Verantwortungsvolle Berufe müssen auch
|
||
entsprechend finanziell gewürdigt werden und für junge Menschen attraktiv sein zu
|
||
erlernen.
|
||
Berufsbildende Schulen sind wesentlicher Bestandteil einer zukunftsfähigen Aus- und
|
||
Weiterbildung.
|
||
Sie
|
||
werden
|
||
gerade
|
||
vor
|
||
dem
|
||
Hintergrund
|
||
gestiegener
|
||
Weiterbildungsanforderungen im Rahmen des Strukturwandels an Bedeutung gewinnen.
|
||
Wir wollen daher mit den Gewerkschaften, Arbeitgeber*innen, Kammern und den
|
||
Landkreisen einen Berufsschulpakt schließen und dafür Sorge tragen, dass die Standorte
|
||
der Berufsbildenden Schulen bedarfsgerecht weiterentwickelt werden. Im Rahmen eines
|
||
Berufsschulmonitors wollen wir die spezifischen Herausforderungen an den Standorten
|
||
ermitteln und evaluieren.
|
||
Besondere Herausforderungen sind der Mangel an Lehrkräften an berufsbildenden
|
||
Schulen sowie die viel zu hohe Zahl an Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss
|
||
beenden. Im Jahr 2018 waren dies laut einer Caritas-Studie in Sachsen-Anhalt 11,4
|
||
Prozent aller Schüler*innen. Besonders betroffen sind Schüler*innen, die ohne deutsche
|
||
Sprachkenntnisse in die Schule kommen und oft auf Grund von Sprachbarrieren den
|
||
Hauptschulabschluss
|
||
nicht
|
||
schaffen.
|
||
Eine
|
||
zweite
|
||
Chance
|
||
gibt
|
||
es
|
||
im
|
||
Berufsvorbereitungsjahr (BVJ). Hier werden an etwa 20 Standorten in Sachsen-Anhalt
|
||
berufsvorbereitende Kompetenzen und Allgemeinbildung vermittelt. Durch die
|
||
Teilnahme an einem Kolloquium am Ende des BVJ kann dann ein Schulabschluss
|
||
nachgeholt werden. Den durch die sehr heterogene Schüler*innenschaft bedingten
|
||
Herausforderungen müssen wir gezielt mit einer umfassenden Willkommens- und
|
||
Ankommenskultur begegnen. Dafür wollen wir ausländische Abschlüsse schneller und
|
||
kostengünstiger anerkennen und prüfen, wie der Zugang zu Ausbildungen noch weiter
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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erleichtert werden kann. Beratungsstrukturen für migrantische Arbeitskräfte, wie
|
||
beispielsweise das EU-geförderte Landesprojekt BemA müssen fortgeführt werden.
|
||
Es darf niemand abgehängt oder aufgegeben werden. Wenn Unterstützung hilft, dann
|
||
wollen wir sie ermöglichen. Wir setzen uns deshalb auch für die Beibehaltung der
|
||
Einstiegsqualifizierung (Plus) und der assistierten Ausbildung der Agenturen für Arbeit
|
||
ein. Die Notwendigkeit eines Landesprogrammes zur Ausbildungsplatzgarantie soll
|
||
geprüft und wenn nötig umgesetzt werden, denn Ausbildung ist ein Recht für alle,
|
||
unabhängig von demografischen und wirtschaftlichen Entwicklungen.
|
||
Kleine und mittlere Betriebe und Unternehmen benötigen Unterstützung bei der
|
||
Ausbildung. In der Corona-Pandemie war es nicht allen Unternehmen möglich, ihre
|
||
Auszubildendenplätze zu erhalten. Gemeinsam mit den Unternehmen wollen wir Wege
|
||
suchen, ihre Ausbildungsplätze zu erhalten und neue zu schaffen, um dadurch jungen
|
||
Menschen
|
||
eine
|
||
Ausbildung
|
||
zu
|
||
ermöglichen.
|
||
Gemeinsame
|
||
Kooperation
|
||
in
|
||
Verbundausbildungen, bei der die Ausbildungsinhalte zusammen mit den Kammern in
|
||
Modulen organisiert werden, ist ein vielversprechender Ansatz. Wir wollen allen jungen
|
||
Menschen durch individuelle sozialpädagogische Ausbildungsbegleitung und Coaches zu
|
||
einer erfolgreichen beruflichen Ausbildung verhelfen. Die Unterstützungsangebote
|
||
müssen unbürokratisch und für Jugendliche erreichbar sein.
|
||
Wir fordern die Fortsetzung der Eingliederung von Umschüler*innen in den Arbeitsmarkt,
|
||
unterstützt durch eine Zertifizierung für das Landesschulamt. Das ist seit über fünf Jahren
|
||
ein Erfolgsmodell. Diese gute Praxis der Qualitätssicherung und Zertifizierung muss
|
||
ausgebaut werden, denn sie ermöglicht den Berufsbildenden
|
||
Schulen eigenverantwortlicheres Handeln zugunsten aller Auszubildenden.
|
||
Wir wollen Auszubildendenwohnheime analog zu Studierendenwohnheime an
|
||
Standorten schulischer beruflicher Bildung stützen, um noch mehr Auszubildenden die
|
||
wohnortnahe
|
||
Ausbildung
|
||
zu
|
||
ermöglichen.
|
||
Die
|
||
Möglichkeit,
|
||
mittels
|
||
des
|
||
Erasmusprogramms die Ausbildung teilweise in einem anderen EU-Staat zu absolvieren,
|
||
wollen wir bekannter machen. Im Bereich der fachschulischen Ausbildung wollen wir eine
|
||
generelle Schulgeldfreiheit realisieren. Im Bereich der Gesundheitsberufe ist dies seit
|
||
langem überfällig und schnellstmöglich umzusetzen.
|
||
Die Humboldt’sche Universität im 21. Jahrhundert etablieren
|
||
Das fruchtbare Zusammenspiel von Forschung und Lehre, die Freiheit der Wissenschaft
|
||
von politischen Zwängen und Hochschulen als Orte des gleichberechtigten, kritischen
|
||
Diskurses unter Studierenden und Lehrenden sind die Richtschnur unserer
|
||
Hochschulpolitik. Im 21. Jahrhundert gehören hierzu auch das Streben nach guten
|
||
Arbeitsbedingungen,
|
||
verlässlichen
|
||
Karrierewegen,
|
||
Geschlechtergerechtigkeit,
|
||
Chancengleichheit und die fortschreitende Internationalisierung von Studiengängen.
|
||
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Hochschulbildung muss neu gedacht werden, und zwar unter gleichberechtigter
|
||
Beteiligung von Studierenden, Professor*innen, wissenschaftlichem Mittelbau und allen
|
||
anderen Mitarbeiter*innen. Das Mandat dieser vier beteiligten Statusgruppen ist
|
||
gegenüber den Hochschulleitungen und dem Land zu stärken. Ein ausgewogenes Modell
|
||
zur Viertelparität der Statusgruppen in der akademischen Selbstverwaltung war im
|
||
Entwurf des neuen Hochschulgesetzes schon weit entwickelt, konnte aber letztlich nicht
|
||
durchgesetzt werden. Wir halten an der Forderung weiter fest. Auch soll die
|
||
Universitätsleitung durch ein von Studierenden besetztes Prorektorat ergänzt werden.
|
||
Weiterhin muss der kompetente Umgang mit Genderfragen und Diversität, insbesondere
|
||
bei Führungskräften, stärker im Hochschulalltag praktiziert werden.
|
||
Drittmittel für Universitäten sind keine grundsätzlich abzulehnende Finanzierungquelle.
|
||
Aber die Wissenschaft nimmt derzeit massiven Schaden durch eine zu große Abhängigkeit
|
||
von Drittmittelprojekten. Diese sind in erheblichem Umfang politisch oder anderweitig
|
||
fremd gesteuert. Sie verursachen vor allem einen erheblichen Zeitaufwand für
|
||
Antragsteller*innen und Projektbearbeiter*innen, der für deren wissenschaftliche Arbeit
|
||
verloren geht. Neben einer verbesserten Grundfinanzierung wollen wir in Sachsen-Anhalt
|
||
ein Modell zur befristeten Mittelzuweisung entwickeln. Bei diesem werden Gelder jeweils
|
||
aufgrund der bereits erbrachten und nicht der geplanten wissenschaftlichen Leistungen
|
||
bewilligt, da innovative Forschung nicht immer planbar ist. Die Mittel sollen nicht an die
|
||
Verwendung in einer bestimmten Einrichtung gebunden sein. Den Wissenschaftler*innen
|
||
wird die Möglichkeit gegeben, sich selbstständig zu Forschungsgruppen oder Instituten
|
||
zusammen zu tun, um an gemeinsamen Projekten zu arbeiten.
|
||
Wenn die Anzahl von Publikationen und anderer einfacher Zahlenindikatoren bei
|
||
wichtigen Entscheidungen unreflektiert verwendet wird, schadet es der Wissenschaft. Wir
|
||
wollen
|
||
stattdessen
|
||
alle
|
||
Maßnahmen
|
||
unterstützen,
|
||
die
|
||
die
|
||
Qualität
|
||
von
|
||
wissenschaftlichen Leistungen bei Beurteilungen und Entscheidungen in den Mittelpunkt
|
||
stellen.
|
||
In Lehre und Forschung investieren
|
||
Leistungsfähige und international ausgerichtete Hochschulen sind zentrale Pfeiler der
|
||
Zukunftspolitik für Sachsen-Anhalt, in die wir investieren wollen. Die Hochschulen sind
|
||
hierzulande immer noch unterfinanziert, auch wenn wir die Kürzungspolitik der
|
||
Vergangenheit beendet haben. Um die Freiheit von Lehre und Forschung zu
|
||
gewährleisten, ist eine angemessene Grundfinanzierung der Hochschulen zu sichern.
|
||
Hierfür müssen auch die von den Hochschulen und Universitäten zu leistenden Corona-
|
||
Solidaritätsbeiträge zurückgenommen werden. Diese dürfen auch nicht durch ein anderes
|
||
Mittel, wie etwa einem Konsolidierungsbeitrag, ersetzt werden. Insgesamt ist eine solide
|
||
Grundausstattung der Hochschulen des Landes eine wichtige Voraussetzung für deren
|
||
nationale und internationale Konkurrenzfähigkeit. Die Stellenpläne der Universitäten
|
||
sollen abgeschafft werden.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Studiengebühren lehnen wir ab. Die Langzeitstudiengebühren wurden abgeschafft, jetzt
|
||
müssen auch die Zweitstudiengebühren bei beruflicher Umorientierung entfallen. Die
|
||
Möglichkeiten zum Teilzeitstudium für alle, zum Beispiel für Studierende mit Kindern
|
||
oder mit teilweiser Berufstätigkeit, wollen wir weiter ausbauen.
|
||
Die Hochschulen müssen den Weg zu einem erfolgreichen Hochschulstudium eröffnen.
|
||
Dafür braucht es flexible Angebote zur Qualifizierung aller Menschen. Dies gilt auch für
|
||
Menschen ohne Abitur, für Menschen mit Behinderungen sowie für Menschen mit
|
||
unterschiedlichen
|
||
kulturellen
|
||
Hintergründen
|
||
und
|
||
aus
|
||
unterschiedlichen
|
||
Herkunftsländern gleichermaßen.
|
||
Die prekären Beschäftigungsverhältnisse an unseren Hochschulen wollen wir beenden.
|
||
Der wissenschaftliche Nachwuchs braucht international konkurrenzfähige Karrierepfade,
|
||
zum Beispiel mit mehr Tenure-Track-Professuren und mehr unbefristeten Stellen.
|
||
Grundlagen hierzu wurden in der laufenden Wahlperiode gelegt. Wir wollen das Konzept
|
||
weiter ausbauen. In den forschungsstarken Bereichen der Hochschulen für angewandte
|
||
Wissenschaften sollen Stellen für die wissenschaftliche Weiterqualifikation und für
|
||
unbefristeten Mittelbau geschaffen werden. Im Bundesrat wollen wir uns für eine
|
||
Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetz einsetzen.
|
||
Wir wollen das Hochschulmedizingesetz endlich modernisieren. Es braucht unter
|
||
anderem eine rechtliche Klarstellung, um die wirtschaftliche Betätigung der
|
||
Universitätsklinika zu ermöglichen und die Verankerung von Gleichstellung wie im
|
||
Hochschulgesetz.
|
||
Wegen der langen Ausbildungszeiten fordern wir, dass für Psychotherapeut*innen die
|
||
Ausbildung nach altem Recht noch bis zum Jahr 2032 angeboten wird. Genauso setzen
|
||
wir uns dafür ein, dass das Landesprüfungsamt für Gesundheitsberufe die Prüfungen nach
|
||
altem Recht großzügig bis zum Jahr 2035 gewährt. Für den neuen Direktstudiengang
|
||
Psychotherapie in Magdeburg sollen die sich ergänzenden Kapazitäten an beiden
|
||
Hochschulen kooperativ genutzt werden.
|
||
Wir wollen mehr Berufungen im Bereich der nachhaltigen Entwicklung fördern und
|
||
künftig in den Zielvereinbarungen verankern. Dies gilt zum Beispiel für Forschung zu Bio-
|
||
Landwirtschaft, Radverkehr sowie Queer Studies und Genderstudies.
|
||
Gute Lehre fördern
|
||
Wir wollen ein selbstbestimmtes Studium und dafür die derzeitig gängige Praxis der
|
||
Massenabfertigung überwinden. Auch die Verschulung und Bürokratisierung in den
|
||
Bachelor- und Masterstudiengängen, die durch den Bologna-Prozess entstanden ist,
|
||
sollen Vergangenheit werden. Zu einem umfassenden Bildungsverständnis gehört Zeit für
|
||
gesellschaftliches Engagement, die in den Studienordnungen Eingang finden muss.
|
||
Darum wollen wir uns auf Bundesebene dafür einsetzen, dass Zeit für ehrenamtliches
|
||
Engagement in den BAföG-Richtlinien ermöglicht wird. Die Hochschulen müssen
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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außerdem in ausreichender Zahl Studienplätze für das Masterstudium zur Verfügung
|
||
stellen und Studiengänge für die Lehrämter und Erzieher*innen modernisieren.
|
||
Der Beruf der Lehrer*innen wird anspruchsvoller und vielfältiger. Der Umgang mit
|
||
zunehmend heterogenen und inklusiven Lerngruppen stellt eine Herausforderung an die
|
||
Ausstattung der Schulen, aber auch an die Ausbildung der Lehrer*innen dar. Notwendig
|
||
ist, die pädagogischen, didaktischen und psychologischen Anteile im Studium und im
|
||
Referendariat zu erhöhen. Diese sollen gleichgewichtig neben der fachlichen Ausbildung
|
||
stehen. Auch fächerübergreifender Unterricht muss ein stärkeres Gewicht bekommen.
|
||
Kompetenzentwicklung zu gelebter Demokratie, verstärktem Umweltbewusstsein,
|
||
gelingender Inklusion, interkulturellem Miteinander und Deutsch als Zweitsprache
|
||
skizzieren die Eckpunkte einer zukunftsorientierten Ausbildung in Studium und
|
||
Referendariat sowie der Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften. Besonders wichtig ist
|
||
die Schulung des produktiven Umgangs mit heterogenen Lerngruppen und kultureller
|
||
Diversität. Dies gilt insbesondere hinsichtlich berufsbildender Schulen, die das
|
||
Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) zum Nachholen eines anerkannten Schulabschlusses
|
||
anbieten.
|
||
Die Lehramtsstudiengänge müssen sich zukünftig am Alter der Schüler*innen, somit an
|
||
den entwicklungspsychologischen und didaktischen Unterschieden, und nicht mehr an
|
||
den Schulformen orientieren. Daraus resultiert das Studium des Lehramts an
|
||
Grundschulen sowie der Sekundarstufen I und II. Die Lehramtsstudiengänge sollen mit
|
||
einer gemeinsamen Studieneingangsphase beginnen. Für alle Beschäftigten muss es
|
||
zertifizierte Fortbildungen geben, die es ihnen erlauben, sich den wandelnden
|
||
Anforderungen kompetent zu stellen. Europakompetenzen müssen ins Lehramtsstudium
|
||
geeigneter Fächer integriert werden. Sie sollen auch in Weiterbildungsangeboten
|
||
verstärkt angeboten werden. Die Erweiterung der Lehrkräfteausbildung für das Lehramt
|
||
an berufsbildenden Schulen um das Fach Englisch wollen wir unterstützen.
|
||
Um gerade Jungen in Kindergarten und Grundschule die Identifikation mit männlichen
|
||
Vorbildern zu ermöglichen, unterstützen wir alle Maßnahmen, die das Ziel haben, den
|
||
Männeranteil im Erzieher- und Grundschullehrberuf deutlich anzuheben.
|
||
Nachhaltig forschen
|
||
Wissenschaft und Forschung zu Nachhaltigkeit wollen wir in Sachsen-Anhalt als eine
|
||
zentrale Leitidee zukünftiger Hochschulentwicklung fest verankern. Hierzu benötigen wir
|
||
konkurrenzfähige Förderprogramme und thematische Schwerpunkte unter dem
|
||
Gesichtspunkt einer nachhaltigen und ökologischen Lebensweise. Sachsen-Anhalt soll
|
||
seine Spitzenposition bei den Erneuerbaren Energien behalten. Hierbei messen wir der
|
||
Forschung zu Speichertechniken und intelligenten Stromnetzen eine besondere
|
||
Bedeutung zu. Das wird sich langfristig für unser Land rechnen. Gleichzeitig sollen die
|
||
Hochschulen selbst die netto CO2-Neutralität bis 2030 erreichen. Dafür sollen sie 100
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Prozent
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Erneuerbare
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||
Energien
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||
für
|
||
die
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||
Stromversorgung
|
||
nutzen,
|
||
bessere
|
||
Gebäudedämmung und ein Umweltmanagementsystem (EMAS) einsetzen.
|
||
Dem Tierschutz in der Forschung messen wir große Bedeutung zu. Die Gewissensfreiheit
|
||
der Studierenden muss gewahrt bleiben. Niemand sollte gegen sein Gewissen gezwungen
|
||
werden, Tiere zu sezieren. Darum wollen wir, die Pflicht zum Sezieren von Tieren in der
|
||
gesamten Ausbildung dort abschaffen, wo es nicht unbedingt notwendig ist.
|
||
Das öffentliche Erkenntnisinteresse muss erheblich sein, um den Einsatz von Labortieren
|
||
in Ausnahmefällen zu rechtfertigen. Diese Versuchstiere müssen nachweisbar artgerecht
|
||
gehalten werden. Die Entwicklung von Alternativverfahren müssen stärker gefördert
|
||
sowie Ersatzmethoden schneller anerkannt werden. Deshalb setzen wir uns für eine,
|
||
bestenfalls bundesweite, Datenbank für alle bisher bekannten Alternativ- und
|
||
Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen ein.
|
||
Gute Wissenschaft benötigt die Unabhängigkeit der Forschung an den Hochschulen,
|
||
deshalb wollen wir, dass Kooperationen mit Unternehmen transparent gestaltet werden
|
||
müssen.
|
||
Nachhaltigkeit auch in Betrieb, Lehre und Governance
|
||
Die Einführung von Nachhaltigkeitsbüros und Green-Offices hat sich auch in Sachsen-
|
||
Anhalt bewährt. An allen Hochschulen und an einigen Forschungsinstituten gibt es
|
||
Bestrebungen für mehr Nachhaltigkeit, gefördert/gefordert durch Studierende,
|
||
Mitarbeitende, Lehrende und teilweise durch die Hochschulleitungen. Diese
|
||
Bestrebungen sollen gebündelt und weiter personell und strukturell unterstützt werden.
|
||
Deshalb müssen an allen Hochschulen Nachhaltigkeitsbeauftragte benannt und
|
||
möglichst überall Nachhaltigkeitsbüros mit personeller Struktur geschaffen werden. Im
|
||
Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Digitalisierung soll hierfür eine
|
||
Koordinierungs- und Beratungsstelle geschaffen werden. Sie soll die Hochschulen und
|
||
Forschungsinstitute sowie ihre Mitglieder und Leitungen zur Implementierung von
|
||
nachhaltiger Entwicklung in Betrieb, Governance, Lehre und Forschung beraten. Diese
|
||
Koordinierungs- und Beratungsstelle soll fester Bestandteil des landesweiten Netzwerks
|
||
für Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) sein.
|
||
MINT-Bildung stärken
|
||
Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) sind entscheidende
|
||
Fächer und Kompetenzen für zukünftige Arbeitsmärkte. Schulen und Hochschulen mit
|
||
mehr MINT-Absolvent*innen sind ein entscheidender Standortvorteil für Sachsen-Anhalt.
|
||
Die schulische Didaktik hängt hier jedoch weit den Anforderungen der Wissenschaft und
|
||
Wirtschaft hinterher. Deswegen wollen wir im Rahmen des Strukturwandels im
|
||
ehemaligen Kohlerevier ein neu zu gründendes angewandtes MINT-Schuldidaktik-
|
||
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Institut, in Anlehnung an außeruniversitäre Forschungsinstitute, etablieren. An diesem
|
||
sollen Lehrer*innen, Erzieher*innen und Wissenschaftler*innen neue Formen der
|
||
Vermittlung von MINT-Wissen in Kooperation mit Unternehmen erforschen, an Schulen
|
||
einsetzen und anschließend evaluieren. Mithilfe erfolgreicher Vermittlungsformen kann
|
||
so eine Breitenqualifikation von Lehrkräften erfolgen.
|
||
Weiterhin sollen Studierende sowohl in Vorkursen als auch während des Studiums im
|
||
MINT-Bereich stärker praktisch aktiv werden können. Hierzu können Maker-Labs und
|
||
Kurse in nützlichen Grundfertigkeiten wie Schweißen, Löten, Reparieren oder
|
||
Programmieren zum Einsatz kommen. Diese können durch Repair-Cafés, Netz-Cafés und
|
||
freie Werkstätten auf dem Campus ergänzt werden. Derartige Einrichtungen und
|
||
studentische Eigeninitiative wollen wir auf Landesebene fördern und von den
|
||
Hochschulen in den Zielvereinbarungen einfordern. Darüber hinaus sollten die
|
||
Studierenden während ihres Studiums mehr Möglichkeiten haben, zum Betrieb der
|
||
Hochschule mit eigenen Projekten und Abschlussarbeiten beizutragen. So kann
|
||
beispielsweise eine campuseigene Photovoltaikanlage geplant, die Mensa energetisch
|
||
optimiert oder eine Campus-App programmiert werden. Dadurch wird der Campus selbst
|
||
zum Experimentierfeld.
|
||
Mehr Frauenpower für die Wissenschaft
|
||
Die Gesamtzahl der weiblichen und männlichen Studierenden ist durchschnittlich
|
||
ausgeglichen. Auch bis zur Promotion liegt diese Verteilung nahezu bei jeweils 50
|
||
Prozent. Auf den folgenden Karrierestufen und in Führungspositionen nimmt der Anteil
|
||
der Frauen jedoch weiterhin deutlich ab. Auch sind Frauen in den Fächern Mathematik,
|
||
Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) stark unterrepräsentiert. Die fest
|
||
etablierte Koordinierungsstelle Genderforschung und Chancengleichheit Sachsen-Anhalt
|
||
(KGC) unterstützt aktiv die Gleichstellungsarbeit der Hochschulen. Sie arbeitet mit
|
||
Programmen zur Unterstützung von Karrierewegen in der Wissenschaft und zur
|
||
Förderung von Frauen in den MINT-Fächern, unter anderem bei der Studienwerbung.
|
||
Diese Programme sind teilweise vom Bund nur zeitweise bewilligt. Daher sollen sie
|
||
evaluiert und gegebenenfalls aus Landesmitteln weitergeführt werden. Das Studium und
|
||
die Wissenschaft als Beruf müssen familienfreundlicher gestaltet werden.
|
||
Im neuen Hochschulgesetz werden die Hochschulen verpflichtet, bei Berufungen in der
|
||
Beurteilung
|
||
der
|
||
wissenschaftlichen
|
||
Leistungen
|
||
Schutzfristen
|
||
nach
|
||
dem
|
||
Mutterschutzgesetz, Kindererziehungszeiten sowie Zeiten der Pflege von Angehörigen zu
|
||
berücksichtigen.
|
||
Die
|
||
konsequente
|
||
Umsetzung
|
||
aller
|
||
Fördermaßnahmen
|
||
und
|
||
Bestimmungen muss durch konsequentes Gender-Controlling und Monitoring mit
|
||
Sanktionsmöglichkeiten überwacht werden.
|
||
Nach der Promotion soll der Frauenanteil jeder wissenschaftlichen Karrierestufe
|
||
mindestens so hoch sein, wie derjenige der direkt darunterliegenden Qualifizierungsstufe,
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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bis die Professuren geschlechtergerecht verteilt sind. Deshalb wollen wir, dass
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Stellenbesetzungen nur noch gemäß diesem Kaskadenmodell erfolgen. Zur Sicherung der
|
||
Teilhabe von Frauen in Entscheidungsgremien der Hochschule sind Frauen bei der
|
||
Besetzung von Gremien und Organen der Selbstverwaltung angemessen zu
|
||
berücksichtigen. Bei der Aufstellung von Listen und Kandidaturen für Wahlorgane und
|
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Wahlgremien sind unterrepräsentierte Geschlechter zumindest ihrer Anteile an der
|
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jeweiligen
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Mitgliedergruppe
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entsprechend
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durch
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eine
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Quotenregelung
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zu
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berücksichtigen.
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Willkommenskultur für Studierende und Wissenschaftsnachwuchs
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Die Hochschulen in Sachsen-Anhalt müssen noch deutlich attraktiver für internationale
|
||
Nachwuchswissenschaftler*innen werden. Dafür muss die Willkommenskultur an
|
||
Hochschulen, sowohl für Studierende als auch für Wissenschaftler*innen und deren
|
||
Familien ausgebaut werden. Internationale Wissenschaftler*innen schaffen zum Beispiel
|
||
durch Drittmitteleinwerbung hochqualifizierte Arbeitsplätze und liefern neue Impulse für
|
||
Technologiefirmengründungen. Im Wettbewerb um die klügsten Köpfe müssen Nachteile,
|
||
wie beispielsweise Anreisekosten zu Vorstellungsgesprächen, ausgeglichen sowie
|
||
Diskriminierung fördernde Strukturen und bürokratische Hürden abgebaut werden.
|
||
Dabei
|
||
gibt
|
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es
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einige
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Beispiele
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für
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effektive
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Methoden,
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um
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exzellente
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Nachwuchsforscher*innen zu gewinnen. Das Land fördert die Nachwuchsprojekte des
|
||
European Research Council. Kostengünstige digitale Möglichkeiten bei der Rekrutierung,
|
||
zum Beispiel durch Postdoc-Netzwerke, sollten genutzt werden. Berufungssymposien,
|
||
wie in England praktiziert, sollten eingeführt werden. Die Evaluierung von Leistungen bei
|
||
Tenure-Track-Verfahren und darüber hinaus darf sich nicht auf wenige und teilweise
|
||
ungeeignete
|
||
Parameter
|
||
beschränken.
|
||
Sie
|
||
muss
|
||
Lehrleistungen,
|
||
sowie
|
||
Öffentlichkeitsarbeit und sonstige Aktivitäten angemessen berücksichtigen. Sachsen-
|
||
Anhalt ruft bisher jährlich große Summen von EU-Fördergeldern im Bereich Forschung
|
||
nicht ab. Das wollen wir gezielt verbessern. Mit dauerhafter personeller und finanzieller
|
||
Unterstützung soll der Abruf verstetigt werden. Die soziale Infrastruktur sollte weiterhin
|
||
in
|
||
einem
|
||
Welcome-Center
|
||
gebündelt
|
||
werden,
|
||
welches
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||
auch
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||
Anliegen
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||
wie
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||
Wohnungsfragen, Sprachkurse und den Familiennachzug vereinfacht.
|
||
Lebenslanges Lernen
|
||
Lernen endet nicht mit dem Abschluss der Berufsausbildung oder des Studiums. Wir
|
||
treten für lebenslanges Lernen ein. Das Bildungsfreistellungsgesetz muss modernisiert
|
||
und durch eine Kampagne bekannter gemacht werden. Bildungsurlaub soll nicht nur für
|
||
berufliche Weiterbildung, sondern zum Beispiel auch für Fremdsprachen, politische
|
||
Bildung, Natur- und Umweltschutz sowie den Erwerb von Medienkompetenz gewährt
|
||
werden.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Die Angebote zu Weiterqualifikationen und Fortbildungen an den Hochschulen müssen
|
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ausgebaut und stärker in den Lehrdeputaten als Dienstaufgaben in der Lehre
|
||
berücksichtigt werden, was mehr Personalmittel erforderlich macht. Zudem soll es für
|
||
Lehrkräfte verpflichtende Fortbildungen, sowie Weiterqualifizierungen und Beratungen
|
||
insbesondere
|
||
in
|
||
den
|
||
Bereichen
|
||
Förderpädagogik,
|
||
Medienbildung
|
||
und
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||
Demokratiepädagogik geben. Dabei sind verschiedene Unterrichtsformate, schulinterne
|
||
Kooperationsformen
|
||
für
|
||
heterogene
|
||
Lerngruppen,
|
||
die
|
||
Entwicklung
|
||
von
|
||
fächerübergreifenden Aufgaben für unterschiedliche Lernniveaus sowie gezielte
|
||
Unterstützung im Umgang mit interkulturellen Differenzen zu berücksichtigen.
|
||
Zu
|
||
guten
|
||
Bedingungen
|
||
für
|
||
lebenslanges
|
||
Lernen
|
||
gehören
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||
Programme
|
||
von
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||
Volkshochschulen und Senior*innenakademien ebenso wie bezahlbare und erreichbare
|
||
Kursangebote, auch in den ländlichen Räumen. Abendschulen sowie verstärkte Angebote
|
||
zur Alphabetisierung und Grundbildung unterstützen wir nachdrücklich.
|
||
Informationen allen zugänglich machen
|
||
Zum freien Zugang zu Informationen gehören auch verlässliche Informationsträger.
|
||
Daher setzen wir uns für ein Verbot von Werbung, Sponsoring und anderen Versuchen der
|
||
Einflussnahme (beispielsweise kostenlose „Unterrichtsmaterialien“ mit einseitiger
|
||
Ausrichtung an bestimmte Interessen), an Kindertagesstätten und Schulen in unserem
|
||
Bundesland ein. Mit staatlichen Geldern erforschtes Wissen gehört der Allgemeinheit und
|
||
muss frei verfügbar sein. Wir unterstützen daher nachdrücklich „Open Access“-Initiativen
|
||
und Netzneutralität.
|
||
Das Bund-Länder-Kooperationsverbot in der Bildung abschaffen
|
||
Das Grundgesetz wurde im Rahmen der Föderalismusreform unsinnigerweise so
|
||
geändert, dass der Bund sich in der Bildungspolitik schwerer engagieren kann. Der Bund
|
||
muss angesichts knapper Kassen in den Ländern und Kommunen mehr Verantwortung
|
||
für die Bildungsfinanzierung übernehmen. Über den Bundesrat wollen wir uns dafür
|
||
einsetzen, diesen Passus im Grundgesetz wieder ganz zu streichen. Wir sind für stärkere
|
||
Kooperation in der Bildung, um ein ausgeglichenes Bildungsangebot sicherzustellen.
|
||
Damit wollen wir zum Beispiel Probleme beim Umzug von Schulkindern über
|
||
Landesgrenzen abbauen. Wir sind für ein bundesweit vergleichbares Abitur. Die kleinen
|
||
Fächer, die nur an wenigen Hochschulen angeboten werden, die „Orchideenfächer“,
|
||
müssen besser koordiniert und vom Bund gefördert werden, weil sie einen überregionalen
|
||
Bedarf abdecken.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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VII Soziales
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Wir wollen, dass alle Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben
|
||
und ein Leben in Würde führen können, von der Geburt bis ans Sterbebett. Unsere
|
||
Sozialpolitik soll Bedingungen für eine angemessene Grundsicherung und den Rahmen
|
||
für eine selbstbestimmte Lebensführung schaffen. Alle sollen die Unterstützung
|
||
bekommen, die sie in ihrer persönlichen Situation benötigen und die ihnen eine
|
||
Perspektive für die eigene Entwicklung eröffnet. Wir brauchen einen Wandel weg von
|
||
einer nachsorgenden Sozialpolitik, die auf bestehende Probleme und Defizite fokussiert
|
||
ist, hin zu einer Sozialpolitik, die präventiv wirkt.
|
||
Sicherung des Existenzminimums
|
||
Unsere Politik zielt auf eine Existenzsicherung von der Wiege bis zur Bahre. Die soziale
|
||
Sicherung bedeutet für uns, den Menschen über ihre gesamte Lebensspanne hinweg den
|
||
Grundbedarf zu garantieren. Die Maßnahmen dazu sind eine sanktionsfreie und
|
||
armutsfeste
|
||
Kindergrundsicherung,
|
||
Ausbildungsförderung
|
||
und
|
||
Grundsicherung
|
||
unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus. Wir unterstützen Bundesratsinitiativen,
|
||
die darauf abzielen.
|
||
Leistungsbezug bürger*innennäher gestalten
|
||
Sozialpolitik muss lebenslang Chancen für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung
|
||
eröffnen. Für die Entwicklung einer modernen Sozialpolitik müssen Menschen die
|
||
Möglichkeit haben, Netzwerke und individuelle Unterstützungsangebote kombinieren zu
|
||
können. Deshalb wollen wir weg vom Schubladensystem in der Beurteilung von
|
||
Menschen nach Syndromen und Symptomen hin zu individueller Beurteilung. Der Mensch
|
||
mit seiner persönlichen Situation und seinen persönlichen Bedürfnissen gehört in den
|
||
Mittelpunkt
|
||
von
|
||
Sozialplanung.
|
||
Sachsen-Anhalt
|
||
soll
|
||
zunächst
|
||
in
|
||
inklusiven
|
||
Modellprojekten Case-Management als Instrument der Sozialplanung erproben – mit
|
||
dem Ziel es zum Standardinstrument der Sozialplanung zu machen.
|
||
Wir denken das System für unterstützende staatliche Leistungen von den Bürger*innen
|
||
mit einem Lebensmittelpunkt in Deutschland her, nicht in den Rechtskreisen
|
||
Arbeitsmarktinstrumente, Hilfe für Menschen mit Behinderungen, Kinder- und
|
||
Jugendhilfe, Kranken- und Pflegeversicherung. Dieses System der verschiedenen
|
||
Rechtskreise funktioniert oft unzureichend, weil viele Menschen mehrfache, vielfältige
|
||
und zusammenhängende Bedarfe haben. Wir wollen erreichen, dass es in jedem Landkreis
|
||
und jeder kreisfreien Stadt eine rechtskreisübergreifende und mehrsprachige
|
||
Beratungsstelle gibt und die Leistungen im besten Falle rechtskreisübergreifend erbracht
|
||
werden.
|
||
Dafür
|
||
wollen
|
||
wir
|
||
Modellprojekte
|
||
starten.
|
||
Die
|
||
entsprechenden
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
Ausführungsgesetze zu den Sozialgesetzbüchern sollen dafür überarbeitet werden.
|
||
Sowohl im Bereich der Hilfe für Ältere und Menschen mit Behinderungen wie auch im
|
||
Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ist dies ein notwendiger Schritt, um den
|
||
Leistungsbezug bürger*innenfreundlicher zu gestalten, Synergien zwischen den
|
||
Leistungssystemen zu nutzen und Bürokratie letztlich abzubauen.
|
||
Kinder- und Jugendarmut bekämpfen
|
||
Derzeit lebt nahezu jedes vierte Kind in Sachsen-Anhalt in Armut. Dies bleibt eine massive
|
||
sozialpolitische Herausforderung, auf die wir antworten müssen. Alle Kinder, die in Armut
|
||
leben, sind vielfältigen Formen der Benachteiligung ausgesetzt: Nachteile in der Schule
|
||
und Ausbildung, schlechtere Gesundheit oder Vorsorge, eingeschränkter Zugang zu Kultur
|
||
sowie zu angemessenem Wohnraum. Die Corona-Pandemie hat diese Situation in vielen
|
||
Bereichen noch verschärft. Deshalb setzen wir uns für eine armutsfeste allgemeine
|
||
Kindergrundsicherung
|
||
für
|
||
alle
|
||
hier
|
||
lebenden
|
||
Kinder
|
||
-
|
||
unabhängig
|
||
ihrer
|
||
Staatsangehörigkeit oder ihres Aufenthaltsstatus ein und wollen dies auf Bundesebene
|
||
voranbringen.
|
||
Neben dieser direkten finanziellen Bekämpfung von Kinderarmut und flankierenden
|
||
arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, die direkt auf die Einkommenssituation von Eltern
|
||
zielen, möchten wir insbesondere Schutzfaktoren gegen Armut befördern, also Kinder und
|
||
junge Menschen in ihrer Resilienz stärken, damit sie besser mit widrigen Umständen
|
||
umgehen können. Mit dieser Zielstellung wurden in dieser Legislatur auf unser Betreiben
|
||
hin 100 zusätzliche Stellen für die Förderung von Kitas mit besonderen Bedarfen
|
||
geschaffen. Basierend auf diesen Erfahrungen wollen wir zusätzliche solcher Stellen
|
||
flächendeckend
|
||
im
|
||
Land
|
||
etablieren,
|
||
um
|
||
insbesondere
|
||
die
|
||
vielfaltsbewusste
|
||
Kitasozialarbeit als Instrument der Frühförderung für eine chancengerechte soziale
|
||
Teilhabe damit zu befördern. Weitere Schutzfaktoren gegen Kinder- und Jugendarmut
|
||
wollen wir in einem breiten Bündnis entwickeln. Ausbau und finanzielle Besserstellung
|
||
der Jugend(verbands-)arbeit, der Kinder- und Jugendfreizeiten, der landesweiten
|
||
Jugendbildung wie auch der landesweiten Jugendbildungsstätten sind entsprechende
|
||
Ansatzpunkte. Wir wollen Präventionsketten etablieren und verstetigen, beginnend mit
|
||
den Frühen Hilfen bis hin zur sozialpädagogischen Ausbildungsbegleitung.
|
||
Im stationären Bereich der Hilfen zur Erziehung haben kommunale Jugendämter die
|
||
Möglichkeit junge Menschen, sobald sie eigene Einkünfte bspw. in Form einer
|
||
Ausbildungsvergütung haben, für die Kosten der Hilfen mit bis zu 75% ihrer Einkünfte
|
||
heranzuziehen. Wir setzen uns für die Aufhebung der Kostenheranziehung in allen
|
||
Landkreisen und kreisfreien Städten Sachsen-Anhalts ein. Dafür wollen wir eine
|
||
entsprechende Regelung im Kinder- und Jugendhilfegesetz Sachsen-Anhalt verankern.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
Wir wollen den nächsten Kinder- und Jugendbericht zur Mitte der Legislatur mit dem
|
||
Schwerpunkt Kinderarmut vorlegen und auf Basis dessen das jugendpolitische Programm
|
||
fortschreiben.
|
||
Wir wollen die Ausbildungssituation von Alleinerziehenden und Personen mit
|
||
unterbrochenen Bildungsbiografien durch die Stärkung der Teilzeitausbildung
|
||
verbessern.
|
||
Kinderrechte umsetzen
|
||
Alle Kinder haben eigene Rechte: Rechte auf Schutz, Förderung ihrer Entwicklung sowie
|
||
Beteiligung. Diese Rechte sind in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten. Wir
|
||
stehen für die konsequente Umsetzung und Einhaltung dieser Rechte. Daher wollen wir
|
||
im Bundesrat eine Initiative einbringen, um Kinderrechte für alle in Deutschland
|
||
lebenden Kinder auch im Grundgesetz zu verankern. Ihre Rechte auf Bildung und
|
||
individuelle Förderung müssen gestärkt werden.
|
||
Kinderrechte müssen vor Ort erlebbar und realisiert werden. Wir setzen uns für eine
|
||
umfassende Beteiligung der Kinder bereits im Kindergarten ein. In der Schule sollte die
|
||
Drittelparität eingeführt werden
|
||
Eine eigenständige Jugendpolitik verankern
|
||
Der aktuelle Kinder- und Jugendbericht wie auch das jugendpolitische Programm der
|
||
Landesregierung formulieren u.a. auf Grundlage von Umfragen und Workshops mit
|
||
Jugendlichen zentrale Anliegen und Herausforderungen für die Jugendpolitik. Damit ist
|
||
unser Anliegen, als Politik mit Jugendlichen zu sprechen und nicht immer nur über Sie,
|
||
umgesetzt worden. Etwa für zentrale Bereiche wie Teilhabe und politische Partizipation
|
||
sowie Mobilität verweisen diese Berichte auf hohen Handlungsbedarf. Mit Beginn der
|
||
neuen Legislatur ist auf dieser Grundlage eine eigenständige Jugendpolitik im Land
|
||
konzeptionell und strategisch zu verankern, finanziell zu untersetzen und im stetigen
|
||
Austausch mit den jungen Menschen im Land rückzukoppeln und fortzuentwickeln. Für
|
||
diesen Austausch ist u.a. das Projekt „Jugend Macht Zukunft“ dauerhaft zu fördern und
|
||
einzubinden. Gelingende Jugendpolitik betrachten wir auch als ein Haltefaktor gerade in
|
||
den ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts. Es braucht direkte Ansprache und
|
||
Wertschätzung der jungen Generation, damit sie ihren Geburtsort auch als positiv besetze
|
||
Heimat erleben können."
|
||
Landeszentrum Jugend und Kommunen dauerhaft fördern
|
||
Wir wollen, dass das Landeszentrum Jugend und Kommune dauerhaft gefördert wird. Es
|
||
soll seinen Aufgaben auskömmlich finanziert nachgehen können. Zur Stärkung der
|
||
Beteiligung junger Menschen vor Ort und insbesondere der Unterstützung der
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Kommunen, die sich in diesem Sinne auf den Weg machen wollen, werden wir das
|
||
Kommunalverfassungsgesetz schärfen. Die Kommunen sollen die Möglichkeit erhalten
|
||
via Satzung umfängliche Regelungen zur Beteiligung festzulegen wie bspw. auch Rede-
|
||
und Antragsrechte von Jugendgremien in kommunalen Parlamenten und die Vorhaltung
|
||
eines Budgets. Wir setzen uns dafür ein, eine verbindliche Beteiligung bei kommunalen
|
||
Planungsprozessen einzuführen. Dabei sind die Qualitätskriterien des Landesnetzwerks
|
||
„Runder Tisch kommunale Jugendbeteiligung“ zu Grunde zu legen. Damit das Anrecht auf
|
||
kommunale Beteiligung einklagbar wird, wollen wir ein Verbandsklagerecht für
|
||
demokratische Jugendverbände gesetzlich ermöglichen. Zur Bündelung der Interessen
|
||
von jungen Menschen sollen kommunale Kinder- und Jugendgremien gefördert werden.
|
||
Wir wollen kommunale Kinder- und Jugendbeauftragte als verlässliche lokale
|
||
Ansprechpartner*innen schaffen. Auch auf Landesebene wollen wir die Beteiligung von
|
||
Kindern und Jugendlichen vor allem über eine Open-Source-gestützte Plattform
|
||
ausbauen.
|
||
Wir setzen uns dafür ein, dass das jugendpolitische Programm des Landes Sachsen-Anhalt
|
||
überarbeitet wird und künftig die LSBTIQ*-Jugendinteressen durch Beteiligung von
|
||
queeren Jugendgruppen und Jugendverbänden im Land mitberücksichtigt sind.
|
||
Wahlalter auf 14 Jahre absenken
|
||
Kinder und Jugendliche sind Menschen mit eigenen Hoffnungen, Wünschen und
|
||
Möglichkeiten, aber auch eigenen Forderungen, deren Sicht auf Gesellschaft und Politik
|
||
sich meist von jener der Erwachsenen unterscheidet. Wir wollen Kinder und Jugendliche
|
||
so oft wie möglich und altersgerecht in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Denn sie
|
||
sind bereits jetzt und hier als Kinder und Jugendliche Bürger*innen und Teil unseres
|
||
politischen Gemeinwesens. Wir wollen daher das aktive Wahlrecht bei allen Wahlen auf
|
||
14 Jahre absenken.
|
||
Ring politischer Jugend gründen
|
||
Wir unterstützen nach wie vor die Jugendverbände der demokratischen politischen
|
||
Parteien bei ihrem Wunsch nach Gründung eines Rings politischer Jugend (RPJ) in
|
||
Sachsen-Anhalt. Dieser Ring soll vom Land als wichtiger Ort politischer Willensbildung
|
||
und Vielfalt für junge Menschen finanziell ausgestattet werden, wenn ein belastbarer
|
||
gemeinsamer Vorschlag der Jugendverbände dazu vorliegt.
|
||
Kinder und Jugendliche überall im Land fördern
|
||
Die finanzielle Förderung der Jugendarbeit durch das Land orientiert sich zurzeit einzig
|
||
an der Anzahl junger Menschen in den Landkreisen und kreisfreien Städten. Die
|
||
Flächenkreise haben dadurch in den letzten Jahren eine Reduzierung ihrer Förderung von
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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bis zu 30 Prozent hinnehmen müssen. Diese Entwicklung wollen wir stoppen. Dafür
|
||
wollen wir Verteilmechanismen entwickeln, wie etwa einen Flächenfaktor, so dass nicht
|
||
allein die Anzahl junger Menschen, sondern auch beispielsweise die Größe eines
|
||
Landkreises die Verteilung der Fördergelder bestimmt. Das verhindert den Teufelskreis
|
||
von sinkenden Fördergeldern und einer sinkenden Anzahl junger Menschen. Auch ist die
|
||
Dynamisierung der Förderung der Jugendarbeit der Inflation und der Tarifentwicklung
|
||
anzupassen. Eine bedarfsgerechte Förderung ist geboten, weil Jugend(verbands-)arbeit
|
||
jungen Menschen Raum gibt sich auszuprobieren und zu beweisen. Wir wollen, dass das
|
||
Land den Strukturaufbau von Jugendverbänden in den Kreisen unterstützt.
|
||
Die Jugendhilfeplanung ist feste Voraussetzung für Auszahlung der Gelder nach dem
|
||
Familienfördergesetz. Es muss kommunalaufsichtlich sichergestellt werden, dass deren
|
||
Umsetzung eine Pflichtaufgabe der Kommunen ist.
|
||
Tarifgerechte Bezahlung muss in allen Bereichen sichergestellt sein.
|
||
Mehr Raum für Kinder und Jugendliche schaffen
|
||
Wir wollen Kommunen ermutigen, mehr öffentliche Räume für Kinder und Jugendliche
|
||
bereit zu stellen. Dies sind Freiräume ohne staatliche oder gesellschaftliche
|
||
Vordefinitionen, in denen so wenig wie möglich von außen gesteuert und vorgegeben
|
||
wird, die sie gestalten und in denen sie Erfahrungen sammeln und sich erproben können.
|
||
Dazu soll ihnen ein weitgehend selbst verwaltetes Budget zur Verfügung stehen. Und wir
|
||
wollen ihnen Expert*innen, zum Beispiel hauptamtliche kommunale Kinder- und
|
||
Jugendbeauftragte zur Seite stellen, die in der Lage sind, ihnen diese Freiräume zu
|
||
schaffen und zu erhalten, ihnen aber gleichzeitig Halt und Hilfestellung bieten, wenn sie
|
||
diese benötigen und einfordern. Schulsportanlagen und Räume in Schulgebäuden sollen
|
||
Kindern und Jugendlichen, Verbänden und Vereinen auch außerhalb des Unterrichts
|
||
offenstehen.
|
||
Die Jugendzentren unseres Landes wollen wir möglichst erhalten und durch mehr
|
||
Mitarbeiter*innen unterstützen. Gerade in den ländlichen Räumen brauchen
|
||
Jugendzentren längere Öffnungszeiten, um attraktiv für Kinder und Jugendliche zu sein.
|
||
Vor allem Mädchen wollen wir Räume geben, sich auszuprobieren und Erfahrungen zu
|
||
sammeln. Es fehlen sichere Räume – online wie offline. Mittels Schulsozialarbeit,
|
||
Unterstützung von Jugendclubs und selbst verwalteten Räumen schaffen wir diese Räume
|
||
und bestärken junge Menschen, vor allem Mädchen.“
|
||
Wir wollen in den Kommunen Wohnen, Arbeiten und Freizeit wieder enger
|
||
zusammenführen sowie Stadtteile und Innenstädte beleben und begrünen. Davon
|
||
profitieren alle Menschen. Zu diesem Zweck erwarten wir in den Kommunen eine bessere
|
||
Abstimmung der Schulentwicklungs-, Stadt- und der Jugendhilfeplanung. Die nach dem
|
||
neuen Familienförderungsgesetz beim Land einzureichende Jugendhilfeplanung muss
|
||
stärker genutzt werden, entsprechende Ziele durchzusetzen.
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Strategieplan für Jugendbildungsstätten und Jugendherbergen
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||
Jugendbildungsstätten und Jugendherbergen sind ein wichtiger Ort für außerschulische
|
||
Bildung und Begegnung, aber auch für kostengünstige Urlaube für Familien. Sie sind
|
||
insbesondere durch die Corona-Pandemie in extreme Schieflage gekommen. Das Land
|
||
Sachsen-Anhalt soll gemeinsam mit den Akteur*innen einen Strategieplan entwickeln.
|
||
Dieser soll am gesellschaftlichen Bedarf orientiert einen Weg aufzeigen, welche
|
||
Einrichtungen dauerhaft erhalten werden können und dabei auskömmlich finanziert
|
||
werden müssen.
|
||
Ombudsstelle der Kinder- und Jugendhilfe dauerhaft fördern
|
||
Eine Ombudsstelle für Kinder- und Jugendhilfe ist bisher lediglich als Modellprojekt
|
||
eingerichtet. Wir wollen, dass sie dauerhaft gefördert wird. Auch wollen wir sie so
|
||
ausbauen, dass sie landesweit wirken kann.
|
||
Beratungsangebote im Bereich sexualisierter Gewalt ausbauen
|
||
Die bundesweiten Fälle schwerer sexualisierter Gewalt gegen Kinder, die in den
|
||
vergangenen Jahren aufgedeckt wurden, zeigen einen deutlichen Handlungsbedarf. Wir
|
||
wollen im Land die Beratungsangebote im Bereich sexualisierter Gewalt ausbauen. Dabei
|
||
sollen
|
||
vielfaltssensible
|
||
Familienbildungsstätten,
|
||
Kitas,
|
||
Schulen,
|
||
Migrantenselbstorganisationen und Jugendämter eingebunden werden. Wir wollen die
|
||
Präventionsprojekte, die etwa mit der Berliner Charité initiiert wurden, weiterführen und
|
||
ausbauen. Im Rahmen der Strafverfolgung wollen wir die Ermittlungen auf Landesebene
|
||
bündeln und besser koordinieren, um den Kampf gegen Kinderpornographie im Internet
|
||
besser führen zu können. Aber auch sexualisierte Gewalt und Übergriffe unter
|
||
Jugendlichen wollen wir stärker als bisher in die Präventionsarbeit einbeziehen.
|
||
Anti-Mobbing-Tag ins Leben rufen
|
||
Auch psychischer und körperlicher Gewalt unter Kindern und Jugendlichen etwa durch
|
||
Mobbing, Diskriminierung und Schikane (Bullying) an Schulen wollen wir deutlich
|
||
entgegentreten. Wir wollen einen mit einem eigenen Budget ausgestatteten,
|
||
landesweiten „Anti-Mobbing-Tag“ ins Leben rufen und die Schirmherrschaft bei dem*der
|
||
Ministerpräsident*in andocken. An diesem Aktionstag sollen alle Schulen im Land
|
||
Aktionen und Projekte durchführen, die darauf zielen, das soziale Miteinander zu stärken.
|
||
Kooperationen etwa mit Krankenkassen und freien Trägern der Jugendarbeit sind dabei
|
||
anzustreben. Denn Mobbing ist eine leidvolle Erfahrung für viele Schüler*innen im Land.
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Beratungs- und Unterstützungsangebote für Familien sicher finanzieren
|
||
Wir wollen junge Menschen ermutigen, sich für eine Familiengründung zu entscheiden.
|
||
Dafür sind gute Rahmenbedingungen nötig. Wir stehen für ein sicher finanziertes und
|
||
engmaschiges Netz von Beratungs- und Unterstützungsangeboten für Eltern und Kinder
|
||
ein.
|
||
Wir wollen Angebote erhalten und stärken, die Familien entlasten. Dazu gehören
|
||
vielfaltssensible, mehrsprachige Schwangerschaftsberatungsstellen, Familien- und
|
||
Erziehungsberatungsstellen sowie Familienzentren. Insbesondere Familienzentren, die
|
||
seit Jahren eine zu geringe Förderung erhalten, benötigen für ihren Fortbestand ein
|
||
Investitionsprogramm und verlässliche Förderung. Darüber hinaus stehen wir in der
|
||
Verantwortung, die Folgen der Pandemie für die Kinder- und Jugendhilfe in den Blick zu
|
||
nehmen. Beratungs- und Betreuungsleistungen müssen an den steigenden Bedarf
|
||
angepasst werden.
|
||
Angebote der Elternbildung, Selbsthilfe, Sprach- und Gesundheitsförderung müssen
|
||
besser vernetzt werden und auch in der Fläche überall niedrigschwellig erreichbar sein.
|
||
Um diese Erreichbarkeit zu sichern, wollen wir zusätzliche mobile Familien(bildungs-
|
||
)arbeit fördern. Diese mobile Form der Beratung streben wir auch für den Bereich der
|
||
Schwangerschaftsberatungsstellen an. Alle Beratungsstellen soll das Land aktiv
|
||
unterstützen, ihre Angebote auch virtuell anzubieten und ihre Onlinepräsenz auszubauen.
|
||
Gemeinsame Verantwortung statt Konkurrenz
|
||
Wir fördern lokale Verantwortungsgemeinschaften. Sozialleistungen sollen nicht
|
||
weiterhin im Sinne eines Marktes organisiert werden mit entsprechender Konkurrenz
|
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unter den Leistungserbringer*innen. Wir wollen grundsätzlich umsteuern hin zu einem
|
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System geteilter und gemeinsam getragener, lokaler Verantwortung. Regionale
|
||
Akteur*innen, sei es im Bereich des Gesundheitssystems, der Altenhilfe und Pflege oder
|
||
der Eingliederungshilfe konkurrieren dann nicht mehr um Klient*innen, sondern steuern
|
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in gemeinsamer Verantwortung die Leistungserbringung in ihrer Region für die
|
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Menschen, die dort leben.
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Wir
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wollen
|
||
diese
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Entwicklung
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durch
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Modellprojekte
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anstoßen,
|
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bestehende
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Leuchtturmprojekte prämieren und eine Diskussion auf Landesebene befördern und
|
||
moderieren.
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Corona-Politik evaluieren und Lehren ziehen
|
||
Seit März 2020 beeinflussen die Corona-Pandemie und die Maßnahmen, die der
|
||
Eindämmung der Virusverbreitung dienen sollen, das Leben aller in Sachsen-Anhalt.
|
||
Sobald die aktuelle akute Pandemielage vorüber ist, werden wir uns dafür einsetzen, die
|
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ergriffenen Maßnahmen und den Weg der Entscheidungsfindung zu evaluieren.
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Wir wollen Lehren für das mögliche Wiederaufflackern von Covid19 nächsten Herbst und
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Winter sowie für zukünftige Gesundheitsnotlagen ziehen. Wir wollen Gesundheits- und
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psychosoziale Folgen der Pandemie und der Eindämmungsmaßnahmen in den Blick
|
||
nehmen und die Hilfs- und Förderprogramme evaluieren.
|
||
Pilotprojekte für bedingungsloses Grundeinkommen
|
||
Mit fortschreitender Digitalisierung, Automatisierung und Spezialisierung geht der
|
||
Umfang existenzsichernder Erwerbsarbeit zurück. Arbeit ist zwar weiterhin vorhanden,
|
||
diese kann aber nicht mehr von jedem*r ausgeführt werden und gewährleistet oft nicht
|
||
mehr den Lebensunterhalt. Der Mensch ist nicht zuvörderst Erwerbstätiger, er selbst steht
|
||
mit seinen Bedürfnissen und Grundrechten im Mittelpunkt unserer Politik. Diesem
|
||
Menschenbild wollen wir mit einem bedingungslosen Grundeinkommen entsprechen.
|
||
Digitale Innovation benötigt auch soziale Innovation. Das aktuelle Sozialsystem bestraft
|
||
Menschen für Arbeitslosigkeit, indem Grundrechte eingeschränkt werden und der*die
|
||
betroffene Bürger*in teilweise entmündigt wird. Es setzt Menschen unter Druck, jeder
|
||
Erwerbsarbeit nachgehen zu müssen, ob diese existenzsichernd, ökologisch nachhaltig
|
||
oder sinnstiftend ist oder nicht. Ein Wandel in der Sozialpolitik ist angesichts dessen
|
||
dringend erforderlich. Das bedingungslose Grundeinkommen bietet Chancen, die
|
||
Menschen von diesem Druck zu befreien und ihnen die Freiheit zu geben, sich abseits des
|
||
engen Fokus auf Erwerbsarbeit in unsere Gesellschaft einzubringen sowie kreative
|
||
Potentiale und Eigenständigkeit anzuregen.
|
||
Wir verstehen ein bedingungsloses Grundeinkommen daher als ein echtes soziales
|
||
Grundrecht. Für Arbeitnehmer*innen ist ein solches Grundeinkommen gleichbedeutend
|
||
mit einer Sicherung gegen Arbeitsplatzabbau, der infolge der fortschreitenden
|
||
Automatisierung und Digitalisierung eintreten kann oder schon eingetreten ist. Wir
|
||
befürworten daher Pilotprojekte zum bedingungslosen Grundeinkommen in Sachsen-
|
||
Anhalt.
|
||
Wohnungsnot überwinden, wohnungslosen Menschen helfen
|
||
Wohnungs- und Obdachlosigkeit sind ein Armutsproblem, das in Sachsen-Anhalt
|
||
weitestgehend unter dem politischen Radar stattfindet. Verantwortlich für die
|
||
Wohnungslosenhilfe sind die Kommunen, die diese Aufgabe meist nach bestem Wissen
|
||
aber ohne Vernetzung und landesweite Strategie wahrnehmen. Unterstützt werden sie
|
||
dabei von verschiedenen Trägern und Privatinitiativen. Besonders Menschen, die sich in
|
||
die Regeln der kommunalen Unterbringungsorte nicht einfügen können oder wollen
|
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fallen bei dieser Hilfe oft durchs Raster. Es fehlen belastbare Zahlen zu Obdachlosigkeit
|
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in Sachsen-Anhalt.
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Das Land Sachsen-Anhalt soll sehr zeitnah belastbare Zahlen über Obdachlosigkeit und
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||
Wohnungsnot und die regionale Verteilung der Hilfeangebote im Land erheben. Wir
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wollen, dass eine solche Erhebung als Wohnungsnotfallstatistik regelmäßig stattfindet.
|
||
Das Land soll die Federführung für die Vernetzung und Kooperation aller Angebote zur
|
||
Prävention von Wohnungsnotfällen und zur Hilfe für wohnungslose Menschen
|
||
übernehmen.
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Wir
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||
wollen
|
||
dafür
|
||
eine
|
||
regelmäßig
|
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tagende
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landesweite
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Wohnungsnotfallhilfe-Konferenz schaffen, an der alle öffentlichen und freien Träger der
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Wohnungslosenhilfe,
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||
private
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Initiativen,
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||
die
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Kommunen,
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Vertreter*innen
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||
von
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Wohnungsbaugesellschaften
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und
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Energieversorgern,
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||
Sozialwissenschaftler*innen,
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||
Suchtberatungen und weitere teilnehmen. Ziel soll die landesweite gemeinsame
|
||
Aufstellung von Wohnungsnotfall-Rahmenplänen, ihre Umsetzung und Evaluation sein.
|
||
Sozialen Arbeitsmarkt einführen
|
||
Nicht alle Menschen können auf dem ersten Arbeitsmarkt Arbeit finden, darum halten wir
|
||
einen Sozialen Arbeitsmarkt weiterhin für notwendig. Hier sollen Menschen
|
||
gesellschaftlich notwendige und wertvolle Arbeit leisten können und dafür entlohnt
|
||
werden. Wir wollen dafür Mittel des Europäischen Sozialfonds (ESF) einsetzen. Außerdem
|
||
soll das Land damit gezielte berufliche Weiterbildung für Menschen mit
|
||
Zugangshemmnissen zum ersten Arbeitsmarkt fördern.
|
||
Personalvertretungsgesetz novellieren
|
||
Wir setzen uns für starke Tarifpartner ein. Betriebsräte sind Teil einer demokratischen
|
||
Unternehmenskultur. Wir wollen diese im öffentlichen Bereich stärken. Die Novelle des
|
||
Personalvertretungsgesetzes von 2019 blieb hinter den Erwartungen zurück. Wir werden
|
||
uns weiterhin für eine echte Gleichberechtigung der Arbeitnehmer*innenvertretungen
|
||
einsetzen. Wir wollen nach wie vor, dass in Sachsen-Anhalt nur Unternehmen, die
|
||
nachweislich Tariflöhne bezahlen, öffentliche Aufträge erhalten sollen. Dazu soll das
|
||
Vergabegesetz geändert werden. Wir unterstützen die Bestrebungen auf europäischer
|
||
Ebene, durch Rechtsänderung die örtliche Tarifbindung von Vergabegesetzen zu
|
||
ermöglichen.
|
||
Freiwilligenengagement würdigen und fördern
|
||
Das Ehrenamt ist eine der wichtigsten Stütze unserer Gesellschaft. Hier finden Menschen
|
||
Zeit für einander, umsorgen Tiere und die Natur und streiten für ihnen wichtige Anliegen.
|
||
Menschen übernehmen Verantwortung für einander und ihre Umgebung und gestalten
|
||
dadurch unser Zusammenleben mit. Mit großem Respekt stehen wir an der Seite aller
|
||
Ehrenamtler*innen und wollen sie in ihrer Tätigkeit unterstützen. Wir streiten für eine
|
||
bessere Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt. Dazu wollen wir Möglichkeiten zur
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Freistellung zu ehrenamtlichen Zwecken prüfen. Zudem wollen wir ein Ehrenamtsticket
|
||
für die Fahrten der Ehrenamtler*innen von und zu ihren jeweiligen Einsatzstätten
|
||
schaffen.
|
||
Wir wollen Initiativen wie Freiwilligenagenturen und soziale Selbsthilfegruppen
|
||
unterstützen, freiwilliges Engagement fördern und soziale Teilhabe für die Menschen
|
||
verbessern. Wichtig sind uns dabei mobile, familienergänzende und familienentlastende
|
||
Dienste.
|
||
Wir begrüßen es, wenn sich mehr Unternehmen und Einrichtungen dazu entschließen,
|
||
Plätze für Freiwilligendienste zu schaffen. Auf Bundesebene setzen wir uns dafür ein, dass
|
||
Freiwilligendienste besser bezahlt werden und Freiwilligendienstleistende bei der
|
||
Vergabe von Ausbildungs- und Studienplätze bevorzugt werden. Die Angebote der
|
||
Freiwilligendienste wie FSJ und FÖJ wollen wir im bestehenden Umfang weiter
|
||
ermöglichen.
|
||
Für ein würdiges Leben im Alter sorgen
|
||
Wir setzen uns für eine generationengerechte Gestaltung unserer Gesellschaft ein. Die
|
||
Belange der älteren Menschen dürfen nicht auf Probleme der Renten- und Pflegekassen
|
||
reduziert werden. Eine zunehmend älter werdende Bevölkerung verändert die gesamte
|
||
Gesellschaft.
|
||
Ältere Menschen haben andere Bedürfnisse als Jüngere, zum Beispiel bei Wohnen,
|
||
Mobilität, gesundheitlicher Versorgung, aber auch in öffentlichen Bereichen wie
|
||
Stadtplanung und Verkehr. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu bedienen und das
|
||
Lebensumfeld
|
||
überall
|
||
in
|
||
Sachsen-Anhalt
|
||
generationenverträglich
|
||
und
|
||
diskriminierungsfrei zu gestalten gelingt nur, wenn alle Altersgruppen Verantwortung für
|
||
eine solidarische Gesellschaft übernehmen.
|
||
Uns ist es wichtig, dass die Menschen möglichst lange ihre Eigenständigkeit behalten und
|
||
aktiv am Leben teilhaben. Lange Eigenständigkeit reduziert das Risiko der
|
||
Pflegebedürftigkeit. Daher wollen wir die Selbstständigkeit im Alter durch Teilnahme an
|
||
Bildungsmöglichkeiten, Gedankenaustausch, soziale Kontakte, Bewegung und Mobilität,
|
||
nachbarschaftliche Hilfen und Freiwilligenengagement fördern. Wir setzen uns für die
|
||
inhaltliche und organisatorische Weiterentwicklung und bessere Koordination der
|
||
bestehenden Beratungs- und Anlaufstellen ein, um den veränderten Anforderungen
|
||
besser gerecht zu werden. Dazu gehören die Alten- und Servicezentren, die
|
||
Seniorenvertretungen, der*die Senior*innenbeauftragte und -beirat in den Kommunen
|
||
sowie die Freiwilligenagentur. Der Landessenior*innenbeirat und kommunale
|
||
Senior*innenräte sind wichtige Partner unserer politischen Arbeit. Ein Landesprogramm
|
||
„Leben im Alter“ soll Initiativen sammeln und bündeln, sie anregen, wo sie fehlen und
|
||
den Menschen in Sachsen-Anhalt zugänglich machen. In Zusammenarbeit mit
|
||
Integrations- oder Ausländer*innenbeiräten der Kommunen wollen wir die besonderen
|
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Bedürfnisse älterer Migrant*innen klären und gezielte Hilfsstrukturen entwickeln. Ebenso
|
||
wichtig ist eine LSBTIQ*-sensible Altenhilfe und Pflege, die wir durch Einbindung von
|
||
LSBTIQ*-Fachexpertise der Verbände sicherstellen wollen.
|
||
Wahlfreiheit bei der Pflege ermöglichen
|
||
Wir wollen, dass Pflegebedürftige, Pflegende und Angehörige durch funktionierende
|
||
kultursensible Versorgungs-, Beratungs- und Entlastungsangebote unterstützt werden.
|
||
Wir wollen die tatsächliche Wahlfreiheit der zu Pflegenden und ihrer Angehörigen
|
||
bezüglich ihrer Wohn- und Lebensform. Die ambulante Pflege, Krankenhäuser und
|
||
Kommunen sollen sich verstärkt dieser Herausforderung stellen, um den Automatismus
|
||
der Heimbetreuung älterer Menschen zu vermeiden. Wir wollen alternative Wohn- und
|
||
Betreuungskonzepte, die die Selbständigkeit der Menschen erhalten, fördern. Dazu
|
||
wollen wir das Wohn- und Teilhabegesetz des Landes novellieren, um die verschiedenen
|
||
Wohnformen im Alter rechtssicher zu definieren und insbesondere die Heimaufsicht in
|
||
ihrer Beratungsfunktion stärken. Auch gilt es für stationäre Pflegeeinrichtungen eine
|
||
verbindliche Einzelzimmerquote festzulegen und damit das Recht auf Privatsphäre der
|
||
Bewohner*innen zu stärken.
|
||
Wir wollen, dass ältere Menschen möglichst lange in ihrem Zuhause wohnen und leben
|
||
können. Dafür wollen wir die Pflege im Quartier weiter stärken. Das neu geschaffene
|
||
Beratungsangebot für Kommunen zur Quartiersentwicklung begrüßen wir und wollen wir
|
||
mit Angeboten in der Fläche weiter ausbauen. Wohnortnahe dezentrale Pflegestellen sind
|
||
mit einem Landesaktionsplan zu untersetzen und zu befördern. Damit beugen wir
|
||
Pflegebedürftigkeit,
|
||
unnötigen
|
||
Krankenhausaufenthalten
|
||
und
|
||
erzwungenen
|
||
Heimaufenthalten vor. Um Heimeinweisungen nach Krankenhausaufenthalten zu
|
||
reduzieren, wollen wir die Tagespflege auch in Kliniken stützen. So kann der Übergang
|
||
vom Krankenhaus in die außerklinische Pflege mit mehr Ruhe und Selbstbestimmung
|
||
geplant werden.
|
||
Die stetig steigenden Eigenanteile bei stationären Einrichtungen sind für viele
|
||
Bewohner*innen zunehmend problematisch. Gleichzeitig führt die Kopplung von
|
||
Qualitätsverbesserungen in der Pflege und der daraus folgenden einseitigen Belastung
|
||
der Bewohner*innen zu Zielkonflikten. Daher setzen wir uns grundsätzlich für eine
|
||
Pflegebürger*innenversicherung ein, um die Einnahmeseite der Pflegeversicherung auf
|
||
tragfähige Füße zu stellen. Auf dem Weg dahin braucht es mindestens eine Deckelung
|
||
der Eigenbeträge.
|
||
Bestattungskultur reformieren
|
||
Wir treten für selbstbestimmtes Leben in allen Phasen ein, das gilt auch für das
|
||
Lebensende. Deshalb wollen wir das Bestattungsgesetz reformieren. Wir wollen, bei
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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erklärtem Willen, die Bestattung ohne Sarg und das Verstreuen der Totenasche
|
||
ermöglichen. Die zweite Leichenschau ist verbindlich einzuführen.
|
||
|
||
VIII Selbstbestimmung und Gleichstellung
|
||
Gleiche Rechte und Chancen für alle Menschen, unabhängig vom biologischen
|
||
Geschlecht, der sexuellen, geschlechtlichen und der Genderidentität sowie der Herkunft
|
||
oder Alter. Insbesondere trans*, intergeschlechtliche und nonbinäre Personen sind
|
||
rechtlich und gesellschaftlich nach wie vor sehr benachteiligt. Daher werden wir die
|
||
Selbstbestimmungsrechte und den Diskriminierungsschutz dieser Personengruppe
|
||
überall besonders stärken und Hürden in allen gesellschaftlichen, medizinischen und
|
||
behördlichen Bereichen abbauen. Dazu gehört für uns die vollumfängliche Anerkennung
|
||
des offiziellen dgti-Ergänzungsausweises der Deutschen Gesellschaft für Transidentität
|
||
und
|
||
Intersexualität
|
||
e.V.
|
||
für
|
||
Trans*personen,
|
||
die
|
||
eine
|
||
Namen-
|
||
und/oder
|
||
Personenstandsänderung anstreben. Wir wollen Initiativen im Bundesrat unterstützen,
|
||
die das veraltete Transsexuellengesetz durch ein modernes Selbstbestimmungsgesetz
|
||
ersetzen. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Wir treten für die Freiheit unterschiedlicher
|
||
Lebensweisen und die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft ein.
|
||
Die Zusammenführung des Programms für ein geschlechtergerechtes Sachsen-Anhalt,
|
||
des LSBTIQ*-Aktionsprogramms sowie des Gender Mainstreaming Konzepts halten wir
|
||
für nicht zielführend. Wir wollen alle drei unterschiedlichen Themenfelder getrennt und
|
||
nachprüfbar bearbeiten.
|
||
Die Landesverwaltung muss Vorbild sein. Wir wollen, dass alle Teile der
|
||
Landesverwaltung Diversitätskonzepte erarbeiten und umsetzen. Außerdem wollen wir
|
||
konzeptionell unterlegt die anonymisierte Bewerbung in einem Bereich der
|
||
Landesverwaltung auf den Weg bringen.
|
||
Es braucht daher eine moderne geschlechtervielfaltsbewusste Gleichstellungspolitik, die
|
||
Nachteile aufgrund von Diskriminierungen ausgleicht. Das bedeutet gleichen Lohn für
|
||
gleichwertige Arbeit, uneingeschränkten Zugang zu leitenden Positionen in Gesellschaft,
|
||
Wirtschaft und Politik und konsequenten Schutz vor Gewalt und Diskriminierung.
|
||
Geschlechtergerechtes Sachsen-Anhalt vorantreiben
|
||
Auch mehr als 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland bleibt bei
|
||
der Geschlechtergerechtigkeit viel zu tun. Als feministische Partei bleibt unser Ziel die
|
||
vollständige und tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter.
|
||
Das Landesprogramm für ein geschlechtergerechtes Sachsen-Anhalt wurde vor allem mit
|
||
unserer Hilfe auf den Weg gebracht. Wir wollen dessen Maßnahmen konkretisieren,
|
||
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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quantifizieren und mit konkreten Zeitschienen untersetzen. Landesausgaben sollen
|
||
künftig konsequent an Anforderungen der Geschlechtergerechtigkeit ausgerichtet
|
||
werden. Dies führt zu mehr Transparenz, Qualität und Nachhaltigkeit bei der Verteilung
|
||
staatlicher Ausgaben. Geschlechtergerechte Haushaltsführung (Gender Budgeting) muss
|
||
gängiges Mittel der Haushaltsaufstellung werden. In allen Politikfeldern soll, bevor
|
||
Maßnahmen beschlossen werden, eine Überprüfung der Geschlechtergerechtigkeit
|
||
durchgeführt werden. Ziel ist, dass Benachteiligungen von Frauen von vornherein
|
||
ausgeschlossen werden.
|
||
In Sachsen-Anhalt soll die Sprache in öffentlichen und amtlichen Dokumenten
|
||
geschlechtergerecht sein. Wir wollen dafür verbindliche Regeln festlegen.
|
||
Verfassungskonformes Paritégesetz auf den Weg bringen
|
||
In Sachsen-Anhalt waren in dieser Legislatur zuletzt nur 20 Prozent der Abgeordneten
|
||
Frauen. Es ist an der Zeit, die politische Teilhabe von Frauen zu stärken. Wir wollen, dass
|
||
mehr Frauen aktive Rollen in Politik und Gesellschaft übernehmen. Wir leben
|
||
Geschlechtergerechtigkeit vor, bei uns Bündnisgrünen sind mindestens 50 Prozent aller
|
||
Positionen für Frauen reserviert. Die Quote ist unser Erfolgsmodell, wie viele profilierte
|
||
Politikerinnen unserer Partei beweisen. Wir wollen für Sachsen-Anhalt ein Paritégesetz,
|
||
dass die aktive und gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in den Parlamenten unseres
|
||
Landes fördert und unter Beachtung verfassungsgerichtlicher Rechtsprechung sichert.
|
||
Um das Paritégesetz rechtssicher auszugestalten, wollen wir die Landesverfassung
|
||
ändern.
|
||
Frauenfördergesetz
|
||
zu
|
||
einem
|
||
modernen
|
||
Gleichstellungsgesetz
|
||
weiterentwickeln
|
||
Geschlechtergerechtigkeit heißt für uns, gleiche Entlohnung für gleichwertige Arbeit.
|
||
Entgeltgleichheit soll als Vergabekriterium in das Vergabegesetz des Landes
|
||
aufgenommen werden. Auch Qualifizierungs- und berufliche Wiedereinstiegsprogramme
|
||
für Frauen und Männer, die nach einer Phase der Familienarbeit wieder den Beruf
|
||
aufnehmen wollen, gehören dazu. Das Frauenfördergesetz für den öffentlichen Dienst
|
||
wollen wir weiterentwickeln. Wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass alle
|
||
Landeseinrichtungen konsequent familienfreundlich gestaltet werden. Wir wollen
|
||
politische
|
||
Leitplanken
|
||
entwickeln,
|
||
die
|
||
auch
|
||
die
|
||
Privatwirtschaft
|
||
auf
|
||
Familienfreundlichkeit verpflichten.
|
||
Auf allen Ebenen muss es eine Interessenvertretung für Frauen und LSBTIQ*, ihre Rechte
|
||
und Chancen geben. Wir wollen eine unabhängige Landesbeauftragte für Frauen und
|
||
Gleichstellung, die am Landtag angesiedelt und vom Parlament zu wählen ist, gesetzlich
|
||
verankern. Kommunale Gleichstellungsbeauftragte in den Landkreisen und Gemeinden
|
||
mit mehr als 25.000 Einwohner*innenmüssen weiterhin hauptamtlich und weisungsfrei
|
||
|
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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tätig sein. Zudem müssen sie in ihrer Arbeit so gestärkt werden, dass sie ausschließlich
|
||
mit gleichstellungsthematischen Aufgaben betraut sind, was in den ländlichen Räumen
|
||
bisher zumeist nicht der Fall ist. Aufgrund der nachgewiesenen Benachteiligung zu Lasten
|
||
von Frauen, soll dieses Amt ausschließlich von Frauen ausgeübt werden.
|
||
Ehrenamtliche Gleichstellungsbeauftragte in Gemeinden mit weniger als 25.000
|
||
Einwohner*innen wollen wir stärken. Zudem brauchen sie Austausch in der
|
||
Landesarbeitsgemeinschaft
|
||
der
|
||
kommunalen
|
||
Gleichstellungsbeauftragten
|
||
und
|
||
Weiterbildung.
|
||
Den gesetzlichen Anspruch auf Weiterbildung wollen wir auf mindestens zwei Wochen
|
||
im Jahr ausweiten. Um Gleichstellungsfragen auf allen Ebenen wirksam umzusetzen,
|
||
wollen wir eine Klagebefugnis für alle Gleichstellungsbeauftragte im Rahmen der ihnen
|
||
obliegenden Aufgaben einführen.
|
||
Für alle Gremien des Landes und alle Entsendungen wollen wir geschlechterparitätische
|
||
Besetzung. Gleichstellungsrecht ist kein Sonderrecht für Frauen und LSBTIQ*, sondern ein
|
||
allgemeines
|
||
Schutzrecht
|
||
für
|
||
alle
|
||
Beschäftigten
|
||
vor
|
||
Diskriminierungen
|
||
und
|
||
Benachteiligungen.
|
||
Der Landesfrauenrat als größte Dachorganisation für Fraueninteressen im Land ist
|
||
anderen Landesverbänden in sächlicher und personeller Ausstattung gleichzustellen. Die
|
||
für Sachsen-Anhalt notwendige Landesantidiskriminierungsstelle soll dort angesiedelt
|
||
werden, da auf zahlreiche Projekterfahrungen zurückgegriffen werden kann. Aufgaben
|
||
sind
|
||
Studien,
|
||
Datenerfassung,
|
||
Beschwerdestelle,
|
||
Weiterbildung
|
||
von
|
||
Gleichstellungsbeauftragt*innen, Schulsozialarbeiter*innen oder Gewerkschafter*innen.
|
||
Gründerinnen stärken
|
||
Gleichstellungs- und frauenfördernde Maßnahmen in der Wirtschaft und bei
|
||
Existenzgründungen im Land auszuweiten, hat für uns Priorität. Wir wollen ein
|
||
landesweites Gründerinnen-Programm beim Ministerium für Gleichstellung ansiedeln.
|
||
Hier sollen Frauen bei Unternehmensgründung spezifisch beraten und entlastet werden,
|
||
Gründerinnennetzwerke
|
||
und
|
||
Unternehmerinnen
|
||
unterstützt
|
||
werden.
|
||
Besondres
|
||
Augenmerk ist der Ausgründung von Frauen aus Universitäten und Hochschulen zu
|
||
widmen.
|
||
Geschlechtergerechtigkeit und LSBTIQ* in den Lehrplänen abbilden
|
||
Geschlechtsbezogene
|
||
Vorurteile
|
||
und
|
||
stereotype
|
||
Verhaltensweisen
|
||
sind
|
||
im
|
||
Bildungsbereich nach wie vor verbreitet. Das beeinflusst die Berufsorientierung von
|
||
Mädchen und Frauen sowie trans*, intergeschlechtlichen und nonbinären Personen und
|
||
erschwert ihren Zugang zu technischen, naturwissenschaftlichen und gehobenen
|
||
Berufen. Die Vorstellung von typischen „Frauenberufen“ und „Männerberufen“ muss
|
||
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
|
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||
bereits in der Kindertagesstätte und in der Schule aufgebrochen werden. Außerdem muss
|
||
die
|
||
Unterrepräsentanz
|
||
von
|
||
Männern
|
||
in
|
||
erzieherischen,
|
||
pädagogischen
|
||
und
|
||
dienstleistenden Berufen beendet werden.
|
||
Prävention von Gewalt gegen Frauen, trans*, intergeschlechtlichen und nonbinären
|
||
Personen beginnt im frühen Kindesalter. Daher sollten Geschlechtervielfalt und
|
||
Geschlechtergerechtigkeit bereits Thema in Kindergarten und Schule sein. Dabei soll es
|
||
nach wie vor geschlechtsspezifische Angebote für Mädchen und Jungen geben.
|
||
An Universitäten wollen wir erreichen, dass mehr Frauen höhere Positionen belegen.
|
||
Die weitere Unterstützung des Kompetenzzentrums für geschlechterechte Kinder- und
|
||
Jugendhilfe ist für uns ein klares Muss. Wir sehen Geschlechtergerechtigkeit als
|
||
Querschnittsaufgabe und verweisen auf die entsprechenden Fachkapitel.
|
||
Frauen in die Wissenschaft!
|
||
Ein jährlich stattfindender, verbindlicher „Zukunftstag für Jungen und Mädchen“ bietet für
|
||
alle Schüler*innen gute Möglichkeiten, in der Berufsorientierung Geschlechterstereotype
|
||
zu überwinden. Die Schulen sollen verpflichtet werden, Angebote für Jungen in so
|
||
genannten frauentypischen Berufen und Angebote für Mädchen in so genannten
|
||
männertypischen Berufen zu entwickeln und den Zukunftstag vor- und nachzubereiten.
|
||
Die Unternehmen im Land werden aufgefordert, solche Angebote zu installieren. Wir
|
||
wollen die Vernetzung zwischen allen Aktivitäten der Arbeitsagenturen, der
|
||
Handwerkskammern, der Kommunen und anderer Akteur*innen in einer Landesstelle
|
||
koordinieren. An Universitäten wollen wir erreichen, dass mehr Frauen höhere Positionen
|
||
innehaben.
|
||
Antigewaltarbeit stärken
|
||
Frauenhäuser, Frauenzentren und Frauenberatungsstellen, die Landesstelle für
|
||
Intervention und Koordination bei häuslicher Gewalt (LIKO) und die Interventionsstellen
|
||
bilden in Sachsen-Anhalt ein gutes Netzwerk, um Frauen vor Gewalt zu schützen, sowie
|
||
Betroffenen Rat und Hilfestellung zu geben. Dennoch arbeiten sie an der Grenze der
|
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Belastbarkeit, ihre Situation ist trotz in dieser Legislatur erreichter Verbesserungen
|
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prekär. Für Prävention und Öffentlichkeitsarbeit sind fast keine Mittel vorhanden. Wir
|
||
wollen die Arbeit besser koordinieren und gemäß der Istanbul-Konvention
|
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(Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen
|
||
Frauen und häuslicher Gewalt) eine Landeskoordinierung, angesiedelt bei der LIKO
|
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(Landesinterventions- und Koordinierungsstelle), einrichten.
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Diese soll in ihrer Arbeit in Kooperation mit Sachsen-Anhalts künftigem LSBTIQ*-
|
||
Landeskompetenzzentrum inklusive der LSBTIQ*-Diskriminierungs-Meldestelle Sachsen-
|
||
Anhalt (DiMSA) und einschlägigen Verbänden insbesondere auch die besonderen Bedarfe
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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zum Schutz von lesbischen Frauen sowie trans*, intergeschlechtlichen und nonbinären
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||
Personen berücksichtigen.
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Diese soll auch Kampagnen, das Hilfetelefon u. ä, koordinieren.
|
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Durch unsere Initiative gibt es in der Polizei Sachsen-Anhalt neben den nebenamtlichen
|
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Ansprechpersonen für LSBTIQ* seit 2020 auch eine hauptamtliche Ansprechperson auf
|
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Landesebene. Diese muss finanziell so ausgestattet werden, um sie in ihrer Arbeit zu
|
||
stärken.
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||
Aus- und Fortbildungen der Polizei und des Justizpersonals zu vorurteilsmotivierten
|
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Gewaltdelikten müssen ausgeweitet werden.
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Wir brauchen ein Investitionsprogramm für Barrierefreiheit, zusätzliche Personalstellen
|
||
in Frauenhäusern und Ausweitung des neu etablierten mobilen Teams zur psychosozialen
|
||
Betreuung von Frauen und Kindern auf das gesamte Land. Im Finanzausgleichgesetz
|
||
(FAG) soll ein fester Betrag festgeschrieben werden, damit die Kommunen Frauenhäuser
|
||
sowie Gewaltprävention sinnvoll betreiben können.
|
||
Die Frauenhäuser in Sachsen-Anhalt haben zunehmend auch mit Situationen umzugehen,
|
||
die in der bisherigen Struktur nicht aufzufangen sind. Das Land Sachsen-Anhalt soll
|
||
gemeinsam mit den Anbieter*innen eine finanziell untersetze Strategie entwickeln, wie
|
||
Frauen mit Abhängigkeiten, Hochbetagten, Migrantinnen oder Frauen in hochgefährdeten
|
||
Situationen spezifisch geholfen werden kann. Teil dieser Strategie muss sein, Zugriff auf
|
||
Dolmetscher*innenleistungen zu bekommen, sowohl in andere phonetische Sprachen als
|
||
auch in Gebärdensprache.
|
||
Es gibt auch Männer, die von Gewalt betroffen sind oder als Täter Hilfe suchen. Die
|
||
Unterstützungsangebote, die etwa über den Verein Pro Mann oder den Deutschen
|
||
Familienverband vorgehalten werden, begrüßen wir. Wir wollen sie evaluieren und
|
||
ergebnisentsprechend fortschreiben.
|
||
Frauen mit Behinderungen unterstützen
|
||
Frauen mit Behinderungen haben - wie alle Menschen - das Recht auf die freie Entfaltung
|
||
ihrer Persönlichkeit, erleben im Alltag allerdings häufig doppelte Diskriminierung. Wir
|
||
wollen sie bei der Verwirklichung ihrer gesellschaftlichen und rechtlichen Gleichstellung
|
||
sowie bei der Arbeitsplatzsuche oder dem Besuch von nicht barrierefreien Einrichtungen
|
||
unterstützen. Frauen mit Behinderungen erleben häufiger sexuelle Gewalt und
|
||
Diskriminierungen als Frauen ohne Behinderung. Wir setzen uns dafür ein, dass die
|
||
Mitarbeiter*innen von Beratungsstellen für diese spezifischen Belange sensibilisiert und
|
||
zu kompetenter Beratung befähigt werden.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Ehegattensplitting abschaffen
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||
Wir favorisieren ein Steuerrecht, dass Frauen nicht als Zuverdienerinnen versteht, sondern
|
||
eigenständige Existenzsicherung und daraus resultierende eigene Rentenansprüche
|
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sichert. Das so genannte Ehegattensplitting ist aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß
|
||
und
|
||
daher
|
||
durch
|
||
eine
|
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Individualbesteuerung
|
||
und
|
||
eine
|
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unabhängige
|
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Kindergrundsicherung zu ersetzen. Wir werden uns für entsprechende Initiativen im
|
||
Bundesrat einsetzen.
|
||
Akzeptanz von LSBTIQ* stärken
|
||
Wir stehen für „gleiche Liebe – gleiche Rechte“. Wir haben die Gleichberechtigung von
|
||
LSBTIQ* in den vergangenen Jahren maßgeblich vorangetrieben. So haben wir erreicht,
|
||
dass der Schutz der sexuellen Identität in die Landesverfassung aufgenommen wurde.
|
||
Jetzt gilt es, diese Absichtserklärung mit Leben zu füllen.
|
||
Wir werden uns dafür einsetzen die geschlechtliche Identität auch im Artikel 7 der
|
||
Landesverfassung Sachsen-Anhalts aufzunehmen.
|
||
Weiterhin streben wir im Bundesrat danach, den Schutz der sexuellen und
|
||
geschlechtlichen Identität auch im Gleichbehandlungsartikel 3 des Grundgesetzes zu
|
||
verankern.
|
||
Aktionsprogramm zur Akzeptanz von LSBTIQ* weiterentwickeln
|
||
Wir wollen das LSBTIQ*-Aktionsprogramm der Landesregierung als zentrale,
|
||
ressortübergreifende Daueraufgabe im Land Sachsen-Anhalt für eine nachhaltige
|
||
Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans*-, intergeschlechtlichen, nonbinären
|
||
sowie queeren Menschen (LSBTIQ*) unter Beteiligung von LSBTIQ*-Verbänden
|
||
weiterentwickeln und Maßnahmen konsequent umsetzen.
|
||
Wir setzen uns dafür ein, dass der Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie
|
||
fortgeschrieben und in der neuen Legislaturperiode konsequent umgesetzt wird. Dieser
|
||
soll dazu beitragen, Vorurteile und Ressentiments gegen LSBTIQ* abzubauen, die
|
||
Akzeptanz von unterschiedlichen sexuellen Identitäten in allen gesellschaftlichen
|
||
Bereichen zu fördern und Homo- und Transphobie zu bekämpfen. Wir wollen weniger
|
||
Prüfaufträge, stattdessen mehr klar abrechenbare Aufträge.
|
||
Dieser soll dazu beitragen, Vorurteile und Ressentiments gegen LSBTIQ* abzubauen, die
|
||
Akzeptanz von unterschiedlichen sexuellen geschlechtlichen und Genderidentitäten u.a.
|
||
über eine Landeskampagne in allen gesellschaftlichen Bereichen zu fördern und Homo-
|
||
und Trans*-Feindlichkeit zu bekämpfen. Wir werden Kommunen ermutigen für die
|
||
Akzeptanz und zur Verbesserung der Lebenssituation von LSBTIQ* ebenfalls aktiv zu
|
||
werden.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
Wir wollen weniger Prüfaufträge, stattdessen mehr klar abrechenbare Aufträge.
|
||
Die beiden unabhängigen LSBTIQ*-Landeskoordinierungsstellen in Sachsen-Anhalt –
|
||
Fachstellen für Fragen zur sexuellen und geschlechtlichen Identität – wollen wir zu
|
||
einem unabhängigen LSBTIQ*- Landeskompetenzzentrum Sachsen-Anhalt bei einem
|
||
Träger mit zwei Standorten in Magdeburg und Halle zusammenfassen und es personell
|
||
und finanziell auskömmlich ausstatten. Das Landeskompetenzzentrum soll in seiner
|
||
Netzwerkfunktion mit fachlichem Austausch erweitert werden, die neu eingerichtete
|
||
LSBTIQ*-Diskriminierungs-Meldestelle
|
||
Sachsen-Anhalt
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||
(DiMSA)
|
||
im
|
||
Anti-
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||
Diskriminierungsschwerpunkt ausbaut sowie der Schwerpunkt Aus- und Fortbildung von
|
||
beruflichen Multiplikator*innen und Erwachsenen gestärkt werden.
|
||
Gesicherte Finanzierung von Beratungs- und Bildungsangeboten für
|
||
LSBTIQ*
|
||
Wir zeigen homo- und trans*feindlicher Diskriminierung und Gewalt die Rote Karte.
|
||
Projekten oder Organisationen, die LSBTIQ* und Angehörige und das soziale Umfeld
|
||
beraten, unterstützen, oder die für Aufklärung, Öffentlichkeitsarbeit und Bildung in
|
||
diesem Bereich tätig sind, sichern wir auskömmliche und kontinuierliche öffentliche
|
||
Mittel. Gerade in den ländlichen Räumen fehlen Kontakt- und Beratungsmöglichkeiten
|
||
für LSBTIQ*. Die kommunalen Gleichstellungsbeauftragten sind hier oft die einzige
|
||
Anlaufstelle. Wir wollen diese stärken, um in Kooperation mit dem entwickelten LSBTIQ*-
|
||
Landeskompetenzzentrum Sachsen-Anhalt vorhandene soziale und kommunale
|
||
Strukturen für LSBTIQ*-Themen zu sensibilisieren und bestenfalls kommunale LSBTIQ*-
|
||
Aktionspläne zu etablieren.
|
||
Wir wollen auch die Aufklärung, Bildung und Ausbildung von allen Pflege- und
|
||
Heilberufen, von Hebammen über Pflegekräfte bis hin zu Therapeut*innen, zum Thema
|
||
sexuelle, geschlechtliche und Gendervielfalt intensivieren und verbessern.
|
||
Regenbogenfamilien familienrechtlich gleichstellen
|
||
Wir wollen, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften in allen Rechtsbereichen
|
||
gleichgestellt werden. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare war dafür ein
|
||
zentraler Meilenstein. Nun kommt es darauf an, Regenbogenfamilien auch
|
||
familienrechtlich gleichzustellen und voll anzuerkennen. Dazu gehören für uns die
|
||
umfassende Gleichstellung für alle Personen im Sozialrecht, im Sorge- und
|
||
Adoptionsrecht, bei Pflegschaften, im Miet-, Erb-, Beamt*innen- und Steuerrecht ebenso
|
||
wie
|
||
im
|
||
Ausländer*innenrecht,
|
||
im
|
||
Abstammungsrecht
|
||
und
|
||
beim
|
||
Recht
|
||
auf
|
||
Familiengründung durch Insemination. Familienformen wie bspw. Regenbogenfamilien
|
||
und Patchworkfamilien wollen wir rechtlich absichern, um das Wohlergehen der Kinder
|
||
zu garantieren.
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Wir werden entsprechende Initiativen über den Bundesrat offensiv begleiten.
|
||
|
||
IX Gesundheit
|
||
Wir erleben im Moment große Sorge um die Hausärzt*innendichte, regional
|
||
unterschiedlich einen Mangel an verfügbaren Pflegeplätzen und ambulanten
|
||
Pflegedienstleistern und eine ausgewachsene Klinikkrise. Wir wollen die Versorgung der
|
||
Menschen im Land auch unter den Bedingungen des demografischen Wandels dauerhaft
|
||
sichern. Dafür braucht es neue Ideen und kluge Antworten, die wir umsetzen wollen. Das
|
||
Versprechen gleichwertiger Lebensverhältnisse in Sachsen-Anhalt ist im Bereich der
|
||
Versorgung mit Gesundheitsdienstleistungen eine große Aufgabe. Wir treten für
|
||
selbstbestimmtes Leben in allen Lebensphasen ein. Palliativversorgung und Hospizarbeit
|
||
sollen einen höheren Stellenwert gewinnen.
|
||
Wir werden die notwendige Präventionsarbeit im Bereich von HIV, anderen sexuell
|
||
übertragbaren Krankheiten und Hepatitis weiter durch die etablierten Einrichtungen
|
||
AIDS-Hilfe Halle/Sachsen- Anhalt Süd e.V. – Agentur für sexuelle Gesundheit und das
|
||
Zentrum für sexuelle Gesundheit - Aidshilfe Sachsen-Anhalt Nord e.V. in Magdeburg
|
||
absichern. Darüber hinaus machen wir uns weiter dafür stark, dass schwule Männer sowie
|
||
trans* Frauen und nichtbinäre Personen endlich gleichberechtigten Zugang zum
|
||
Blutspenden erhalten und nicht mehr sachwidrig diskriminiert werden.
|
||
Psychische Folgen der Pandemie in psychotherapeutischer Versorgung
|
||
auffangen
|
||
Die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie haben die psychische
|
||
Gesundheit insbesondere von Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern verschlechtert.
|
||
Besonders dramatisch ist die Verdoppelung von psychischen Auffälligkeiten bei Kindern
|
||
und Jugendlichen. Darauf muss zeitnah und adäquat reagiert werden mit einem
|
||
Masterplan zum Schutz der psychischen Gesundheit. Dazu müssen psychosoziale
|
||
Institutionen mit zusätzlichen finanziellen Mitteln in die Lage versetzt werden dem
|
||
gestiegenen Bedarf gerecht zu werden. Die ambulante psychotherapeutische Versorgung
|
||
ist bereits vor der Pandemie nicht ausreichend gewesen. Wir brauchen eine Erweiterung
|
||
der Kassensitze für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen. Alle Träger der
|
||
Freien Wohlfahrtspflege, die Präventionsprogramme zur Stärkung der psychischen
|
||
Gesundheit entwickeln und anbieten können, müssen aus einem zusätzlichen Fond
|
||
”Kindergesundheit” des Bundes finanziert werden, der durch die Länder in den
|
||
Kommunen verankert wird.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Medizinische Versorgung auf dem Land sichern
|
||
Wir brauchen gute Ideen und Projekte, um junge Ärzt*innen im ländlichen Raum zu
|
||
halten. Die Landärzt*innenquote und Landärzt*innenstipendien sind ein Anfang, lösen
|
||
aber nicht die Probleme der ausgedünnten Versorgung. Die ambulante Versorgung muss
|
||
anders als bisher gedacht werden. Ein Lösungsansatz könnte sein, dass Ärzt*innen
|
||
rotierend Sprechstunden anbieten, die in die von Kommunen betriebenen Praxen
|
||
stattfinden. Unter dem demografischen Druck und den schwierigen wirtschaftlichen
|
||
Rahmenbedingungen ist die Öffnung verschiedener Gesundheits- und Pflegebereiche für
|
||
eine sektorenübergreifende Gesundheitsversorgung Teil einer modernen Antwort.
|
||
Ambulante und stationäre Versorgung sollen sich ergänzen und, wo möglich, von den
|
||
gleichen Leistungserbringern geleistet werden. Die medizinischen Versorgungszentren
|
||
im Land sind ein gutes Beispiel dafür, aber auch im Bereich Altenpflege sind solche
|
||
gleichzeitigen Angebote denkbar. Die neue generalistische Pflegeausbildung bietet dafür
|
||
gute Voraussetzungen.
|
||
Wir wollen, dass Sachsen-Anhalt den Aufbau von bedarfsgerechten multiprofessionellen
|
||
Gesundheitszentren als Baustein zur ambulanten Versorgung im Sozialraum unterstützt.
|
||
Mobile Praxisassistent*innen sind ein Erfolgsmodell, denn sie entlasten Ärzt*innen
|
||
ebenso wie Patient*innen. Gemeinsam mit ambulanten Pflegediensten können sie die
|
||
Versorgung der Menschen zu Hause sicherstellen und Hausärzt*innen entlasten.
|
||
Neue Pflegestudienfächer eröffnen Ressourcen weit über Praxisassistent*innen hinaus:
|
||
Community Health Nurses können unabhängig von Hausärzten zur Prophylaxe und
|
||
Versorgung der Bevölkerung beitragen. Wir wollen, dass unser Land zunächst in
|
||
Modellversuchen den Einsatz von Community Health Nurses und School Nurses erprobt.
|
||
Sprachmittler*innen müssen überall im Land verfügbar sein, um die gesundheitliche
|
||
Versorgung in allen Bereichen für alle hier lebenden Menschen barrierearm zu
|
||
ermöglichen. Wir wollen einen zentralen Sprachmittler*innenpool beim Land installieren,
|
||
um in allen Regionen und Fachbereichen den Zugang zu ermöglichen. Dabei soll auf die
|
||
Erfahrung bestehender Strukturen wie beispielsweise der SiSA-Hotline in Halle
|
||
zurückgegriffen werden. Die Sprachmittlung muss vergütet werden.
|
||
47 Krankenhausstandorte umstrukturieren, um sie zu erhalten
|
||
Die heutigen Krankenhausstandorte in Sachsen-Anhalt sollen als Standorte für die
|
||
Gesundheitsversorgung grundsätzlich erhalten bleiben. Denn sie sorgen dafür, dass
|
||
gesundheitliche Versorgung im ganzen Land erreichbar ist. Um alle Standorte zu erhalten,
|
||
müssen wir sie aber drastisch umstrukturieren. Nur Veränderung wird hier dauerhafte
|
||
Sicherheit schaffen. Das erreichen wir mit Schwerpunktbildung und Konzentration von
|
||
Leistungen. Dafür sind die Kooperation und Abstimmung einzelner Krankenhäuser
|
||
entscheidend. Gerade für die Qualitätssicherung ist diese Entwicklung vom Land zu
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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begleiten. All diese Veränderungen stehen für uns unter einem Vorzeichen: Wir wollen,
|
||
dass Kliniken vor allem anderen gemeinwohlorientiert arbeiten und wirtschaften. Wo
|
||
immer möglich, soll das Land die Rekommunalisierung von Kliniken unterstützen.
|
||
Wir wollen einen Runden Tisch Krankenhausversorgung einberufen. Hier sollen alle
|
||
Akteur*innen, also Träger, Kostenträger, Patientenvertreter*innen, Pflegevertreter*innen,
|
||
Landkreise, Vertreter*innen der Zivilgesellschaft und politisch Verantwortliche die
|
||
aktuelle Situation der Kliniken in Sachsen-Anhalt evaluieren. Dabei sollen sie Bedarfe
|
||
festlegen, Sofortmaßnahmen vorschlagen und am Ende einen verbindlichen
|
||
Krankenhausstrukturplan vorlegen.
|
||
Bereiche
|
||
wie
|
||
allgemeine
|
||
internistische
|
||
Behandlung,
|
||
allgemeine
|
||
Pädiatrie,
|
||
Notfallversorgung und Geburtshilfe gelten für uns als Basisversorgung, und daher als
|
||
notwendig. Sie sollen für alle schnell erreichbar sein. Dabei wird nicht mehr jedes
|
||
Klinikum als Vollversorger fungieren können. Gerade der Abbau lukrativer
|
||
Spezialabteilungen wird jedoch den Betrieb von Krankenhäusern unrentabel machen. Es
|
||
ist unsere Aufgabe, dort trotzdem die Versorgung zu sichern. Wir schlagen vor, dafür neue
|
||
Wege zu gehen und in Verhandlung mit den Kostenträgern und, wo nötig, als
|
||
Modellprojekte, neue Versorgungsformen zu erproben und zu installieren.
|
||
Sektorübergreifende Kooperation zwischen ambulanten und stationären Angeboten kann
|
||
einerseits in kleinen stationären Abteilungen ärztliches Fachpersonal sichern,
|
||
andererseits
|
||
dem
|
||
ambulanten
|
||
Fachärzt*innenmangel
|
||
sinnvoll
|
||
entgegenwirken.
|
||
Kooperation mit Pflegeeinrichtungen kann in Verbindung mit angestellten Ärzt*innen
|
||
gerade in der Basisversorgung sinnvoll sein.
|
||
Portalkliniken können die Erst- und Notversorgung in der Fläche sichern. In Kooperation
|
||
zum Beispiel mit Pflegeeinrichtungen und deren Kurzzeitliegeplätzen können in
|
||
einfachen Fällen Verlegungen in größere Häuser sogar unnötig werden. Portalkliniken
|
||
können aber nur ihr Potential ausspielen, wenn die Kooperation zwischen den
|
||
Krankenhäusern ausgebaut und die Digitalisierung vorangetrieben wird.
|
||
Die Finanzierung der kommunalen Krankenhäuser muss aus dem Finanzausgleichgesetz
|
||
(FAG) geholt und transparent dargestellt werden.
|
||
Das Fallpauschalensystem (DRG – Diagnosis Related Groups beziehungsweise
|
||
Diagnosebezogene
|
||
Fallgruppen)
|
||
finanziert
|
||
die
|
||
notwendige
|
||
Grundversorgung
|
||
unzureichend und bildet Fehlanreize für teure apparative Medizin. Auf Bundesebene muss
|
||
deswegen die Finanzierung von Klinikleistungen neu geregelt werden. In einem ersten
|
||
Schritt setzen wir uns für eine Finanzierung der besonders betroffenen Kinderkliniken
|
||
abseits des DRG-Systems ein.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Landeszentrum für angewandte Telemedizin und -pflege gründen
|
||
Die Digitalisierung im Gesundheitsbereich bietet viele Chancen für eine bessere
|
||
Verzahnung der Leistungen, für kollegialen Austausch und bessere Erreichbarkeit für die
|
||
Patient*innen. Wir wollen ein Landeszentrum für angewandte Telemedizin und -pflege
|
||
gründen. Es soll unter Einbeziehung der Leistungserbringer*innen und der
|
||
Kostenträger*innen Aktivitäten bündeln, Modellprojekte anstoßen und begleiten und
|
||
entsprechende technische Kompetenzen aufbauen. Außerdem soll es die Akteur*innen
|
||
beraten. Beim Aufbau dieses Zentrums ist an bestehende Prozesse im Land anzuknüpfen.
|
||
Mit der besten Pflegeausbildung Fachkräftemangel verhindern
|
||
Ärztliche Leistungen sollen vermehrt auf medizinisches Pflegefachpersonal übertragen
|
||
werden. Insbesondere in Pflegeheimen können mit dieser Erweiterung die
|
||
Versorgungsqualität der Bewohner*innen verbessert und Einweisungen in Krankenhäuser
|
||
minimiert werden. Die neue generalistische Pflegeausbildung schafft einen guten
|
||
Rahmen dafür. Dieser neue Ausbildungsweg bietet auch die Chance, die praktische
|
||
Ausbildung in der Pflege zu verbessern. Dafür wollen wir den Einsatz von
|
||
Praxisanleiter*innen zusätzlich fördern. Die pflegerische Aus- und Weiterbildung im Land
|
||
soll sich an europäischen Standards orientieren. Insbesondere die Akademisierung
|
||
schreitet deutlich zu langsam voran. Unser Ziel ist es, dass etwa 30 Prozent der
|
||
Pflegekräfte über einen akademischen Abschluss verfügen, um die evidenzbasierte Pflege
|
||
im Land zu sichern. Wir wollen, dass Pflegestudiengänge an den Hochschulen des Landes
|
||
und die Qualifizierung von Pflegepädagog*innen in Sachsen-Anhalt gefördert und
|
||
ausgebaut werden. Wir setzen uns für Stipendien- und Promotionsprogramme ein, um
|
||
den pflegewissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern.
|
||
Kultursensible Pflege und interkulturelle Kompetenz sind Teil der Curricula der
|
||
Pflegeausbildungsgänge. Wir wollen, dass auch die Fort- und Weiterbildung für
|
||
Pflegekräfte in diesem Bereich gestärkt wird.
|
||
Alle Pflege- und Heilberufe kämpfen mit einem dramatischen Fachkräftemangel. Wir
|
||
wollen, dass Sachsen-Anhalt dem effektiv entgegentritt. Dazu gehört neben
|
||
Öffentlichkeitarbeit, dass in Sachsen-Anhalt alle Pflege-, Heil- und Therapieberufe
|
||
schulgeldfrei erlernt werden sollen.
|
||
Landespflegekammer, wenn gewünscht
|
||
Wir stoßen als Land immer wieder an Grenzen, wenn es um die Verbesserung der
|
||
Situation von Pflegekräften geht. Das liegt auch daran, dass es keine gemeinsame und
|
||
legitimierte Vertretung der Pflege in Sachsen-Anhalt gibt. Wir wollen Pflegekräfte in ihrer
|
||
Selbstverwaltung und -vertretung stärken. Fachliche Belange wie die Entwicklung und
|
||
Kontrolle für Standards der Aus- und Fortbildung, Berufsgerichtsbarkeit und Anerkennung
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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von ausländischen Abschlüssen wollen wir ihnen selbst in die Hand geben. Wir sprechen
|
||
uns daher für eine Landespflegekammer aus, so diese von den Betroffenen gewollt ist.
|
||
Wir wollen eine vom Land geförderte Kampagne, die eine verbindliche Meinungsbildung
|
||
der Pflegekräfte zur Einrichtung einer Landespflegekammer vorbereiten soll. Findet die
|
||
Umfrage eine Mehrheit, soll in Sachsen-Anhalt eine Pflegekammer errichtet werden.
|
||
Die Notfallversorgung stärken
|
||
Die Corona-Pandemie sowie Großereignisse zeigen, dass wir im Land eine gute
|
||
Rettungskette benötigen, beginnend bei den Leitstellen bis hin zur ambulanten und
|
||
stationären Versorgung. Unser Ziel ist eine effiziente, qualitativ hochwertige und digital
|
||
vernetzte Notfallversorgung in Sachsen-Anhalt.
|
||
Am Anfang des Versorgungsprozesses der Notfallpatient*innen steht meist der Anruf in
|
||
der Leitstelle. Sachsen-Anhalt verfügt mit 13 Leitstellen über ein sehr dichtes Netz, das
|
||
wir optimieren wollen. Erfahrungen aus anderen Bundesländern mit deutlich weniger
|
||
Leitstellen bei gleicher bis höherer Einwohner*innenzahl zeigen, dass eine Konzentration
|
||
der Leitstellen zu einer Qualitätssteigerung und zu einer besseren Dispositionsleistung
|
||
führen kann. Die Polizei verfügt im Vergleich nur über vier Lage- und Führungszentren
|
||
im Land. Für eine effektive und koordinierte Notfallrettung brauchen wir einheitliche
|
||
Technik und Software, eine einheitliche Qualifikation des Leitstellenpersonals und eine
|
||
verbesserte Kommunikation unter den Leitstellen.
|
||
Darüber hinaus wollen wir eine einheitliche digitale Kommunikationssoftware für die
|
||
Notfallversorgung
|
||
im
|
||
Land.
|
||
Rettungspersonal
|
||
und
|
||
Krankenhäuser
|
||
mit
|
||
einer
|
||
Notfallambulanz müssen besser miteinander kommunizieren. Denn nur so können
|
||
Rettungswagen die Notfallpatient*innen in das nächstgelegene und geeignete
|
||
Krankenhaus mit freien Kapazitäten liefern.
|
||
Durch eine faire Lohngestaltung wollen wir den wachsenden Anforderungen begegnen
|
||
und die Attraktivität der Berufe erhöhen. Angestellte und freiwillige Retter*innen wollen
|
||
wir besser vor den Folgen der Einsatzrisiken schützen und ihre Arbeitskraft höher
|
||
versichern. Die Notfallseelsorgeteams wollen wir als wichtiges Instrument auch zur
|
||
seelischen Entlastung von Retter*innen fördern.
|
||
Selbstbestimmte Geburt ermöglichen
|
||
Seit alters her bringen uns Hebammen auf die Welt. Doch der Berufsstand kämpft in
|
||
Deutschland seit langem um seine Existenz. Wir setzen uns für eine bessere Entlohnung
|
||
von Hebammen ein.
|
||
Wir wollen die Wahlfreiheit der Frauen bewahren. Ob ein Kind zu Hause, im Geburtshaus
|
||
oder im Krankenhaus zur Welt kommt, sollen die Eltern frei entscheiden können. Das
|
||
Modellprojekt „hebammengeleiteter Kreißsaal“ in Halle ist ein Erfolg. Wir wollen es
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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dauerhaft fördern, neue Kreißsäle dieser Art schaffen und diese Leistungsform in den
|
||
Krankenhausplan des Landes aufnehmen. Damit stärken wir eine gesunde und
|
||
selbstbestimmte Geburt und die Geburtshilfe auch in der Fläche. Dazu eröffnet es neue
|
||
Karrierewege für Hebammen und sie werden auf Augenhöhe mit der Ärzt*innenschaft
|
||
gehoben.
|
||
Die Betreuung in der Schwangerschaft und im Wochenbett durch freiberufliche oder beim
|
||
Gesundheitsamt angestellte Hebammen wollen wir flächendeckend sicherstellen. Dafür
|
||
wollen wir den Hebammenfonds ausbauen und damit insbesondere den Berufs(wieder-
|
||
)einstieg freiberuflicher Hebammen unterstützen.
|
||
Das
|
||
nationale
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Gesundheitsziel
|
||
"Gesundheit
|
||
rund
|
||
um
|
||
die
|
||
Geburt"
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||
soll
|
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als
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||
Landesgesundheitsziel in Sachsen-Anhalt verankert werden.
|
||
Wir setzen uns auf Bundesebene für faire Haftpflichtregelungen für Hebammen ein.
|
||
Die Akademisierung der Hebammenausbildung ist ein guter Schritt den Beruf wieder
|
||
attraktiver zu machen und für die Anerkennung der Berufsabschlüsse im europäischen
|
||
Vergleich. Nötig ist nun die Erhöhung der Studienplatzzahlen in Sachsen-Anhalt, um
|
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einem Fachkräftemangel in der Geburtshilfe vorzubeugen. Wir setzen uns außerdem für
|
||
eine
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berufsrechtliche
|
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Gleichstellung
|
||
von
|
||
Hebammen
|
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mit
|
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altrechtlichen
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Berufsabschlüssen ein.
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Förderung der Schwangerschaftskonfliktberatungen reformieren
|
||
Schwangerschaftskonfliktberatung zeigt manchmal Wege für die Schwangerschaft auf, ist
|
||
aber auch die Voraussetzung, sich gegen ein Kind zu entscheiden. Die Vielfalt der
|
||
Schwangerschaftsberatungen ist in Sachsen-Anhalt gefährdet. Schwangere müssen
|
||
mitunter lange Fahrtwege auf sich nehmen, um dorthin zu kommen. Wir wollen die
|
||
Förderung der Schwangerschaftskonfliktberatungen reformieren. Bisher ist sie in
|
||
Sachsen-Anhalt an die Einwohner*innenzahl gekoppelt. Pro 40 000 Einwohner*innen
|
||
wird ein Vollzeitäquivalent im Land gewährt. Wir wollen, dass diese Berechnungsgröße
|
||
fallen gelassen wird. Stattdessen sollten strukturelle Gesichtspunkte berücksichtigt
|
||
werden. Außerdem sind die Beratungen zumeist bei freien Trägern angegliedert. Die
|
||
Beratungsstellen werden zu 80 Prozent vom Land finanziert. Die restlichen 20 Prozent
|
||
muss der Träger selbst aufbringen. Immer weniger Träger können sich diesen Anteil
|
||
leisten. Wir wollen, dass das Land die Beratungen voll ausfinanziert, um diese dauerhaft
|
||
zu sichern.
|
||
„Werbeverbot“ für Schwangerschaftsabbrüche abschaffen
|
||
Die Möglichkeit zu Schwangerschaftsabbrüchen in Sachsen-Anhalt reduziert sich
|
||
zunehmend. Immer weniger Ärzt*innen bieten Abtreibungen an. Einige Methoden können
|
||
bereits jetzt nicht mehr hierzulande vorgenommen werden. Es ist außerdem wegen des
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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„Werbeverbots“ für die Betroffenen schwierig herauszubekommen, in welchen Praxen und
|
||
Kliniken Schwangerschaftsabbrüche möglich sind. Wir setzen uns für die Abschaffung des
|
||
„Werbeverbots“, also des Paragrafen 219a im Strafgesetzbuch, ein. Wir wollen außerdem
|
||
Möglichkeiten schaffen, damit Patient*innen niederschwellig Ärzt*innen finden können,
|
||
die Abbrüche vornehmen. Ärzt*innen sollen ohne Angst vor Sanktionen oder
|
||
gesellschaftlicher Ächtung Abbrüche durchführen können. Darin wollen wir sie bestärken.
|
||
Wir erwarten, dass in der gynäkologischen Ausbildung der Ärzt*innen neben
|
||
Schwangerschaft und Geburt auch Schwangerschaftsabbrüche als wichtiges Thema der
|
||
Gynäkologie behandelt wird und wollen dazu mit den Universitätskliniken in Austausch
|
||
treten.
|
||
Modellprojekt zu kostenloser Verhütung verstetigen
|
||
Verhütung darf kein Luxus sein. Wir wollen, dass junge Frauen ohne oder mit geringem
|
||
Einkommen kostenlosen Zugang zu Verhütungsmitteln bekommen. Dafür soll das
|
||
Modellprojekt von pro familia in Halle (Saale) verstetigt und landesweit angeboten
|
||
werden. Auch Menstruationsprodukte sind kein Luxusgut. Die Initiative der Hochschule
|
||
Merseburg, entsprechende Hygieneartikel kostenfrei zur Verfügung zu stellen, begrüßen
|
||
wir und sehen sie als Vorbild für alle öffentlichen Einrichtungen des Landes.
|
||
Frauengesundheit in den Blick nehmen
|
||
Frauen haben spezifische Belange bei ihrer Gesundheit, nicht nur bei Verhütung,
|
||
Schwangerschaft und Geburt. Wir wollen, dass diese systematisch in der Berichterstattung
|
||
des Landes zur Gesundheit integriert werden. Die Datenerhebungen und Auswertungen
|
||
müssen alle Geschlechter betrachten.
|
||
Psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung verbessern
|
||
Die Zahl behandlungsbedürftiger psychischer Störungen und Erkrankungen nimmt auch
|
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in Sachsen-Anhalt stetig zu. Die Versorgungsstrukturen müssen deswegen regelmäßig
|
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ausgebaut
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werden.
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Die
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Anzahl
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tagesklinischer
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psychiatrischer
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Betten
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im
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Krankenhausplan ist immer noch nicht ausreichend. Wir wollen Modellprojekte im
|
||
Bereich der aufsuchenden Behandlung psychisch Kranker (Home-Treatment) initiieren
|
||
und fördern. Im Bereich der fachärztlichen und psychotherapeutischen Betreuung wollen
|
||
wir eine Bedarfsplanung, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert. Dabei soll künftig
|
||
auch der Bereich der therapeutischen Begleitung von trans*, inter und nichtbinären
|
||
Personen in den Blick genommen werden und das Angebot an qualifizierten
|
||
Therapieplätzen erweitert werden, die sich an die Selbstbestimmung dieser
|
||
Personengruppe orientieren, bspw. durch die Förderung von Spezialisierungen für
|
||
Psychotherapeut*innen.
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Beschränkungen, die zu langen Wartezeiten führen, wollen wir abbauen und setzen uns
|
||
für flexible Bedarfspläne ein.
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||
Die Novellierung des Psychisch-Kranken-Gesetzes (PsychKG) hat in dieser Legislatur
|
||
zentrale strukturelle Verbesserungen vorgenommen. Jetzt wird es die Aufgabe sein, diese
|
||
neuen Strukturen landesweit zu befördern.
|
||
Suchtberatungen ausbauen
|
||
Wer abhängig ist, braucht Hilfe und keine Strafverfolgung. Ein niedrigschwelliges
|
||
Angebot von Suchtberatung und Hilfestellen hat sich vielerorts bewährt. Dies soll
|
||
erhalten bleiben und für die Auseinandersetzung auch mit neuen Formen der Sucht
|
||
ausgebaut
|
||
werden.
|
||
Ausreichend
|
||
stationäre,
|
||
teilstationäre
|
||
und
|
||
ambulante
|
||
Therapiemöglichkeiten müssen geschaffen und deren Vernetzung verbessert werden.
|
||
Insbesondere suchtbelastete Familien sind in den Blick zu nehmen und es braucht ein
|
||
regelhaftes Beratungsangebot für betroffene Kinder und Jugendliche.
|
||
Wir werden die Aufklärung über Süchte und gefährliche Substanzen im Schul- und
|
||
Jugendbereich vorantreiben. Kinder und Jugendliche stark zu machen ist die beste
|
||
Drogenprävention. Wir setzen uns über den Bundesrat für ein Werbeverbot für
|
||
Suchtmittel aller Art ein.
|
||
Hilfe für Süchtige ist auch praktisch notwendig. Seit Jahren ist vor allem bei Drogen
|
||
gebrauchenden Menschen ein besorgniserregender Anstieg mit HIV-Infektionen zu
|
||
beobachten. Wir wollen Drogenkonsum von der Straße holen. In einem Modellprojekt
|
||
wollen wir neben der Betreuung von drogengebrauchenden Menschen durch
|
||
Sozialarbeiter*innen auch die Errichtung eines Drogenkonsumraumes erproben. Durch
|
||
die Schaffung eines hygienischen Umfeldes können medizinische Folgeschäden des
|
||
Drogenkonsums und Todesfälle drastisch reduziert werden. Für die dauerhafte
|
||
Einrichtung dieser Hilfe bedarf es einer Gesetzesänderung.
|
||
Nichtraucher*innenschutz erweitern
|
||
Der Nichtraucher*innenschutz ist in Sachsen-Anhalt ausbaufähig. Wir fordern, ihn in allen
|
||
Bereichen zu erweitern, wo besonders schutzbedürftige Personen wie Kinder oder
|
||
Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen sich im öffentlichen Raum aufhalten,
|
||
also zum Beispiel an Haltestellen von Bus und Bahn. Das Raucher*innenzimmer im
|
||
Landtag ist ein deutlich falsches Zeichen und gehört abgeschafft. Stattdessen sollte ein
|
||
Kinderspielzimmer eingerichtet werden.
|
||
Wir
|
||
unterstützen
|
||
nachdrücklich
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||
das
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||
Konzept
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"Sachsen-Anhalt
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||
atmet
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||
auf
|
||
-
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Nichtraucherschutz und Prävention stärken" der Landesstelle für Suchtfragen und setzen
|
||
uns für seine vollumfängliche finanzielle Förderung und rasche Umsetzung ein.
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Cannabiskonsum regulieren
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||
Die repressive Cannabispolitik ist gescheitert. Trotz Verbot und strafrechtlicher
|
||
Verfolgung bleibt die Zahl der Cannabiskonsument*innen hoch. Ein Schwarzmarkt ist
|
||
entstanden, der sich weder um Jugend- noch um Gesundheitsschutz schert. Wir wollen
|
||
durch ein Cannabiskontrollgesetz den privaten Besitz und Konsum von Cannabis
|
||
regulieren und damit dem Schwarzmarkt entziehen. Cannabis soll in Cannabisshops ab
|
||
18 Jahren unter strengen Auflagen bei geschultem Personal käuflich erhältlich sein. So
|
||
schützen wir Jugend und Gesundheit. Die medizinische Anwendung von Cannabis soll
|
||
erleichtert und ausgeweitet werden.
|
||
Gesundheitskarte für alle
|
||
Gesundheitsversorgung ist Menschenrecht. Die oftmals unterstellte Annahme, dass alle
|
||
Menschen in Deutschland krankenversichert sind, trifft nicht zu. Aus vielen Gründen fallen
|
||
Menschen durch das Raster. Wir wollen ein Beratungs- und Unterstützungssystem für alle
|
||
Menschen, damit akute Versorgung gesichert wird und der Eintritt in das
|
||
Krankenversicherungssystem gelingt.
|
||
|
||
Wirksamkeitsprüfung für Komplementär - und Alternativmedizin
|
||
|
||
Es darf kein Ziel sein, dass mit der Gesundheit der Menschen ausschließlich Geld verdient
|
||
wird. Nur Heilverfahren und -methoden, deren Wirksamkeit in Studien bewiesen wurden,
|
||
sollten von der Solidargemeinschaft übernommen werden.
|
||
Gleichzeitig fordern wir auch im Bundesrat eine verpflichtende und staatlich geprüfte
|
||
Ausbildung für Heilpraktiker*innen.
|
||
|
||
X Kultur
|
||
Kultur ist ein hohes Gut von Verfassungsrang, Teilhabe daran ein Menschenrecht. Um das
|
||
zu bewahren und neu zu bereichern, bedarf es der Aktivitäten öffentlicher Institutionen
|
||
genauso wie des privaten Engagements. Unsere Kulturpolitik präsentiert sich zentral und
|
||
dezentral, partizipatorisch und transparent. Wir stehen für eine Vielfalt von Kultur. Um
|
||
sie zu stärken, empfehlen wir eine Kulturförderung, die sich auf Innovation, Teilhabe und
|
||
Qualität konzentriert. Kultur ist für uns eine staatliche Pflichtaufgabe. Doch muss Kultur
|
||
keinen Zweck erfüllen. Die Kunst ist frei.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
Kultur finanziell absichern
|
||
Eine wertorientierte Kulturpolitik unterstützt uns bei der Bewältigung der vielen großen
|
||
Herausforderungen unserer Zeit. Sie führt zu einer Stärkung unseres demokratischen
|
||
Zusammenlebens. Der Kulturetat des Landes Sachsen-Anhalt beträgt seit 2017
|
||
mindestens ein Prozent des Landeshaushaltes. Diese Regelung muss beibehalten werden,
|
||
um die Kultur und Kunst auskömmlich finanzieren zu können. Es braucht außerdem eine
|
||
grundlegende Reform der Förderrichtlinien sowie eine Überprüfung der institutionell
|
||
geförderten Institutionen. Künftig wollen wir für landesweit bedeutsame Kunst- und
|
||
Kultureinrichtungen eine fünfjährige strukturelle Förderung gewährleisten. Dies schafft
|
||
Planungssicherheit bei den Akteur*innen und fördert die Qualität der Arbeit.
|
||
Künstler*innen unterstützen und fördern
|
||
Neben der Projektförderung ist die Stipendiatenförderung ein wirkungsvolles Instrument
|
||
Künstler*innen im Land zu fördern und zu unterstützen. Die Heimatstipendien der
|
||
Kunststiftung Sachsen-Anhalt sind weit über das Land hinaus bekannt und eine
|
||
Erfolgsgeschichte. Dieses Programm, wollen wir verstetigen und stärken. Wir setzen uns
|
||
dafür ein, dass dafür die Struktur der Kunststiftung Sachsen-Anhalt ausgebaut und die
|
||
finanzielle Ausstattung verbessert wird.
|
||
Landesweite Beratungs- und Serviceagentur für Kultur
|
||
Kreative Ideen für kulturelle Projekte scheitern oft an Geld, an Rahmenbedingungen oder
|
||
bürokratischen beziehungsweise verwaltungstechnischen Hürden. Dabei gibt es
|
||
zahlreiche Möglichkeiten der Förderung. Aber oft sind diese unbekannt oder Anträge sind
|
||
unübersichtlich und schwer zu verstehen. Insbesondere in kulturellen Bereichen finden
|
||
viele Projekte ehrenamtlich statt, und somit auch die Anfragen auf Förderungen. Wir
|
||
wollen eine landesweite Beratungs- und Servicestelle für kulturelle Projekte schaffen, um
|
||
Ehrenamtlichen Hilfestellung bei der Beantragung von Fördergeldern zu geben. Damit
|
||
kann auch mehr Geld vom Bund, Stiftungen und EU-Fonds abgerufen werden.
|
||
Kulturelle Vielfalt ermöglichen
|
||
Die Kulturpolitik des Landes beruht auf zwei Säulen. Sie setzt zum einen Akzente und
|
||
fördert Projekte mit Relevanz für ganz Sachsen-Anhalt und zum anderen unterstützt sie
|
||
kommunale Kulturpolitik. Die kulturelle Infrastruktur ist für uns integraler Bestandteil des
|
||
kommunalen Lebens und keine freiwillige Aufgabe.
|
||
Kultur und Kunst müssen angemessen bezahlt werden. Deswegen haben wir
|
||
beispielsweise in der abgelaufenen Legislatur die Bezahlung in institutionell geförderten
|
||
Einrichtungen nach Tarif schrittweise wieder eingeführt. Dazu gehört ebenfalls, dass
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Freischaffende für ihre Leistungen angemessen honoriert werden. Wir wollen eine
|
||
Ausstellungsvergütung für Künstler*innen in allen vom Land geförderten Einrichtungen
|
||
durchsetzen. Um Künstler*innen Raum zur künstlerischen Entfaltung zu ermöglichen,
|
||
setzen wir uns für die Schaffung von Künstler*innenresidenzen im Sachsen-Anhalt ein.
|
||
Bei der Novellierung des Vergabegesetzes sind die Interessen und Bedarfe der Kultur-
|
||
und Kreativwirtschaft zu berücksichtigen. Auf Bundesebene wollen wir uns dafür
|
||
einsetzen, dass die Zugangskriterien für den Beitritt zur Künstler*innensozialkasse so
|
||
erweitert werden, dass weitere Berufsgruppen Mitglied werden können.
|
||
Kulturelle Angebote fußen oft auf der engagierten Arbeit Ehrenamtlicher in Vereinen und
|
||
Förderkreisen. Wir setzen uns dafür ein, dass das bürgerschaftliche Engagement mehr
|
||
Anerkennung und Unterstützung erhält. Auch selbst organisierte Initiativen junger
|
||
Kreativer wollen wir unterstützen.
|
||
Unsere Kulturpolitik unterstützt Angebote und Teilhabe für Angehörige aller
|
||
Altersgruppen und Lebenswelten. Kinder und Jugendliche brauchen einen frühen und
|
||
spielerischen Zugang zu allen Bereichen der Kultur im urbanen wie auch in den
|
||
ländlichen Räumen.
|
||
Zeitgenössische Kunst und Nachhaltigkeit
|
||
Künstler*innen schaffen es immer wieder, das Verhältnis von Mensch und Natur in
|
||
unterschiedlichen Zusammenhängen neu zu interpretieren und Alternativen auszuloten.
|
||
Ziel soll sein, auf öffentlichen Plattformen auf die jeweils aktuell brennenden Fragen
|
||
unserer Zeit künstlerische Antworten zu suchen um Produzenten und Verbraucher noch
|
||
stärker in die gemeinsame Reflexion und Verantwortung einzubeziehen. Dafür wollen wir
|
||
zielgenaue Förderprogramme und kulturpolitische Initiativen auf den Weg bringen.
|
||
Förderprogramm für soziokulturelle Zentren
|
||
Soziokulturelle Zentren brauchen eine verlässliche Förderung. In dieser Legislatur
|
||
konnten wir die Fördergelder für die Soziokultur erhöhen. Dennoch ist Soziokultur in
|
||
Sachsen-Anhalt immer noch schlechter ausgestattet als in anderen Bundesländern.
|
||
Deshalb wollen wir ein Programm zur Förderung von Kleinkunst- und Soziokultur mit
|
||
mindestens 500.000 Euro pro Jahr. Wir wollen in der nächsten Legislatur zudem die
|
||
Förderung der Off-Kultur und der kleinen, oft ehrenamtlich getragenen Initiativen
|
||
verbessern. Dazu zählen zum Beispiel die Aktion Musik e. V. oder das Netzwerk fête de la
|
||
musique.
|
||
Das Land sollte mit den Kommunen nichtkommerzielle Begegnungsstätten, wie
|
||
beispielsweise Vereins- und Projekthäuser oder Jugendclubs, unterstützen, indem
|
||
Räumlichkeiten bereitgestellt werden.
|
||
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Digitale Übertragung von kulturellen Ereignissen unterstützen
|
||
Durch die Corona-Pandemie haben viele Kulturorte mit den Möglichkeiten des
|
||
Streamings von Konzerten, Theaterstücken und anderen kulturellen Ereignissen
|
||
experimentiert. Wir wollen ein Landesprogramm ins Leben rufen, damit Kulturorte diese
|
||
technischen Möglichkeiten professioneller nutzen können. Die angebotenen digitalen
|
||
Veranstaltungen sollen dann gebündelt im Netz zu finden sein. Perspektivisch kann sich
|
||
daraus ein weiterer Vertriebskanal entwickeln, der auch gekoppelt ist an ein Entgelt-
|
||
System für die Nutzung, damit die Urheber*innen angemessen bezahlt werden können.
|
||
Mehr Plätze in Musikschulen anbieten
|
||
Musikschulen ermöglichen, dass jede*r unabhängig vom Geldbeutel ein Instrument oder
|
||
Singtechniken erlernen kann. Wir wollen daher mehr Plätze in Musikschulen in Sachsen-
|
||
Anhalt anbieten. Deshalb braucht es eine verlässliche Finanzierung der Musikschulen. Ein
|
||
Drittel der Fördergelder soll das Land Sachsen-Anhalt übernehmen und ein Drittel die
|
||
Kommunen. Das letzte Drittel finanzieren die Musikschulen über die Beiträge der
|
||
Schüler*innen. Wir streben an, dass Lehrende an Musikschulen fest angestellt werden.
|
||
Theater- und Orchesterlandschaft erhalten
|
||
In Sachsen-Anhalt wollen wir die bestehende Theater- und Orchesterlandschaft erhalten
|
||
und die freie Szene besser unterstützen. Theaterpädagogische Angebote wollen wir
|
||
verstetigen und alle jungen Menschen aus allen sozialen Schichten gleichermaßen
|
||
erreichen.
|
||
Filmland Sachsen-Anhalt voranbringen
|
||
Sachsen-Anhalt hat sich zu einem attraktiven Standort für Dreharbeiten und die
|
||
Postproduktion entwickelt. Viele Filmproduktionen, die von der Mitteldeutschen
|
||
Medienförderung (MDM) unterstützt wurden, haben nationale und internationale
|
||
Anerkennung gefunden. Diesen Weg wollen wir konsequent weitergehen und die
|
||
internationalen Kooperationen ausbauen. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten
|
||
Filmfestivals. Wir wollen diese Förderung aufrechterhalten. Auch in der Filmförderung
|
||
bestehen wir auf Gender-Budgeting. Vor allem Frauen wollen wir damit als
|
||
Filmschaffende unterstützen.
|
||
Bibliotheksgesetz erneuern
|
||
In Sachsen-Anhalt gibt es derzeit 183 öffentliche Bibliotheken. Ihren Rahmen setzt das
|
||
Bibliotheksgesetz. Die letzte umfassende Erneuerung des Gesetzes war 2010, die
|
||
Arbeitsbedingungen von Bibliotheken haben sich – besonders durch die fortschreitende
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Digitalisierung – seitdem massiv verändert. Daher muss das Bibliotheksgesetz dringend
|
||
novelliert werden. Eine Landesfachstelle muss darin verankert werden. Ihre Aufgabe ist
|
||
es, Konzepte und Programme zu entwickeln, damit die Bibliotheken zukunftsfest werden.
|
||
Außerdem sollen Standards für die Qualität festgeschrieben werden. Wir wollen, dass bis
|
||
2025 alle Bibliotheken in Sachsen-Anhalt E-Books, E-Audios und E-Papers über das Portal
|
||
"on-leihe" anbieten können. Wir wollen die Bibliotheken bei der Digitalisierung historisch
|
||
wertvoller Altbestände unterstützen.
|
||
Museen kostenlos für Kinder und Jugendliche
|
||
Wir wollen, dass Kinder und Jugendliche so früh wie möglich an Museen und ihre
|
||
unzähligen Schätze herangeführt werden. Der Eintritt in Museen der öffentlichen Hand in
|
||
Sachsen-Anhalt sollte daher für Jugendliche bis 15 Jahre und Menschen, die
|
||
Freiwilligendienst leisten, kostenlos werden. Wir unterstützen Museen dabei,
|
||
grundsätzlich stärker und zielgruppenorientierter auf ihr Publikum zuzugehen,
|
||
kommunikative Formate anzubieten, gesellschaftlich relevante Diskurse aufzunehmen
|
||
und dabei auch niedrigschwellige Angebote zu berücksichtigen. Auch digitale Strategien
|
||
für moderne Museumskommunikation sollen dabei eine große Rolle spielen.
|
||
Neues Konzept für Museen
|
||
Eine Strategie zur mittelfristigen Entwicklung der Museumslandschaft ist dringend
|
||
notwendig. Als Ziel im aktuellen Koalitionsvertrag formuliert, ist es bisher leider nicht
|
||
realisiert worden.
|
||
Die bisherige Konzeption der Landesausstellungen hat sich überholt. Anstatt singuläre
|
||
Ausstellungen mit speziellem Fokus besonders zu fördern, sollten thematische
|
||
Schwerpunkte gesetzt werden, die landesweit ausstrahlen und damit die Landesidentität
|
||
stärken.
|
||
Bibliotheken
|
||
und
|
||
Museen
|
||
zu
|
||
lokalen
|
||
Begegnungsorten
|
||
weiterentwickeln
|
||
Insbesondere in den ländlichen Räumen gehören kleine Museen und Bibliotheken zu
|
||
wichtigen Orten der kulturellen Infrastruktur. Wir wollen ein Programm auflegen, damit
|
||
Kommunen
|
||
diese
|
||
Orte
|
||
zu
|
||
Begegnungsorten
|
||
für
|
||
die
|
||
ganze
|
||
Gemeinschaft
|
||
weiterentwickeln. So könnten dort Schüler*innen ihre Hausaufgaben machen oder auch
|
||
Coworking-Spaces angedockt werden.
|
||
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Industriekultur in den Fokus rücken
|
||
In der nächsten Legislaturperiode wollen wir das Thema Industriekultur endlich angehen
|
||
und dieses Erbe in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Dafür soll auf Landesebene
|
||
eine Konzeption zur musealen Präsentation von Industriekultur ab dem 19. Jahrhundert
|
||
bis zur Gegenwart entwickelt und umgesetzt werden. In diesem Kontext sollen auch
|
||
vorhandene Orte sichtbar gemacht und mit neuem und nicht nur musealem Leben gefüllt
|
||
werden. In einem ersten Schritt sollen die Zeit des Umbruchs nach 1989 und die großen
|
||
wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen beleuchtet werden.
|
||
Erinnerungskultur bewahren
|
||
Wir sehen uns in der politischen Verantwortung, die Orte der Erinnerungskultur in
|
||
Sachsen-Anhalt
|
||
zu
|
||
erhalten
|
||
und
|
||
die
|
||
pädagogische
|
||
Arbeit
|
||
kontinuierlich
|
||
weiterzuentwickeln. In Zeiten, in denen rassistische und nationalistische Tendenzen
|
||
Zulauf erhalten, wollen wir an die Taten der nationalsozialistischen Diktatur und des
|
||
DDR-Unrechtsstaates erinnern. Die Erinnerungsorte nehmen dabei eine wichtige
|
||
Funktion ein.
|
||
UNESCO-Welterbestätten ins Schaufenster stellen
|
||
Für das Lutherjubiläum 2017 und für 100 Jahre Bauhaus 2019 wurden erhebliche Gelder
|
||
in die kulturelle Infrastruktur des Landes investiert. Das war eine richtige Entscheidung.
|
||
Auf diese Weise ist Sachsen-Anhalt auf die kulturtouristische Landkarte gesetzt worden.
|
||
Nun ist es an der Zeit, diese Erfolge langfristig abzusichern und auszubauen. Das Jubiläum
|
||
100 Jahre Bauhaus in Dessau im Jahre 2025 ist vom Land konzeptionell zu begleiten und
|
||
zu unterstützen.
|
||
Wir wollen die bestehenden Angebote besser präsentieren und die Welterbe Card
|
||
ausbauen. Dabei sollen die Menschen vor Ort eingebunden werden. Das Konzept der
|
||
Bauhaus-Agenten
|
||
könnte
|
||
auf
|
||
andere
|
||
UNESCO-Orte
|
||
angewandt
|
||
werden.
|
||
Um
|
||
Aufmerksamkeit über die Landesgrenzen hinaus zu erzielen, braucht es kluge
|
||
Kooperationen mit starken Partner*innen. So wollen wir die Idee einer Kunst-Biennale in
|
||
Wittenberg nochmals prüfen und einen adäquaten Ersatz für die Fernsehsendung
|
||
„zdf@bauhaus“ finden, die von Dessau nach Weimar abgewandert ist.
|
||
Die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz ist dringend weiterzuentwickeln. Alle wertvollen
|
||
Bereiche, die den Unesco-Welterbestatus nur in der Gesamtheit begründen, müssen
|
||
anerkannt und gefördert werden. Dazu zählen explizit neben den Schlössern und Gärten
|
||
auch die landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Flächen. Wir wollen daher einen
|
||
Waldbeirat, um auch diesem Teil der Stiftung Geltung zu verschaffen.
|
||
|
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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||
Clubs, Kneipen und Dorfgaststätten erhalten und wiederbeleben
|
||
Clubs, Kneipen und Dorfgaststätten sind wichtige Begegnungsorte und gehören zur
|
||
Alltagskultur. Dabei kämpfen viele ums Überleben. Zwischen 2006 und 2017 sind ein
|
||
Fünftel der Gaststätten und knapp jede dritte Dorfkneipe geschlossen worden. 2020
|
||
wurde auf unser Betreiben hin ein Programm ins Leben gerufen, um die Übernahme von
|
||
Gaststätten zu fördern, wenn ein*e Nachfolger*in fehlt. Dieses Programm sollte unbedingt
|
||
fortgeführt werden. Wo es keine Möglichkeiten zum Ausgehen gibt, sollten die Menschen
|
||
mit guten Bus- und Bahnanbindungen auch abends und nachts angebunden sein. Für
|
||
Clubs wollen wir einen Fonds für Schallschutz einrichten, damit kein Club wegen eines
|
||
Lautstärkestreits schließen muss.
|
||
|
||
XI Sport
|
||
Sport verbindet
|
||
Der Sport spielt für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt eine zentrale Rolle, denn
|
||
Sport verbindet: Alte und Junge, Menschen verschiedener Herkunft und mit verschiedenen
|
||
Biografien. Im Sport werden die Werte einer offenen und solidarischen Gesellschaft
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gelebt und vermittelt: Fairness, Toleranz, Teamgeist und Verantwortung. Sport hält uns
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fit und fördert unsere Gesundheit. Wir Grüne unterstützen deshalb den Sport im Land aus
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tiefer Überzeugung.
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Wir setzen uns für den Erhalt und die Fortentwicklung der Landes- und
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Bundesleistungsstützpunkte ein. Sie sind Garanten für die Entwicklung von
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herausragenden Athlet*innen in den olympischen und paralympischen Sportarten und
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schaffen Vorbilder vor allem für Kinder und Jugendliche. Spitzen- und Breitensport wollen
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wir weiterhin zusammen denken.
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Sportvereine als starke Partner
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Der Breitensport hat für uns eine herausgehobene Rolle. Vielerorts sind Sportvereine die
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einzigen
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Orte,
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in
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denen
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Menschen
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mit
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unterschiedlichem
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Hintergrund
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zusammenkommen und gemeinsam ihre Mannschaft unterstützen oder zusammen Sport
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treiben. Damit das so bleibt, brauchen die Vereine einen starken Partner in der
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Landespolitik. Die Breitensportförderung in Sachsen-Anhalt muss gerade deshalb in
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finanziell schwierigen Zeiten eine verlässliche Größe sein. Wir wollen sie stabilisieren
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und die Vereine unter anderem bei der Entschädigung der ehrenamtlichen
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Übungsleiter*innen unterstützen. Vereine, die Angebote für Kinder und Jugendliche
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organisieren, haben dabei unsere besondere Aufmerksamkeit. Die Fördermöglichkeiten
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für Senior*innen- und Gesundheitssport wollen wir in der kommenden Legislatur
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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bezüglich eines Ausbaus auf den Prüfstand stellen. Trendsportarten, die noch nicht in
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klassischen Verbandsstrukturen organisiert sind, sollen gleichberechtigt gefördert
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werden können.
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Von Anfang an fit
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Sport und Bewegung sind für Kinder und Jugendliche gesundheitsfördernd und prägend.
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Wir wollen, dass bestehende Bewegungsprojekte im Kindergartenalter fortgeführt und
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gegebenenfalls ausgebaut werden.
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Von Kindergärten bis Hochschulen wollen wir Sportvereine aktiv in das Sportangebot
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einbeziehen – um dort das Bewegungsprogramm zu diversifizieren, Nachwuchs für den
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Breitensport zu gewinnen und den Sportverein als starken Partner zu etablieren.
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Jedes Kind soll im Schulsport sicher schwimmen lernen. Des Weiteren soll der Schulsport
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nicht rein leistungsorientiert sein, sondern Kindern und Jugendlichen Körperbewusstsein
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und gesunde Bewegung vermitteln. Eine Benotung nach reinen Leistungswerten ist zu
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beenden.
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Sportinfrastruktur sichern
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Die Sportstätten in Sachsen-Anhalt sind vielerorts in einem bedenklichen Zustand, viele
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Kommunen können sich aber auf Grund haushälterischer Einschränkungen nicht an das
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Problem wagen. Das müssen wir bei der Ausgestaltung der Kommunalfinanzen
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berücksichtigen.
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Wir Grüne wollen bei der Sportinfrastruktur einen Schwerpunkt auf Klimaschutz und
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Nachhaltigkeit legen und bürokratiearme Förderprogramme für Neubauten und
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Sanierungen verstärkt danach ausrichten. Modellkommunen können dabei eine
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Vorbildfunktion übernehmen.
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Die Richtlinie für den Bau von Kunstrasenplätzen muss angepasst werden. Derzeit werden
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die Untergründe für den Kunstrasen mit Granulat ausgefüllt, das auf Kunststoffen wie
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zum Beispiel Altreifen basiert. Dadurch gelangt Mikroplastik in die Umwelt. Es sollen nur
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Kunstrasenplätze gefördert werden, die aus umweltfreundlichem, nachwachsendem und
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wiederverwertbarem Füll-Material wie Kork-Kokosfasern bestehen.
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Freizeitsport muss für alle Sachsen-Anhalter*innen bezahlbar sein, daher müssen
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Kommunen in der Lage sein, in Sportstätten wie Schwimmbädern sozial verträgliche
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Eintrittsgelder zu nehmen und allen Menschen damit eine Teilhabe zu ermöglichen.
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E-Sport weiter fördern
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E-Sport ist mittlerweile aus der sachsen-anhaltischen Sportlandschaft nicht mehr
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wegzudenken. Laut Landesverfassung ist es auch die Aufgabe des Landes und der
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Landtagswahlprogramm 2021
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt
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Kommunen, Kunst, Kultur und Sport zu schützen und zu fördern. Wir haben Sachsen-
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Anhalt mit einer E-Sport Förderung zum Vorreiter gemacht. Diesen Vorsprung wollen wir
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in den kommenden Haushalten verstetigen und ausbauen. In unserem Fokus steht dabei
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insbesondere die Förderung von E-Sport als nicht kommerziellen Breitensport, da so neue
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Kultur-, Bildungs- und Freizeitangebote entstehen. Wir wollen regionale Strukturen
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stärken und den meist ehrenamtlich Aktiven mehr Wertschätzung entgegenbringen.
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Wir wollen darüber hinaus, dass auch Fördermittel für die Entwicklung von Videospielen
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verstetigt und ausgebaut werden.
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Prävention im Sport
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Der Sport in Sachsen-Anhalt ist vielfältig und erfolgreich, kämpft aber auch mit
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Problemen. Wir unterstützen daher präventive Fanprojekte und Fanbeauftragte, sowie
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Ombudsstellen zur Prävention von sexualisierter Gewalt, angekoppelt an die
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Sportfachverbände. Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung dürfen im Sport ebenso
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wenig wie in anderen Bereichen der Gesellschaft geduldet werden.
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Wir stehen für die Aufarbeitung des systematischen Dopings im DDR-Sport und
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befürworten eine Studie nach dem Vorbild des Landes Mecklenburg-Vorpommern.
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